Digitalisierung ist Chefsache

« Der Finanzplatz wird digital, offen und intelligent »

Uhr | Aktualisiert
von Interview: Marc Landis, Redaktion: Fabian Vogt

Seit September 2018 ist Hendrik Lang CEO der Bankensoftware-Anbieterin Finnova. 
In «Zukunft Banking» spricht er über den Wandel des Unternehmens, mutige Banken und über den Sinn 
von Blockchain-Anwendungen.

Hendrik Lang, CEO, Finnova
Hendrik Lang, CEO, Finnova

Netzwoche: Seit September sind Sie CEO bei Finnova. Wie ist es Ihnen seither ergangen?
Hendrik Lang: Der Start war sehr gut, danke. Ich bin ja schon seit Dezember 2015 bei Finnova, das ist schon etwas anderes, als wenn jemand Neues kommt. Ich kannte unsere Kunden und Produkte bereits, der Wechsel verlief deshalb reibungslos. Das hat auch den Vorteil, dass Kontinuität gewahrt wird, sowohl den Kunden als auch den Mitarbeitenden gegenüber. Ich bin nach wie vor oft bei den Kunden und Partnern, das mache ich gerne. So hört man, was läuft. Auch intern pflege ich nicht nur eine «Open-Door-Politik», sondern plane Zeit ein, um mit den Mitarbeitenden im Gang reden zu können, oder habe beispielsweise ein monatliches CEO-Frühstück eingeführt.

Was haben Sie konkret als Erstes angepackt, als Sie am 1. September im CEO-Büro sassen? 
Als Erstes habe ich das Büro umgeräumt, aber Spass beiseite. Wir haben ja, gemessen an der Anzahl Banken und Partner, die führende Position auf dem Finanzplatz Schweiz, sind auf Wachstumskurs mit vielen innovativen Produkten in der Pipeline und verfügen über talentierte Mitarbeitende. Sehr wichtig ist mir nun, dass unsere für dieses Jahr angekündigten Innovationen rechtzeitig auf den Markt kommen. Einerseits für unsere Kunden, die sich darauf freuen, andererseits für unsere Mitarbeitenden, die darauf hingearbeitet haben. Zudem definieren wir momentan unsere «Strategie 2025».

Von welchen Innovationen sprechen wir da?
Etwa von einem völlig neuen digitalen Beraterarbeitsplatz. Dieser ermöglicht geführte Prozesse, wie etwa das Onboarding, umfassende Kundencockpits oder auch den Absprung in die Tablet-geführte Beratungswelt. Mit der Glarner Kantonalbank entwickelten wir zudem eine neue Kreditberatungslösung. Und im Bereich künstliche Intelligenz haben wir eine selbstlernende Analytics-Lösung für vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, die seit diesem Jahr bereits bei ersten Banken produktiv ist. Ausserdem ist uns die Öffnung unserer Banking-Software sehr wichtig. Wir sind dabei, unsere Open-Plattform zu pilotieren. Durch diese wird die Integration von Drittapplikationen erleichtert und Daten können kanalübergreifend weitergeleitet werden, damit die gesamte Customer Journey abgebildet werden kann. 

Was hat es mit der «Strategie 2025» auf sich?
Also zu viel darf ich natürlich nicht verraten, sie ist in Arbeit. Um hierzulande zu wachsen, wollen wir individuelle Kundenbedürfnisse noch besser abdecken. Die Entwicklung hin zu einem Lösungsanbieter ist ein wichtiger Schritt für uns, denn bisher waren wir eher produktorientiert unterwegs; so ist beispielsweise unser Servicebereich in den letzten Jahren stets um 30 bis 40 Prozent gewachsen. Ausserdem setzen wir einen noch grösseren Fokus auf das Private Banking. Bisher haben wir dort 20 Kunden, allein in den letzten Monaten kamen zwei dazu. Ein weiteres wesentliches Standbein wird Software-as-a-Service (SaaS). Wir bieten einerseits unser gesamtes Kernbankensystem, andererseits neuerdings auch einzelne Applikationen als SaaS-Lösungen an. Kürzlich haben wir unser erstes Vorsorgeunternehmen als Kunden gewonnen und wollen uns verstärkt auch auf Pensionskassen und Versicherungen fokussieren und ihnen Teillösungen unseres Kernbankensystems anbieten.

Wir stellen Produkte auf unsere Crowdfunding-Plattform und je mehr Banken 
mitmachen, desto günstiger wird ein Produkt .

Hendrik Lang, CEO, Finnova

Sie sagten, Private Banking wird für Sie wichtiger. Welche Entwicklungen sehen Sie dort?
Der Trend der Konsolidierung dürfte sich fortsetzen. Zudem nimmt das Interesse an der Digitalisierung bei den Privatbanken zu, da diese nun auch deren Endkunden erreicht und zudem dem zunehmenden Kostendruck entgegenwirkt.  

Fokussieren Sie auch auf Privatbanken, weil im Retailbereich die Luft immer dünner wird?
Nein. Die Universal- und Retailbanken befinden sich derart im Umbruch, dass es viele Möglichkeiten gibt, sie dabei zu unterstützen. Dies ist uns sehr wichtig.

Umbruch bedeutet auch Herausforderung. Womit kämpfen die Schweizer Banken derzeit?
Vor ein paar Jahren hat man viel über Regulatorien gestöhnt. Danach über die hohen Investitionen, die man in die Digitalisierung steckte, ohne dass immer ein tragfähiger Business Case vorhanden war. Heute beobachte ich, dass sich Banken im Bereich Digitalisierung einerseits auf die End-to-End-Prozessoptimierung und andererseits auf das Kundenerlebnis mit beispielsweise durchgängigen Customer Journeys fokussieren. Open Banking und neue Geschäftsmodelle sind in der Schweiz hingegen zurzeit noch weniger im Fokus als in der EU mit der PSD2-Regulierung. Dennoch führt an Open Banking auch in der Schweiz kein Weg vorbei, und es wird sich zeigen, wie sich der Schweizer Finanzplatz positionieren wird.  

Die Retailbank der Zukunft wird eine App sein. Wie sehen Sie die Zukunft der Retailbanken?
Das ist ein Thema, das die Universal- und Retailbanken stark beschäftigt. Wir unterstützen unsere Banken dabei, sich gegen die Neobanken zu behaupten, indem wir etwa unser Mobile-Banking innovativer gestalten. Aber man muss auch sehen, dass die Neo-Player in der Regel auf ein bestimmtes Segment ausgerichtet sind. Man kann mit einer App vielleicht zahlen und Geld anlegen, aber die Gesamtbedürfnisse abzudecken, bleibt eine Stärke der Universalbanken. Themen wie Sicherheit und Vertrauen sind wichtig, und da punkten die Universalbanken. Ich glaube auch, dass es weiterhin Filialen geben wird, allerdings deutlich weniger. 

Wie ermöglicht es Finnova Banken, innovativ zu sein?
Finnova ist auch dadurch gross geworden, gemeinsam mit Kunden Lösungen zu entwickeln. Dieser Gemeinschaftsgedanke ist stark bei uns. Wir haben etwa für die Entwicklung neuer Produkte ein sogenanntes «Sounding Board» eingeführt. Da sind vier bis fünf Banken unterschiedlicher Natur dabei, mit denen wir während des Prozesses eng zusammenarbeiten und so agil mit den Kunden ein Produkt entwickeln. Dieser Gemeinschaftsgedanke zählt sogar bei der Preisgestaltung: Wir stellen Produkte auf unsere Crowdfunding-Plattform, und je mehr Banken mitmachen, desto günstiger wird ein Produkt. Natürlich treiben wir auch eigenständig Innovationen voran. Zunehmend wichtiger wird die Anpassung der Produkte an die Bedürfnisse der Kunden in Form von Lösungen – eine unserer Stärken, die wir konsequent weiter ausbauen.

Was denken Sie über die Blockchain? Eine Technologie, die gekommen ist, um zu bleiben?
Ja, die bleibt sicher. Es ist eine Technologie, die branchenübergreifend sinnvoll eingesetzt werden kann. Es gibt zwar noch nicht sehr viele Anwendungsfälle und darum Skeptiker, aber ich glaube, es ist wie mit dem Internet: Man sieht zwar rasch, es hat einen Nutzen, welchen genau, wird man aber erst in ein paar Jahren sehen. Und dann könnte die Blockchain alles verändern. Entscheidend ist bei der Blockchain, dass man sich jeweils die Sinnfrage stellt: Muss etwas unbedingt dezentral abgebildet werden? Ein Kernbankensystem mittels Blockchain abzubilden ergibt etwa aus Finnova-Sicht aufgrund der Komplexität wenig Sinn. 

Und wie sieht es beim Thema künstliche Intelligenz aus? Ein Game-Changer?
Immer mehr. Da hat sich etwas getan bei den Banken. Sie fragen sich, wie sie ihre Unmengen an Daten nutzen können. Allerdings weniger aus Innovationsüberlegungen heraus, sondern momentan noch mehr aus regulatorischer Sicht. Mögliche Betrugsfälle zu untersuchen, verursacht grosse Kosten. Wenn die Banken sehen, dass es Lösungen gibt, die einen guten ROI ermöglichen, werden sie auch in anderen Bereichen Interesse bekunden.

Wie wichtig ist KI für Finnova?
Analytics und KI sind für uns sehr wichtige Wachstumsfelder, in denen wir sehr gut aufgestellt sind. Unsere entsprechenden Lösungen können wir auch über unsere bestehende Community hinaus einsetzen. Man kann die Technologien zudem intern nutzen, um etwa Entwicklungsprozesse zu optimieren. Das machen wir bisher noch nicht intensiv, prüfen aber derzeit im Rahmen der «Strategie 2025» Optionen.

Wie sieht der Finanzplatz Schweiz 2025 aus? 
Der Finanzplatz wird digital, offen und intelligent. Es wird mehr Nischenplayer geben und Marktplätze für bestimmte Bedürfnisse. Das Thema Open Banking kommt, die Blockchain wird sich in einigen Bereichen etablieren, die Margen werden sinken und entsprechend die Kundenerfahrungen viel wichtiger sein. Es wird aber weiterhin Banken geben. Auch unsere Community wird sich nicht signifikant verändern – ausser, dass sie gewachsen ist, um Banken und weitere Finanzinstitute.

Digitale Fitness

Auf einer Skala von 1 bis 10, als wie « digital fit » bezeichnen Sie...

6 | sich selbst?
5 | die Schweiz?
4 | die Finanzbranche?
8 | Ihr Unternehmen?

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Über Finnova

Seit 1974 steht Finnova für innovative Banking-Lösungen – in der Entwicklung, im Betrieb und in der Beratung. Mit der Finnova Banking Software profitiert die Finnova-Community von einer äusserst leistungsstarken und zuverlässigen Banking-Plattform, die sich mit ihrem breiten Funktionsumfang für verschiedenste Geschäftsmodelle end-to-end individuell einsetzen lässt, und dies bei attraktiven Total Cost of Ownership. Die Finnova-Plattform ist offen für Drittapplikationen, sodass sich Banken in Zeiten der Digitalisierung im Markt differenzieren können. Umfassende Flexibilität bietet Finnova auch bei der Wahl des für die Bank geeignetsten Betriebsmodells, ob Einzelinstallation, Multimandanten-Installation oder BPO-Services, unterstützt durch Betriebspartner der Wahl. (Quelle: Finnova)

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