Swiss Finance Startups

Christina Kehl: "Fintech ist nicht die Bedrohung, sondern Teil der Lösung"

Uhr | Aktualisiert

Christina Kehl ist seit Mai 2016 Geschäftsführerin des Verbands Swiss Finance Startups. Er gilt als Sprachrohr der Schweizer Fintech-Szene. Welche Ziele verfolgt der Verband? Ist der Schweizer Markt gross genug für all die Fintech-Start-ups? Und wie reagieren die traditionellen Finanzinstitute auf die Fintech-Welle? Die Redaktion fragte nach.

Christina Kehl, Geschäftsführerin des Verbands Swiss Finance Startups
Christina Kehl, Geschäftsführerin des Verbands Swiss Finance Startups

Sie sind Geschäftsführerin des Verbands Swiss Finance Startups. Wie gefällt Ihnen diese Aufgabe?

Christina Kehl: Meine Arbeit macht mir sehr viel Spass, weil ich sie für wichtig halte. Bei Swiss Finance Startups setzen wir uns für die Neugestaltung des Finanzplatzes und für eine zukunftssichere Schweizer Wirtschaft im Zeitalter der Digitalisierung ein. Wir wollen ein erfolgreiches und lebendiges Fintech-Ökosystem in der Schweiz etablieren, alte Strukturen aufbrechen und neue Denkmuster ermöglichen. Die Digitalisierung verändert die Welt, und aus meiner Sicht muss der Finanzplatz agiler, mutiger, moderner und offener werden, um international erfolgreich zu bleiben. Davon hängen in Zukunft viele Arbeitsplätze und damit auch unser Wohlstand ab.

Zuvor waren Sie bei Knip aktiv. Wie war es für Sie, von einem ­Fintech-Start-up in die Verbandslandschaft zu wechseln?

Ich bin immer noch eine leidenschaftliche Unternehmerin – auch und gerade im Verband. Schon während meiner Zeit bei Knip war es mir wichtig, über den Tellerrand zu blicken, das Ökosystem als Ganzes zu betrachten und nicht nur das eigene Unternehmen isoliert zu sehen. Daher habe ich zusammen mit meinen Mitstreitern Swiss Finance Startups bereits kurz nach der Knip-Gründung ins Leben gerufen. Im Aufbau unterscheidet sich SFS gar nicht so sehr von einem Start-up: Es geht darum, Strukturen zu entwickeln, Geld für unsere Arbeit einzusammeln und die richtigen Mitarbeiter zu finden. Inhaltlich kann ich allerdings sehr viel mehr bewegen – für alle Fintech-Start-ups.

Der Verband will Fintech-Start-ups auf die politische Agenda ­setzen. Ist das nicht schon längst passiert?

Fintech wird mittlerweile nicht mehr als Hype oder Trend gesehen, sondern ist als Teil des Finanzplatzes anerkannt – was ich als grossen Erfolg werte. Mit dem neuen Fintech-Regulationsmodell soll nun auch der regulatorische Rahmen den Erfordernissen der digitalen Finanzwelt angepasst werden. Aber nicht nur der gesetzliche Rahmen muss sich den Veränderungen der digitalen Welt anpassen, sondern auch der Arbeitsmarkt. Etablierte Berufszweige werden verschwinden, angestammte Arbeitsplätze verloren gehen. Fintech ist allerdings nicht die Bedrohung, sondern Teil der Lösung. Denn die Finanzplätze der Welt verschwinden ja nicht, sie verändern sich nur. Durch Fintech und Start-ups werden neue Arbeitsplätze geschaffen. Die Schweiz sollte ein grosses Interesse daran haben, dass sie hier im Land entstehen, statt an anderen Fintech-Hubs.

Was braucht es dafür?

Hier sind neben der Politik auch die Medien und Hochschulen gefragt. Denn was wir nun brauchen ist ein Wandel, der vor allem auf kultureller Ebene und in den Köpfen der Menschen vollzogen werden muss. Man muss die Menschen durch diesen digitalen Wandel begleiten, Ängste abbauen und Mut machen oder noch besser Lust auf Veränderung. Politik, Hochschulen und Medien sollten Unternehmertum und Eigeninitiative honorieren, statt Fehlschläge zu kritisieren. Start-ups sind eben nicht nur Uber und Facebook, es sind die vielen kleinen Unternehmer, die ohne grosse finanzielle Rückendeckung Neues wagen, vielen Hürden und Fehlschlägen zum Trotz. Und Fintech geht viel weiter als Twint oder Paypal.

Wie meinen Sie das?

Es sind die vielen kleinen Fintech-Helden: Etwa ein Angestellter, dessen Berufszweig langsam verschwindet, der sich nach zig Jahren neu orientieren muss und mutig Veränderung oder sogar eine Gründung wagt. Hier brauchen wir dringend echte Kampagnen: mehr strukturelle und finanzielle Förderung seitens der Politik, aber auch kulturelle Förderung von Unternehmertum an Hochschulen und positive mediale Begleitung des Wandels.

In der Schweiz gibt es viele Finanz- und Start-up-Verbände, etwa Swiss Finance Startups, Swiss Fintech Innovation und Global Fintech Association. Wäre es nicht sinnvoller, die Kräfte zu bündeln?

Wir begrüssen, dass sich Initiativen bilden. Es zeigt, dass das Thema vielen am Herzen liegt. Wir bemühen uns daher auch um Zusammenarbeit und Bündelung der Kräfte. Unter der Klammer Fintech treffen viele Partikularinteressen aufeinander, denn heute gibt es praktisch kein Finanzwesen mehr ohne Fintech. Auch Banken, Versicherungen und Grossunternehmen zählen zum Gesamt-Fintech-Ökosystem oder auch Finanzplatz 2.0. Zusammen genommen stellen Start-ups eine tragende Säule im digitalisierten Finanzplatz dar, haben aber vergleichsweise sehr geringe finanzielle Mittel und Ressourcen und daher auch kaum politische Hebel für eine Interessenvertretung. Unter dem Dach von SFS treten wir Start-ups gebündelt auf und werden als starke Stimme wahrgenommen.

Wie viele Schweizer Fintech-Start-ups gibt es überhaupt?

Swisscom analysiert regelmässig den Markt und zählt derzeit knapp 200 Fintech-Start-ups, wobei diese Zahl jeden Monat steigt. Nicht alle Geschäftsmodelle der heute existierenden Start-ups werden sich durchsetzen, aber die geringe Grösse des Schweizer Marktes ist dabei nicht ausschlaggebend. Wenn wir von Markt sprechen, so ist der Markt im Zeitalter der Digitalisierung kaum regional begrenzt. Das Ziel ist, dass Innovationen aus dem Fintech-Hub Schweiz führend am internationalen Markt werden.

Unterschätzen die Fintechs nicht die Anforderungen des ­Finanzgeschäfts? Kundenbeziehungen aufzubauen ist nicht einfach.

Kundenbeziehungen werden heutzutage auch im Finanzwesen verstärkt digital aufgebaut und gepflegt. Man muss Kunden – und das galt übrigens schon immer – in deren Welt abholen. Auch die Kommunikation wurde digitalisiert, das Smartphone wird heute zu allem Möglichen benutzt, am wenigsten tatsächlich zum Telefonieren. Den Kunden mit Telefonaten und Vor-Ort-Terminen zu zwingen, seine gewohnte Welt zu verlassen, halte ich daher nicht für zielführend im Rahmen einer guten Kundenpflege. Hier haben Fintech-Unternehmen einen entscheidenden Vorteil gegenüber etablierten Unternehmen.

Welchen Vorteil meinen Sie?

Viele Fintech-Unternehmer gehören selbst zur Gruppe der technologieaffinen Millennials und (er)leben den digitalen Wandel täglich. Sie können ihre Produkte, Strukturen und Kommunikation in ihren jungen Unternehmen direkt neu und digital aufsetzen ohne auf veraltete Prozesse Rücksicht nehmen zu müssen. Schnelligkeit und Flexibilität ist ein entscheidender Vorteil in der digitalen Welt. Darüber hinaus richten sich viele Fintech-Unternehmen, gerade in der Schweiz, gar nicht an den Endverbraucher. Viele unserer Mitglieder führen erfolgreiche Partnerschaften mit Banken und helfen diesen wiederum, ihre Kundenbeziehungen auch im digitalen Zeitalter weiter zu pflegen.

Weshalb kommen von den traditionellen Finanzinstituten so ­wenige Fintech-Innovationen? An Kapital mangelt es ja nicht.

Das liegt vermutlich daran, dass diese Finanzinstitute zu sehr in traditionellen Mustern verhaftet sind und ihr bestehendes Geschäft nicht kannibalisieren wollen. Finanz­institute und auch Versicherungen haben hochkomplexe Produkte entwickelt, die es ihnen erlauben, den Vertrieb durch spezialisierte Berater zu kontrollieren.

Spürt das auch der Kunde?

Er will etwa Geld anlegen oder eine Versicherung abschliessen, ist aber oft überfordert und will sich nicht alleine entscheiden. Traditionelle Player sind zunächst nicht daran interessiert, diese Struktur aufzubrechen, denn sie ist für sie von Vorteil. Es braucht darum innovative Köpfe von ausserhalb, die aus Kundensicht denken. Diese jungen Fintech-Unternehmen zeigen auf, wie die Zukunft in der Finanzbranche aussehen wird. Die Wertschöpfungskette verändert sich und der Einfluss von Technologie wird immer bedeutender. Banken und Versicherungen sollten heute mutig diesen Wandel angehen und die Technologisierung sowie Kannibalisierung antizipieren. Dann werden sie auch weiterhin eine gewichtige Rolle in der Finanz-Wertschöpfungskette der Zukunft spielen. Wer allerdings glaubt, dass Digitalisierung einfach nur das Aufsetzen eines digitalen Vertriebskanals bedeutet, wird zu den Verlierern des Finanzplatzes gehören.

Schweizer Fintechs zielten am Anfang auf Endkunden ab. Heute fahren die meisten Business-to-Business-Modelle. Warum?

Die Schweiz ist noch einer der bedeutendsten Finanzplätze der Welt. Hier sind die international erfolgreichsten Finanzinstitute angesiedelt, die alle Lösungen suchen, um ihr Business fit für die Zukunft zu machen. Ein Start-up, das hier ansetzt, kann aus dem Vollen schöpfen. Die Schweiz ist klein, praktisch ein Konzentrat der Finanzwelt, und man kann die wichtigsten Player der Welt sozusagen zu Fuss erreichen. Zudem entspricht es eher der Schweizer Mentalität, gemeinsam und im Konsens Lösungen zu finden, statt auf Konfrontation und «Disruption» zu gehen.

Viele Arbeitnehmer sehen Fintech skeptisch und befürchten ­einen Jobabbau durch neue Technologien. Wird der Kundenberater bald komplett durch einen Algorithmus ersetzt?

Ich kann die Angst gut verstehen, denn Veränderung bringt immer auch Unsicherheit mit sich. Als Unternehmerin kann ich diese Gefühle nachvollziehen. Allerdings ist die Digitalisierung keine Idee mehr, sondern Fakt und unumkehrbar. Das heisst, die Augen zu verschliessen, um kurzfristig hierzulande Arbeitsplätze zu konservieren, wird nur dazu führen, dass der gesamte Finanzplatz Schweiz langfristig abgehängt wird und die neuen Arbeitsplätze andernorts entstehen. Durch gezielte Investitionen in Innovation, in Start-ups, in Ausbildung, in Weiterbildung werden wir keine Arbeitsplätze verlieren, sondern diese sinnvoll und zukunftsfähig verändern.

Ist die Schweiz dafür gut positioniert?

Sie hat mit ihrem ausgezeichneten Bildungswesen jede Chance, den Wandel erfolgreich zu gestalten. Allerdings ist es wichtig, die Menschen in den Veränderungsprozess einzubeziehen und mit ihrem Gefühl von Unsicherheit abzuholen. Ich wünsche mit, dass die Schweiz mit gezielten Kampagnen Fintech- und Start-up-Unternehmertum auch in den Köpfen der Menschen positiv auflädt. Fintech schafft Jobs – wenn nicht in der Schweiz, dann anderswo und das sollten wir als einer der grössten Finanzplätze der Welt verhindern. Für die Schweiz und die Zukunft des Finanzplatzes wünsche ich mir mehr gemeinsames Engagement unserer grossen Banken und Versicherungen. Schweizer Mitarbeiter haben diese Unternehmen gross gemacht und verdienen eine zukunftsweisende Führung, die durch Innovationskraft ihre Arbeitsplätze sichert.

Was wird das nächste grosse Ding im Fintech-Umfeld?

Auch ich habe keine Glaskugel, die mir die Zukunft vo­raussagt. Aber die Blockchain-Technologie hat das Potenzial, das Finanzwesen grundlegend zu verändern. Wir sind derzeit noch in einer sehr frühen Entwicklungsphase, die digitalen Möglichkeiten dieser Technologie könnten unsere Welt (und nicht nur das Finanzwesen) völlig neu strukturieren. Ich vergleiche Blockchain gerne mit der Erfindung des Automobils. Zu Zeiten der Postkutsche waren die ersten motorisierten Fahrzeuge teuer, fehleranfällig, langsam, schwer zu bedienen und hatten keinerlei Einfluss auf das Leben des Normalbürgers. Aber einige Jahre oder auch Generationen weiter gedacht, hat sich die Welt durch das Automobil komplett verändert. Postkutschen haben heute, wenn überhaupt, nur noch Nostalgiewert. Blockchain hat ähnliches Potenzial. Wer also die Zukunft mitgestalten will, sollte aufhören, an der Postkutsche zu feilen, sondern anfangen, das Automobil zu bauen.

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DPF8_29692

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