Neue Geschäftsmodelle

Wie die Digitalisierung die Beratungsbranche umkrempelt

Uhr | Aktualisiert
von Marcel Urech und Joël Orizet und Rodolphe Koller

Beratungsunternehmen investieren in Technologien, um die Anforderungen der digitalen Transformation zu meistern. Die Devise lautet, interne Prozesse zu optimieren und neue ­Geschäftsmodelle zu entwickeln. Auch die ­Mitarbeiter müssen umdenken.

(Source: DrAfter123 / iStock)
(Source: DrAfter123 / iStock)

Beratungsfirmen reagieren auf Umwälzungen im Markt und versuchen, die Profile ihrer Berater zu verändern. "Technologische Kompetenz und Erfahrung werden in den Anforderungsprofilen für Wirtschaftsprüfer, Steuer-, Rechts- und Unternehmensberater immer wichtiger", sagt Stefan Pfister, CEO von KPMG Schweiz gegenüber "ICTjournal". "Im vergangenen Jahr investierten wir mehr als 7 Millionen Franken in die Aus- und Weiterbildung."

Bei EY klingt es ähnlich. Der Berater bot seinen Mitarbeitern 2017 rund 170 000 Stunden Weiterbildung an, wie es in einer Mitteilung heisst. Beratungsfirmen erweitern auch ihren Rekrutierungshorizont, um neue Mitarbeiter anzuziehen. Unter anderem Datenwissenschaftler, User-Experience-Spezialisten und Talente, die wirtschaftliche und technologische Fähigkeiten kombinieren, wie Reto Savoia, stellvertretender CEO von Deloitte Schweiz, im Interview erläutert (Seite 34).

Akquisition und Beratung auf Anfrage

Um Kunden die nötigen Kompetenzen für Transformationsprojekte zu bieten, haben Beratungsunternehmen sowohl ihre Kooperationen als auch ihre Übernahmeaktivitäten verstärkt – auch in der Schweiz. KPMG erwarb beispielsweise im Oktober 2017 das Basler Unternehmen Terria Mobile, das auf die Entwicklung mobiler Apps spezialisiert ist. Und Cognizant kaufte einen Monat später Netcentric, eine digitale Marketingagentur in Zürich.

Die Beratungsunternehmen arbeiten auch mit Inkubatoren wie dem Kickstart Accelerator in der Schweiz zusammen. Sie schliessen ausserdem Allianzen mit Technologieunternehmen. Ein gutes Beispiel dafür ist Deloitte, das weltweite Partnerschaften mit Apple, Amazon Web Services, Salesforce, Cisco, SAP und HP unterhält. Um den Ad-hoc-Einsatz von Beratern zu vereinfachen, experimentieren einige der Firmen auch mit On-Demand-Modellen.

KPMG Schweiz lancierte Ende 2016 einen Marktplatz, der es Unternehmen ermöglicht, bei besonders komplexen Anfragen oder bei dringendem Bedarf kurzfristig und über einen Zeitraum von bis zu 20 Tagen Berater zu finden. PwC bietet seit letztem Herbst mit Flexible Legal Resources einen ähnlichen Dienst an. Kunden können auf Rechts­experten zurückgreifen, um einen vorübergehenden Mangel an Ressourcen auszugleichen, sei es für langfristige Einsätze oder für spezifische Expertise.

Digitalisierung von Prozessen und Angeboten

Beratungsunternehmen investieren auch in die Digitalisierung ihrer eigenen Angebote und Prozesse. Aufgaben in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuern und Forensik lassen sich durch Software­lösungen zunehmend automatisieren.

Unternehmensberater EY Schweiz schreibt in einer Mitteilung, dass das Unternehmen drei wichtige Bereiche der Wirtschaftsprüfung bereits digital umsetze. Für den Austausch von Daten gebe es ein Kundenportal, für Abläufe im Business nutze man Process Mining, und auf Kommunikationsebene diene eine Plattform für Entscheidungsgremien als Kontrollinstrument. Darüber hinaus erlaubt es die Digitalisierung dem Unternehmensberater, seine eigenen proprietären Modelle und Tools in Anwendungen zu integrieren. EY könne seine Servicedienstleistungen so zu deutlich günstigeren Preisen anbieten.

Gemeinsam mit dem Schweizer Start-up Partnervine bietet PwC eine Plattform für On-Demand-Verträge. "Diese neue Dienstleistung ermöglicht einen direkten Zugriff auf die Expertise von PwC Legal. Der Kunde muss dafür nur einem Leitfaden folgen und automatisierte Fragebögen ausfüllen. Sie erlauben es, die notwendigen juristischen Unterlagen zu einem wettbewerbsfähigen und fairen Preis zu erstellen", schreibt das Beratungsunternehmen in einer Mitteilung.

Mckinsey Solutions bietet als Pionier auf dem Gebiet mehrere Dutzend Lösungen an, die stark auf Software setzen. Etwa Orglab, ein Tool für die Analyse von Organisationen, das auf Datenmanagement, Visualisierung und Design-Know-how aufbaut. Nach dem gleichen Prinzip vermarktet Deloitte eine Product-Lifecycle-Management-Lösung, die auf einem vorkonfigurierten System basiert und die Expertise des Unternehmens in den Bereichen Engineering, Prozessdesign und Change Management integriert.

Laut dem Marktforschungsunternehmen Forrester Research wird sich diese Art des Engagements – sogenanntes Asset Based Consulting – dank künstlicher Intelligenz stark weiterentwickeln. "Einige mühsame Aufgaben, wie die Analyse von Berichten, Budgets und Mitarbeiterstatistiken, erfordern heute keine Heerscharen von brillanten Diplomanden, die 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten. Stattdessen sammelt die Software relevante Daten und hilft Beratern, Trends, Themen, Ausnahmen und andere nützliche Informationen zu identifizieren", heisst es in einer Mitteilung von Forrester Research. Intelligente Maschinen könnten innerhalb von zehn Jahren 72 Prozent der Arbeit der Beratungsbranche erledigen, heisst es vonseiten Source Global Research. Der Beratungsmarkt konnte so aufgeteilt werden: ausser automatisierten Angeboten zu geringen Kosten sind menschliche Beratungsleistungen mit hoher Wertschöpfung und entsprechender Abrechnung denkbar.

Managed Services und Experimentiereinrichtungen

Um sich zu differenzieren, entwickeln Beratungsunternehmen auch Outsourcing-Dienstleistungen, welche die kompletten Prozesse ihrer Kunden unterstützen. Deloitte Schweiz bietet beispielsweise Managed Services in Zusammenarbeit mit dem Spezialisten Appway an, und zwar für Compliance, Steuern und Customer Onboarding. 2016 eröffnete EY ein Managed Services Center of Excellence. Es bietet Managed Services für Finanzinstitute in Bereichen wie Cyber Security, Datenanalyse und regulatorische Überwachung an. Ausser um den Imagegewinn geht es dabei auch darum, Prototypen herzustellen und sich durch handfeste Dienstleistungen und nicht mehr bloss durch Beratung zu differenzieren. Das zeigen die kürzlich in Zürich eingeweihten Garage Labs von ­Deloitte und andere Innovationszentren, etwa die von Accenture und PwC.

Die Zukunft der Beratungsfirmen

Die Digitalisierung des Beratungsgeschäfts schafft nicht nur Gewinner. Gemäss Savoia von Deloitte Schweiz können nur die grossen Unternehmen die nötigen Investitionen in Technologien aufbringen und der Markt wird sich konsolidieren. Kleinere Firmen würden sich nur dann am Markt behaupten, wenn sie sich spezialisierten, international präsent seien und ihre Kosten tief hielten. Welcher Dienstleister bei einer Auftragsvergabe zum Zug kommt, hängt allerdings auch vom digitalen Reifegrad des Kunden ab, wie Source Global Research betont: Technologieorientierte Entscheider nehmen eher strategische Beratung in Anspruch, während digitalisierungsferne Entscheider eher nach technischer Expertise suchen.

Clayton Christensen, Autor und Unternehmensberater, verdeutlicht die Herausforderung, die sich den Führungskräften von Beratungsunternehmen stellt, mit der Frage: "Ändert sich mein Unternehmen (mindestens) ebenso schnell wie meine anspruchsvollsten Kunden dies tun?"

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