Mehr als nur ein Hype?

Ello - das neue Social Network mit Bart und Tattoo

Uhr | Aktualisiert
von David Blum

Das soziale Netzwerk Ello wächst mit 45’000 Neuregistrationen pro Stunde rasant. Wer und was steckt dahinter? Eine Einschätzung von Senior Art Director David Blum von Mysign.

Ello (Quelle: David Blum)
Ello (Quelle: David Blum)

Nachdem ein Mann namens Paul Budnitz im Frühjahr das neue Social Network ello.co gelauncht hat, passierte nicht viel. Zuvor nutzten er und sieben weitere Designer und Programmierer Ello ein Jahr lang privat. Dann, ein paar Monate nach dem offiziellen Launch, passierte wenig. Das Netzwerk stand als Invite-Only zur Verfügung und zählte Anfang August 90 User. Bis sich Ello im September explosionsartig herumsprach: Facebook verstärkte die Regelung der Echtnamen-Pflicht und scheuchte damit vor allem die Lesben-, Schwulen-, Bi- und Trans-Szene auf, die bei Ello in Scharen Zuflucht suchte. Damit wurde die Invite-Lawine angestossen und kam ins Rollen.

Dank gut vorhandenen Invite-Codes kam ich sofort rein. Mein erster Eindruck: Ist das ein Social Network oder eine Kunst-Installation? Das Design des User Interfaces von Ello ist sehr spartanisch in Schwarz- und Grautönen gehalten, nutzt eine nichtproportionale Schriftart namens “Atlas Typewriter” und kommt auch sonst irgendwie im Schreibmaschinengroove daher. Die Usability schaut ab und zu in die Röhre, wenn man aber mal weiss, wie, ist die Bedienung halt … anders. Doch der Fokus liegt visuell klar auf dem Content. Und dem Erstellen von Text-Beiträgen.

Genau da setzt Ello an. Und dies ganz bewusst. Laut dem Gründer Paul Budnitz ist das simple und doch manchmal fast zu einfache Interface Absicht. Aktuell (Beta) kann man Texte und Bilder posten, kommentieren, und Direktnachrichten schicken. Für die Formatierung der Texte stehen grundlegende Formatierungsregeln in Markdown-Manier zur Verfügung. Demnächst wird man einen Post “loven” (also wie liken oder faven) und re-posten können, gemäss Roadmap.

Um Dinge zu posten, benutzt man die sogenannte Omnibar: Darin kann man mehrere Blöcke von Text und Bildern (bald auch Videos und Sound) untereinander verfassen, re-arrangieren und veröffentlichen. Wer will, kann auch in Vollbild-Ansicht posten (was sich ein wenig wie iA Writer anfühlt). Inhaltlich sind Texte und Bilder in der Länge und Anzahl nicht beschränkt.

Minimalistisch wie Sparta

Posts und Kommentare können jederzeit wieder geändert und gelöscht werden. Auch der Autor kann die Kommentare zum Post löschen. Alles wirkt uneingeschränkt, offen und ehrlich. Wenn man Ello ein wenig nutzt und kennenlernt, dann hat man das Gefühl, dass hinter der Ello-Theke ein freundlicher, bärtiger Barkeeper sitzt, der einem weder Vorschriften macht noch belehrend den Finger hebt. Das ist unheimlich angenehm und riecht nach Singlespeed-Bike, Garage, Handarbeit und Ehrlichkeit. Und: Ello soll werbefrei bleiben (dazu gleich mehr).

Twitter wurde nicht zuletzt so erfolgreich, weil der Dienst simpel, eingeschränkt und banal war. Ello ist ähnlich simpel, bringt aber keine Einschränkungen mit sich (ausser Benimm-Regeln) und ist auf den zweiten Blick raffiniert. Es gibt keine Follower-Listen wie bei Twitter, es gibt keine Listen und Rechte wie bei Facebook oder keine Kreise wie bei Google+. Nein, es gibt nur zwei Listen: «Friends» und «Noise». Nicht mehr und nicht weniger. Via Drag-n-Drop können Avatare zwischen den beiden Listen hin- und hergeschoben, wer nervt oder sich nicht benimmt kann gemuted oder blockiert werden.

Kurzbefehle für Power-User

Das Interface kann nicht viel, doch mittels Kurzbefehlen kann die Ansicht variert werden:

•    Pfeil nach rechts: Blendet die Friends/Noise-Liste aus

•    Pfeil erneut nach rechts: Beitrag schreiben im Vollbildmodus

•    Pfeil nach links x 2: Ansichten rückgängig

•    SHIFT + 0 (aktuell inaktiv): Blendet Follower-Hinweise im Stream ein/aus

•    SHIFT + 1 (aktuell inaktiv): Zeigt die Friends / Noise-Liste im Vollbildmodus

•    SHIFT + 5: Ändert den Stream von 1 zu mehrspaltig (funktioniert in beiden Listen)

•    Mit den Tasten «f» und «n» kann zwischen den Listen Friends / Noise gewechselt werden

•    Posts können mit CMD/CTRL+Enter nach Verfassen publiziert werden

Weiter fiel mir auf, dass wohl technisch noch viel gehen muss, damit Ellos Server nicht in die Knie gezwungen werden, wenn die kritische Grenze der Anzahl User überschritten wird. Ein Test ergab, dass ein Seitenaufruf 22 MB schwer war (Vergleich: 4 MB bei Facebook). Natürlich ist das abhängig vom Content und abhängig davon, wieviel vom Endless-Scrolling vorgeladen wird. Doch gerade mobile kann Ello bei reger Nutzung wohl rasch eine Flatrate-Limite sprengen. Aber eben: Ist ja noch Beta.

Der User im Mittelpunkt - werbefrei

Genug zu den Funktionen. Einer der beliebtesten Anti-Ello-Posts ist Ello, goodbye von Aral Balkan, der den Gründer Paul Budnitz beraten haben soll. Sein Statement: Ello bekam ein erstes Venture Capital in der Höhe von ungefähr einer halben Million Dollar – was zwingend bedeute, dass es eine Exit-Strategie gebe.

Doch das Geld stammt von FreshTrack Capital, einer kleinen Firma mit Sitz in Vermont. Sie investiert auch nur in Firmen, welche in Vermont ihren Sitz haben. Vermont ist der einzige Staat in den USA, in welchem Plakatwerbung verboten ist. Die beiden Inhaber von FreshTrack Capital kennen den Gründer von Ello persönlich und sind quasi Nachbarn. Zudem stecken hinter der Mehrheit des Kapitals die sieben Mitgründer. Und: Dass Aral Balkan gegen Ello schiesst, ist nachvollziehbar. Denn er steht mit seinem eigenen werbefreien Netzwerk Heartbeat in den Startlöchern und will im November launchen. Ob es da einen kleinen Knatsch gegeben hat?

Auch wenn alle Medienberichte in Ello an erster Stelle ein Anti-Facebook sehen, sei das nicht das Ziel von Ello gewesen, meint Budnitz in einem Interview. Denn Facebook sei eine Werbeplattform, Ello ein Social Network. Facebook werde betrieben, um Werbern eine Plattform zu bieten. Doch Ello wurde nicht für die Werbung gemacht, sondern für die User. Mehr dazu ist auch im Manifest von Ello nachzulesen.

So will Ello Geld verdienen

Geld wolle man mit speziellen Features machen, die günstig à la App Store gekauft werden können. So könnte dies zum Beispiel ein Login für mehrere Accounts sein, der einmalig 1 US-Dollar kosten würde. Man bräuchte nicht die Masse der User um erfolgreich zu sein.

Ich finde dieses Konzept mutig und ein sympatischer Weg. Die Grundfunktionen für Spass und Unterhaltung sind da, wer mehr will, der kann zahlen. Und zwar nicht gleich pauschal und in grossen Beträgen wie bei App.net, sondern in den bewährten, leichtverdaulichen App-Store-Häppchen. Grossartig. Und zeitgemäss.

45’000 Registrationen pro Stunde

Ob sich Ello soweit durchsetzt, dass das neue Social Network ein Erfolg wird, hängt von den Erwartungen ab, die man heute und morgen an ein neues Social Network stellt. Die Gründer fanden es ursprünglich “awesome”, wenn sie 50’000 User erreichen würden. Doch in den letzten Tagen erreichte Ello gemäss Budnitz eine Registrations-Rate von 45’000 pro Stunde! Diese Über-Nacht-Berühmtheit ist eine Mischung aus gutem (anderem) Design, Glück und Timing. Auch wenn die Zuwachsrate bald wieder sinken würde: die Basis für eine erfolgreiche Zukunft ist gelegt, und es wird sich zeigen, ob die Monetarisierung funktionieren wird.

Wenn Ello in den nächsten sechs Monaten nun wirklich durchstartet: Facebook wird Ello verschmerzen, Google+ sowieso. Twitter wirds weiterhin geben, es sei denn, dass bald auch Drittanbieter-Apps nach jedem 10. Post einen sponsored Post einblenden. Ich glaube, es ist falsch, Ello als Facebook-Killer zu thematisieren. Wenn schon ist Ello ein Social Network für alle die, denen Facebook gehörig auf den Sack geht und für alle die, die bislang keinen Bock auf Facebook oder Twitter hatten.

Die Top-10, warum Ello ein Erfolg werden kann

Es gibt aus meiner Sicht viele Punkte, die Ello richtig gemacht hat. Zudem wurden Fehler verhindert, die vielleicht auch Dank Vorreitern wie App.net oder Diaspora bereits gemacht wurden. Hier nochmals meine Zusammenfassung dieser Punkte:

  1. Bilder sehen grossartig aus, da sie riesig sind. Je grösser das Browser-Fenster, desto grösser passen sich die Bilder responsive an.

  2. Die simple Friends/Noise-Liste ist clever und einfach zu verstehen. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

  3. Benachrichtigungen über neue Follower, Replys und Direktnachrichten sind per Mail abonnierbar (und sollen bald auch im gesammelten Interface sichtbar werden).

  4. Keine Werbung. Basis kostenlos. Special Features zahlbar billig.

  5. Das Beste anderer Netzwerke wird übernommen: endlos lange Texte, löschbare Kommentare, jederzeit bearbeitbare Posts und Kommentare, NSFW-Accounts (demnächst), Love-Funktion (demnächst, à la Facebook), @name für Replys/Kommentare, @@name für DMs

  6. Fullscreen-Ansicht für Post-Editor mit Markdown-Formatierung

  7. Einfaches und anderes Interface mit Fokus auf Content

  8. Transparente und witzige Kommunikation

  9. Es wird vermutlich keine API geben, um in Ello hineinzuposten, umgekehrt aber soll es Anbindungen an die bekannten Netzwerke geben, um hinauszuposten

  10. Das Netzwerk wirkt sympatisch und macht vieles richtig

Ich selbst machte zuerst den Fehler, dass ich Ello nach dem ersten Login kritisierte, bald einmal nach dem Haken suchte und höhnische Kommentare zum Interface abgab. Nach einer Besinnung kam ich jedoch zum Schluss, dass es an der Zeit ist, auch Neuem eine Chance geben zu können. Ja, Ello startete ohne App. Und ja, es gibt einige Usability-Mankos. Auch ja: Die Technik ist noch beta, buggy und noch nicht für ein Millionen-User-schweres Netzwerk ausgelegt.

Doch es kann ja nicht sein, dass wir uns immer wieder kritisch über das werberische Benehmen von Facebook und Twitter äussern, ohne im Gegenzug einer Lösung eine Chance geben zu wollen? Ello basiert auf einem Manifest gegen die Tatsache, dass User das Produkt sein sollen. Und wenn es etwas ist, dass Ello von den bekannten Social Networks unterscheidet, dann die Werbefreiheit. Und das befreiende Gefühl, dass nicht jeder Post und Link analysiert wird, um anschliessend die Daten an Werbetreibende weiterzuverkaufen.

Ja, auch ich habe meine Zweifel. Zu oft haben wir in den letzten Jahren gesehen, wie coole Dienste oder Networks aufgekauft worden sind. Instagram zum Beispiel wurde von Facebook aufgekauft und startet diese Wochen in Australien mit Werbeposts. Twitter blendet mir immer häufiger mir unerwünschte Werbung in meinem Stream ein. Vorerst nur in der Twitter-eigenen App. Doch das ist lediglich eine Frage der API und der Nutzungsbedingungen. Google+ ist technisch gesehen das wohl beste Social Network. Es wird keine Werbung eingeblendet, doch man ist bei Google und Google heisst: Daten werden analysiert, optimiert und verkauft. Und Facebook ist ein immer undurchschaubareres Werbe-Social-Network.

Ello, Beta-User

Ich sehnte mich nach einem Netzwerk, das endlich Geld dafür verlangt, dass ich es nutzen darf. App.net machte das, stieg aber mit zu hohen Kosten ein und blieb dann irgendwie stehen. Darum begrüsse ich nun herzlich Ello, das Netzwerk, welches es sich aus meiner Sicht am meisten verdient hat, benutzt zu werden. Social Networks sind wie Beziehungen: Man muss sich zuerst kennenlernen, um vertrauen zu können.

Und damit Ello so richtig durchstartet, benötigt es auch Beta-User. Wer also Lust hat, Ello zu testen, der kann sich gerne einer der Invite Codes schnappen. Ich bin auf eure Feedback hier und bei Ello unter ello.co/dblum gespannt.

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