Portrait Anybotics

Ein Robotikforscher mit Machermentalität

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Er hat Roboter zum Laufen gebracht, an der ETH doktoriert und zugleich ein Start-up mit aufgebaut: Péter Fankhauser hat schon viel geschafft und noch viel mehr vor. Das Produkt seiner Firma Anybotics, der autonome Vierbeiner Anymal, steht an der Schwelle zum Markteintritt.

Péter Fankhauser und sein Laufroboter Anymal. (Source: Anybotics)
Péter Fankhauser und sein Laufroboter Anymal. (Source: Anybotics)

Im Büro beim Eingang sieht es fast so aus wie in einer Softwarefirma. Ein hoher, vom Sonnenlicht durchfluteter Raum mit Arbeitsinseln, Küche und Kühlschrank voller Flaschenbier. Junge Programmierer mit Kopfhörern auf den Ohren blicken konzentriert auf ihre Bildschirme. Die Schreibtische sind auffällig aufgeräumt – nur einer tanzt aus der Reihe. Da stehen rote Kisten voller Metallteile, die man nicht im Handel kaufen kann. Es sind Überbleibsel früherer Versionen eines vierbeinigen Roboters namens Anymal. Er entstand als Forschungsprojekt an der ETH Zürich und ist heute das Produkt des Zürcher Start-ups Anybotics.

Einer der zehn Mitgründer ist Péter Fankhauser. Der 34-jährige CEO des Unternehmens und Robotik-Ingenieur mit ETH-Doktortitel gibt sich im Gespräch fast schon überrascht über das Erreichte: "Manchmal muss ich staunen", sagt er. "Wir waren eine kleine Gruppe von Forschern – und heute, drei Jahre später, sitzen wir in diesen schönen Büros mit 60 Mitarbeitenden. Es fühlt sich an wie ein Geschenk." Doch das schnelle Wachstum kommt nicht von ungefähr. Dasselbe gilt für die 20 Millionen Franken, die Anybotics in der ersten Finanzierungsrunde sammelte. Die Investoren, angeführt von Swisscom Ventures, sind offensichtlich davon überzeugt, dass Anybotics mit diesem knapp hüfthohen Roboter ein riesiges Potenzial hat.

Ein freundlicher Look für feindliche Arbeitsumgebungen

Anymal kann sich in schwierigem Gelände autonom fortbewegen, sich selbst aufladen, Lasten tragen und bestimmte Wartungsarbeiten erledigen. Zum Beispiel die Anzeige eines Druckmessgeräts ablesen, Strom-, Gas- oder Wasserzähler kontrollieren und Ventile überprüfen. Industrielle Inspektion ist sein Spezialgebiet. Der Roboter ist derzeit zu Testzwecken im Einsatz, etwa auf Offshore-Plattformen des malaysischen Öl- und Gasgiganten Petronas und auf dem Fabrikareal des deutschen Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen.

Wie muss ein Industrieroboter aussehen, damit er von den Menschen, mit denen er zusammenarbeitet, akzeptiert wird? Wie ein tollpatschiges Hündchen, das auf vier Stahlbeinen mit Gummipfötchen durch die Gegend wuselt? Auf Vorder- und Hinterseite von Anymals leuchend rotem Körper erkennt man Züge eines Gesichts. Nur dass die Augen tatsächlich Lüfter sind, die vermeintliche Nase eine Weitwinkelkamera und das mutmassliche Maul eine Tiefenkamera, die Hindernisse erkennen soll.

Gesucht: Hersteller mit Qualitätsanspruch

Vom Design über die Entwicklung bis hin zum Assemblieren: Anymal entsteht komplett unter einem Dach in Oerlikon – zumindest bislang. Denn das frisch gesammelte Kapital soll dazu dienen, die Produktionskosten zu senken und die Produktionskapazität zu erhöhen. Und das bedeutet, bestimmte Tätigkeiten der Produktion auszulagern. Für den Anfang soll allerdings alles in der Schweiz bleiben, wie Fankhauser sagt. Die Nähe und der direkte Kontakt zu einem möglichen Outsourcer seien wichtig, doch "an erster Stelle steht für uns die Qualität, denn es geht um ein hochkomplexes Produkt".

Ein Exemplar der aktuellen Generation kostet rund 150 000 Franken. Das klingt nach viel – doch für die Kunden, die zurzeit Tests durchführen, ist die Anschaffung schnell amortisiert. Ein Helikopterflug zu einer Offshore-Plattform kostet schon mal mehrere zehntausend Franken, wie Fankhauser sagt. Bis jetzt verkaufte Anybotics etwa zwei Dutzend Stück, bis 2023 sollen es jährlich über 100 werden.

Die Robotikfirma, die keine Roboter verkauft

Die Idee zur Firmengründung ist früh in Fankhauser ­herangereift: "Ich begann mein Doktorat mit dem Gespür: Das könnte etwas Grosses werden.» Mit dem ersten Prototyp meldeten sich die Forscher an einem Wettbewerb an, organisiert von einem Energiekonzern. Da merkten die Wissenschaftler erstmals, wie begehrt ihre Erfindung war. Vertreter von Energiemultis und Bauunternehmen seien staunend auf sie zugekommen. «Bitte macht daraus ein Produkt", sagten sie. Doch statt Deals einzufädeln, fragten die Forscher die Interessenten aus. Was sind ihre konkreten Probleme? "Da haben wir genau hingehört", sagt Fankhauser.

Der Robofant im Raum

Eine Frage drängt sich auf. Die Ähnlichkeit zwischen Anymal und dem Roboterhund Spot von Boston Dynamics ist frappierend. Wer hat von wem abgekupfert? "Ach, die haben uns kopiert", sagt Fankhauser, lacht und wiegelt ab. "Nein, natürlich nicht. Boston Dynamics war absolut inspirierend. Sie waren die Vorreiter und haben gezeigt, was Roboter alles können. Das hat viele Forschende motiviert."

Die Gründer von Anybotics wollten jedoch einige Dinge anders machen. "Statt laute Benzin-Roboter herzustellen, bauten wir von Anfang elektrisch motorisierte, kleinere Roboter, die auch in Innenräumen arbeiten können. Damit waren wir früh dran – und was das betrifft, hat sich Boston Dynamics auch in unsere Richtung bewegt", sagt Fankhauser.

Doch es gibt noch etwas, das die beiden Unternehmen unterscheidet. "Wir haben eine Regel aufgestellt: Unsere Roboter kommen niemals für militärische Zwecke zum Einsatz." Die Regel komme insbesondere bei Bewerbungsgesprächen gut an. "Erstaunlich viele Kandidaten fragen uns danach und sind dann erleichtert, wenn wir das klarstellen."

Auf dem Sprung in den Markt

Nun steht also der grosse Schritt bevor – der «Tipping Point», sagt Fankhauser. Das Team habe viel Arbeit darin investiert, den Roboter voll funktionsfähig zu machen – und dies in etlichen Tests unter Beweis gestellt. "Jetzt kommt der Moment, ab dem der Roboter einen Wert schaffen soll."

Als Nächstes geht es an die Zertifizierungen. Die braucht man als Beweis dafür, dass die Roboter alle nötigen Sicherheitsanforderungen erfüllen. Dann kommt der Aufbau eines kommerziellen Teams. Gesucht sind Fachleute aus dem Marketing, Sales, Business Development, aber auch weitere Talente aus der Robotik, Elektrotechniker und Polymechaniker. Bis Ende 2021 soll die Belegschaft auf 90 Mitarbeitende heranwachsen.

Wie stellt sich der CEO eine ideale Firmenkultur vor? "Wir wollen den Spirit der ETH möglichst lange mittragen", sagt er. Bislang habe es nicht sonderlich viel dazu gebraucht. "Wir sind alle von Natur aus fasziniert von unserer Arbeit, getrieben von Neugier und einem gemeinsamen Ziel."

Es gibt sie aber doch, die Bedingungen, die das alles möglich machen sollen. Gegenseitiger Respekt sei extrem wichtig, sagt Fankhauser. Und die Devise, wonach Status keine Rolle spielt. "Wir pflegen eine Diskussionskultur, bei der nichts weiter zählt als das beste Argument – völlig egal, wer es vorbringt."

Was die Arbeitsbedingungen angeht, hat Fankhauser ein ambitioniertes Ziel vor Augen. "Wir wollen der beste Tech-Arbeitgeber in Zürich sein." Dieses Ziel macht es allerdings kaum leichter, unter den vielen potenziellen Kandidaten die richtigen Leute zu finden. Schon heute trudeln jährlich mehrere tausend Bewerbungen ein, wie Fankhauser sagt. Was macht das Unternehmen so attraktiv? "Es gibt wenige Robotik-Start-ups in der Schweiz, und noch viel weniger, die alles unter einem Dach vereinen – von der Hardware über die Elektronik bis hin zur Software." Die Vorstellung, dass jeder einzelne Arbeitsschritt in die Weiterentwicklung eines Roboters einfliesst, ist wohl für viele junge Talente reizvoll – jedenfalls ausgefallener, als in einer Softwarefirma zu arbeiten.

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