Digitalisierung im Spital

Schweizer Spitäler setzen auf Operationsroboter – und zögern bei AR und VR

Uhr | Aktualisiert

Schweizer Spitäler verwenden im Operationssaal oft Roboter. Doch wie hoch ist ihre Akzeptanz bei den Patienten? Lohnt sich die Anschaffung der Roboter? Und setzen die Spitäler auch schon auf Augmented und Virtual Reality? Die Redaktion hat nachgefragt.

(Source: FrankRamspott / iStock.com)
(Source: FrankRamspott / iStock.com)

Roboter haben ins Schweizer Spitalwesen längst Einzug gehalten. Das zeigt eine Umfrage der Redaktion. Sie befragte im Juli 2017 die 20 grössten Spitäler der Schweiz und erhielt 12 Rückmeldungen. 8 der 12 Spitäler gaben an, den Da-Vinci-Opera­tionsroboter zu nutzen.

Roboter im Operationssaal

Das Zuger Kantonsspital, die Lindenhofgruppe und das Spital Bülach verwenden keine Spitalroboter. Das Spital STS (Simmental-Thun-Saanenland) nutzt seit 2013 in der Spital­apotheke den Kommissionier- und Lagerautomaten Rowa Vmax. Die Gruppe werde bis Ende September die Operationssäle des Spital Thuns sanieren. Dabei würden auch bauliche Vorkehrungen getroffen, um eventuell zu einem späteren Zeitpunkt Operationsroboter zu installieren.

Der Da-Vinci-Roboter kommt vor allem in der Urologie, Chi­rurgie und Gynäkologie zum Einsatz. «Heute werden fast alle radikalen Prostatektomien, Teilnephrektomien, Nierenbeckenplastiken und ein immer grösserer Teil der Zystektomien mit Robotern durchgeführt», schreibt das Universitätsspital Zürich. Es sei davon auszugehen, dass Roboter in Zukunft auch in der Viszeralchirurgie, der HNO und bei Eingriffen am Herzen vermehrt eingesetzt würden.

Gründe für und gegen Roboter

Der Da-Vinci-Roboter arbeitet laut den Spitälern präziser als der Mensch. Er verkürze die Hospitation, verringere den Blutverlust und beschleunige die Heilung. «Nierenoperationen können zunehmend organerhaltend, Prostataoperationen nervenerhaltend und gynäkologische Tumoroperationen radikal und dennoch minimalinvasiv durchgeführt werden», so das Kantonsspital Baden.

Das Basler St. Claraspital weist darauf hin, dass Da Vinci auch den Bewegungsumfang vergrössere. Der Roboter habe Gelenke, die in alle Richtungen gedreht werden könnten. Die Steuerung sei sehr intuitiv, und schon nach kurzer Zeit stelle sich das Gefühl ein, Hände und Instrumente würden miteinander verschmelzen. Das Luzerner Kantonsspital ergänzt, dass das Infektionsrisiko bei den Patienten sinke und der Schmerzmittelverbrauch zurückgehe.

Eine im Fachmedium «The Lancet» publizierte Studie widerspricht einigen dieser Argumente. Mediziner der Universität Queensland im australischen Brisbane schauten bei Prostata-Entfernungen mit Da Vinci genauer hin. Fazit: Patienten hätten kaum Vorteile im Vergleich zu händischen Operationen. Entscheidend bleibe die Erfahrung des Arztes. Auch finanziell lohne sich die Anschaffung des Roboters, der rund 2 Millionen Franken kostet, oft nicht.

Patienten fragen explizit nach Robotern

Wie hoch ist die Akzeptanz des Roboters bei den Patienten? Sehr hoch, heisst es vonseiten der Spitäler. Das Kantonsspital Winterthur gibt an, dass über die Hälfte der Patienten von aus­serhalb des Spitalraums für einen urologischen roboterassistierten Eingriff nach Winterthur komme. Die Spitäler Baselland und Limmattal, das St. Claraspital und der Tessiner Spitalverbund Ente Ospedaliero Cantonale schreiben, dass Patienten sogar explizit eine Behandlung mit dem Operationsroboter wünschten. «Wir sind überzeugt, dass unsere Patienten von der neuen Technologie in hohem Mass profitieren», sagt Antonio Nocito, Direktor des Departements Chirurgie am Kantonsspital Baden. Das Spital setzt Da Vinci seit Mai ein. «Eine ortsnahe Versorgung mit der roboterassistierten Chirurgie entspricht einem nachvollziehbaren Bedürfnis und einem vielgenannten Wunsch unserer Patienten und unseren zuweisenden Ärzten.»

Die Akzeptanz von Da Vinci sei sehr hoch, sagt auch Martin Heubner, Direktor des Departements Frauen und Kinder am Kantonsspital Baden. «Wichtig ist, den Patienten zu erklären, dass es sich beim Roboter nicht um ein eigenständig agierendes System handelt, sondern um ein sogenanntes Master-Slave-System.» Nicht der Roboter operiere, sondern der Arzt mithilfe des Roboters.

Lohnt sich die Anschaffung der Roboter?

Auf die Frage, ob sich die Anschaffung der Operationsroboter lohne, gab es unterschiedliche Antworten. Laut dem Kantonsspital Winterthur ist das bei Da Vinci ab 200 Eingriffen pro Jahr der Fall. Das Spital in Winterthur erfülle dieses Kriterium. Es schreibt aber auch: «Selbstverständlich sind die meisten Da-Vinci-Telemanipulatoren in der Schweiz defizitär.» Trotzdem müsse heute jedes Kantonsspital und bald auch jedes kleinere Spital Da Vinci haben. Ohne den Roboter sei die Urologie nicht mehr zu betreiben.

Das Luzerner Kantonsspital sieht dies ähnlich. Eine Anschaffung der Roboter sei sinnvoll, wenn ein Spital spezialisiert sei und eine gewisse Grösse habe. So könne der Roboter auch gut ausgelastet werden. Das sei beim Luzerner Kantonsspital der Fall.

Monopolsituation verteuert Preise

«Die Anschaffung macht betriebswirtschaftlich eigentlich keinen Sinn», teilt das Spital Limmattal mit. «Wir wollen diese Technik aber unseren Patienten nicht vorenthalten.» Das Spital teile sich darum einen Roboter mit zwei anderen Spitälern. «Operationsroboter sind in der Tat sehr teuer», schreibt das St. Claraspital. Mit genug Übung würden die Operationszeiten wieder an die der konventionellen Chirurgie herankommen, was Mitarbeiter einsparen könne. «Wir sind der Meinung, dass sich die Anschaffung im Hinblick auf das Patientenwohl durchaus rechnet.»

Die Anschaffung und die Verbrauchsmaterialien seien teuer, sagt auch das Kantonsspital Baselland. «Leider gibt es ein faktisches Monopol der Firma, sodass sich die Preise nicht nach unten bewegen.» Für das Spital lohne es sich wahrscheinlich nicht, für das Gesamtsystem Gesundheitswesen vermutlich aber schon.

Roboter sind für Ärzte attraktiv

Es sei die Aufgabe eines Universitätsspitals, neue Technologien zu entwickeln, ihre Effektivität zu evaluieren und entsprechende Ausbildungen anzubieten, schreibt das Universitätsspital Zürich. «Diese Aufgaben haben einen Preis, wobei wir unsere Tätigkeit regelmässig auch auf Wirtschaftlichkeit überprüfen.»

Das Kantonsspital Baden lässt verlauten, dass eine Kosten-Nutzen-Analyse vor der Anschaffung eines Operationsroboters zwingend notwendig sei. «Wenn dank eines Robotereinsatzes ein Bauchschnitt vermieden wird, kann dies zu Kosteneinsparungen bei der Wundversorgung, beim Arzneimittelbedarf und der Pflege im Allgemeinen führen“, sagt Heubner. «Auch bei Tumoroperationen kann der Einsatz durchaus ökonomisch sinnvoll sein.» Ein Spital müsse in der Lage sein, moderne Behandlungsverfahren anzubieten, um wettbewerbsfähig zu sein. «Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, ist es sinnvoll, sich mit dieser Technik auseinanderzusetzen und seine Teams entsprechend auszubilden», sagt Heubner. Ein modern ausgestattetes Spital sei auch für die Ärzte interessant. Diese wünschten sich erfahrungsgemäss Schulungen mit modernen, innovativen Verfahren.

Augmented und Virtual Reality im Spital

Nutzen die Spitäler auch Augmented und Virtual Reality (AR und VR)? Für die Behandlung von Patienten noch nicht, schreiben das Luzerner Kantonsspital, das Spital STS und das Kantonsspital Winterthur. Es seien aber Technologien für die Zukunft, so das Kantonsspital Winterthur. Das Spital Limmattal gibt an, AR/VR im medizinischen Bereich noch nicht zu verwenden. VR werde aber für den Neubau des Spitals genutzt, der in einem Jahr einzugsbereit sein soll. Auch das Kantonsspital Baselland geht davon aus, dass AR/VR immer wichtiger wird. Der Spital nutze die Technologien im Bereich Nierentumore, wenn auch «noch sehr beschränkt». «Wir lesen schon heute Ultraschall und Röntgenbilder in die Operationskonsole ein», teilt das Kantonsspital Winterthur mit. Ausserdem sei es möglich, Prostata-Magnetresonanztomographien mit einer Software automatisch auszuwerten, 3-D-Tumorkarten zu entwerfen und diese in die Operationskonsole einzuspeisen.

Auch der Tessiner Spitalverbund Ente Ospedaliero Cantonale äusserte sich zu Augmented und Virtual Reality. Das Interesse an den Technologien im medizinischen Bereich steige mit der Verbreitung in der Unterhaltungselektronik. Einige Verfahren würden in der Medizin aber schon lange genutzt. Etwa die Maximumintensitätsprojektion, ein Verfahren aus der Bildverarbeitung in der medizinischen Diagnostik. Oder die multiplanare Reformatierung, eine zweidimensionale Bildrekonstruktion in der Computertomographie, Nuklearmedizin und der Kernspintomographie. Der Spitalverbund erwähnt zudem die 4-D-Ultrasound-Technologie und chirurgische Navigationssysteme.

Trainieren mit Virtual Reality

Das Universitätsspital Zürich verwendet Virtual Reality für ­Si­mulatoren und das Training von Fertigkeiten. Einzelne Facharzt­ausbildungen würden VR-Anwendungen für die Bronchoskopie (Lungenspiegelung) nutzen, besonders interventionelle Fächer. Auf der Stufe Ausbildung/Studium komme VR aber noch wenig zum Einsatz. Die Technologie werde aber sicher auch auf dieser Stufe Einzug halten, schreibt das Universitätsspital Zürich.

VR werde vor allem bei Schulungen für die roboterassistierte Chirurgie eingesetzt, schreibt hingegen das Kantonsspital Baden. Programme könnten Operationsschritte und Geschicklichkeitsübungen simulieren. So sei es möglich, die Zeit, die Präzision der Bewegungen und die Fortschritte im Training objektiv zu messen. «Es ist gut vorstellbar, das Virtual Reality Relevanz in der medizinischen Ausbildung erlangen wird», sagt Heubner. «Auch im Bereich der Patientenaufklärung ist ein Einsatz vorstellbar.»

Das Spital Limmattal führt Mitarbeiterschulungen für seinen Neubau durch. In diesen setzt er für einzelne Berufsgruppen gezielt VR ein. «Wir sehen in AR/VR grosse Potenziale für die Medizin, sei es in Diagnostik, Operationsplanung oder Behandlung», schreibt auch das St. Claraspital. Die Ausbildung profitiere. Simulatoren und Live-Vorführungen könnten helfen, in einer risikofreien Umgebung neue Fähigkeiten zu erwerben.

Das Luzerner Kantonsspital gibt an, für die Ausbildung von Chirurgen seit 14 Jahren mit Virtual-Reality-Trainern zu arbeiten. Diese würden es erlauben, Abläufe wie eine Gallenblasenoperation am Trainer zu perfektionieren, bevor man unter Anleitung den ersten «echten» Patienten operiere.

Virtuelle Wohlfühlatmosphäre

«AR ist im Bereich roboterassistierter Verfahren nicht mehr fern», sagt Heubner vom Kantonsspital Baden. Als Beispiel nennt er die Hybrid-Bildgebung. Mit ihr könne ein Arzt präoperativ angefertigte Bilder (etwa Gefässdarstellungen) intraoperativ auf Organe projizieren, um Strukturen zu schonen oder abzusetzen. Erwähnenswert sei auch eine Videobrille mit Kopfhörern, die das Kantonsspital Baden Patienten während einer Operation zur Verfügung stelle. So könnten (teilnarkotisierte) Patienten einen Film schauen, während der Chirurg den Eingriff vornehme. Das Angebot sei vor allem bei Kindern und Jugendlichen beliebt. «Die Videobrille hilft den kleinen Patienten, den Eingriff entspannter zu erleben», sagt Janine Streich, leitende Ärztin Anästhesie am Kantonsspital Baden. «Das kann so weit gehen, dass wir weniger Schmerzmittel und Sedative verabreichen müssen.»

«Wir setzen heute zum Beispiel im Bereich der virtuellen Colonoskopie (Darmspiegelung im CT) auf Augmented Reality», schreibt das St. Claraspital. Die generierten 3-D-Ansichten könnten sowohl die Diagnostik als auch die operativen Eingriffe unterstützen. Bei Untersuchungen mit dem Dual-Layer-Detektor-CT, dem Iqon Spectral CT, komme auch VR zum Einsatz. Das Spital biete eine massgeschneiderte Ambient-Experience-Lösung mit dynamischer Beleuchtung, Video und Musik. Das schaffe eine entspannte Umgebung für den Patienten bei CT-Verfahren.

Erste Pilotprojekte

Auch das Luzerner Kantonsspital sieht Potenzial in Augmented Reality. Die Technologie könne Chirurgen führen, ähnlich wie ein Instrumentenflugverfahren in der Luftfahrt. Die Systeme würden vor Gefahren warnen, die mit blossem Auge oder für herkömmliche Kameras nicht sichtbar seien. Operationsroboter seien besonders geeignet, um solche Techniken zu integrieren. In kleinem Masse finde das auch schon statt. Durchblutungsverhältnisse etwa könnten bereits heute mit der Fluoreszenzmethode mit Indocyaningrün und der Near-Infrared-Technologie geprüft werden.

Das Kantonsspital Baselland erhofft sich durch AR/VR eine höhere Sicherheit und eine bessere Planbarkeit der Eingriffe. Das Spital gibt an, Pilotprojekte in der Forschung durchzuführen. Auch das Universitätsspital Zürich experimentiert mit den Technologien. Im Bereich der Hygiene gebe es ein Pilotprojekt, mit dem das Spital das Risikoverhalten und die Risikowahrnehmung unsichtbarer infektiöser Risiken erfassen will, etwa die Händehygiene. «Visionäres Ziel ist es, mit Augmented Reality diese Risiken erlebbar zu machen», teilt das Spital mit.

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