Interview

"Ich sehe keine Alternative zu E-Government"

Uhr | Aktualisiert
von Interview: Markus Gross, Abraxas

Seit dem 1. Juni 2016 ist im Kanton St. Gallen die neue Informatikstrategie «IT-Strategie SG 2016+» in Kraft. Die Professionalisierung der IT-Services und die verbesserte Steuerung der Kantonsinformatik bilden ihr Herzstück. Robert Schneider, CIO des Kantons St. Gallen, war federführend bei der ­Ausarbeitung der neuen IT-Strategie.

Robert Schneider, CIO des Kantons St. Gallen.
Robert Schneider, CIO des Kantons St. Gallen.

Im April 2016 hat der Bundesrat die Strategie "Digitale Schweiz" vorgestellt. Was erwarten Sie von dieser Initiative? Und welche Rolle spielt diese in Ihrer strategischen Planung für den Kanton St. Gallen?

Robert Schneider: Die Strategie "Digitale Schweiz" bedeutet, dass die behördlichen Leistungen nun auf alle Anspruchsgruppen ausgedehnt werden. "Endlich" ist man versucht zu sagen. Für ihre erfolgreiche Umsetzung ist ein nicht zu unterschätzender Kulturwandel notwendig. Und zwar nicht nur bei der Staatsverwaltung, sondern auf allen Ebenen der föderalen Schweiz, also auch bei Bevölkerung und Wirtschaft. Die strategische IT-Planung im Kanton St. Gallen bildet diese Ausrichtung ebenfalls ab. Der Kanton und die Gemeinden arbeiten in der IT seit vielen Jahren intensiv zusammen.

Welche Verbesserungen sollten aus Ihrer Sicht prioritär angegangen werden?

Gerade aus Sicht der Bevölkerung ist eine Weiterentwicklung der behördlichen IT-Services in Richtung Kundenzentrierung anzustreben. Heute werden End-to-End-Dienstleistungen erwartet. Auf Stufe Bürger ist hierfür jedoch rasch eine eindeutige Identifikation notwendig.

In der föderalen Schweiz liegt die Umsetzungskompetenz solcher Initiativen in aller Regel bei den Kantonen. Was kann oder sollte der Bund tun, um das E-Government-Angebot in der Schweiz zügig auszubauen?

Der Bund sollte für die Umsetzung von E-Operations attraktive Rahmenbedingungen schaffen. Viel mehr kann er nicht tun.

Was müssen die Kantone tun, um die elektronische Zusammenarbeit untereinander zu optimieren?

Eine Grundvoraussetzung ist natürlich die bedingungslose Einhaltung von Standards, allen voran diejenigen von eCH. Darüber hinaus muss man da und dort vom hohen Ross heruntersteigen. 26 Kantone und unzählige Städte und Gemeinden scheinen heute die Ansicht zu vertreten, dass nur ihre eigene IT die beste Unterstützung ihrer jeweiligen Geschäftsprozesse gewährleistet. Eine mindestens teilweise Vereinheitlichung dieser Prozesse und das Streben nach gemeinsamen Qualitätsstandards in der entsprechenden IT täten hier meines Erachtens gut. Die IT-Strategie SG 2016+ stellt die Ausrichtung nach nötiger statt möglicher Qualität in den Mittelpunkt.

Die zwei wesentlichsten Merkmale der neuen IT-Strategie Ihres Kantons sind einerseits Ihr Kundenfokus und andererseits die Betrachtung des Themas IT aus vier unterschiedlichen, aber gleichwertigen Perspektiven.

Ja, genau. Bevölkerung und Wirtschaft stehen im Fokus der kantonalen IT-Strategie, nicht die Verwaltung selbst. Wenn die Geschäftsprozesse und mit diesen die IT-Services entsprechend ausgerichtet werden, kommt dies alle Beteiligten zugute. Ausser den traditionellen Sichtweisen auf die IT prägen auch "Mensch & Organisation" sowie "Business & Prozesse" als gleichwertige Handlungsfelder unsere Strategie. Dies hat Konsequenzen, die weit über die Kompetenzen und Zuständigkeiten der IT hinausgehen. Somit wird die Umsetzung der Strategie zu einer ganzheitlichen Aufgabe.

In der Strategie ist von "dienstleistungsorientierten IT-Services" die Rede. Was ist damit gemeint und wie unterscheiden sich dienstleistungsorientierte Services vom bisherigen Ansatz?

Konkret sprechen wir von der "Optimierung" von dienstleistungsorientierten IT-Services. Diese Optimierung muss mehreren, teilweise im Konflikt stehenden Anforderungen gerecht werden. Zum einen müssen wirtschaftlich vertretbare IT-Services bereitgestellt werden. Dann muss selbstverständlich dafür gesorgt werden, dass die Informationen vor unerlaubten Zugriffen und Manipulationen geschützt sind. Und schliesslich sollen auch IT-Services gebaut werden, die von der Funktion und vom Nutzen her auf die Endkunden in Bevölkerung und Wirtschaft ausgerichtet sind.

Welche Voraussetzungen muss die kantonale Informatik erfüllen, um intern und nach aussen medienbruchfreie E-Government-Services zu ermöglichen?

Die IT ist längst in der Lage, dies zu rund 98 Prozent zu erfüllen. Häufig liegt es am "Gärtchendenken", an mangelnder Offenheit und fehlender Kollaborationskultur. Der Kanton St. Gallen und die St. Galler Gemeinden sind seit vielen Jahren in einer erfolgreichen Kooperation unterwegs. Dies ist dem entsprechenden politischen Willen sowie einer konstruktiven und kompromissfähige Diskussionskultur zu verdanken.

Der Kanton St. Gallen hat seine IT-Infrastruktur erst kürzlich komplett erneuert. Sie hatten also die Gelegenheit, die optimale Grundlage für eine prozessorientierte IT zu schaffen. Was waren die zentralen Anforderungen? Konnten diese realisiert werden?

Das Projekt zur Erneuerung der IT-Infrastruktur war ein grosses und herausforderndes Vorhaben, das erfolgreich durchgeführt werden konnte. Dafür haben sich viele Partner mächtig ins Zeug gelegt. Letztlich ist die neue Infrastruktur aber lediglich eine Basis für bessere Zusammenarbeit und optimierte Prozesse. Die technischen Hürden sind abgebaut, die Steigerung von Effektivität und Effizienz im Tagesgeschäft findet aber über neue Kollaborationswerkzeuge wie etwa unser Intranet 2.0 und UCC, über angepasste Fachanwendungen und nicht zuletzt über das Zulassen von modernen Arbeitsmodellen statt.

Cyberattacken auf Unternehmen und Verwaltungen sind aktuell in aller Munde. Wie kann man die verschiedenen Anspruchsgruppen in Verwaltung, Wirtschaft und Bevölkerung dennoch vom Nutzen von E-Government sowie harmonisierter Verwaltungsinformatik überzeugen?

Über kurz oder lang sehe ich keine Alternative zu E-Government. Ich erwarte hier eine ähnliche Entwicklung wie etwa im Bereich E-Banking, das heute den Schalterverkehr zur Ausnahme macht. Es geht also darum, aufzuzeigen, dass alles gemacht wird, um den Datenschutz aufrecht und die Informationen geschützt zu erhalten. Da nachweislich der Mensch selbst das grösste Sicherheitsrisiko und eines der beliebtesten Angriffsziele darstellt, sensibilisiert der Kanton St. Gallen seine Mitarbeitenden seit mehreren Jahren mit verpflichtenden E-Learning-Lektionen zum Thema Informationssicherheit und Datenschutz.

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ITFG1602

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