Interview mit Petra Jenner von Microsoft Schweiz

"Mir geht es um die Art, wie mit Menschen umgegangen wird"

Uhr | Aktualisiert
von René Mosbacher

Petra Jenner ist seit gut einem Jahr Chefin von Microsoft Schweiz. Im Gespräch erklärt sie, warum die Wirtschaft einen empathischeren Führungsstil braucht und warum sich die IT-Branche in dieser Hinsicht vielleicht etwas leichter tut als andere.

Petra Jenner, Country Manager von Microsoft Schweiz, hat die Erfahrung gemacht, dass ein gutes Team bezüglich Alter und Fähigkeiten breit durchmischt sein muss. (Quelle: Netzwoche)
Petra Jenner, Country Manager von Microsoft Schweiz, hat die Erfahrung gemacht, dass ein gutes Team bezüglich Alter und Fähigkeiten breit durchmischt sein muss. (Quelle: Netzwoche)

ZUR PERSON: Petra Jenner

Petra Jenner ist seit Oktober 2011 als Country Manager für die Leitung von Microsoft Schweiz verantwortlich. Zuvor hat sie während zweieinhalb Jahren Microsoft Österreich geleitet, wo sie – entgegen der weltweiten Wirtschaftskrise – das Wachstum der Niederlassung überproportional vorangetrieben hat. Petra Jenner bringt über 20 Jahre Erfahrung in führenden Positionen in der ICT-Branche mit. Sie hat sich mit ihren profunden Fachkenntnissen sowie ihrer Strategie- und Leadership-Kompetenz über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Im Herbst 2012 veröffentlichte sie unter dem Titel "Mit Verstand und Herz" ihr erstes Buch. Darin legt sie provokativ, aber fundiert dar, warum Unternehmen ohne weibliche Führungskräfte in Zukunft untergehen werden. Jenner ist verheiratet und pflegt in ihrer Freizeit Hobbys wie Reisen, Tanzen, Skifahren und Yoga.

Frau Jenner, Sie haben gerade ein Buch zu Führungsfragen geschrieben. Was erhalten Sie für Reaktionen?

Da war sehr viel Zuspruch dabei, vor allem auch von jüngeren weiblichen Führungskräften. Die finden das Buch oft hilfreich, weil sie erfahren, dass jemand, der in seiner Laufbahn schon weiter ist, ähnliche Schwierigkeiten hatte. Viele waren froh, dass solche Dinge endlich transparent gemacht werden.

Aber Ihre Kritik an männlichen Führungsmustern wird ja nicht überall Begeisterung ausgelöst haben.

Ehrlich, ich habe auch von männlichen Führungskräften positive Rückmeldungen erhalten. Ich fahre den Männern ja nicht grundsätzlich an den Karren. Im Gegenteil, ich glaube, dass es auch viele Männer gibt, die sich ein anderes Arbeitsklima wünschen. Aber sie artikulieren das vielleicht nicht, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, dass es möglich ist. Wenn sie aber die Chance dazu erhielten, würden sie es auch gerne ausprobieren und vielleicht sogar leben. Ich habe in den letzten Jahren Männer erlebt, die sehr schnell diesen eher empathischen Führungsstil übernommen haben und damit sehr erfolgreich waren. Mindestens zwei meiner ehemaligen Teammitglieder hat dieser Führungsstil in ihrer Karriere sehr geholfen. Die haben auch sehr gute Feedbacks von ihren Teams erhalten.

Wie geht es Ihnen eigentlich mit Ihrem Chef Steve Ballmer? Der ist ja für seinen virilen Stil bekannt.

Auf den ersten Blick würde ich sagen, er ist ein sehr energetischer und extrovertierter Typ – zumindest, was seine berühmten Bühnenauftritte anbelangt. Im persönlichen Gespräch habe ich ihn aber als guten und sehr interessierten Zuhörer erlebt. Das steht durchaus im Gegensatz zu seinen öffentlichen Auftritten. Dort erfüllt er auch eine andere Aufgabe – nämlich die, Massen zu begeistern. Ich war ehrlich gesagt am Anfang auch etwas vorsichtig, weil ich ihn im persönlichen fachlichen Austausch nicht kannte. Am Ende hat er mich dann positiv überrascht.

Viele der hiesigen Niederlassungen von grossen IT-Firmen haben Frauen als Chefs. Zufall?

Es sind ja jetzt wieder weniger geworden ... Ob das Zufall ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht liegt es gerade ein bisschen im Trend. Viele dieser Frauen waren schon lange in der Branche. Vielleicht war das einfach der nächste Karriereschritt für sie, und dass er in der Schweiz stattfand, war bloss eine glückliche Fügung. Was ich aber sagen kann: In der Schweiz sind vergleichsweise mehr Frauen an der Spitze als etwa in Österreich. Dort war ich zweieinhalb Jahre die Einzige in der ICT-Branche.

Zurück zu Ihrem Buch: Die These, dass die Wirtschaft untergeht, wenn dort weiterhin vor allem Männer ihr Unwesen treiben, ist so neu ja nicht. Ähnliches wurde schon vor 40 Jahren geschrieben, und trotzdem scheint die Wirtschaft noch immer leidlich zu funktionieren.

Insgesamt ist meine These in der Tat nicht neu, da gebe ich Ihnen recht. Ich weiss natürlich nicht genau, wie es vor 40 Jahren führungsmässig zu- und herging. Aber ich habe schon das Gefühl, dass sich etwas verändert hat. Man darf sagen, dass früher viel patriarchalischer geführt wurde als heute. Zudem gab es vor 40 Jahren viele Hilfsmittel noch nicht, von denen wir heute profitieren. Nehmen Sie die Kommunikationskanäle. Vor 40 Jahren erhielten Sie noch nicht jeden Tag viele E-Mails, auf die Sie rasch reagieren mussten. Damals waren es noch einige Briefe, die hatten aber eine ganz andere Bearbeitungszeit. Noch krasser wird es, wenn Sie etwa Mikroblogs in der Führung nutzen. Die Führungskräfte mussten sich hier dem technischen Fortschritt anpassen. Zusätzlich ist Führung auch viel transparenter und sichtbarer geworden. Symptomatisch hierfür sind etwa die Bürokonzepte. Während die Chefs früher in Einzelbüros residierten und gelegentlich wüteten, arbeiten sie heute entweder in Grossraumumgebungen oder in Glasverschlägen. Da können sie einfach nicht mehr so herumtoben. Es braucht heute eindeutig mehr Selbstreflektion. Neu ist auch, dass viele, vor allem grosse Unternehmen mittlerweile Feedback-Kulturen pflegen, mit denen die Manager genauso hinterfragt werden wie die Mitarbeiter. Das wäre vor 40 Jahren noch undenkbar gewesen.

Dann ist ja alles auf bestem Weg.

Wir sind aber noch lange nicht am Ziel. Wir sind nicht schnell genug und der Wandel ist nicht sichtbar genug. Ich bin aber zuversichtlich, dass der Prozess sich beschleunigen wird. Die erwähnten technischen und strukturellen Veränderungen werden die Chefs dazu zwingen, sich mit empathischeren oder eben weiblicheren Führungsmethoden zu befassen. Tun sie das nicht, werden sie in einigen Jahren wahrscheinlich ihren Job nicht mehr machen können.

Jetzt frage ich mich natürlich: Retten die Frauen die Welt, indem sie ins Management gehen?

Nein, das tun sie bestimmt nicht. Aber gemeinsam können Mann und Frau erfolgreicher sein.

Dann sind also die fehlenden weiblichen Qualitäten im Management nur ein Teil des Problems?

Ja, ein Hauptproblem ist, dass Führungskräfte noch immer zu stark nach ihren fachlichen und weniger nach ihren sozialen Kompetenzen ausgesucht werden. Das führt dazu, dass sie dann oft führungsmässig überfordert sind.

Und Frauen sind sozusagen weniger anfällig für solche Fehlentscheide?

Das würde ich nicht generell so sagen. Es geht mir ja auch nicht darum, partout möglichst viele Frauen ins Management zu hieven. Mir geht es um die Art, wie in Unternehmen mit Menschen umgegangen wird. Die Probleme, die wir hier noch haben, können wir nur gemeinsam lösen. Da helfen auch keine Frauenquoten. Deshalb habe ich in meinem Buch ja geschrieben, dass ein Unternehmen sehr viel mit Familie zu tun hat. Es soll nicht die Familie ersetzen, aber auch im beruflichen Umfeld muss es so etwas wie ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen Frau und Mann geben. Heute überwiegt im Geschäftsleben einfach das Männliche und das finde ich heikel. Es geht also um eine Ergänzung des heutigen Systems. Das reicht viel weiter als die Geschlechterfrage. Es ist genauso wichtig, eine gesunde Mischung aus jungen und älteren Führungskräften zu haben. Die Mischung von beidem bietet im Idealfall einfach die bessere Grundlage für Erfolg. Ich habe jedenfalls die Erfahrung gemacht, dass die besten Teams die sind, die sich möglichst in ihren Qualitäten ergänzen.

Aber grassiert nicht gerade in der IT so etwas wie ein Jugendkult, zum Beispiel rund um die Digital Natives?

Da ist mir auch nicht ganz wohl dabei. Ich glaube, dass jede Generation ihre Stärken hat, die wichtig für das wirtschaftliche Handeln sind. Sehr gefährlich finde ich die Tendenz, ausschliesslich junge, qualifizierte Menschen in die Firmen zu holen. Das kollidiert auch mit meinem Verständnis von Diversity. Sicher ist es wichtig, junge Menschen im Unternehmen zu haben. Es ist aber ebenso wichtig, erfahrene ältere Menschen dabei zu haben. Die Herausforderungen an ein Unternehmen sind heute so mannigfaltig, dass sie nur mit einem möglichst breiten Fundament an Fähigkeiten zu bewältigen sind. Wer sich nur auf die Digital Natives ausrichtet, erreicht zwei Drittel der Gesellschaft nicht. Bis zu einem gewissen Grad ist es aber logisch, dass die Digital Natives gerade von unserer Branche glorifiziert werden. Sie verkörpern ja das Idealbild eines technisch affinen, adaptierten Menschen. Ich frage mich aber, wie viel von ihrem digitalen Lebensstil sie wirklich auf produktives Schaffen verwenden. Hierzu gibt es inzwischen Studien der EU-Kommission, die eher skeptisch stimmen.

Gibt es so etwas wie IT-typische Führungskonzepte?

Dadurch, dass die Branche sehr dynamisch und international ist, haben wir gelernt, unter hoher Arbeitslast mit kurzen Zeithorizonten und vielen unterschiedlichen Themen zu leben. Das ist nicht selbstverständlich. Wir haben auch gelernt, mit Matrix-Organisationen gut umzugehen und im internationalen Kontext zu agieren. Gerade diesen interkulturellen Aspekt hat die IT vielen anderen Branchen voraus. Als weitere Eigenheit der Branche würde ich noch das zielorientierte Denken erwähnen. Das hilft uns sehr bei der Einführung von neuen Produkten und Lösungen.

Aber man kann sagen, dass Mitarbeiter in der IT-Branche bestimmte Führungskonzepte bevorzugen?

Ich denke, sie wollen nicht anders geführt werden als Fachleute aus anderen Branchen. Am Ende sind wir alle Menschen. Vielleicht legen unsere Mitarbeiter mehr Wert auf flexible Arbeitsformen wie etwa die Möglichkeit, einen Teil der Arbeit im Homeoffice zu erledigen. Das kann aber auch einfach daran liegen, dass wir meist die Ersten sind, die über die hierfür nötige Technik und Kompetenzen verfügen.

Themenwechsel: Haben Sie Ihr Notebook schon gestreichelt heute?

Ja, habe ich.

Ich meine: Arbeiten Sie mit Touch?

Nein, ich habe keinen Touch-Bildschirm. Aber es geht auch ohne Streicheln ganz wunderbar.

Ich frage das, weil mir noch immer schleierhaft ist, wie sich der Graben zwischen Maus-Tastatur-Bedienung und Touch-Befehlen überwinden lässt.

Es gibt keinen Graben – alles ergänzt sich sinnvoll. Am Ende des Tages entscheidet der Kunde, was ihm am meisten zusagt. Genau hier setzt Windows 8 an – es bietet ein optimales Erlebnis mit Tastatur und Maus, Stift und Touch. Mit den neuen Convertible-Geräten lassen sich sogar alle drei Bedienkonzepte je nach Bedürfnis kombinieren.

Aber Windows 8 ist doch eigentlich ein Consumer-System, oder?

Keineswegs – Windows 8 wurde für die Consumer- und die Businesswelt entwickelt. Im Übrigen verschwimmt diese Trennung, gerade mit Trends wie BYOD, zunehmend. Ich nehme an, Sie spielen auf den Einsatz von Tablets an. In der Vergangenheit wurden die meisten Tablets tatsächlich vor allem zum Konsumieren von Inhalten verwendet und damit eher der Consumer-Welt zugeordnet. Das wird sich stark ändern. Wir haben spannende Pilotprojekte mit globalen Grosskunden, die den produktiven Einsatz von Tablets, etwa im Aussendienst, testen. Ein Windows-8-Tablet oder ein hybrides Gerät lässt sich genauso einfach und sicher managen wie ein Desktop-PC. Mit diesem Vorteil rennen wir bei den Kunden offene Türen ein.

Apropos Arbeitsplatz – wie stellen Sie sich die Mensch-Maschine-Schnittstelle in 10 Jahren vor?

Natural User Interface ist eines der grossen Forschungsthemen, auch bei Microsoft. Letztlich soll der Anwender seine Aufgaben noch intuitiver und effizienter erledigen können. Welche Form der Steuerung optimal ist, hängt von der Situation ab. Sehen Sie sich Kinect an – dieses System wurde ursprünglich für Spiele entwickelt. Unterdessen gibt es aber schon viele Geschäftsanwendungen, die damit laufen. Gestensteuerung mag beispielsweise in einem Büro wenig Sinn ergeben. In einer hochsterilen Umgebung, wie etwa der Medizin, ermöglicht sie aber völlig neue Ansätze. Momentan wird mit Gesten- und Sprachsteuerung viel experimentiert. Insgesamt stehen wir aber bei diesem Thema noch am Anfang.

Sie sind jetzt gut ein Jahr Chefin von Microsoft Schweiz. Was ist Ihnen in dieser Zeit gut gelungen?

Microsoft Schweiz war ja schon vor meiner Zeit sehr erfolgreich. Im letzten Jahr ist es uns zusätzlich gelungen, uns gut auf die mittelfristige Perspektive auszurichten. Wir sind auch einen Schritt weitergekommen, was die Entwicklung unserer Mitarbeiter angeht. Wenn ich die aktuellen Umfrageergebnisse ansehe, scheint es uns auch gelungen zu sein, die Kunden- und Partnerbindung zu verbessern. Darüber freue ich mich fast am meisten – das war der Erfolg des ganzen Teams. Wir werden nicht nur an Zahlen gemessen, sondern auch daran, wie uns unsere Kunden und Partner wahrnehmen.

Und wo sind die Baustellen?

An der Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern muss sicher ständig weitergearbeitet werden. Dasselbe gilt für die Mitarbeiterentwicklung. Hierzu gehört im weiteren Sinn auch unsere kürzlich lancierte Lehrstelleninitiative.

Lehrstelleninitiative?

Wir betreiben am Standort Schweiz keine Entwicklung und können deshalb kaum IT-Lehrstellen anbieten. Weil wir aber trotzdem einen Beitrag an die Ausbildung leisten wollen, tun wir das gemeinsam mit unseren lokalen Partnern.

STICHWORTE

Das kann ich jederzeit empfehlen:
Gute Schokolade und einen guten Espresso.

Darüber habe ich zuletzt gelacht:
Über einen Spruch meines Patenkindes.

Darüber habe ich mich zuletzt geärgert:
Den Stau von heute Morgen – wenn wir smarter mit dem Thema Mobilität umgingen, wäre ein Grossteil der Verkehrsprobleme gelöst.

Heute in zehn Jahren:
Ich habe nie so weit im Voraus geplant und bin damit gut gefahren.

ZUM UNTERNEHMEN: Microsoft Schweiz

Microsoft Schweiz hat sich seit der Gründung 1989 mit einem kontinuierlichen, kontrollierten Wachstum vom Kleinbetrieb mit drei Angestellten zu einer Firma mittlerer Grösse entwickelt. Zurzeit beschäftigt sie rund 580 Mitarbeitende. Der Hauptsitz von Microsoft Schweiz befindet sich in Wallisellen, mit Büros in Bern, Basel und Genf. Die Geschäftsleitung hat Petra Jenner, Country Manager von Microsoft Schweiz, inne.

Die Schweizer Niederlassung ist in puncto Umsatz auf Rang 13 der weltweit 168 Microsoft-Niederlassungen. Sie nimmt in Europa einen Spitzenplatz in Bezug auf Umsatz pro PC ein.

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