Health 2.017

E-Health nimmt Fahrt auf

Uhr | Aktualisiert

Am E-Health-Event "Health 2.017" haben sich Vertreter aus Politik und Wirtschaft über die Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen ausgetauscht. Zwischen den Möglichkeiten und der Realität besteht oft ein grosser Unterschied.

Das Podium (v.l): Stefan Spycher, Bundesamt für Gesundheit, Holger Baumann, CEO Insel Gruppe, Andy Fisher, Medgate, und Josef Müller, H+-Spitalverband (Source: Netzmedien)
Das Podium (v.l): Stefan Spycher, Bundesamt für Gesundheit, Holger Baumann, CEO Insel Gruppe, Andy Fisher, Medgate, und Josef Müller, H+-Spitalverband (Source: Netzmedien)

"Finanz und Wirtschaft" hat am Dienstag, dem 29. August, zur E-Health-Veranstaltung "Health 2.017" geladen. Die Veranstaltung fand im Auditorium der Stiftung Careum in der Nähe des Universitätsspitals Zürich statt. Als Keynote-Referent trat David Rowan vom britischen "Wired Magazine" auf. Er befasst sich in seiner journalistischen Tätigkeit mit innovativen Technologien. Er gab den Zuhörern einen Einblick, welche technischen Möglichkeiten sich aktuell im Bereich E-Health auftun. Viele Dinge, die vor einigen Jahren noch Science-Fiction waren, sind nun bereits Realität, wie er sagte.

David Rowan, Wired Magazine (Source: Netzmedien)

Beschleunigung der Technologien

Gerade im Gesundheitswesen nehme die Entwicklung nun Fahrt auf. "Alles beschleunigt sich", sagte er. Bisher sei der Bereich Gesundheit noch sehr stark von analogen Prozessen und der Allmacht der Pharmakonzerne wie auch Ärzte dominiert. Dieses ändere sich nun. Treiber dieser Entwicklung sei die Demokratisierung des Wissens. Expertise liege nicht mehr nur in den Händen von wenigen.

Als Beispiel nannte er die sogenannten Pharma-Hacker. Diese untersuchen die Zusammensetzung von Medikamenten grosser Pharmafirmen. Im Anschluss geben sie dann Anweisungen, wie diese kostengünstig nachgebaut werden können.

Mit künstlicher Intelligenz zur mehr Personalisierung

Die grösste Innovationskraft werde die künstliche Intelligenz haben, sagte Rowan. Gerade bei der Diagnose von Krankheiten sei diese dem Menschen bald überlegen, denn sie könne Daten viel schneller und besser auswerten. Gerade auch beim Trend zur Personalisierung in der Medizin sei dies von Vorteil, zeigte sich Rowan überzeugt. Durch das Auswerten von vielen persönlichen Daten liessen sich bessere, individuell abgestimmte Therapien entwickeln.

Jedoch müssten noch einige Fragen beantwortet werden, mahnte Rowan an. So sei noch unklar, wer genau Zugang zum Datenschatz habe. Keinesfalls sollten nur die Menschen mit Geld Zugang zu den neuen Technologien haben, betonte er.

Diskrepanz zwischen Möglichkeiten und Praxis

Im Anschluss diskutierten Vertreter von Spitälern und Politik auf einem Podium teilweise kontrovers über das Gesetz zum elektronischen Patientendossier (EPDG). Zugegen waren Stefan Spycher, Bundesamt für Gesundheit, Holger Baumann, CEO Insel Gruppe, Andy Fisher, Medgate, und Josef Müller, H+-Spitalverband und CEO Psychiatrische Dienste Graubünden.

Baumann zeigte sich von den Möglichkeiten beeindruckt, die Rowan in seinem Vortrag aufgezeigt hatte. Gleichzeitig wies er aber darauf hin, dass es eine grosse Diskrepanz zwischen dem Möglichen und der Realität gebe. Diese Kritik bezog er auch auf das EPD. Auch wenn sich langsam etwas in der Schweiz bewege, so müssten die niedergelassenen Ärzte besser eingebunden werden. Die doppelte Freiwilligkeit, wie aktuell im Gesetz vorgesehen, bringe seiner Ansicht nach nichts.

In dieser Auffassung unterstützte ihn auch Baumann. Er bedauere den "helvetischen Kompromiss" bei diesem Thema. Seiner Meinung nach schreite die Umsetzung des EPD viel zu langsam voran, auch wenn die Richtung stimme. Im Prinzip sei die Schweizer Gesundheitslandschaft ideal aufgestellt für die Digitalisierung, sie drohe aber die Entwicklung zu verschlafen. Baumann hofft daher, dass der ökonomische Druck und auch die Nachfrage der Patienten die niedergelassenen Ärzte möglichst schnell zur Implementierung des EPD zwingen. Es brauche daher kein neues Gesetz, sondern mehr Anreize, zeigte er sich überzeugt.

Spycher vom Bundesamt für Gesundheit verteidigte den gefundenen Kompromiss. Es sieht das EPD als ein "lernendes Projekt". Es entwickle sich ständig weiter. Zudem betonte er, dass die Digitalisierung an sich kein Selbstzweck sein solle. Der Nutzen für die Leistungserbringer wie auch für die Patienten müsse den Ausschlag geben. Nur so werde das EPD auch angenommen.

Finanzierung ist ein Knackpunkt

Einer der grössten Stolpersteine für das EPD wird die Finanzierung sein. Diese wurde im Gesetz nicht geregelt. Spycher vom Bundesamt für Gesundheit verteidigte dies. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist seiner Ansicht nach keine Aufgabe des Staates. Er zog den Vergleich zur Bankenbranche. Auch hier regle der Markt die Digitalisierung. Daher sei die momentan vorgesehene Anschubfinanzierung vonseiten des Bundes für ihn ausreichend.

Anders sah dies Müller vom H+-Spitalverband. Für ihn ist die Finanzierung genau das Dilemma. Der Föderalismus führe dazu, dass die Stammgemeinschaften ganz unterschiedlich finanziert seien und der Betrieb überall anders geregelt sei. Dadurch werde viel Geld verschwendet. Müllers Meinung nach hätten sich Bund, Kantone und Gemeinden zusammenfinden sollen, um ein einheitliches Modell zu entwickeln. Dem stimmte auch Baumann zu. Seiner Meinung nach darf das Gesundheitswesen nicht nur nach dem Markt ausgerichtet sein.

Impulse zum Nachdenken

Zum Abschluss des Vormittags traten Referenten in sogenannten 15-minütigen Impulsreferaten auf. Marc Studer und Ralph Läubli von der Firma Nodus zeigten etwa, was die Medizin von der Luftfahrt lernen könne. Nodus bietet eine Art Checkliste an, die Ärzte bei der Behandlung unterstützen soll. Dadurch sollen Fehler vermieden und schneller auf Zwischenfälle reagiert werden können. Zudem plädierten die Referenten für eine "no blame culture" in der Medizin. Alle Fehler sollten transparent berichtet werden, damit andere daraus lernen können. In der Luftfahrt werde dies schon seit vielen Jahrzehnten erfolgreich praktiziert.

Marc Studer, Nodus (Source: Netzmedien)

Danach betrat Dacadoo-Gründer Peter Ohnemus die Bühne. Mit einer flammenden Rede nahm er die Gäste in die Verantwortung, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Dem aktuellen Krankenkassensystem bescheinigte er ein sehr schlechtes Zeugnis. Es werde viel zu wenig in die Prävention investiert, was zu explodierenden Prämien führe. Das aktuelle Solidaritätssystem sei zwar für chronisch kranke Personen sehr gut, jedoch schaffe es falsche Anreize für Menschen mit einem schlechten Lebensstil. Für Ohnemus müsse sich dies ändern. Ein guter Lebensstil und Prävention müssten sich auszahlen. Nur so liessen sich langfristig die steigenden Kosten für Gesundheit in den Griff bekommen, betonte er.

Peter Ohnemus, CEO Dacadoo (Source: Netzmedien)

Der langjährige Leiter der Informatik im Basler St. Claraspital, Yves Laukemann, sprach im Anschluss über die Digitalisierungsbemühungen seines Hauses. Dafür habe das Spital extra die Funktion eines Digital Officers geschaffen, der auf der Geschäftleitungsebene angesiedelt sei. In seinem Fazit sagte Laukemann, dass die Digitalisierung vor allem sehr teuer werde. Die bisherigen Budgets würden dazu nicht ausreichen, zeigte er sich überzeugt. Zudem plädierte er für mehr Top-Down-Ansätze, wie etwa in Dänemark. Dies würde seiner Einschätzung nach mehr bringen. Auch die Belegschaft in Spitälern stelle die Digitalisierung vor Herausforderungen. Die Techniker sprechen schon vom Spital 4.0, aber die Nutzer sind oft noch User 1.0. Das Fax ist ihnen oft noch näher als der Computer. Die müsse sich ändern. Ausserdem brauche es in Zukunft neue Berufsfelder, und die Ärzte in der heutigen Form würden langfristig verschwinden, prophezeite er.

Yves Laukemann, Leiter Informatik St. Claraspital in Basel (Source: Netzmedien)

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