Interview mit Christoph Birkholz, Impact Hub

"Wir sollten mehr Risiken eingehen"

Uhr | Aktualisiert

In der Schweiz wurde noch nie so viel über Start-ups und Innovation gesprochen wie 2017. Besonders oft in den ­Schlag­zeilen war der Impact Hub Zürich. Die Redaktion hat mit Mitgründer Christoph Birkholz über Einhörner, "fail fast, fail often" und die typisch schweizerische Angst vor dem Scheitern gesprochen.

Christoph Birkholz, Mitgründer und Managing Director des Impact Hub Zürich. (Source: PHILIPPE ROSSIER, BLICK NEWSROOM SWITZERLAND)
Christoph Birkholz, Mitgründer und Managing Director des Impact Hub Zürich. (Source: PHILIPPE ROSSIER, BLICK NEWSROOM SWITZERLAND)

Sie sind Mitgründer des Impact Hub Zürich, der seit 2010 aktiv ist. Zum Start sagten Sie, der Impact Hub soll ein Prototyp für die Wirtschaft von morgen schaffen. Ist das gelungen?

Christoph Birkholz: Im Impact Hub arbeiten Unternehmer, Start-ups, Freelancer und innovative Professionals grösserer Firmen und Organisationen auf neuartige Weise zusammen. Orientiert an den Zielen zur nachhaltigen Entwicklung der Vereinten Nationen, stehen wir ein für radikale Kollaboration, menschlichen Umgang mit unseren Mitarbeitern und Kollegen, beschleunigte Produktentwicklung, dezentrale Entscheidungsstrukturen sowie für ein transparentes Gehaltssystem und Wirtschaften. Mit inzwischen über 950 Mitgliedern und vier Standorten in Zürich ist uns das schon in grossem Masse gelungen.

Warum braucht die Schweiz diesen Hub?

Der Impact Hub hat sich zu einem Herzstück für Unternehmertum entwickelt – nicht nur in Zürich, sondern auch an den bald vier weiteren Standorten in der Schweiz. In den Impact Hubs treffen sich Menschen, welche die Schweiz auf sinnvolle Art und Weise voranbringen wollen. Dazu braucht es inspirierende Orte, ein ausgefeiltes Community Building, Förderungsangebote und Vernetzungsmöglichkeiten über Silo-Grenzen hinweg, etwa zwischen Start-ups und Grossunternehmen oder Wirtschaft und Wissenschaft. Genau das leistet der Impact Hub.

Wie hat sich die Schweizer Start-up-Landschaft seit der Gründung des Impact Hubs entwickelt?

Die Start-up-Landschaft ist rasant gewachsen. Es gibt heute viele erfolgreiche Gründungen, engagierte Investoren, skalierende Firmen und allen voran Unternehmer, die nicht bloss auf den finanziellen Exit aus sind, sondern denen der Inhalt, die Innovation, wichtig ist. Der öffentliche Sektor, die Universitäten und auch Grossunternehmen sind heute ebenfalls stark im Start-up-Bereich tätig. So schaffte es die Schweiz auf Platz 2, hinter das Silicon Valley, im Global Entrepreneurship Index. Ausser dem Impact Hub haben auch Akteure wie der Kickstart Accelerator, Digitalswitzerland, das IfJ, Venturelab, Venturekick, Masschallenge, Baselaunch, die Swiss Start-up-Factory, der Startupticker oder auch die Gebert-Rüf-Stiftung diese Entwicklung mitgeprägt.

Wie kann der Impact Hub weiter wachsen?

Wir fokussieren uns vor allem auf das Wachstum unserer Wirkung, nicht bloss auf (Finanz-)Zahlen. Wir können noch viel bewegen, um ein zukunftsfähiges Wirtschaften in der Schweiz zu etablieren. Mit bald fünf Impact Hubs in der Schweiz besteht eine grosse Chance, für die ganze Schweiz etwas zu bewegen. Ausser der Kooperation der Impact Hubs in der Schweiz bieten auch Kooperationen mit Wirtschaft, Universitäten und Stadt/Kanton/Bund noch viel Potenzial. Und last but not least interessieren wir uns immer stärker auch für den KMU-Sektor, um positiven Wandel im Sinne von Innovation, Unternehmertum, Technologie und Nachhaltigkeit in der Schweiz zu fördern.

Wie stehen wir da im Vergleich zum Ausland?

Der Impact Hub Zürich ist für viele Impact Hubs ein grosses Vorbild. Gemessen an der Anzahl Mitglieder, Mitarbeiter und auch der Grösse unserer Räumlichkeiten sind wir der grösste Impact Hub der Welt. Wichtiger ist aber, dass aus dem Impact Hub Zürich regelmäs­sig spannende Start-ups und Initiativen entspringen, die auch inter­national positive Wirkung entfalten. Zum Beispiel ­labster.com, urbanfarmers.com, electricfeel.com, inyova.com, stride-learning.org, Summerpreneurship und viele ­weitere.

Impact Hubs gibt es auch im Ausland. Wie eng kooperiert man?

Wir arbeiten fast täglich mit anderen Impact Hubs zusammen. Der Austausch in der Schweiz und in der DACH-Region ist am stärksten. Wir haben aber Kooperationen auf der ganzen Welt – beispielsweise lanciert der Impact Hub Montréal nun unser Programm Summerpreneurship, das Studierenden ein Sommerpraktikum in einem Start-up vermittelt und ihnen so das Unternehmertum näherbringt. Gleichzeitig prüfen wir gerade gemeinsam mit dem Impact Hub San Francisco ein KMU-Angebot. Ausser für einzelne gemeinsame Projekte treffen wir uns global mindestens ein Mal im Jahr für unser Impact Hub Global ­Gathering.

Industrie, Grossunternehmen und Start-ups sind in den letzten Jahren näher zusammengerückt. Nahe genug? Oder braucht es noch mehr Kooperationen?

Es braucht noch mehr Kooperationen. Es wird zwar schon viel probiert und noch mehr geredet, aber häufig nicht richtig in die Tat umgesetzt. Insbesondere etablierte Pla­yer müssen das Potenzial solcher Kooperationen ernst nehmen und Vollgas geben. Es hat gerade mal 10 bis 15 Jahre gedauert, dass ehemals kleine Start-ups wie Google, Facebook und Amazon etablierte Branchen besetzen konnten. Diese Dynamik wird heute immer noch unterschätzt, und häufig wissen etablierte Firmen und Organisationen nicht, wie eine erfolgreiche Kooperation umgesetzt werden kann. Da sehen wir unter anderem unsere Stärke mit dem Kickstart Accelerator, aus dem viele Pilotprojekte zwischen Start-ups, Grossunternehmen und Städten hervorgehen.

Warum gibt es kaum Einhörner aus der Schweiz – also Start-ups, die mit mehr als 1 Milliarde US-Dollar bewertet sind?

Einerseits zieht es stark wachstumsorientierte Unter­nehmen noch häufig ins Ausland, da sie dort die entsprechende Finanzierung erhalten. Andererseits lassen sich Schweizer vielleicht auch weniger von inhaltslosen Bewertungen und überschwänglichen Wachstumsannahmen blenden. Beim Impact Hub haben wir eine ambivalente Meinung dazu: Wachstumsfinanzierung ist gut und wichtig, wenn es den Impact von Start-ups erhöht, und dazu braucht es im Equity-Bereich nun einmal Bewertungen. Auf der anderen Seite wollen wir eine Start-up-Kultur, die nur auf Finanzierungsrunden, Bewertungen und Exits schaut, unbedingt vermeiden. Lasst uns lieber darauf ­fokussieren, welche grossen, relevanten Probleme Start-ups lösen.

Schweizer haben oft Angst vor dem Scheitern, Fehler sind verpönt. Im Silicon Valley ist das anders. Müssen wir alle mutiger werden und mehr riskieren?

Ja, das wäre wünschenswert. Uns geht es in der Schweiz so unendlich gut. Statt deswegen Risiken zu meiden, ­sollten wir lieber mehr Risiken eingehen. Das gilt übrigens nicht nur für Gründer, sondern vor allem auch für In­vestoren, sowie Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik.

Was können Unternehmen tun, um eine «Fail fast, fail often»-­Kultur zu etablieren? Oder ist das gar nicht erstrebenswert?

Dies hängt etwas vom Kontext ab. Bei einer SBB, einer Swiss oder einem EWZ ist «fail fast, fail often» nicht besonders erstrebenswert. Diese und andere Grossfirmen können aber Rahmenbedingungen für einzelne Teams oder Mitarbeiter schaffen, wo «failure» akzeptabel und sogar gewünscht sein kann, um Neues zu entwickeln. Wir haben dies unter anderem erfolgreich mit den Pirates von Swiss­com, den Axanauten der Axa oder auch dem Ricolab bei der Ricola begleitet. Auch die Kooperation mit Anbietern wie Impact Hub oder Kickstart Accelerator ermöglichen Kulturveränderung durch operative Zusammenarbeit mit Unternehmern.

Wie gut sind die Rahmenbedingungen für Start-ups in der Schweiz?

Aus meiner Sicht sind die Rahmenbedingungen für Start-ups in der Schweiz gut. Im Vergleich zu den Rahmen­bedingungen für etablierte Grossunternehmen besteht aber immer noch viel Nachholbedarf. Um den Wirtschaftsstandort Schweiz für die Zukunft fit zu machen, brauchen Start-ups die gleiche oder mehr Förderung als die grossen Firmen erhalten – ob nun im Bereich von ausländischen Fachkräften oder von Steuererleichterungen, Forschungsförderung etc. Es wird häufig gerne übersehen, wie viel Förderung grosse Player eigentlich erhalten, und dann so getan, als gäbe es einen freien Markt.

Sie sind auch bei der Initiative Kickstart Accelerator aktiv. Was waren hier die bisherigen Highlights?

Das grösste Highlight waren die 30 Kooperationen, Pilotprojekte und Proof-of-Concepts zwischen Start-ups und Grossunternehmen, die das Programm hervorgebracht haben. Dies reicht von ersten Produkt- und Technologietests bis hin zu kommerziellen Partnerschaften, die direkt in den Markt gehen. Damit ist der Kickstart Accelerator sicherlich unter den weltweit führenden Programmen, um Innovationen zwischen Start-ups, Grossunternehmen und Städten zu entwickeln.

Welche Pläne gibt es für die Zukunft?

Wir haben grosse Pläne, was die Zusammenarbeit der Impact Hubs in der Schweiz anbelangt. Diese wollen wir baldmöglichst umsetzen. Ausserdem werden wir unsere Programme und Angebote verstärkt auch ins Ausland zu anderen Impact Hubs bringen. Hier in Zürich freut es mich, dass wir noch stärker auf unsere Community sowie auf gesundes Unternehmertum setzen wollen. Auch das neu eröffnete Kraftwerk in Zürich Selnau in Zusammenarbeit mit unseren Partnern Digitalswitzerland, Engagement Migros und EWZ wollen wir weiter etablieren.

Sie sind einer der 100 Digital Shapers. Was bedeutet das für Sie?

Diese Ehrung freut mich natürlich – eigentlich bin ich aber kein grosser Fan von solchen Auszeichnungen. Mich hat bei der Liste vor allem der geringe Anteil von Frauen gestört. Wenn die Auszeichnung aber dazu dient, dass wir insgesamt noch mehr Dynamik und fortschrittliches Denken beim Thema Digitalisierung in der Schweiz erreichen, dann nehme ich die mit der Auszeichnung einhergehende Verantwortung gerne an.

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