Interview mit Christian Geiger, CDO Stadt St. Gallen

Eine smarte Stadt braucht auch smarte Bürger

Uhr | Aktualisiert

Seit Oktober ist Christian Geiger in St. Gallen der erste Chief Digital Officer einer Schweizer Stadt. In dieser Funktion zeichnet er ­massgeblich für die städtische Smart-City-Strategie verantwortlich. Im Interview spricht er über seine Pläne und die ­Herausforderungen für ein smartes St. Gallen und darüber, warum es dafür mehr als nur Technik braucht.

Christian Geiger, CDO St. Gallen. (Source: Stadt St. Gallen)
Christian Geiger, CDO St. Gallen. (Source: Stadt St. Gallen)

Wie sind Sie zum Thema Smart City gekommen?

Christian Geiger: Nach meinem Studium war ich fünf Jahre an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit den Schwerpunkten Open Government und Open Data tätig. Dabei kam ich auch mit dem Projekt «T-City Friedrichshafen» in Kontakt. Dieses war eine Public Private Partnership zwischen der Stadt und der Deutschen Telekom. Hier konnte ich Erfahrungen im Bereich Smart City sammeln. 2013 wechselte ich nach Ulm, wo ich das Projekt Ulm 2.0 begleitet habe.

Worum ging es dabei?

Hierbei ging es vor allem darum, wie Social Media für Transparenz und eine stärkere Beteiligung der Bürger genutzt werden kann. Das Thema wurde dann in Richtung «digitale Stadt» ausgebaut. Ich schrieb etwa das Konzept zur digitalen Stadt und setzte prototypisch bestimmte Projekte um, wie zum Beispiel das Projekt Zukunftsstadt 2030. Dies war eine Ausschreibung des Deutschen Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Darin sollten Konzepte entwickelt werden, wie die Stadt der Zukunft im Jahr 2030 aussehen könnte. Neben dem Projekt war ich auch im konzeptionellen Bereich viel unterwegs. Ein dritter Wirkungsbereich war die «initiative.ulm.digital». Bereits in Ulm konnte ich zahlreiche positive Impulse setzen und prototypische Projekte in Bezug auf die Digitalisierung fördern. Am Ende meiner Tätigkeit dort stand der Aufbau einer «Geschäftsstelle Digitale Agenda», die mit drei weiteren Mitarbeitern die Digitalisierung vorantreibt und Projekte umsetzen wird.

Was hat Sie dazu bewogen, nach St. Gallen zu kommen?

Der Wechsel war für mich etwas Besonderes – in meinen Augen vereint die Stadt verschiedene Aspekte: St. Gallen ist gleichermassen lebenswert, technologieaffin und innovationsfreundlich. Die Stadtwerke haben sich mit der Initiative zur «Smart City» bereits früh der Digitalisierung verschrieben. Die Universität und die Hochschulen sorgen zusammen mit einer lebendigen Start-up-Szene in der Start-up-Förderungsplattform «Startfeld» für einen hervorragenden Rahmen. Dieses positive Umfeld, gepaart mit den Herausforderungen der Digitalisierung, aber sicherlich auch die Gestaltungsspielräume und die besondere Verantwortung, die mit der Funktion als CDO einhergehen, waren für mich wesentliche Beweggründe.

Wie genau sind Sie als CDO in der Organisation verankert?

In meiner Funktion bin ich dem Stadtpräsidenten Thomas Scheitlin zugeordnet. Mit dieser Verankerung kann ich die Klammer zwischen den fünf Direktionen und den einzelnen Smart-City-Projekten bilden, die von ganz unterschiedlichen Direktionen angestossen werden. Zudem werde ich dem Lenkungsausschuss Smart City der Stadt vorsitzen. In diesem werden die einzelnen digitalen Projekte gebündelt. Die Besonderheit meiner Stelle ist, dass es nicht primär um Technologien geht, wie etwa beim CIO. Für mich ist auch die Schnittstelle nach aussen sehr wichtig. Dazu gehören etwa lokale Initiativen wie «IT St. Gallen rockt» oder «Startfeld». Für mich ist es sehr wichtig, dass man als CDO in sehr engem Austausch bleibt, dies auch zu den wissenschaft­lichen Partnern wie der Universität St. Gallen.

Braucht es mehr CDOs für Schweizer Kommunen?

Ich denke ja, auf jeden Fall. Es ist eine klassische Querschnittsstelle, die Fach-Know-how aus dem technischen Bereich und soziale Themen bündelt. Sie kann aber auch Projekte auf strategischer Ebene vordenken oder eingetretene Pfade infrage stellen. Nicht nur die «klassische Wirtschaft», sondern auch die Verwaltungen sollten sich mit solchen Themen auseinandersetzen. Hierfür braucht es einen CDO. Die Aufgabe sollte nicht die dritte oder vierte Nebentätigkeit einer Führungskraft oder eines Mitarbeiters sein. Ein CDO ist damit ein Gewinn für die Verwaltung und für den Standort.

Was sind die nächsten Projekte?

Ausser den Organisationsthemen stehen auch eine Weiterentwicklung des Themas Internet der Dinge und der Lora-Thematik an. Wir stellen uns da die Frage, wo es sinnvoll ist, mit Sensoren zu arbeiten, und wo nicht. Ein weiterer Schwerpunkt wird Open Government Data sein. Wir wollen schauen, welche Daten wir als öffentliche Verwaltung frei zugänglich machen wollen. Ich stehe hier auch im engen Austausch mit der Stadt Zürich und Open Data Swiss. In diesem Bereich wird sich noch einiges tun. Generell wird das Datenmanagement, also der Umgang der Stadt mit Daten, ein grösseres Thema werden. Gerade weil durch den stärkeren Einsatz von Sensoren immer mehr Daten anfallen. Ein Legislaturziel ist zudem, eine digitale Agenda zu entwickeln. Darin wird festgeschrieben, bis wann wir welche Punkte umgesetzt haben wollen. Zurzeit läuft ein Smart-Parking-Projekt, das von den Stadtwerken angestossen wurde. Dazu wurden Sensoren verbaut, die Daten mit Angaben zu freien Parkplätzen übermitteln.

Warum ist dieses Projekt so wichtig für Sie?

Es ist für mich ein hervorragendes Beispiel, wie Innovationen vorangetrieben werden können. Es geht ums «Testen». Wir haben nicht nur Sensoren eines Herstellers verbaut, sondern solche von vier verschiedenen Herstellern. Damit können wir schauen, wie die verschiedenen Sensoren auf Regen, Schnee oder Eis reagieren und wie hoch die Messgenauigkeit im Vergleich zu den anderen Sensoren ist. Denn noch gibt es kaum Erfahrungen in diesem Bereich. Wenn wir nun massenhaft die Sensoren eines einzigen Herstellers verbaut hätten und sie falsche Messwerte angeben würden, dann hätten wir ein Problem. Wenn jemand etwa auf die angegebenen Messwerte vertraut und der Parkplatz dann doch nicht frei ist, dann schwindet das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des ­Dienstes.

Welchen Mehrwert bieten die Parksensoren für die Stadt noch?

Mit den Sensoren hoffen wir auch, den Parksuchverkehr zu reduzieren. Dieser wirkt sich auf Zeit, Stau und nicht zuletzt auch auf die Umwelt negativ aus. Gerade in einer geografisch eingeengten Stadt wie St. Gallen ist der Verkehr ein Dauerthema, und dies ist eine Möglichkeit, Entlastung zu schaffen. Gleichzeitig ist es ein schneller Gewinn für die Akzeptanz der Smart-City-Projekte.

Wie ist Ihre Rolle im Vergleich zu der bei den Stadtwerken, die viele der Smart-City-Projekte angestossen haben?

Die Stadtwerke decken primär den technischen Teilbereich ab. Meine Rolle als CDO ist es, auch den Blick weg vom Technischen zu lenken und sich zu überlegen, wie ich die Digitalisierung in die Stadt bekomme. Wie kann ich die sozialen Themen kommunizieren? Wie schafft man es, nicht die Technik, sondern den Menschen ins Zentrum zu rücken? Man sollte sich hier immer die Frage stellen: Warum machen wir das eigentlich?

Was meinen Sie damit?

Vor allem geht es darum, wie der Austausch zwischen Bürgerinnen und Bürger und Stadtverwaltung besser und schneller vollzogen werden kann. Da muss es einen Mehrwert für beide Seiten geben.

Die Smart City darf also kein Selbstzweck sein?

Genau. Auch Einsparpotenziale und die Optimierung von Prozessen ist ein wichtiger Punkt. Ich glaube, gerade bei Standardprozessen ist dies unstrittig. Schwieriger ist es bei Prozessen, bei denen ein gewisses Ermessen hinzukommt. Es geht dabei um Managementunterstützung (Steuerung), indem etwa die für eine Entscheidung nötigen Informationen automatisch bereitgestellt werden. Ziel ist es, eine Entscheidung besser einschätzen zu können: Wo sollen Personen weiterhin selbst entscheiden, und wo ist es kein Problem, einen automatisierten Prozess dahinter zu haben.

Wie setzen Sie Smart-City-Konzepte in die Praxis um?

Wir haben da momentan eine Pilotsiedlung «Sturzenegg». Hierbei handelt es sich um eine neue Überbauung mit drei grösseren Wohngebäuden. Entwickelt wurde dieses Projekt zusammen mit den Stadtwerken, der Stadt und der Wohnbaugenossenschaften. Wir begründen hier eine Smart-­City-Zelle, in der wir verschiedene Smart-City-Dienste testen. Ende November werden fast alle Mieter eingezogen sein. Das zentrale Steuerelement ist eine App. Mit dem Lora-Netz kann man dann etwa Strom-, Wasser- oder Wärme-Kenndaten ablesen.

Hört der Bereich Smart City schon bei diesen Punkten auf?

Nein. Beim zweiten Pilotquartier «Remishueb» wollen wir auch testen, wie man in einem bestehenden Wohngebiet etwas für das soziale Leben tun kann, indem man die Kommunikation zwischen den Bewohnern befördert. Wir erhoffen uns eine Intensivierung des Quartierlebens. Mit der Remishueb-App können die Bewohner nicht nur die Technik steuern, sondern auch mit der Verwaltung Kontakt aufnehmen und untereinander kommunizieren. Die Frage für uns ist, welchen Mehrwert Smart-City-Dienste in einer gewachsenen Nachbarschaft bringen und wie wir diese nutzen können? Bei den klassischen Smart-City-Debatten von Megametropolen wird oft von auf dem Reisbrett entwickelten Siedlungen ausgegangen. Dies sind völlig andere Dimensionen und Herausforderungen als in einer etablierten Nachbarschaftsstruktur. Es geht nicht darum, Menschen um eine Technik herumzubiegen, sondern eine Technik zu haben, die das Alltagsleben unterstützt.

Was sind die grössten Herausforderungen?

Ich finde es sehr wichtig, die Leute zu befähigen, mit dem Thema «smart» umzugehen. Wenn ich über eine Smart City spreche, dann spreche ich auch über «Smart People» und «Smart Citizens», die wissen, wie man sich in einer solchen Stadt bewegt und wie man verantwortungsvoll mit Daten umgeht.

Wo erwarten Sie die grössten Widerstände der Bürger?

Ich glaube, das sind Gewohnheiten. Gerade im Bereich der Mobilität wird dies deutlich. Wenn jemand gewohnt ist, mit dem Auto zu fahren, dann schaut er gar nicht, ob er mit dem ÖV schneller oder günstiger zum Ziel kommen könnte. Beim Kehricht ist dies ähnlich, wenn Bürger einen weiteren Weg zu einem Niederflurbehälter gehen müssten, anstatt den Abfallsack an die Strasse zu stellen. Wir müssen die Dienste so gestalten, dass es für den Nutzer eine möglichst geringe Umstellung bedeutet. Sie sollten intuitiv laufen.

Welchen Stellenwert hat die Sicherheit?

Einen sehr hohen. Jedoch müssen wir uns nichts vormachen: Absolute Sicherheit ist eine Illusion. Wir müssen uns fragen, welche Daten erhoben werden, wer die Daten verarbeiten kann, wo wir die Daten speichern, wer darauf Zugriff hat und auch mit welchen Geräten die Daten erhoben werden. Entsprechend spielt hier wieder das Thema Datenmanagement eine Rolle. Die Frage ist, welche Daten sind unkritisch, weil keine persönlichen Profile aus ihnen erstellt werden können. Das andere sind Daten, die sich relativ einfach vernetzen lassen. Ich glaube, dass der öffentliche Bereich, gerade durch das hohe Vertrauen der Bürger, in einer besonderen Verantwortung steht. Das Vertrauen muss gewahrt werden. Gleichzeitig muss man auch überlegen, welche Dienstleistungen die öffentliche Seite anbieten kann, damit die Bürger mit ihren Daten bewusster umgehen. Sie müssen sich bewusst werden, wo sie mit Daten zahlen. Als öffentlicher Bereich sind wir natürlich dazu angehalten, möglichst datensparsam umzugehen, also nur Daten zu erheben, die für die Erbringung der öffentlichen Leistungen notwendig sind.

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