Erfahrungsbericht

Wie der digitale Nomade die Welt zu seinem Arbeitsplatz macht

Uhr | Aktualisiert
von Fabian Vogt, Journalist

Der Zeitgeist hat eine neue Berufsgattung ­hervorgebracht: digitale Nomaden. Ihr Ziel: Mit möglichst wenig Arbeit ­möglichst viel Freizeit generieren. Dafür reisen sie in der Welt umher, immer auf der Suche nach dem nächsten Gratis-Wi-Fi. Seit zwei Jahren bin ich einer von ihnen. Ein Erfahrungsbericht.

(Source: diegograndi)
(Source: diegograndi)

Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich in einem Stras­sencafé in MedellÍn. In der Stadt Kolumbiens, die dank der Netflix-Serie "Narcos" Weltruhm erlangte. Millionen Zuschauer verfolgten die Geschichte des Drogenbarons Pablo Escobar, der zu einem der reichsten Männer der Welt aufstieg, jahrelang die Behörden narrte und tausende Unschuldige das Leben kostete. Die Serie zeigt ein MedellÍn, das mehr Schlachtfeld als Stadt ist, in dem Korruption und Tod so alltäglich sind wie der Sonnenaufgang. Ein MedellÍn, in dem ich kaum draussen sitzen könnte.

Doch diese Netflix-Kulisse gehört in eine Vergangenheit, auf welche die Einheimischen gleich stolz sind wie die Deutschen auf die Gräueltaten des NS-Regimes. Seit Pablo Escobar 1993 bei einem Fluchtversuch erschossen wurde, hat die Hauptstadt der kolumbianischen Bergprovinz Antioquia eine Wandlung durchgemacht, die selbst Dr. Jekyll eifersüchtig gemacht hätte.

Kokain-Labore sind Casinos gewichen, Prostitution ist mittlerweile illegal, seit letztem Jahr darf nicht einmal mehr in Parks Alkohol getrunken werden. Wo früher Verbrecher LSD und härteren Stoff feilboten, um Menschen in die Abhängigkeit zu schicken, betteln heute venezolanische Flüchtlinge um Geld, um sich ein Stück Würde zurückkaufen zu können. Hunderte junge Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt als Spanisch- oder Yoga-Lehrer, tausende als Uber-Fahrer oder Kellnerinnen. MedellÍn ist zum Bali Südamerikas geworden, Schmelztiegel der Kulturen, Zufluchtsort für Ausgestossene und Heimat für Glückssuchende.

In der Welt zuhause

Das MedellÍn von heute ist die ideale Brutstätte für digitale Nomaden. Eine neue Art von Arbeitnehmern, ermöglicht durch die Digitalisierung, die Globalisierung und die immer weiter verbreitete Meinung, dass die Suche nach dem Sinn des Lebens der Sinn des Lebens ist. Sie arbeiten von überall, nur nicht zuhause, für irgendjemanden, nur nicht zu lange, in allen vorstellbaren Jobs, nur keinem langweiligen.

Ich bin so ein digitaler Nomade. Anfang 2017 gab ich einen guten Job bei einem Fachmedium auf und machte die Welt, so abgedroschen das auch klingt, zu meinem Arbeitsplatz. Ich habe mongolischen Reitspielen und aus­tralischen Federer-Festspielen zugeschaut, war nur wenige hundert Meter vom Bombenanschlag auf die St. Petersburger U-Bahn und ein paar Kilometer von den Vulkanausbrüchen in Indonesien entfernt, habe miterlebt, wie in Malaysia und Thailand Geschichte geschrieben wurde und vor Ort berichtet, als sich in Singapur zwei Möchtegern-Könige die Hand gaben.

Als Journalist bin ich ein Unikat in diesen Gefilden. Viele Nomaden arbeiten im IT-Bereich, oft trifft man Softwareprogrammierer, Webdesigner und Consultants an. Ob ihre Arbeitgeber in Australien oder Westeuropa sitzen, ist ihnen egal. Mandate, die länger als ein Projekt dauern, sind selten. Nomaden lassen sich anheuern über Plattformen wie "Upwork" oder profitieren von einem Netzwerk zuhause. Daneben schreiben sie Blogs, versuchen sich im Dropshipping oder mit E-Commerce. Mit dem in US-Dollar, Euro oder Schweizer Franken verdienten Geld lässt sich in Südamerika, Afrika, Osteuropa und Asien gut leben, täglich gewinnt die Berufsgattung an Zuwachs. Digitale Nomaden bieten auch Unternehmen neue Möglichkeiten: Projekte können für relativ wenig Geld an Menschen outgesourct werden, die in der Heimat ihre Ausbildung gemacht haben und über praktische Erfahrung verfügen.

Der Traum eines Einzelnen wurde zum Lebensmotto für Tausende

Als Geburtsjahr des digitalen Nomaden gilt 2008, als der Amerikaner Tim Ferris das Buch "Die 4-Stunden-Woche" publizierte und darin beschrieb, wie er durch Outsourcing und Automation seine Produktivität exponentiell in die Höhe schraubte und die gewonnene Zeit nutzte, um seine Träume zu verwirklichen. Damit traf Ferris den Nerv einer Generation, für die Verpflichtungen ein Albtraum und Individualität das wichtigste Gut ist. Das Buch wurde zur Bibel, Tim Ferris zum Papst der Zunft.

Zu Tausenden strömten in der Folge Twens, Junggesellen und Verzweifelte aus, nach Südamerika, nach Asien, Hauptsache günstig, um Ferris nachzueifern und das neue Arbeitsmodell für sich zu entdecken. Sie bauen ihre Geschäfte von irgendwo auf oder aus, wohnen, wo sie gerade Lust haben, beziehungsweise wo die Internetverbindung am zuverlässigsten ist. Romantisiert betrachtet sind digitale Nomaden zeitgenössische Goldgräber, anstatt Pickel und Schaufel haben sie Laptop und Handy im Gepäck. Und wie zur Zeit des kalifornischen Goldrausches scheitern zehn, wo einer Erfolg hat.

Viele Nomaden, die ich antreffe, hätten besser zuhause bleiben sollen. Sie hangeln sich von Job zu Job, arbeiten 50 Stunden die Woche irgendwo im Norden Thailands, verbringen die Freizeit mit einem Tiger-Bier in der Billig-Bar und schauen Touristen zu, die feiern gehen. Sie erzählen, dass sie trotzdem glücklich seien, alles sei besser, als zuhause in einem Büro zu sitzen. Doch ihre Augen erzählen eine andere Realität. Von einer, in der sich der Traum von Ferris nicht erfüllte. Weil er hatte, was ihnen fehlte: Erfahrung, ein Netzwerk, Realismus und auch Glück.

Diese Nomaden glauben leider, die Idee, selbstständig zu sein, sei bereits Mittel zum Erfolg. Dann kommen sie an, in Bangkok, Berlin oder Bukarest und stellen fest, dass niemand auf sie gewartet hat. Kontakte und das Wissen, ein nachhaltiges Geschäftsmodell aufzubauen, fehlen ebenso wie Erspartes, das über die Initialphase hinweghilft. Was nützen die besten Ideen, wenn man nicht weiss, wie man sie zu Geld machen kann? So halten sie im Schnitt sechs Monate durch, dann muss die Verwandtschaft um Geld angebettelt oder das Rückflugticket gekauft werden. In der Zunft hat sich daraus ein riesiges Geschäftsfeld entwickelt, das nur vom Unwissen anderer profitiert: Rund die Hälfte der Nomaden, so wird geschätzt, verdient ihren Lebensunterhalt damit, anderen zu sagen, wie sie als digitale Nomaden überleben können.

Nach der Säuberung kamen die Unternehmer

Das Wort Überleben hat in MedellÍn eine ganz besondere Bedeutung. Zwei Jahre vor Escobars Tod kamen auf hunderttausend Einwohner 380 Morde. Für einen Ort, der sich nicht im Krieg befindet, dürfte das Weltrekord sein (zum Vergleich: derzeit führt diese unrühmliche Statistik die mexikanische Stadt Los Cabos mit einer Mordrate von 111,33 an). Es war die Zeit, als sich das MedellÍn- und das Cali-Kartell bekämpften, als auf Polizisten Kopfgelder ausgesetzt wurden und als die Einwohner von MedellÍns Elendsvierteln an Strassen und vor Brachen Plakate anbrachten, auf denen stand: "Leichen abladen verboten." Mit dem Tod Escobars war zwar die Zeit des MedellÍn-Kartells abgelaufen, doch die Stadt versank noch tiefer ins Chaos. Paramilitärs und linke Aktivisten rangen gewaltsam um die neue Vorherrschaft, tatkräftig unterstützt von den Killergruppen der einstigen Drogenbarone. 2002 machte sich der neugewählte kolumbianische Präsident Álvaro Uribe auf, MedellÍn zu säubern. Gnadenlos räumte das Militär in den Armenvierteln auf, von wo aus die Kriminellen ihre illegalen Aktivitäten steuerten. Die staatlichen Truppen unterschieden kaum zwischen Unbeteiligten und Verbrechern, bis heute gibt es keine offiziellen Zahlen zu den damals Gefolterten, Getöteten, Vergewaltigten und Verschwundenen. Doch es war die Art Reinigung, die MedellÍn brauchte. Innerhalb eines Jahres sank die Kriminalitätsrate um die Hälfte, in den vergangenen zehn Jahren betrug das jährliche Wirtschaftswachstum im Schnitt 10 Prozent. Die meisten Armenviertel gelten heute als sicher und sind unter anderem dank eines vorbildlichen ÖV-Konzepts auch vom Tourismus entdeckt worden. 2013 wurde MedellÍn von der "Washington Post" und Citibank zur innovativsten Stadt der Welt gekürt, mittlerweile gilt der Ort als Silicon Valley Südamerikas, an dem sich besonders Start-ups und eben digitale Nomaden sehr gerne niederlassen.

Danny Forrest ist so ein Beispiel. Der Engländer hat mit 31 Jahren bereits 6 Firmen gegründet und während der vergangenen 24 Monate in 10 Ländern gelebt. Derzeit finanziert sich der studierte Softwareentwickler sein Leben mit Schreiben, hält Vorträge, fotografiert und hat Anfang Oktober eine Onlineplattform lanciert, mit der andere Menschen beim Thema "effektives Lernen" unterstützt werden sollen. Danny ist täglich im Co-Working-Center in MedellÍn anzutreffen, arbeitet von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, davor geht er ins Fitness, danach versucht er, Salsa und Spanisch zu lernen. Pro Monat verdient er knapp 3000 US-Dollar, eine lächerliche Entschädigung für den Aufwand, den er betreibt. Aber mehr als genug, um in Südamerika nie aufs Budget schauen zu müssen und sich Extravaganzen leisten zu können. Finanziell richtig durchstarten will der Brite, wenn nächstes Frühjahr sein erstes Computerspiel erscheint – Dannys eigentliches Hauptprojekt.

Das Leben ist interessant, der digitale Nomade weniger

Ferris’ 4-Stunden-Woche habe auch ich längst verworfen. Im Schnitt arbeite ich 25 Stunden pro Woche, oft an Wochenenden und nachts. Mein Leben ist einfach gehalten, die vergangenen beiden Jahre habe ich in 38 verschiedenen Hostels und «nur» 15 Hotels eingecheckt, sagt mir Booking.com. Doch mehrmals die Woche gönne ich mir auch ein Essen in den besten Restaurants der Stadt oder nehme an Exkursionen teil, ohne auf den Preis schauen zu müssen. Der Beginn dieses neuen Abschnitts war schwierig für mich, ich habe diverse Fehler gemacht, beispielsweise Artikel geschrieben, bevor ich sie verkauft habe. Doch ein solides Netzwerk und Erspartes halfen über diese Zeit hinweg, mittlerweile kann ich es mir leisten, Aufträge abzulehnen.

Das Leben als digitaler Nomade gefällt mir, es ist abwechslungsreich und derzeit meine beste Option. Perfekt ist es allerdings keineswegs, was einerseits mit dem extrem beziehungsunfreundlichen Lebensstil, andererseits mit vielen Artgenossen zu tun hat. Der digitale Nomade redet gerne über seine Erfolge und schwärmt für Yuval Noah Harari und Meditation. Wer da andere Meinungen kundtut, hat es schwer. Irgendwie scheinen viele Nomaden zu glauben, alles ein wenig besser zu wissen als vorherige Generationen. Anstatt zu realisieren, dass jeder Zeitgeist auf vorhergegangenen Errungenschaften basiert.

Der Vorteil an meinem Lebensstil: Wenn mir die Menschen nicht passen, reise ich einfach weiter. In Afrika beispielsweise war ich noch gar nie. Und mittlerweile sollen auch dort die Internetverbindungen ganz akzeptabel sein.

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DPF8_117734

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