Plattform Stockpulse.de

Wenn Anlegern die Bedeutung von Social Media bewusst wird

Uhr | Aktualisiert
von Simon Zaugg

Stefan Nann und Jonas Krauss haben einen ausgeklügelten Algorithmus entwickelt, um die Stimmung auf Social-Media-Kanälen für Aktienhändler zu messen. Das Resultat ist die Plattform Stockpulse.de, die dieses Jahr so richtig durchstarten will und womöglich gar in die Schweiz kommen wird.

2007 haben sie dank Auswertungen aus dem Forum "Internet Movie Database" (imdb.com) 90 Prozent der Oscar-Gewinner vorhersagen können. Für Stefan Nann und Jonas Krauss war das der entscheidende Impuls, ein Projekt im Finanzbereich zu starten und ein ähnliches Analyse-Verfahren für die Kommunikation im Internet über Aktien zu entwickeln. Das Resultat ist die Plattform Stockpulse.de, die seit dem vergangenen Oktober live ist.

Am MIT entwickelt

Ende Februar ist die Schweizer Next Generation Finance Invest AG (NGFI) als Hauptinvestor bei Stockpulse eingestiegen. Den hinter der Plattform stehenden Algorithmus haben Nann und Krauss während eines 18-monatigen Forschungsprojekts am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt.

Das Kölner Unternehmen kommt dem Bedarf nach besseren Analyse-Tools in einer Branche nach, die besonders stark im Umbruch ist. Während es in den USA bereits Plattformen wie etwa StockTwits, eine Kommunikationsplattform für Investoren, gibt, hinkt Europa traditionell etwas hinterher. Jetzt tut sich auch diesseits des grossen Teichs einiges.

Stimmungsbarometer für Händler

Neue Plattformen im Finanzbereich schiessen derzeit regelrecht aus dem Boden. Beispiele dafür sind etwa die Crowdfunding-Plattform C-Crowd oder der Hypothekarvergleichsdienst Hypoplus, die die Netzwoche bereits unter die Lupe genommen hat. Dazu zu zählen sind auch jene Firmen, in die NGFI, die sich selbst als "Europas führende Beteiligungsgesellschaft mit Fokus auf innovative Finanzgeschäftsmodelle" bezeichnet, investiert, wie Ayondo (ayondo.com), Gekko (ggmarkets.com), Oanda (oanda.com), 2iQ (inside-analytics.com) oder Yavalu (yavalu.com).

Stockpulse wertet laut eigenen Angaben täglich bis zu 100’000 Nachrichten aus verschiedenen Social-Media-Kanälen aus, um mit Hilfe dieser Informationen Volatilität und Kursbewegungen für derzeit bis zu 6000 Aktien vorauszusagen. Die Software berechnet, ob die Stimmung in der Kommunikation positiv oder negativ ist. Durch gezieltes Filtern grenzt sie laut den Unternehmern genau ein, über welche Aktientitel und Märkte wie kommuniziert wird.

"Gerüchte lange vorher im Umlauf"

Der Vorteil der Methode liegt auf der Hand: "Relativ lange bevor eine Neuigkeit offiziell kommuniziert wird, sind in Social-Media-Kanälen Gerüchte im Umlauf." Während es laut Krauss bereits entsprechende Instrumente gibt, die Insider-Foren auswerten, setzt Stockpulse vollends auf öffentlich zugängliche Foren und Social-Media-Kanäle.

Stockpulse bietet für knapp 40 Euro monatlich oder 499 Euro jährlich einen Premium-Zugang an. Im Fokus haben sie dafür einerseits semi-professionelle und private Händler, die nach Informationen und Analyseinstrumenten suchen. Andererseits bieten sie Services für Geschäftskunden an. So können etwa Banken oder Informationsportale die Stockpulse-Watchlists gegen Bezahlung in ihre eigenen Websites einbinden. Stockpulse konnte bereits die Bank HSBC als Testkunden gewinnen.

.ch-Domain bereits reserviert

Derzeit ist die Plattform ausschliesslich in Deutschland aktiv. Die Unternehmer haben sich jedoch mit den Investoren darauf festgelegt, bereits im Verlauf dieses Jahres in zwei weitere Märkte zu expandieren, wie sie im Gespräch mit der Netzwoche verraten.

Als erstes wollen sie in den britischen Markt, der zweite Schritt könnte jener in die Schweiz sein. Krauss hält aber fest: "Das ist noch nicht fix. Unsere Hauptinvestoren kommen aber aus der Schweiz, deshalb wäre dieser Schritt naheliegend." Zumindest die .ch-Domain haben sie sich schon gesichert, wie Krauss sagt. Im Fokus haben die Unternehmer mittelfristig insbesondere auch die USA.

Foren aufspüren

Um weiter zu expandieren, müssen die Unternehmer öffentlich zugängliche einschlägige Foren der jeweiligen Länder aufspüren und dann über eine Schnittstelle an ihre Plattform anbinden. Zusätzlich kommt der Faktor Spracherkennung ins Spiel, um etwa auch nicht-englisch- oder deutschsprachige Tweets analysieren zu können.

Mit den neu generierten Finanzmitteln wollen die Unternehmer zudem die Plattform selbst weiter entwickeln und dazu etwa künftig auch eine mobile Version der Plattform anbieten. Für die Unternehmer ist letztlich klar: "Die Bedeutung von Social Media im Finanzbereich wird Anlegern jetzt langsam bewusst."

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