Open Source

"Das Lobbying von Microsoft ist ein Problem – gerade in der Schweiz"

Uhr | Aktualisiert

Nur wenige kennen die Schweizer Open-Source-Szene so gut wie Matthias Stürmer. Das Vorstandsmitglied des Vereins CH Open spricht im Interview über die wundersame Wandlung Microsofts, dessen Annäherung an die Open-Source-Community und offene Software in der Cloud. Er erklärt zudem, wo sich Microsoft noch verbessern kann.

Matthias Stürmer, Vorstandsmitglied des Vereins CH Open.
Matthias Stürmer, Vorstandsmitglied des Vereins CH Open.

Für Microsoft und die Open-Source-Community war es früher ­undenkbar, zu kooperieren. Heute hat niemand mehr Open-Source-Unterstützer auf Github als Microsoft. Hat Sie das überrascht?

Matthias Stürmer: Nein und ja. Nein, weil ich schon vor zehn Jahren mit Microsoft Kontakt hatte. Der Konzern gab sich damals grosse Mühe, seine noch bescheidenen Open-Source-Aktivitäten hervorzuheben. Microsoft war es schon immer wichtig, in der Community präsent zu sein. Etwa an den Openexpo-Veranstaltungen von 2006 bis 2011, wo sich Open-Source-Entwickler und -Anbieter trafen. Es erstaunte mich trotzdem zu sehen, wie viel Microsoft in Open-Source-Projekte auf Github investiert.

Lobenswert, nicht?

Ja, aber man muss es auch relativieren. Geld verdient Microsoft immer noch mit proprietärer Software wie Microsoft Office. Es ist etwa so, wie wenn ein Ölkonzern in erneuerbare Energien investiert, weil er merkt, dass die Zukunft nachhaltig ist, aber sein Geld weiterhin vor allem mit Benzin verdient. Grosse Firmen wie Microsoft müssen bei allen Branchen-Trends mitmachen. Sonst können sie wichtige Entwicklungen verpassen. Es ist darum logisch, dass Microsoft in Open Source investiert.

Sogar Open-Source-Dienstleister, die Microsoft gerichtlich ­bekämpften, sind nun beste Partner des Windows-Konzerns.

Firmen und Behörden arbeiten auf Desktops meist mit Microsoft-Produkten. Interessiert sich ein Open-Source-Anbieter für Arbeitsplatzrechner, muss er Lösungen mit kompatiblen Schnittstellen und Datenquellen in die Microsoft-Welt integrieren können. Die Anbieter sollten wissen, welche Produkte und Services auf welche Plattformen kommen werden. Wer die Roadmap kennt, kann planen. Die IT-Welt ist hybrid. Open-Source-Integratoren müssen sich darum gut in der proprietären Welt auskennen.

Warum musste sich Microsoft für die Open-Source-Welt öffnen?

Open Source hat zu viele Vorteile. Wer die richtige Lizenz nutzt, kann offene Komponenten in proprietäre Produkte einbauen. Microsoft will, dass seine mit Open Source funktionieren. Und Open-Source-Entwickler sind hervorragende Programmierer, die Microsoft gerne anstellt.

Wo kann sich Microsoft noch verbessern?

Aus Business-Sicht macht Microsoft wohl das Richtige: In Open Source investieren und gleichzeitig proprietäre Cash Cows wie Microsoft Office melken bis zum Gehtnichtmehr. Aus Sicht der Open-Source-Community sind die hohe Abhängigkeit der Kunden und das Lobbying von Microsoft aber ein Problem. Gerade in der Schweiz ist Microsoft eine Verkaufsorganisation, die bloss Marketing und Sales macht. Gegen so eine professionelle PR-Maschinerie haben es Open-Source-Anbieter schwer.

Als die Cloud kam, sagten viele, dass Open Source nun keine ­grosse Rolle mehr spiele. Passiert ist genau das Gegenteil. Warum?

Open Source war auf Servern schon immer stark. Technisch Versierte arbeiten gerne mit Linux und Co. Es gibt hochperformante Open-Source-Datenbanken, Analyse-Tools und Rendering Engines. Server und Speicher auf Open-Source-Basis skalieren ohne zusätzliche Lizenzkosten. Für Cloud-Anbieter ist das ein Vorteil. Google, Facebook und Amazon konnten nur gross werden, weil fast ihre gesamte Software­infrastruktur offen ist.

Microsofts Cloud heisst Azure. Auf ihr läuft bereits ein Drittel aller virtuellen Maschinen mit Linux. Wird sich dieser Trend verstärken?

Absolut. Es gibt keinen Grund mehr, Anwendungen wie SAP oder irgendwelche CMS freiwillig auf einem Windows-Server zu betreiben. Alle grossen Handelsbörsen funktionieren auf Linux, und Banken benutzen riesige Open-Source-Plattformen. Windows-Server werden heute nur noch eingesetzt, wenn unlösbare Abhängigkeiten der Anwendung vorhanden sind. Gerade mit Technologien wie Docker wird sich dieser Trend noch stark verschärfen.

Wann kommt das erste Open-Source-Windows?

Ich denke nicht, dass ein Open-Source-Windows sehr attraktiv ist. Das Know-how über die Software steckt fast ausschliesslich in den Köpfen von Microsoft-Mitarbeitern. Selbst wenn die Millionen Zeilen Windows-Code unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlicht würden, bräuchte es viele Jahre, eine Community aufzubauen. Darum glaube ich eher, dass der Linux-Desktop stetig weiterentwickelt wird, bis Windows auch auf dem Desktop verschwindet. Den Smartphone-Trend hat Microsoft ja komplett verschlafen, da ist Android mit Linux schon heute Standard.

Schweizer IT-Dienstleister sagen uns, dass Microsoft im Open-Source-Markt viel aktiver sei als die grossen Konkurrenzunternehmen. Erleben Sie das auch so?

Kommt drauf an, was "aktiver" bedeutet. Im Reden über Open Source ist Microsoft sehr gut geworden – wohl auch, weil die Medien gerne über den Wandel vom Saulus zum Paulus schreiben. Ich bedauere aber, dass Sales-Personen oftmals wenig bis gar keine Ahnung davon haben, was Open-Source-Software ist, was die rechtlichen Vorgaben sind, wie Communitys funktionieren und wie sie gemeinsam Code entwickeln.

Auch Google, Amazon und IBM öffneten sich teilweise für die Open-Source-Community. Wie schätzen Sie die Unternehmen diesbezüglich ein?

Google ist traditionell sehr nahe an der Open-Source-Szene dran. Sie rekrutieren die besten Leute aus den unterschiedlichsten Communitys. Dieser Brain Drain hat Google 2005 zum Start des Summer-of-Code-Programms bewogen. Google finanziert jedes Jahr über 1000 Studenten die Sommermonate, wenn sie an einem Open-Source-Projekt mitprogrammieren. IBM kündigte bereits im Jahr 2000 an, 1 Milliarde US-Dollar in Linux zu investieren. Für IBM war und ist es wichtig, Server-Hardware zu verkaufen, die mit Linux läuft. Das Unternehmen braucht darum viele Linux-Entwickler im Haus. 2001 gab IBM den Quellcode der Entwicklungsplattform Eclipse frei. Ihr Ökosystem ist heute eines der grössten in der Open-Source-Welt. Und Amazon ist eines der Cloud-Unternehmen, die an allen Ecken und Enden auf Open Source setzen.

Und Apple?

Apple ist so ziemlich der proprietärste IT-Konzern. Er legt ein parasitäres Verhalten an den Tag. In Apple-Software steckt sehr viel Open Source. Das Unix-System FreeBSD ist die Grundlage von Apples Betriebssystem. Aber wenn’s ums Freigeben von Open Source geht, oder um die Kooperation mit der Community, dann geizt die Firma sehr. Selbst die Hardware ist oftmals so geschlossen konzipiert, dass es sehr schwierig ist, mit offener Software darauf zu arbeiten.

Werden Unternehmen in Zukunft noch stärker auf Open Source setzen?

Selbstverständlich – ob sie es wissen oder nicht, ob sie es wollen oder nicht. Besser wäre es jedoch, wenn auch das Grundlagenverständnis über Open-Source-Software steigen würde.

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