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"Wenn man am selben Strick zieht, sind kulturelle Unterschiede bereichernd"

Uhr | Aktualisiert

Ubique Innovation hat bei der Entwicklung der neuen SBB-App kräftig mitgeholfen. Die Agentur war für den Touch-Fahrplan und den iOS-Client verantwortlich. Wie verlief die Zusammenarbeit? Gab es Stolpersteine? Die beiden Gründer Mathias Wellig (CEO) und Fabian Aggeler (CTO) standen der Redaktion Rede und Antwort.

Herzliche Gratulation zum Gewinn des Master of Swiss Apps. Was bedeutet der Award für Ubique?

Mathias Wellig: Den Master of Swiss Apps zu gewinnen ist für uns als Unternehmen mit dem Fokus App-Entwicklung ein Riesenerfolg. Es ist die Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir sind überglücklich und stolz auf diese Auszeichnung.

Wie konnten Sie die SBB überzeugen, gerade Sie zu wählen?

Wellig: Der sehr erfolgreiche Launch von Viadi war ein idealer Showcase für unsere Dienstleistung. Wir stellten damit auf exemplarische Art und Weise unsere Innovationskraft und unsere Branchenkenntnis unter Beweis. Ein weiterer Punkt war die hohe Anforderung an die Zeit: Die erste Version der Preview-App konnten wir in weniger als drei Monaten liefern. Zudem dürfte unser Portfolio mit teils sehr umfangreichen App-Projekten wie der Meteoschweiz-App seinen Teil dazu beigetragen haben, um zu überzeugen, dass wir das grosse Projekt stemmen können.

Wie verlief die Zusammenarbeit mit den SBB?

Fabian Aggeler: Der grösste Teil unserer Zusammenarbeit geschah mit dem «vNext»-Team der SBB-IT und dem Digital Business. In diesem Rahmen stiessen wir immer auf offene Ohren, wenn es um Probleme oder Verbesserungsvorschläge ging. Es herrschte eine ehrgeizige, aber sehr zielorientierte Stimmung. Das passt gut zu uns. Und es wurde von uns auch entsprechend geschätzt.

Wie teilten sich die SBB und Ubique die Arbeit auf? Wer machte was?

Wellig: Die Zuständigkeiten waren grundsätzlich klar geregelt, ausser für den Touch-Fahrplan waren wir auch für die Entwicklung des iOS-Clients zuständig. Da wir aber sehr eng mit den SBB zusammenarbeiteten, wurden insbesondere bei den kreativen Aufgaben, wie der Entwicklung neuer Funktionen und der detaillierten Ausgestaltung der User Experience, die Grenzen bewusst offener gehalten. So gestalteten wir zusammen mit den SBB als gemeinsames Team weite Teile der App und nutzten Synergien auf beiden Seiten. Viele unserer Inputs sind in der Android-App wiederzufinden, und ebenso viele Inputs des SBB-Teams sind in die iOS-App geflossen.

Ist die SBB-App die grösste, die Ubique je entwickelt hat?

Aggeler: Ja und nein – gemessen an Code-Zeilen ist SBB Mobile unsere grösste App. Viel Grösseres kann man in der Schweiz auch nicht finden. Gemessen an der Projektgrösse haben wir aber zum Beispiel mit der Entwicklung der Meteoschweiz-App schon grössere Projekte umgesetzt. Hier entwickelten und betreiben wir neben der iOS-App auch Clients für Android und Windows sowie die Backendsysteme, die die App beliefern.

Wie gelang es Ihnen als relativ kleine Agentur, den Aufwand der App-Entwicklung zu stemmen?

Aggeler: Es ist gerade unsere Grösse, die uns ermöglicht, grössere Projekte in kurzer Zeit zu realisieren – flache Hierarchien, schnelle Reaktionszeiten und ein Team, das auf allen Ebenen mitdenkt. Ein weiterer wichtiger Punkt ist unsere Spezialisierung auf die Entwicklung von Mobile-Apps und deren Backendsysteme. Wir beschäftigen uns seit bald zehn Jahren mit den modernen Mobile-Plattformen und haben inzwischen eine Reife in der Entwicklung erreicht, die uns sehr schnell macht. Der wichtigste Faktor ist aber eindeutig unser hochmotiviertes und kompetentes Team.

Welches Entwicklungsmodell nutzten Sie?

Aggeler: Bei der Entwicklung der SBB-App setzten wir auf unseren mehrfach bewährten Workflow. Unser Workflow ist ein Mix aus klassischen und agilen Entwicklungsmodellen, der gute Ideen aus Modellen wie Scrum übernimmt, aber den Kontakt mit der realen Welt überlebt. Als Dienstleister kommen wir in Projekten nicht darum herum, die drei klassischen Dimensionen Zeit, Kosten und Funktionsumfang gegenüber unseren Kunden verlässlich vorauszusagen. Auf der anderen Seite lassen wir aber bewusst Raum für Iterationen und stellen für unsere Projekte auch während der Entwicklung eine voll integrierte Umgebung bereit. So können unsere Kunden zu jeder Zeit den aktuellen Stand der Projekte verfolgen und entsprechend früh Feedback geben.

Was waren die grössten technischen Herausforderungen?

Aggeler: Bei der Entwicklung der neuen SBB-App waren die grössten technischen Herausforderungen nicht im Detail zu suchen, sondern in der Komplexität des Produkts. Die App ist mit ihren zahlreichen Funktionalitäten und Business Rules ein Schwergewicht, was Apps anbelangt. Zudem war die App durch das agile Vorgehen und der Zusammenarbeit mit der Community sich stets ändernden Anforderungen ausgesetzt. Die grösste technische Herausforderung war es, eine Architektur der App zu entwickeln, die diesen Anforderungen standhält.

Wie haben Sie die Herausforderungen überwunden?

Aggeler: Unsere Erfahrung aus anderen Projekten hat uns beim Planen und dem konkreten Aufbau der App stark geholfen. Es ist der Mix zwischen gänzlich entkoppelten und modular aufgebauten Funktionalitäten und einem gewissen Pragmatismus, der uns diese Herausforderungen meistern liess. Nicht zuletzt erfordert es eine gewisse Flexibilität und Bereitschaft, selbst für Details nicht vor Hürden zurückzuschrecken und nicht den einfachsten, sondern den nachhaltigsten Weg zu gehen.

Die App gibt es für mehrere Plattformen. Erschwerte das die Entwicklung?

Aggeler: Ja und nein – auf der einen Seite gibt es immer die Gefahr, gewisse Iterationen doppelt durchzuführen, wenn es noch Changes gibt, nachdem Features auf beiden Plattformen umgesetzt wurden. Auf der anderen Seite gibt die Entwicklung für mehrere Plattformen immer auch wieder eine Chance, Funktionen ein weiteres Mal zu hinterfragen und in einer letzten Iteration nochmal zu verbessern. Da wir inzwischen die meisten Apps für mehrere Plattformen parallel entwickeln, gehört es zu unserem Entwickler-Alltag nicht nur isoliert für seine Plattform zu denken, sondern immer auch die andere im Hinterkopf zu haben und bereits erstellte Funktionen als wertvollen Input anzusehen. So nutzen wir auch die dadurch entstehenden Synergien bei der Qualitätssicherung, wenn die Entwickler der jeweiligen Plattformen die umgesetzten Funktionen gegenseitig testen.

Ubique entwickelte erst eine eigene App. Wer hatte eigentlich die Idee für den Touch-Fahrplan?

Wellig: Die ursprüngliche Idee für den Touch-Fahrplan ist an einem unserer Innovation-Days entstanden, wo wir an den ersten Prototypen experimentiert hatten. Der Weg zum Touch-Fahrplan in seiner aktuellen Ausprägung war aber ein Prozess, bei dem Schritt für Schritt optimiert wurde, bis wir am heutigen Resultat angelangt sind. Wie bei all unseren Produkten spielten hierbei die Inputs und Vorschläge unseres Teams während der Umsetzung die zentrale Rolle. Mit jeder Iteration kam der Touch-Fahrplan unserer Vision des bestmöglichen Interface für die Fahrplanabfrage näher – somit kann man sagen, es ist das Team von Ubique, das die Idee des Touch-Fahrplans hatte.

Warum ist der Touch-Fahrplan in der SBB-App nicht so schnell wie bei Ihrer Viadi-App?

Wellig: Viadi verwendet unseren eigenen Routing-Algorithmus, den wir als Service auch Dritten zur Verfügung stellen. Diesen haben wir spezifisch für Viadi und dessen Use-Case als extrem schnellen mobilen Fahrplan entwickelt. Die SBB-App hingegen ist jedoch weit mehr als eine Fahrplananzeige, so werden hier auch Sparbillette oder Zugformationen angezeigt und Verknüpfungen wie der Reisebegleiter abgefragt und angezeigt.

Was wird mit Viadi passieren?

Wellig: Viadi wird von uns auch in Zukunft aktiv weiterentwickelt. Viadi wird uns mit seiner treuen Nutzerbasis weiterhin als Plattform dienen, um Innovation in der Branche direkt voranzutreiben – insbesondere wenn es darum geht, auch einmal etwas gewagtere Funktionen auszuprobieren. Zudem ist geplant, Viadi für weitere Märkte, wie etwa das nahe Ausland, auszuweiten.

Wie verlief die Integration von Viadi in die neue SBB-App?

Aggeler: Nachdem wir Viadi veröffentlicht hatten, ging es Schlag auf Schlag: die SBB kontaktierten uns, und wir konnten uns relativ schnell auf ein gutes und für beide Seiten gewinnbringendes Modell einigen. Die Integration von Viadi als Touch-Fahrplan in die SBB-App war dann mit der nötigen Hilfe des Entwicklungsteams der SBB-IT auch entsprechend schnell vollbracht.

War es ein Problem für Sie als junges Start-up, mit einem so grossen Unternehmen wie den SBB zusammenzuarbeiten?

Wellig: Ganz im Gegenteil, die Zusammenarbeit mit den SBB war für beide Seiten sehr bereichernd und fruchtbar. Es sind gerade die Gegensätze, die das Projekt erfolgreich zum Abschluss gebracht haben. Der Aufbau und die Pflege der Preview-Community, die Koordination und die Integration der ganzen Umsysteme und die sehr gelungene Marketingstrategie ist etwas, dass nur ein grosses Unternehmen wie die SBB auf die Beine stellen kann. Auf der anderen Seite sind wir ein idealer Sparringspartner: Mit kurzen Kommunikationswegen, einer flachen Hierarchie und unseren kompetenten Mitarbeitern konnten wir uns optimal auf die bestehenden Strukturen und Prozesse einer grossen Firma einlassen. Als spezialisiertes und agiles Unternehmen bildeten wir genau die richtige Ergänzung, die es in der extrem schnelllebigen Welt der Mobile-Apps braucht, um ein erfolgreiches Produkt auf den Markt zu bringen.

Gab es kulturelle Unterschiede?

Aggeler: Natürlich – es wäre ja auch ungewöhnlich, wenn zwei so unterschiedliche Unternehmen dieselbe Kultur hätten. Vieles, was bei uns implizit geschieht, muss bei einem grossen Unternehmen mit Prozessen geregelt werden. Wir waren mit unserem Pragmatismus schon auch das eine oder andere Mal ein bisschen zu schnell unterwegs. Am Ende zählt aber die gemeinsame Vision: Beide Unternehmen hatten das Ziel, nachhaltig die beste ÖV-App der Schweiz auf den Markt bringen. Wenn man am selben Strick zieht, sind die kulturellen Unterschiede am Ende eine Bereicherung, sowohl für die Beteiligten als auch für das Endprodukt.

Wer war der wichtigste Ansprechpartner oder die wichtigste Kontaktstelle für Sie bei den SBB?

Aggeler: Wir hatten einen sehr engen und guten Kontakt zur SBB-IT, allen voran zum «vNext»-Team, das für die Entwicklung des Android-Clients und die Backendsysteme von SBB Mobile verantwortlich ist. Auf der Business-Seite hatten wir ebenso engen Kontakt mit den Beteiligten der Digital-Business-Abteilung. Die gute Zusammenarbeit mit diesen beiden Stellen war ein wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Entwicklung der SBB-Mobile-App.

Wie geht die Entwicklung nun weiter?

Wellig: Wir wollen zusammen mit den SBB weiterhin die beste ÖV-App der Schweiz entwickeln. Damit wir das erreichen, müssen wir innovativ bleiben und bei den modernen Technologien weiterhin an vorderster Front mit dabei sein.

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