Nachgefragt

"Die Schweiz ist beim Thema Smart Citys eine Spätzünderin"

Uhr | Aktualisiert

Das Thema Smart City ist in der Schweiz angekommen. An Messen und Konferenzen schwärmen Referenten von den Chancen der digitalen Transformation Schweizer Städte. Doch wie weit ist die Schweiz tatsächlich? Edy Portmann, Förderprofessor an der Universität Bern und Spezialist für Smart-City-Projekte, ordnet ein.

Wo steht die Schweiz beim Thema Smart Citys im internationalen Vergleich?

Edy Portmann: Die Schweiz ist bei diesem Thema eher eine Spätzünderin und kommt erst jetzt langsam in die Gänge. Singapur, zum Vergleich, hat das Potenzial schon vor Jahren erkannt und belegt deshalb in vielen Studien jeweils einen Podestplatz. Die Ironie daran ist, dass sich Singapur bis vor Kurzem hierzu noch an der Schweiz orientierte. Neben Singapur werden häufig auch europäische Städte wie Amsterdam oder Wien als die smartesten Citys gehandelt – und zu denen kann die Schweiz durchaus aufrücken.

Welche Stadt ist die smarteste der Schweiz?

Das ist schwer zu beantworten, da jede Stadt ihre eigene, auf sie zugeschnittene Strategie entwickeln und implementieren muss. Was die zuvor erwähnten topplatzierten Städte aber gemeinsam haben, ist die Funktion eines Smart-City-CIOs. Es ist sicherlich von Vorteil, wenn sich eine Person oder eine Verwaltungsstelle als Fahnenträgerin für das Thema engagiert, so wie es etwa in St. Gallen oder Zürich der Fall ist.

Sind Smart-City-Projekte nicht zu klein gedacht? Bräuchten wir nicht viel eher Smart-Kanton- oder Smart-Region-Projekte?

Sie haben Recht: Smart-City-Projekte rechnen sich am besten für sogenannte Mega-Citys – also Städte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Wenn man dies nun auf die Schweiz überträgt, kann man sich diese im Jahr 2045 als eine grossflächige Mega-City, mit viel integriertem Grün- und Erholungsraum, vorstellen. Laut BFS-Schätzungen wird die Schweizer Bevölkerung nämlich in ungefähr 30 Jahren auf 10 Millionen angewachsen sein. Deshalb konzentrieren wir uns in unserer transdisziplinären Forschung bereits jetzt aus­ser auf Smart Citys auch auf smarte Regionen wie etwa der Hauptstadtregion Schweiz.

Wo verorten Sie die grössten Herausforderungen?

Immer mehr Städte und Gemeinden implementieren Strategien, um smart zu werden, oft fehlt es ihnen aber an holistischem Denken. Häufig werden etwa Energie-, Gouvernment- und Mobilitätsthemen in den Vordergrund gestellt und andere wie Bildung, Gesundheit und Gebäude dabei vernachlässigt. Vielfach scheitern indes "zu grosse" Projekte am Budget, was durch besseren Einbezug der Bürger umgangen werden könnte. Gemeinsam mit den Bürgern kann nämlich die Rolle der Stadt überdacht werden.

Welches Marktpotenzial sehen Sie im Bereich Smart City in der Schweiz für die ICT-Branche?

Getrieben von Trends wie dem demografischem Wandel, der Ressourcenknappheit und dem Klimawandel wächst der Markt für smarte Lösungen überall exorbitant. Städte müssen sich gezwungenermassen mit ICT-Lösungen ­beschäftigen. Laut einer aktuellen Schätzung des Beratungshauses Roland Berger wird sich der weltweite Markt bis 2023 wohl auf ungefähr 28 Milliarden Dollar verdoppeln. Darin wird sich dann sicherlich auch die eine oder andere Schweizer ICT-Firma mit einem Smart-City-Angebot ­finden.

Wo sehen Sie momentan das grösste wirtschaftliche Potenzial für Schweizer Kommunen im Bereich Smart City?

Die Pfeiler von Smart Citys sind Effizienzsteigerung, Nachhaltigkeit und Resilienz. Mittels gezieltem ICT-Einsatz können Entscheider in Städten Ersteres relativ einfach angehen und Kosten sparen. Durch Einbezug der Bevölkerung kann die Nachhaltigkeit und, darauf bauend, auch die Resilienz solcher Projekte angegangen werden. Dies führt im End­effekt zu effizienteren, technisch fortschritt­licheren, grüneren und sozial inklusiveren Kommunen. Generell sollte jedoch nicht der "Return on Investment" sondern besser das "Risk of not Investing" im Vordergrund stehen.

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