"Frontend rules the web"

Framework-Wirrwarr und Javascript-Müdigkeit - so gehen Schweizer Agenturen damit um

Uhr | Aktualisiert

Die Webbranche ändert sich rasant. Die Logik zieht ins Frontend, Frameworks und Buildtools verändern sich ständig, und der Druck in den Projekten steigt. Viele Entwickler macht das müde. Wie gehen Schweizer Webagenturen damit um? Die Redaktion hat nachgefragt.

(Quelle: Fotolia)
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Die Redaktion hat bei Schweizer Agenturen nachgefragt, was sie am meisten beschäftigt. Der erste Teil der Umfrage drehte sich um Trends in der Webentwicklung. Im zweiten Teil geht es nun um die Kurzlebigkeit von Frameworks und den Schub hin zu Frontend-Technologien. Auch Javascript Fatigue ist ein Thema.

Die Webagenturen Hinderling Volkart, Liip, Namics, Netcetera, Notch Interactive und Unic schickten der Redaktion Antworten auf ihre Fragen. Auch Sascha Corti, Technical Evangelist bei Microsoft Schweiz, und Matthias Stürmer, Vorstandsmitglied der Swiss Open Systems User Group CH Open, äusserten sich.

Frontend rules the web

Welche Herausforderungen gibt es für Entwickler? IT-Sicherheit, die Integration von Lösungen in Drittsysteme und das Thema UI/UX, antwortet Notch Interactive.

Namics-CEO Jürg Stuker sagt: "Frontend rules the web. Der Trend zu Frontend-Technologien bleibt ungebremst." Das stellt auch Hinderling Volkart fest: "Viel Logik wird neu im Frontend erledigt und nicht mehr nur im Backend." Das erlaube neue, hochinteraktive Lösungen, die kaum noch Einschränkungen mit sich brächten.

Problematisch ist laut Netcetera die Kurzlebigkeit der Frameworks. Weil die Agenturen diese in businesskritischen Projekten einsetzen. Auch Liip stellt das fest. Entwickler müssten ständig Neues lernen – Stichwort Javascript Fatigue.

Das betreffe nicht nur Frameworks wie AngularJS oder React, sondern auch die Art, wie Code generiert werde. Fast bei jedem Projektstart sei ein neues Buildtool (Grunt, Gulp, Webpack, Rollup) State of the Art. Das erschwere das initiale Projekt-Set-up.

Der schnelle Wandel der Technologien könne auch im späteren Verlauf eines Projekts Schwierigkeiten verursachen, sagt Liip. "Durch die raschen Entwicklungszyklen fehlt es häufig an Features, die für komplexere Frontend-Projekte benötigt werden."

"Es ist schwierig, jeden Trend mitzumachen"

Die Arbeit bewege sich vom "Selbermachen" hin zum "Komponieren", schreibt Unic. Die Entwickler müssten heute über sehr viele Services und Frameworks Bescheid wissen. "Dies erfordert einen grossen Erfahrungsschatz und viel Weitsicht", sagt Unic.

Hinderling Volkart schlägt in die gleiche Kerbe. Technologien würden rasant wechseln, was oft einen starken Skill-Shift erfordere. Ein Frontend-/Interaction-Developer sollte nicht nur solide Kenntnisse in Grundtechnologien wie HTML, CSS und Javascript haben. Er müsse auch diverse Frameworks beherrschen, visuell und konzeptionell stark sein und mitdenken. "Es ist schwierig, jeden Trend mitzumachen." Jeder Entwickler müsse darum selbst entscheiden, wo er seine Schwerpunkte setze.

Offene Technologien befeuern den Wettbewerb

Die heissesten Open-Source-Trends sind laut Stürmer Docker, Javascript-Techniken wie Node-JS und Frameworks wie Ruby on Rails. Es gebe einen Wettstreit um offene Frameworks, der vom Mobile-Trend begünstigt werde. Die Frameworks würden um die Gunst der Entwickler buhlen. Als Beispiel nennt Stürmer Django. Wer sich in der Entwicklergemeinschaft durchsetze, könne einen Quasi-Standard etablieren.

Hinzu komme ein Wettbewerb um Editoren. Adobe biete etwa die quelloffene Entwicklungsumgebung Brackets an, die auf Javascript basiere. Das spiele Entwicklern in die Hände – die Bedienung der Editoren werde immer komfortabler.

Open Source gegen den Fachkräftemangel

Der intensive Kampf um Fachkräfte sei ein weiterer Antrieb für Webfirmen, quelloffene Lösungen anzubieten. "Wenn man Code quelloffen macht und Entwicklern anbietet, kann man Talente anlocken, die die angebotene Technik schon kennen und sich bereits eingearbeitet haben", sagt Stürmer.

Diese Entwicklung nutze aber nicht nur grossen Unternehmen. Bei der Suche nach talentierten und bezahlbaren Webentwicklern würden auch KMUs vom Open-Source-Trend profitieren, sagt Stürmer. Sie könnten nun zum Beispiel talentierte Javascript-Entwickler anstatt Spezialisten für eine proprietäre Software einstellen.

Mathematik wird wichtiger

Technologien wie WebGL würden ein komplett neues visuelles und mathematisches Skillset erfordern, sagt Hinderling Volkart. Das Gleiche gelte für Deep Learning und AI. Auch der Wechsel weg vom CMS als umfassendes Content-System hin zum Headless CMS sei eine Herausforderung. CMS hätten lange alle Bereiche einer Website umfasst, etwa die Datenbank, das Content-Management und die Frontend-Templates. Headless-CMS hingegen seien nur noch Datenlieferanten für das Frontend. Dieses verschmelze mit dem Backend, was die Entwickler fordere und neue Skills brauche.

In den klassischen Disziplinen (HTML, CSS, JS) gebe es enorme Fortschritte. Best of Swiss Web 2017 zeige, wie stark das Niveau gestiegen sei. "Es scheint, als sei nun auch ein klassischer Frontend Developer als echter Entwickler anerkannt", schreibt Hinderling Volkart. Der Trend gehe weg vom alleskönnenden Full-Stack-Entwickler.

Entwickler in der Krise?

Netcetera sieht noch eine weitere Herausforderung: Es gehe heute um viel mehr als bloss darum, wer wie viel Zeilen Code pro Zeiteinheit schreibe. Das könne Entwickler in eine Existenzkrise stürzen.

Die Agentur findet klare Worte: "Schweizer Entwickler werden überflüssig, wenn sie nicht in der Lage sind, ihre abgrenzenden Qualitäten im internationalen Wettbewerb auszuspielen." Entwickler sollten deshalb die Wünsche, Sprache, Kultur und das Geschäft der Kunden verstehen – "das Zwischenmenschliche".

Webcode
DPF8_37276

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