Banken unter Druck

Keine Lust mehr auf hochkomplexe Finanzprodukte - Teil 1

Uhr | Aktualisiert

Die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten erschüttern das Vertrauen der Kunden. Ist das die grosse Chance für neue Internet-Finanzdienstleister?

Sie stehen für eine neue Generation von Finanz-Plattformen, die Crowdfunding-Plattform C-Crowd sowie Merge.rs, eine Plattform für Unternehmer, die ihre Firma verkaufen wollen. Beide wurden im laufenden Jahr gegründet und schliessen eine Lücke, die die traditionelle Finanzindustrie gerne übersieht.

Im Fall von C-Crowd erhalten Jungunternehmer die Möglichkeit, sich ihr Unternehmen durch «die Masse» finanzieren zu lassen und sich damit von den traditionellen Business Angels einerseits und den Banken andererseits zu emanzipieren. 

Im Fall von Merge.rs treffen Unternehmer auf ein weltweites Netz von Beratern, Investoren und Netzwerkern. Damit müssen Unternehmer nicht an jedem neuen Standort mit dem Netzwerken in diesen diskreten und exklusiven Kreisen bei null beginnen.

Weniger Vertrauen in Banken als auch schon

Derweil beginnt der Überschuss an Vertrauen in das Finanzsystem zu bröckeln. Zudem dürften die regulatorischen Hürden bald angepasst werden, die neue Geschäftsmodelle im Finanzbereich im Internet ermöglichen.

In den USA etwa wird wohl nach dem Repräsentantenhaus demnächst auch der Senat eine neue Gesetzgebung durchwinken, die beispielsweise das Crowdfunding von Unternehmen ermöglicht, weiss Philipp Steinberger, CEO von der Schweizer Crowdfunding-Plattform C-Crowd.

Mit derartig strengen regulatorischen Vorgaben wie in den USA musste er sich hierzulande nicht befassen: «Die Schweiz hat eine andere Gesetzgebung beim Anlegerschutz. Das hat es uns ermöglicht, im Crowdfunding Pionierarbeit zu leisten.»

Neue Konzepte werden salonfähig

Genau wie C-Crowd und um rechtlich alles sauber aufzugleisen, hat auch Merge.rs bei der Lancierung der Plattform von Anfang an die Finanzmarktaufsicht Finma mit einbezogen. Aus einleuchtenden Gründen, wie CEO Alan Frei ausführt: «Wir wollten verhindern, dass unsere Plattform plötzlich verboten wird, weil irgendetwas regulatorisch nicht sauber ist.» Viele Start-ups, speziell auch im Finanzbereich, würden heute in einer Grauzone agieren, so Frei. Das sei ein Spiel mit dem Feuer.

Zusätzlich hat die Finanzindustrie den Ruf, rücksichtsloser und gieriger denn je zu agieren. Nichts hätten sie gelernt aus dem Crash von 2008, heisst es allenthalben. Ein Zitat aus Bertolt Brechts «Dreigroschenoper» scheint aktueller denn je. Der deutsche Dramatiker liess vor über 90 Jahren einen Akteur in seinem Theaterstück «Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?» fragen.

Die Empörung manifestierte sich bis jetzt medienwirksam in der Occupy-Bewegung. Profitieren dürften jedoch im Speziellen auch neue Finanzplattformen und neue Geschäftsmodelle im World Wide Web. Konzepte wie Social Banking, virtuelle Währungen, Social Lending oder Crowdfunding werden salonfähig.

Keine Lust auf komplexe Finanzprodukte

Hart ins Gericht mit den Banken geht auch der deutsche Fachjournalist und Buchautor («Social Banking 2.0 – Der Kunde übernimmt die Regie») Lothar Lochmaier: «Viele Leute haben die Nase voll von komplexen Finanzprodukten, die sie selbst nicht verstehen», sagte er im Gespräch mit der Netzwoche.

Von diesen von hochspezialisierten Mathematikern entworfenen Modellen, gibt Lochmaier zu bedenken, profitierten sowieso in erster Linie die Banken selbst. Steinberger von C-Crowd ergänzt: «Die Banken haben die Kunden aus den Augen verloren. Selbst etablierte KMUs haben es immer schwerer, Finanzierungen zu bekommen.»

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