Keine Euphorie

Schweizer Softwarebranche entwickelt sich robust

Uhr | Aktualisiert

Die Universität Bern hat zusammen mit ICT-Switzerland am CNO-Panel in Bern den "Swiss Software Industry Survey 2016" vorgestellt. Die Branche entwickelte sich gemäss der Erhebung robust. Der Export von Schweizer ICT-Dienstleistungen bleibt stark.

Die Universität Bern und ICT-Switzerland haben die Schweizer Softwarebranche unter die Lupe genommen. Mit dem sogenannten "Swiss Software Industry Survey 2016" (SSIS) geben sie einen Einblick in die Stimmungslage, in Trends und in die langfristige Entwicklung der Branche. Die veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2015.

Es ist die zweite Erhebung dieser Art. Schwerpunkt der diesjährigen Erhebung war die Internationalisierung der Softwarebranche. Auch Zahlen zu der Export- und Importbranche hatten die Wissenschaftler parat, um die Rolle der Schweizer ICT-Branche deutlich zu machen. Im Rahmen des CNO-Panels in Bern stellten die Studienautoren ihre Ergebnisse vor.

Einzige Software-Studie

Die Erhebung betrachtet einzig den Bereich IT-Services, worunter die Softwarebranche fällt. Der Studie zufolge hat dieser Bereich ein Umsatzvolumen von etwa 13,5 Milliarden Franken. Studienautor Thomas Huber präsentierte die Ergebnisse. Er zeigte sich davon überrascht, dass die "oft schon totgesagte Branche für Individualsoftware" immer noch ein Drittel des Gesamtumsatzes erwirtschaftet. Auf den Bereich Standardsoftware entfallen 27 Prozent, und Consulting kommt auf fast ein Viertel des Umsatzes.

Auch bei der Betrachtung der Mitarbeiterzahl zeigt sich ein ähnliches Bild. Knapp zwei Drittel der Beschäftigten arbeiten bei Herstellern von Individual- (rund 37 Prozent) und Standardsoftware (28,5 Prozent). Im Beratungsgeschäft arbeiten rund 21 Prozent.

Der durchschnittliche Umsatz je Mitarbeiter liegt bei ungefähr 223'000 Franken. Ausreisser nach oben sind hier Softwareintegratoren, auf die ein Umsatz von rund 334'000 Franken je Mitarbeiter entfällt. Im Vergleich zur Vorjahreserhebung ein klarer Anstieg. Deutliche Einbussen gab es hingegen bei Angestellten im Bereich Technology und Serviceprovider. Der Umsatz sank von über 250'000 auf 226'000. Angestellte im Bereich Standard- und Individualsoftware kommen auf einen Umsatz von etwas unter 200'000 Franken.

Margen sinken

Für die Studie befragten die Forscher die Unternehmen auch nach ihrem EBIT, den Gewinn vor Abschreibungen und Steuern. Die EBIT-Marge liegt mit 7,4 Prozent auf einem guten Niveau, sagte Huber. Im Vergleich zum Vorjahr sank der Durchschnitts-EBIT jedoch um einen Prozentpunkt.

Der leichte Rückgang komme auch in den gesunkenen Ausgaben für Forschung und Entwicklung zum Ausdruck, sagte Huber weiter. Alle Bereiche, mit Ausnahme des Consultings, investierten weniger in diesen Bereich. Die Investitionen am Umsatz sanken von 14,1 auf 11,8 Prozent. Besonders deutlich fiel der Einbruch bei der Standardsoftware und bei der Softwareintegration aus.

Getrübter Ausblick

Auf das kommende Jahr blickt die Branche mit etwas mehr Vorsicht, sagte Huber. Zwar sei das erwartete Umsatzwachstum mit knapp 5 Prozent "robust", aber im Vorjahr sei es deutlich höher gewesen. Der Wert lag laut Huber damals bei fast 12 Prozent. Mit Ausnahme des Technology- und Serviceprovider-Bereichs erwarten alle anderen einen Zuwachs. Im Vorjahr wuchsen noch alle Bereiche.

Auch die Mitarbeiterzahl entwickle sich "robust", betonte Huber. Die Unternehmen erwarten einen Zuwachs von 8,3 Prozent, im Vergleich zu 10,7 Prozent im Vorjahr. Alle Segmente wollen Mitarbeiter einstellen, mit Ausnahme des Technology- und Serviceprovider-Segments, die von einer Stagnation ausgehen.

Bei der Art der Beschäftigten setzen die Unternehmen verstärkt auf fest angestellte Mitarbeiter anstatt auf Freelancer. Laut Huber war dies im Vorjahr genau umgekehrt. Besonders in den Segmenten Software Integration und Consulting setzen die befragten Unternehmen verstärkt auf fest angestellte Mitarbeitende.

Exporte von ICT-Dienstleistungen erfreulich

Im Anschluss gab Nils Braun-Dubler, geschäftsführender Partner des Instituts für Wirtschaftsstudien Basel, einen Einblick in den ICT-Aussenhandel. Bei den Nettoexporten von Dienstleistungen zeige sich ein erfreuliches Bild, sagte er. Die Bilanz zwischen Importen und Exporten sei fast ausgeglichen. Das Minus liege bei rund 200 Millionen Franken. Noch vor zehn Jahren lag die Bilanz deutlich im Minus, wie Dubler sagte.

Ein anderes Bild zeigt sich bei den ICT-Gütern. Wie schon in den Vorjahren importierte die Schweiz deutlich mehr, als sie exportierte. Die Bilanz liegt bei fast minus 6 Milliarden Franken. In den vergangenen Jahren wurde das Minus jedoch stetig kleiner, was laut Dubler auch mit dem Preisverfall in diesem Segment zu erklären ist.

Mit Ausnahme von Nordamerika hat die Schweiz in allen Regionen der Welt eine positive Bilanz bei den Exporten von IT-Dienstleistungen. Das Bilanzplus zu Europa verringerte sich jedoch von etwa 900 Millionen auf rund 300 Millionen Franken. Grund hierfür sind laut Dubler auch eine veränderte Datenbasis und ein "Überschiessen" aus dem Vorjahr. Das Bilanzdefizit hingegen ging gegenüber Nordamerika zurück.

Den grössten Handelsüberschuss hat die Schweiz gegenüber Deutschland und Grossbritannien. Negativ ist die Bilanz vor allem in Osteuropa, da dies eine zentrale Region für das Nearshoring ist, hier also Dienstleistungen eingekauft werden.

Europa als zentraler Markt

Die Summe aller ICT-Exporte summiert sich auf fast 20 Milliarden Franken. Der Wert blieb im Vergleich zum Vorjahr in etwa stabil. ICT-Dienstleistungen erwirtschaften einen Exportwert von rund 13 Milliarden Franken. Bezogen auf alle in der Schweiz exportierten Dienstleistungen liegt der ICT-Bereich auf Platz fünf. Der Abstand zum Spitzenreiter Finanzdienstleistungen betrage jedoch nur noch ein Drittel, betonte Dubler. Dies bringe die zunehmende Bedeutung der Branche für die Schweiz zum Ausdruck.

Der wichtigste Exportmarkt ist Europa. 62 Prozent der ICT-Dienstleistungen werde hierhin ausgeführt. Auf Nord-, Mittel- und Südamerika entfällt ein Viertel der Exporte. Asien kommt lediglich auf einen Anteil von 10 Prozent. Das wichtigste Exportland für ICT-Dienstleistungen ist Deutschland. 2,5 Milliarden Franken macht der Handel aus. Danach folgen Grossbritannien mit 1,5 Milliarden und Frankreich mit 850 Millionen Franken.

Investitionen für Aussenhandel notwendig

Bezogen auf die Gesamtumsätze ist der Export für die ICT-Branche aber noch zweitrangig. Laut dem Studienverantwortlichen Jens Dibbern, Direktor der Abteilung Information Engineering an der Universität Bern, liegt der Anteil bei 12 Prozent. Dabei sei jedoch zu berücksichtigen, dass nur ein Drittel der Softwarefirmen auch exportieren. Betrachtet man nur diese, steigt der Anteil des Exports am Gesamtumsatz auf 24 Prozent.

Dibbern interessierte auch, wie die Firmen ihre internationalen Aktivitäten bewerten. Dabei sollten die Firmen den Vergleich zu ihrem grössten Konkurrenten bewerten. Unter diesen Voraussetzungen beurteilte rund ein Viertel die Internationalisierung als positiv und ein Viertel als negativ. Die Hälfte äusserte sich neutral. Eher pessimistisch zeigten sich dabei die Hersteller von Individualsoftware im Vergleich zu den Herstellern von Standardsoftware.

Beim Eintritt in den ausländischen Markt wählten über 60 Prozent der Unternehmen den direkten Export. Rund 19 Prozent gründeten eine Tochterfirma, und 15 Prozent entschieden sich für Distributionspartner. Bei der Frage nach dem Erfolg habe sich gezeigt, dass Unternehmen, die sich für die beiden letztgenannten Wege entschieden, ihr Engagement als erfolgreicher beschrieben. Ein Unternehmen müsse also Geld in die Hand nehmen, um im Ausland erfolgreich zu sein, sagte Dibbern. Generell seien Hersteller von Individualsoftware zudem mit ihrem Auslandsengagement unzufriedener als die Hersteller von Standardsoftware.

Branche soll selbstbewusster auftreten

Als letzter Redner kam ICT-Switzerland-Präsident Andreas Kaelin auf die Bühne. Er bedankte sich zunächst bei den Machern der Studie. Die Studie habe aufgezeigt, welche Bedeutung die ICT-Brache für die Schweiz bereits habe, und was alles hierzulande passiere.

"Lassen Sie sich auf der Zunge zergehen, dass die ICT-Branche bei den Exporten von Dienstleistungen schon auf dem fünften Rang ist", betonte er. Die Schweiz brauche eine relevante ICT-Industrie. Und die Industrie sei nur von Relevanz, wenn sie auch exportiere.

Für die Branche brauche es zudem mehr Leuchttürme. Firmen wie Dätwyler etwa würden ganze Rechenzentren in arabischen Ländern bauen und seien in fast allen Hochhäusern der Welt mit ihren Lösungen zu finden. Solche Vorbilder sollten auch andere Firmen animieren, den Schritt ins Ausland zu wagen. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Firmen nach draussen gehen", schloss Kaelin seine Vortrag ab.

Für den SSIS wurden 5000 Unternehmen in der gesamten Schweiz befragt. Rund 580 nahmen an der Umfrage teil. Etwas mehr als die Hälfte gab einen vollständigen Fragebogen ab. Die Studienautoren sammelten insgesamt 225 Datenpunkte zu Umsätzen und der Profitabilität.

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NW181622

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