Barrierefreiheit im Berufsalltag

"Bildung und Technologie sind Voraussetzungen für Inklusion"

Uhr | Aktualisiert

Alireza Darvishy ist Professor für Informatik mit dem Schwerpunkt ICT-Accessibility am Institut für angewandte Informa­tionstechnologie der ZHAW. Er berät unter anderem Schweizer Behörden und Unternehmen bei Fragen der Barrierefreiheit. Für seine Forschungstätigkeit erhielt er 2016 die Auszeichnung «Unesco Prize for Digital Empowerment of Persons with Disabilities».

Alireza Darvishy, Professor für Informatik mit dem Schwerpunkt ICT-Accessibility am Institut für angewandte Informationstechnologie der ZHAW.
Alireza Darvishy, Professor für Informatik mit dem Schwerpunkt ICT-Accessibility am Institut für angewandte Informationstechnologie der ZHAW.

Wie sind Sie auf Ihr Forschungsfeld ICT-Accessibility ­gekommen?

Alireza Darvishy: Ich habe seit dem 15. Lebensjahr als Folge eines Unfalls eine starke Sehbehinderung. Ich kann nur noch schemenhaft sehen. Dennoch machte ich meine Matura und studierte dann Informatik. Während des Studiums stiess ich auf diverse Barrieren, die mich im Alltag vor Herausforderungen stellten. Ich sah aber auch die Chancen. Daher widmete ich mich nach dem Di­plom – als Fachmann wie auch als Betroffener – der Forschung auf dem Gebiet ICT-Accessibility.

Gerade wegen des Fachkräftemangels in vielen Bereichen ist es doch wichtig, dass auch Menschen mit Beeinträchtigungen in den Arbeitsprozess eingebunden werden.

Das sehe ich auch so. Zurzeit bin ich daran, für Jugend­liche mit Beeinträchtigungen in Zusammenarbeit mit zwei Schweizer Hochschulen ein Projekt aufzugleisen. Wir wollen untersuchen, welche Faktoren bei der Integration in den ersten Arbeitsmarkt wichtig sind. Technologien spielen hier eine sehr grosse Rolle. Insbesondere sollen sie Personen helfen, die bisher Schwierigkeiten hatten, einen Job im ersten Arbeitsmarkt zu finden. Auch wollen wir neue Perspektiven aufzeigen.

Wo sollte Ihrer Meinung nach vor allem angesetzt werden?

Die Bildung ist ganz zentral. Ich bin der Meinung, man sollte Schüler mit Behinderungen möglichst schnell mit den neuesten Technologien vertraut machen und ihnen diese zur Verfügung stellen. Das wird auch schon gemacht. Wichtig ist, dass auch die Schulen und Hochschulen barrierefrei sind. Die Betroffenen benötigen nicht nur assistierende Technologien, sie müssen auch dafür sensibilisiert werden. Sie müssen die Technologien einfordern, denn eine gute Bildung ist gerade für Menschen mit Behinderungen extrem wichtig und das beste Kapital. Nur so stellt sie am Ende auch ein Unternehmen ein. Man darf nicht einfach in der Opferrolle verharren. Bei gut ausgebildeten Menschen ist auch die Hemmschwelle für Unternehmen kleiner, diese einzustellen.

Braucht es strengere Gesetze?

Gesetze sind sehr wichtig. Es braucht zusätzlich eine proaktive Haltung der betroffenen Menschen mit Behinderung. Ihnen muss das Wissen vermittelt werden, damit sie auch etwas leisten können. Und es müssen immer mehr unterstützende Technologien bereitstehen. Wenn die Betroffenen aktiv etwas von Unternehmen und der Gesellschaft einfordern, dann wird sich mehr bewegen.

Warum ist das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen bei Schweizer Unternehmen noch wenig ausgeprägt?

Das ist vor allem eine kulturelle Frage. In der Schweiz gab es glücklicherweise viele Jahre keinen Krieg mehr und damit auch wenige Menschen, die durch den Krieg Behinderungen davongetragen haben. In den USA ist dies etwas ganz anderes. Seit 1981 gibt es dort den American Dissability Act, der für diese Zeit sehr fortschrittlich war und eine Entwicklung zugunsten von Menschen mit Behinderungen in Bewegung setzte. Grossfirmen werden dadurch gezwungen, auch barrierefreie Technologien für Menschen mit Behinderungen zu entwickeln. Dies ist in den USA eine Selbstverständlichkeit. In Europa hinken wir diesbezüglich etwas hinterher. Aber wir holen auf. Auch auf Gesetzesebene wird Inklusion zunehmend grossgeschrieben. Kulturell setzt sich auch langsam die Erkenntnis durch, dass Behinderungen zum Leben gehören und nicht mehr als Stigma oder Last gesehen werden. Das Leben und die Gesellschaft sind jedoch sehr vielseitig. Es gibt viele verschiedene Menschen. Vielleicht kann ein Mensch mit einer Beeinträchtigung gewisse Dinge nicht machen, dies muss man anerkennen. Diese Menschen haben dann aber andere Fähigkeiten, die ausgeprägter als bei anderen Menschen sind und die durch assistierende Technologie unterstützt werden.

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