Best of Swiss Web

Die Doodle-Gründer Näf und Sevinç über den Ehrenpreis 2017

Uhr | Aktualisiert

Termine planen über das Web. Das war 2007 neu, cool und der Start für eine Erfolgsgeschichte in der Schweizer ­Webwirtschaft. Für ihre Leistung wurden die Doodle-Gründer Myke Näf und Paul Sevinç nun mit dem Ehrenpreis von Best of Swiss Web ausgezeichnet. Im Interview erklären die Preisträger, wie sich die Schweizer Start-up-Szene verändert hat und woran sie heute arbeiten.

Erhalten den Ehrepreis von Best of Swiss Web: Doodle-Gründer Paul Sevinç und Myke Näf. (Bild: Netzmedien)
Erhalten den Ehrepreis von Best of Swiss Web: Doodle-Gründer Paul Sevinç und Myke Näf. (Bild: Netzmedien)

Was bedeutet Ihnen der Ehrenpreis von Best of Swiss Web?

Näf: Ich fühle mich geehrt. Es würde mich freuen, wenn wir mit dem Ehrenpreis junge Leute ermutigen könnten, ihre Ideen umzusetzen.

Sevinç: Ich kann mich Myke nur anschliessen. Doodle begeht dieses Jahr das zehnjährige Jubiläum. Ich finde es daher besonders schön, dass wir im Jubiläumsjahr für unsere Leistung ausgezeichnet werden.

Waren Sie überrascht, den Ehrenpreis zu erhalten?

Sevinç: Ja sehr! Das kam für mich unerwartet. Wahrscheinlich hatte ich unbewusst damit abgeschlossen, für Doodle weitere Auszeichnungen zu erhalten. Es ist umso erfreulicher, dass Doodle noch immer nachwirkt.

Näf: Ich hätte nicht mehr damit gerechnet, dass wir für Doodle einen Preis erhalten würden. Bis die E-Mail von Best of Swiss Web eintraf.

Sie riefen Doodle 2007 ins Leben. Was waren damals die ­Herausforderungen bei der Gründung Ihres Internet-Start-ups?

Sevinç: Technisch hatten wir eher wenige Probleme. Die wahre Herausforderung lag woanders, was uns aber erst rückblickend bewusst wurde. Wir mussten zum eingeschweissten Gründer-Team werden, um gemeinsam die Firmen erfolgreich aufbauen zu können. Ich musste zudem in meine neue Rolle als Vorgesetzter hineinwachsen und meinen Kommunikationsstil anpassen. Hierbei half mir das Feedback meines Partners Myke.

Konnten Sie bei Doodle ein technisches Novum entwickeln?

Näf: Wir entwickelten Capability-URLs. Dabei handelt es sich um ein Autorisierungsmerkmal, um auf Log-ins verzichten zu können. Heute ist das ein Standard in der Web­entwicklung. Aber damals war das eine neue Entwicklung.

Sie verkauften Doodle letztlich an Tamedia. Weshalb?

Näf: Bei mir kamen verschiedene Entwicklungen zusammen. Wir hatten Investoren an Bord, die irgendwann auch die Früchte ihres Investments ernten wollten. Tamedia machte uns zudem ein attraktives Angebot. Auf persönlicher Ebene spürte ich, dass ich an einem Punkt angekommen war, an dem ich Doodle nicht mehr viel Neues geben konnte. Ausserdem hatte ich Lust, mich anderen Dingen zu widmen.

Sevinç: Wir sahen die Möglichkeit auch als Gelegenheit, frischen Wind in die Firma zu bringen. Der Verkauf bot neue Chancen für das Produkt und das Team. Uns war zudem klar, dass wir uns komplett zurückziehen werden, wenn wir Doodle verkaufen. Verkaufen und hinterher mitreden wollen, kam für uns nicht infrage.

Haben Sie jetzt ausgesorgt?

Näf (lacht): Der Verkauf gab uns gewisse finanzielle Frei­heiten, die es uns erlauben, zu entscheiden, für wen, mit wem und wofür wir arbeiten wollen. Ausserdem investieren wir heute in Start-ups. Wir können auf diese Weise das Start-up-Ökosystem des Standorts Schweiz unterstützen. Wir investieren Geld und unseren Erfahrungsschatz in die nächste Generation Schweizer Unternehmerinnen und Unternehmer.

Inwieweit ist diese Form des Investments ein Schlüssel zum ­Erfolg für die Schweizer Technologiebranche?

Sevinç: Auch wir haben damals grosse Unterstützung erfahren. Es ist schön, wenn man dann selbst der nächsten und übernächsten Generation etwas mitgeben kann. Das ist sicher ein wertvoller Mosaikstein neben vielen anderen für die Weiterentwicklung des Technologiestandorts Schweiz.

Ist die Situation heute wirtschaftsfreundlicher für ­Jung­unter­nehmen?

Näf: Es ist genauso hart wie eh und je, Kunden zu finden und Umsatz zu generieren, geschweige denn Gewinn zu erwirtschaften. Was sich hingegen verändert hat, ist die Unterstützung von Start-ups. Die Szene geniesst derzeit viel Sichtbarkeit und Wohlwollen in der Schweiz.

Wie zeigt sich das?

Sevinç: Heute wird bereits in den Schulen im Unterricht über Start-ups gesprochen. In den Medien wird ausführlich da­rüber berichtet, etwa in Form von Porträts über Gründer. Hinzu kommen die zahlreichen Anlässe für Gründer. Darüber hinaus bieten einige Veranstaltungen auch jungen Unternehmen eine Bühne, wie etwa Best of Swiss of Web.

Welche weiteren Entwicklungen sehen Sie in der Start-up-Szene?

Näf: Die Schweizer Start-up-Szene selbst hat sich gut weiterentwickelt. Die Community war zu unserer Doodle-Zeit überschaubarer. Wir hatten irgendwann den Eindruck, dass wir jeden aus der Start-up-Szene in der Schweiz kennen. Unterdessen hat sich diese aber stark vergrössert. Damals war es für Start-ups etwa schwieriger als heute, potenzielle Mitarbeiter zu gewinnen. Das hat sich gewandelt, die Akzeptanz als möglicher Arbeitgeber ist höher. Heute kommen für viele Stellensuchende auch Start-ups als Arbeitgeber infrage – für Studienabgänger wie auch für Fachkräfte, die eine neue Herausforderung suchen.

Was raten Sie Gründern im IT-Bereich?

Näf: Es ist schwierig, pauschale Ratschläge zu erteilen. Grundsätzlich empfehle ich, eine lernfähige Organisation aufzubauen, in der man experimentieren und schnell lernen kann. Ausserdem sollten Gründer möglichst sparsam arbeiten, um die Burn-Rate niedrig zu halten. Allen Start-ups mangelt es an allerlei Ressourcen, weshalb es wichtig ist, dass Gründer einen klaren Fokus setzen und sich nicht verzetteln.

Was machen Sie beide heute?

Sevinç: Wir sind in verschiedenen Rollen im Start-up-Ökosystem aktiv. Zum Beispiel starteten wir 2016 das auf Lohnbuchhaltung für KMUs spezialisierte Unternehmen Elohna. Elohna wurde Anfang dieses Jahres von Bexio übernommen. Für uns Grund genug, das nächste Start-up zu initiieren. Dafür sind wir im Augenblick daran, geeignete Gründerpersönlichkeiten zu suchen und zu einem Team zusammenzustellen. Überdies berate ich Unternehmen, unter anderem bei der digitalen Transformation, und unterrichte agiles Projektmanagement an der Fachhochschule St. Gallen.

Näf: Ich arbeite an verschiedenen ­Projekten im Start-up-Umfeld. Hierzu zählen auch Direktinvestitionen in Jungunternehmen wie Frontify, Bat­tere oder Testingtime. Ausserdem bin ich an zwei Fonds beteiligt, die in Start-ups investieren. Beim Berliner Fonds Cavalry Ventures bin ich als Venture Partner aktiv. Darüber hinaus bin ich Verwaltungsrat in verschiedenen Start-ups und leite zusammen mit Adrian Bührer das Swiss Life Lab. Hinzu kommen unterneh­merische Aktivitäten, die ich mit Paul starte, wie etwa ­Elohna.

Wie profitieren Sie dabei von Ihren Erfahrungen, die Sie bei ­Doodle gesammelt haben?

Näf: Wir bewegen uns im Start-up-Ökosystem. Hier helfen uns die Erfahrungen aus der Doodle-Zeit in den verschiedensten Bereichen. Allein schon zu wissen, wie man ein Unternehmen und ein Team aufbaut oder wie man Investorengelder aufbringt, hilft uns ungemein. Diese Erfahrungen können wir heute an die Start-ups weitergeben, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir weisen etwa frühzeitig auf mögliche Probleme hin, an die man bei der ersten Firmengründung vielleicht nicht gleich denkt.

Sevinç: Ein wichtiger Aspekt ist auch das Fachsimpeln. Ich bezeichne mich als CTO, entwickle noch viel selbst und versuche, mich dadurch auf dem Laufenden zu halten. In der Szene gibt es immer wieder neue Entwicklungen, und man diskutiert dann etwa über den Einsatz verschiedener Programmiersprachen. Durch den Austausch lerne ich, was aktuell aufkommt und spannend sein könnte. Ich lerne dadurch am Ende gefühlt mehr als das Start-up.

Welche Bedeutung hat das Web für Sie persönlich?

Sevinç: Das Web ist für mich enorm wichtig. Es wurde während unserer Studienzeit gross und eröffnete uns neue Möglichkeiten. Für mich ist das Web zu meiner Existenzgrundlage geworden. Alles, was ich in den letzten 15 Jahren beruflich gemacht habe, hat auf irgendeine Weise mit dem Web zu tun.

Näf: Für mich gilt das Gleiche. Das Web ist nicht nur ­meine berufliche Grundlage geworden, sondern auch integraler Bestandteil des täglichen Lebens von uns ­allen.

Welche Entwicklungen im IT-Bereich bereiten Ihnen Sorgen?

Näf: Ich finde den Trend der Fake-News und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft besorgniserregend. Hier zeigt sich die unerfreuliche Seite der Skalierbarkeit heutiger IT-Technik, die von einigen ausgenutzt wird. Eine andere, nicht zu vernachlässigende Entwicklung ist die Konzentration der Wertschöpfung in den Händen immer weniger Menschen, ebenfalls eine Folge der enormen Skalierungseffekte. Das sind Eigenschaften von IT und Web, welche die Gesellschaft beeinflussen und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Sevinç: Kürzlich las ich auf Heise.de einen Beitrag über das Internet of – Zitat – «shitty» Things. Zu Recht wird darin kritisiert, dass Sicherheit und Privatheit zu wenig Beachtung geschenkt werden. Diese Entwicklung fällt bereits negativ auf uns zurück. Natürlich könnte ein zu enger Fokus auf die Sicherheit eine Entwicklung ausbremsen, von der sich die Wirtschaft viel erhofft. Bei der Entwicklung des Internet of Things erleben wir aber den anderen Extremfall. Hersteller werfen unsichere Produkte auf den Markt, die erschreckend einfach zum Schaden anderer eingesetzt werden können. Mein Toaster könnte etwa für eine DDoS-Attacke missbraucht werden. Das tut mir als Besitzer des Toasters nicht weh und dem Hersteller auch nicht. Die Kosten für die Attacke werden auf diese Weise externalisiert. Am Ende wird die Allgemeinheit diese wirtschaftlichen Schäden tragen müssen.

Was schlagen Sie vor?

Sevinç: Es würde bereits helfen, wenn sich Hersteller ein wenig mehr Zeit nähmen und auch in günstige netzwerkfähige Geräte zumindest Sicherheitsfunktionen einbauen würden, die längstens bekannt sind. Auf der anderen Seite sind auch wir Konsumenten gefordert. Anstatt das günstigste Gerät zu kaufen, könnten wir auf Modelle setzen, bei denen sich ein Anbieter Mühe gab, ein möglichst sicheres Produkt auf den Markt zu bringen.

Was fasziniert Sie an der IT?

Sevinç: Mich fasziniert, wie viel man heute mit geringen Mitteln starten kann. Ich kann mich heute mit einem Laptop in ein Café setzen und eine grossangelegte politische Kampagne starten. Oder das nächste Technik-Start-up.

Näf: In der IT entstehen immer wieder neue Innovationen, die aus informatischer Sicht sehr interessant sind, ein jüngeres Beispiel ist die Blockchain-Technologie. Auch sonst gibt es Eigenheiten, wie etwa die oben diskutierten Skalierungseffekte und die gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich in so kurzer Zeit ergaben. Ich bin froh, dass ich in der IT gelandet bin.

Webcode
DPF8_33294

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