Glenn Gore, Chefarchitekt von AWS, im Interview

"Gelingt die Migration eines aufwändigen Projekts, ist der Rest plötzlich einfach"

Uhr | Aktualisiert

Bevor Glenn Gore am Worldwebforum in Zürich die Bühne betrat, haben ihn die Organisatoren als "Brain behind the Amazon Cloud" angekündigt. Die Redaktion sprach mit dem Chefarchitekten der Amazon Web Services (AWS) über Techies, Cloud-Migrationen und die Angst vor Veränderung.

Glenn Gore, Chefarchitekt von AWS, am Worldwebforum in Zürich. (Source: Netzmedien)
Glenn Gore, Chefarchitekt von AWS, am Worldwebforum in Zürich. (Source: Netzmedien)

Sie sind Chief Architect bei AWS. Was für Aufgaben haben Sie?

Glenn Gore: Ich berate weltweit Kunden zu Strategien, App-Designs und Cloud-Migrationen. AWS bietet dafür das Well-Architected-Framework an. Es zeigt Best Practices auf und hilft, Infrastrukturen für Anwendungen zu schaffen. Einige Themen sind dabei besonders wichtig, etwa IT-Sicherheit, Betrieb, Kosten und Verfügbarkeit.

Wie oft treffen Sie Kunden?

Jede Woche auf meinen Reisen. Es ist für mich wichtig, dass ich nahe an den Kunden dran bin. Ich will ihnen erklären, warum AWS für sie sinnvoll ist. Viele Kunden starten mit einem Pilotprojekt. Sie erkennen dann meist schnell, was die Cloud für Vorteile bietet und fragen mich, wie sie die nächsten 100 Applikationen migrieren können.

Was raten Sie Kunden, die in die Cloud wollen?

Es einfach mal zu testen und zu experimentieren. Am besten wählt man einen Workload aus, migriert diesen und sammelt erste Erfahrungen. Die Kunden finden so heraus, was für Herausforderungen es gibt. Sie merken dann zum Beispiel, dass sie ihre Vorgaben für IT-Sicherheit anpassen müssen oder auch die Art und Weise, wie sie ihre Daten verschlüsseln.

Am Worldwebforum sagten Sie, dass Unternehmen beim Umzug in die Cloud am besten mit dem schwierigsten Projekt starten. Warum?

Wenn Firmen in die Cloud wollen, gibt es oft viele Hindernisse. Die Risk- und Compliance-Manager sind alarmiert, der Chief Security Officer sieht die Sicherheit in Gefahr und sogar die IT-Abteilung spricht Warnungen aus. Wer mit einem einfachen Projekt startet, kann kaum erkennen, was davon gerechtfertigt ist. Ich empfehle darum, mit etwas Komplexem zu beginnen. Das zwingt Unternehmen dazu, die Ängste ernst zu nehmen und sich tiefgründig mit der Cloud auseinanderzusetzen. Gelingt die Migration eines aufwändigen Projekts, ist der Rest plötzlich einfach. Dieser Ansatz bedeutet mehr Arbeit. Er hilft Unternehmen aber auch, ihre IT-Landschaft mit all ihren Herausforderungen besser zu verstehen.

Welche Probleme treten bei Cloud-Migrationen oft auf?

Wer Apps virtualisiert und lokal laufen lässt, macht das oft statisch. Auf AWS ist es aber sinnvoller, Workloads elastisch zu betreiben. So ist es zum Beispiel möglich, dass man an einem Montag weniger Ressourcen braucht als an einem Sonntag. AWS verrechnet seine Dienste im Modell Pay-as-you-go. In der On-Premise-Welt ist das anders. Sie ist meistens auf maximale Nutzung der Infrastruktur und 100 Prozent Last ausgelegt.

Immer mehr Innovationen geschehen in der Cloud. Wird diese Entwicklung so weitergehen?

Ja, auch bei AWS. 2016 gab es 1017 signifikante neue Features und Services von AWS, 2017 über 1400. Wir haben mehrere Millionen Kunden und erhalten sehr viele Rückmeldungen und Wünsche von ihnen. Das schafft Innovationen, die noch mehr Kunden anziehen. Diese Dynamik wird nicht abbrechen.

Am Worldwebforum sagten Sie auch, dass ­Firmen, welche die Cloud nicht nutzen, gegen die Schwerkraft ankämpfen. Was ist mit Unternehmen, denen es gesetzlich verboten ist, die Cloud zu nutzen?

Solche Fälle sind selten. Die Regulatoren verbieten die Cloud meist nur für gewisse Bereiche, etwa für Personen- oder Finanzdaten. Mit anderen Workloads können Unternehmen sehr wohl in die Cloud. Etwa mit Entwickler- und Testing-Umgebungen, Data-Analytics-Lösungen oder Mobile-Apps. Die Finanz- und Versicherungsindustrie ist einer der grössten Nutzer der Cloud – obwohl sie stark reguliert ist. Regulierungen sind heute keine Ausrede mehr, um nicht in die Cloud zu gehen. Es gibt immer Workloads, die Unternehmen in die Cloud verfrachten können.

Unternehmen nahmen IT lange bloss als Cost Center wahr. Nun haben sie gemerkt, dass die IT auch viele Innovationen ermöglicht. Was kann AWS dazu beitragen?

AWS ermöglicht es, solche Innovationen zu schaffen. Unser Angebot ermächtigt Unternehmen, schneller auf Veränderungen zu reagieren, Anwendungen sicherer zu machen und sie öfters zu aktualisieren. Das erhöht die Agilität und verringert die Bürokratie. So entstehen Technologien, die Firmen voranbringen. Die IT wird zum Enabler für das Business. Techies und Unternehmer rücken näher zusammen – und beide profitieren. Wenn man Entwicklern Freiheiten und die richtigen Technologien in die Hand gibt, erlangen sie schon fast Superkräfte.

Wie meinen Sie das?

Moderne Cloud-Technologien nehmen Entwicklern viel Arbeit ab. Sie haben plötzlich Zeit, sich auch über das Business Gedanken zu machen. Und sie können sich auf das konzentrieren, was für sie wichtig ist. Viele Dinge, die Techies belasten, fallen in der Cloud weg. Sie müssen sich keine Gedanken mehr darüber machen, wie sie ein Rechenzentrum betreiben, welche Kabel sie nutzen oder wie sie Server kühlen. Das ist befreiend und setzt Kräfte frei, die Unternehmen weiterbringen.

Welche Tipps können Sie Entwicklern geben?

Es gab noch nie eine bessere Zeit, um Entwickler zu sein. Auch wenn sich ihr Umfeld schneller verändert als je zuvor. Entwickler sollten sich mit Microservices und A/B-Testing auseinandersetzen. Auch sollten sie mehr experimentieren, stärker auf die Auswertung von Daten setzen und sich mit Continuous Integration and Continuous Deployment befassen. Und sie müssen lernen, agil mit Veränderungen umzugehen.

Was raten Sie Schweizer CIOs, um in der schnelllebigen Branche nicht den Anschluss zu verlieren?

Mehr zu experimentieren, vor allem mit neuen Technologien. Denn nicht alle Technologien passen zu jedem Unternehmen. Um herauszufinden, was in einem Betrieb sinnvoll ist, sind Experimente unerlässlich.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Devops. Wenn Firmen agil sein wollen, müssen sie zuerst die Kultur und Organisation ändern, erst dann die Technologien. Es lohnt sich, mit Experimenten zu beginnen. Das Gleiche gilt für Serverless-Technologien und den Ersatz von Monolithen durch schlanke Microservices. CIOs sollten sich überlegen, mit welchen Experimenten sie starten können, um ihr Unternehmen zu transformieren. Die Angst vor Veränderung kann leider dazu führen, eine Machbarkeitsstudie nach der anderen zu machen – während die Konkurrenz an einem vorbeizieht. Unternehmen verlieren so auch an Attraktivität für Talente auf dem Arbeitsmarkt.

Ist es für Start-ups einfacher, auf neue Technologien zu setzen als für Unternehmen, die schon lange im Geschäft sind?

Die Herausforderung ist für beide etwa gleich gross. Auch gestandene Unternehmen können Projekte wie Start-ups durchführen. Bei vielen Firmen stellt sich natürlich die Frage, wie sie mit Legacy-IT umgehen. Oft hilft es, Partnerschaften einzugehen, um auf neue Technologien zu migrieren. Es gibt verschiedene Strategien, zum Beispiel hybride Cloud-Modelle. Auch wir bei AWS haben Partnerschaften geschlossen, um Unternehmen das Leben einfacher zu machen, etwa mit VMware.

Sie sagten, dass Schweizer Unternehmen stolzer auf ihre ­Errungenschaften sein sollten. Wie meinen Sie das?

Mir ist aufgefallen, dass Schweizer Firmen verhältnismäs­sig wenig über ihre Erfolge sprechen und eher bescheiden auftreten. Ich glaube, dass sich die Entrepreneure mehr austauschen sollten. Sie sollten ihre Erfahrungen stärker teilen, etwa zu IT-Sicherheit und Compliance. Unternehmen können so ihre Aussenwirkung verbessern und eine Community aufbauen. Wer etwa auf moderne Technologien, neue IT-Architekturen und aufstrebende Programmiersprachen setzt, sollte darüber reden. Das zieht Talente und gute Entwickler an.

Aktuell sprechen alle über Machine Learning. Auch die Kunden von AWS?

Oh ja, Machine Learning ist einer der Megatrends in der Branche. Es ist hervorragend geeignet, um repetitive Tätigkeiten zu übernehmen. Die Kunden sind begeistert von den Möglichkeiten, welche die Technologie bietet, fragen sich aber auch, wie ihr Unternehmen davon profitieren kann.

Liegt das nicht meist auf der Hand?

Nein, denn Machine Learning war bis jetzt teuer und aufwändig. Das hat sich erst mit der Cloud geändert. Viele Projekte auf AWS drehen sich um Amazon Lex und Amazon Polly. Zwei Dienste, die Sprache ausgeben und bei der Erstellung von Konversationsschnittstellen helfen. Plötzlich ist es einfach, einen Chatbot zu kreieren. Man muss dafür heute kein Experte in Machine Learning und Sprach­erkennung mehr sein.

AWS braucht massenhaft Compute und Speicher. Kann die ­Innovation in diesen Industrien mit den Entwicklungen in der Cloud mithalten?

AWS hat starke Partnerschaften, etwa mit Intel. Wir können so eine Compute-Umgebung aufbauen, die genau auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist. Das Gleiche gilt für den Speicher. Unternehmen, die nicht in der Cloud sind, verpassen viele Innovationen. Es ist fast nicht möglich, on-premise eine ähnlich sichere und performante Umgebung einzurichten wie AWS. Und es ist eine grosse Herausforderung, auf eigene Faust ein elastisches Pay-as-you-go-Servicemodell aufzubauen.

Wie sieht es mit den Netzwerktechnologien aus?

Auch hier gibt es viele Innovationen, etwa Software-defined Networking, die Virtualisierung des Netzwerk-Layers und eine bessere Integration in Hypervisoren. AWS-Kunden können ihre eigene Virtual Private Cloud in der Public Cloud betreiben, mit Lambda-Funktionen und einer Verbindung zu S3. Das on-premise nachzubauen, ist fast nicht machbar.

Und die IT-Sicherheit?

AWS hat auch hier Vorteile, die oft auf unsere Grösse und Partnerschaften zurückzuführen sind. Viele Unternehmen sind zum Beispiel immer noch nicht gegen Spectre und Meltdown geschützt, während wir die nötigen Patches schon lange ausgerollt haben.

Was ist denn der grösste Flaschenhals in der AWS-Cloud?

Die grösste Herausforderung in der AWS-Cloud sind nicht die Technologien, sondern die Menschen. Wie stellen wir sicher, dass wir die richtigen Talente auf dem Arbeitsmarkt finden? Welche Partnerschaften sollen wir eingehen, um noch besser zu skalieren? Wie können wir Unternehmen und die verschiedenen Industrien über unser Angebot informieren? Das sind Fragen, die uns beschäftigen.

Ein letzter Rat an unsere Leser?

Haben Sie keine Angst, Fehler zu machen! Experimentieren Sie! Firmen sollten eine Umgebung schaffen, in der Projekte auch mal scheitern können. Denn wer die Innovationsgeschwindigkeit erhöhen will, muss die Kosten des Scheiterns senken. Das ist mein Rat an Unternehmen.

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DPF8_80686

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