Wild Card von Marcel Dobler

Erfolglos bargeldlos unterwegs

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Ich habe drei Monate lang einen Selbstversuch unternommen und war ohne jegliches Bargeld unterwegs. Dabei versuchte ich, mich mit elektronischen Zahlungsmitteln und Karten durchzuschlagen. Mein Fazit: Ich scheiterte kläglich. Ich war mit ­diversen ­Problemen konfrontiert. Lesen Sie in diesem Artikel, was ich daraus gelernt habe.

Die Schweiz ist eine Bargeldhochburg und hinkt damit Ländern wie Schweden, Norwegen und auch England hinterher. Die Vorbehalte der Konsumenten gegenüber bargeldlosen Zahlungen sind diffus und reichen weit: von der Angst einer totalen Überwachung bis hin zur finanziellen Abhängigkeit von Finanzinstitutionen.

Woher kommt diese Abneigung, und ist es wirklich die fehlende Nachfrage, die das Angebot des bargeldlosen Bezahlens so dürftig macht? Analoge Bezahlautomaten haben hierzulande nach wie vor eine Vormachtstellung.

Bussgeldeinnahmen dank Parkuhren

Meine Heimatstadt Rapperswil-Jona ist fortschrittlich: Man kann die Parkgebühr mit Twint bezahlen. Aus meiner Sicht eine ideale Lösung. Andere Bezahl-Apps wie Parkingpay sind deutlich umständlicher – man bleibt meist schon beim zu aufwendigen Registrierungsprozess stecken.

In der Stadt Zürich dagegen kann man bei gewissen Parkuhren nach wie vor etwa nur ein 50-Rappen-Stück einwerfen. Offensichtlich ist das ein Business Case für die Stadt. Anders kann ich mir dies nicht erklären. Eigentlich sollte man eine solche Praktik verbieten. Wie viele Bussen gäbe es weniger, wenn man auch elektronisch bezahlen könnte? In St. Gallen gibt es sogar Parkhäuser, in denen ­Automaten aufgrund der Münzausgabe nur Noten bis 20 Franken annehmen. Eine elektronische Bezahlmöglichkeit gibt es nicht. Ich musste also zuerst einen Kaffee trinken gehen, damit ich dank des Wechselgelds überhaupt aus dem Parkhaus kam.

Die Extrameile des Servicepersonals

Seit ich nun bargeldlos unterwegs war und auch in Restaurants nur noch elektronisch oder mit Karte bezahlte, fiel mir auf, dass das Servicepersonal kaum je von sich aus sogleich das Kartenterminal mitbringt. Wenn also die Hälfte der Gäste mit Bargeld bezahlt, geht jedes zweite Mal das Personal den doppelten Weg. Ich nehme an, dass diese Extrameile einen Zusammenhang mit dem Trinkgeld hat, dass die Gäste bereit sind, zu zahlen.

Twint im Detailhandel, für Kunden, die es gerne etwas langsamer haben

Ich testete das bargeldlose Bezahlen mit Karten und Twint auch im Detailhandel über einen längeren Zeitraum. In der Migros oder im Coop entpuppte sich Twint als unbrauchbar, ausser man plaudert während der langen Wartezeit des Twint-Zahlungsvorgangs gerne mit der Kassiererin. Seither zahle ich nur noch kontaktlos mit EC-Karte. Es ist erstaunlich, dass Twint, eine neue technologische Lösung, tatsächlich langsamer ist als Bargeldzahlungen und kontaktlose Kartenzahlungen. Aus meiner Sicht ist es ein Fehler, viel Marketinggeld in eine Lösung zu investieren, die den Kundenanforderungen noch nicht genügt.

Mein Fazit: Ich bin wieder mit Bargeld unterwegs

Ich bin mit meinem Experiment gescheitert und seither wieder mit Bargeld unterwegs. So riskiere ich weder eine Busse noch längere Durststrecken. Die Digitalisierung bleibt ein Trend, bei dem die Kundeninteressen nicht immer im Vordergrund stehen.

Trotzdem bleibe ich optimistisch: Vielleicht wird die Schweiz doch den einen oder anderen Blick über die Grenze werfen – vor allem nach Nordeuropa – und erkennen, dass es für alle Beteiligten ein Gewinn ist, wenn man auch auf dem Wochenmarkt und in der Bergbeiz bargeldlos bezahlen kann.

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