Interview mit ETH-Präsident Lino Guzzella

Was es für eine digitale Schweiz noch braucht

Uhr | Aktualisiert

Die ETH Zürich leistet einen wichtigen Beitrag zur Digitalisierung der Schweiz. Im Interview erklärt ETH-Präsident Lino ­Guzzella, worin die Chancen, aber auch die Risiken der technologischen Entwicklung liegen. Um den ICT-Fachkräftemangel zu bekämpfen, fordert er ein gesamtschweizerisches Engagement.

Lino Guzzella, Präsident, ETH Zürich. (Source: zVg)
Lino Guzzella, Präsident, ETH Zürich. (Source: zVg)

Alle sprechen über Digitalisierung, wie weit ist es auch für die ETH ein Thema?

Lino Guzzella: Digitalisierung ist nicht neu. Sie hat schon vor Jahrzehnten eingesetzt, als man Steuerungen von Maschinen und Anlagen durch digitale Computer ersetzte. Oder denken Sie etwa an die Beiträge von Informatikpionieren wie Niklaus Wirth, der Anfang der 70er-Jahre an der ETH die Programmiersprache Pascal und später mit Lilith einen Vorläufer des Personal Computer entwickelte. Die ETH befasst sich schon seit Langen mit digitalen Technologien. Heute hat die Digitalisierung mit der zunehmenden Vernetzung aber eine neue Qualität erreicht. Sie ist ein Querschnittsthema, das sich wie ein roter Faden durch alle ingenieurs- und naturwissenschaftlichen Disziplinen hindurchzieht.

Wie will die ETH die digitale Zukunft der Schweiz aktiv mitgestalten?

Es steht ausser Zweifel, dass digitale Technologien und deren wachsende Vernetzung tiefgreifende Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft, ja in allen Bereichen unseres Lebens hervorrufen werden. Als eine der besten technischen Hochschulen treiben wir diesen Wandel voran und sind gleichzeitig auch davon betroffen. Unser Beitrag besteht darin, dass wir bestens qualifizierte Menschen ausbilden und über unsere Forschung und den Wissenstransfer der Schweiz helfen, die Chancen der digitalen Zukunft zu packen. Dabei legen wir grossen Wert darauf, dass unsere Studierenden nicht einfach fachlich top sind, sondern den Fortschritt kritisch reflektieren und in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang sehen können.

Wo sehen Sie die grössten Gefahren durch die Digitalisierung für die Schweiz?

Jeder technische Wandel birgt Chancen und Gefahren. Ich sehe zwei Gefahren für die Schweiz: Das Schweizer Modell mit einem starken Mittelstand, der an der Wohlstandsmehrung teilhat, ist unbedingt beizubehalten, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, dass sich ein digitaler Graben auftut zwischen den Gewinnern und Verlierern der Entwicklung. Zweitens besteht eine gewisse Gefahr, dass wir die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkennen und stattdessen den Wohlstand der Vergangenheit verwalten. Wir müssen aber sehen: Es gibt ein Zeitfenster, in dem wir als Gesellschaft und Volkswirtschaft agieren können, um später nicht reagieren zu müssen. Wenn wir dieses Zeitfenster ungenutzt verstreichen lassen, verspielen wir die Basis unseres Wohlstands.

In einem Interview forderten Sie, dass Informatik zur fünften Landessprache werden sollte. Warum?

Die jungen Menschen, die heute als "Digital Natives" aufwachsen, sollen die informationstechnischen Grundlagen hinter den Geräten und Apps verstehen, die sie täglich verwenden. Digitale Techniken werden sie ein Leben lang begleiten. Da ist es wichtig, dass man mehr als einfach Word und Powerpoint bedienen kann. Ein – stufengerechtes – Informatikverständnis verhilft zur technischen Mündigkeit. Wir wollen dazu beitragen, dass die künftigen Generationen nicht einfach Getriebene der technologischen Entwicklung sind, sondern diese gestalten und mitbestimmen können. Das ist ein Bildungsauftrag.

Als eine der grössten Ausbildungseinrichtungen leistet die ETH einen grossen Beitrag zur Deckung des ICT-Fachkräftebedarfs. Macht die ETH genug, oder könnte es noch mehr sein?

Unsere Absolventinnen und Absolventen sind sehr gefragt auf dem Arbeitsmarkt, und die Tatsache, dass in den letzten Jahren immer mehr ICT-Firmen in Zürich eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aufgebaut haben, hat sicher auch damit zu tun. Google ist wohl das bekannteste Beispiel, aber auch Microsoft, Oracle, Facebook und Apple sind in Zürich präsent. Wir versuchen vor allem auch mehr junge Frauen für ein Informatikstudium zu gewinnen und neue Schlüsselkompetenzen zu fördern, indem wir seit Herbst 2017 mit der EPFL zusammen zum Beispiel ein Masterstudium in Datenwissenschaft anbieten. Aber die ETH kann den Bedarf an Informatikerinnen und Informatikern nicht alleine decken.

Welche Ressourcen würden Sie für einen weiteren Ausbau benötigen und sind diese in Aussicht?

Wir haben Pläne an der ETH, unsere wissenschaftliche Kompetenz in den relevanten Gebieten in den nächsten 6 bis 8 Jahren substanziell auszubauen. Konkret geht es um die Schaffung neuer Professuren. Dies vor dem Hintergrund, dass die Ansprüche an die ETH steigen und wir mit einer gezielten Investition in brillante Köpfe die Schweiz am besten unterstützen können, einen gesellschaftlichen Nutzen aus der Entwicklung zu ziehen.

Welche weiteren Akteure sehen Sie in der Pflicht, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Es braucht Anstrengungen auf allen Ebenen, in der Berufsbildung, in Fachhochschulen und anderen Universitäten, damit wir in den nächsten Jahren mehr ICT-Fachkräfte ausbilden können für die KMUs, die grossen Firmen, aber auch für den öffentlichen Sektor.

Welche Akteure müssten sich engagieren, damit dieses Ziel erreicht wird?

Alle. Bildungsinstitutionen auf allen Stufen, die Politik, aber auch Eltern sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen, denn es geht schliesslich um die Zukunft ihrer Kinder.

Welchen Beitrag können MOOCs (Massive Open Online Courses) dabei leisten?

Die erste MOOCs-Welle hatte die Züge eines Hypes, getrieben von Firmen, die darin vor allem ein Geschäft witterten. Inzwischen spricht man von einer zweiten Generation der MOOCS, die mithilfe von Machine Learning das personalisierte Lernen verbessern können. Wie setzen MOOCS in unserem Unterricht ein, ebenso wie Konzepte des Flipped Classroom, wo die Studierenden die Vorlesung für Fragen und Diskussion mit dem Dozenten nutzen und sich die Vorlesungsinhalte über audiovisuelles Material aneignen. Wichtig scheint mir, dass nicht eine Lernmethode für alle Fächer und alle Lernenden gleichermassen geeignet ist.

Wie offen sind Sie als ETH zu diesem Konzept und welche weiteren Pläne gibt es?

Was immer hilft, die Interaktion zwischen Dozenten und Studierenden zu verbessern, unterstützen und fördern wir an der ETH. Aber man muss innovative Lernmethoden einsetzen, wo sie die Qualität verbessern. Nebst den erwähnten MOOCs hat die ETH in Pionierarbeit viel in Onlineprüfungen investiert. In der Zwischenzeit finden jährlich rund 100 Onlineprüfungen statt für mehr als 10'000 Studierende.

Welchen Beitrag können digitale Technologien für die Verbesserung von Forschung und Lehre leisten?

Die Digitalisierung bringt nicht nur neue Lerntechnologien und -umgebungen, sondern verleiht auch der Didaktik neue Impulse. Mobile Geräte mit Applikationen sind auch aus dem Studienalltag nicht mehr wegzudenken. Die klassische Unterrichtszeit kann vermehrt dafür genutzt werden, das selbstständig erworbene Wissen in Übungen und Projekten zu testen. Die ETH hat ein eigenes Kompetenzzentrum, das die einzelnen Professoren in der Lehrentwicklung und dem Einsatz entsprechender Technologien unterstützt.

Wie profitiert die Schweizer Wirtschaft von der Forschung an den ETHs?

Von einer guten Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft profitieren beide Seiten. Wir haben einen gesetzlichen Auftrag, dies zu tun, sowohl mit grossen Firmen wie auch mit Schweizer KMUs. Es gibt hunderte Kooperationen zwischen unseren Professorinnen und Professoren und der Industrie. Um nur ein Beispiel zu nehmen: Die neuen Schweizer Banknoten enthalten alle ein dreischichtiges Spezialpapier mit einer transparenten Plastikfolie, die zur Fälschungssicherheit beiträgt. Die Technik dahinter wurde von Materialwissenschaftlern der ETH entwickelt. Millionen Schweizerinnen und Schweizer tragen somit jeden Tag ETH-Technologie in ihrem Portemonnaie herum, ohne es zu wissen.

Bietet die Schweiz gute Rahmenbedingungen für die Forschung? Wie könnte man sie noch verbessern?

Die Schweiz hat sich in der Vergangenheit deshalb zu einer führenden Volkswirtschaft mit einer hoch kompetitiver Exportindustrie entwickelt, weil vieles stimmt: Hohe F&E-Investitionen, eine flexibler Arbeitsmarkt, vernünftige politische Rahmenbedingungen und ein gut funktionierendes Bildungssystem. Aber angesichts der weltweiten Konkurrenz, vor allem aus Asien, müssen wir aufpassen wie die Häftlimacher, dass wir diese komparativen Vorteile behalten. Dazu gehört auch eine offene Haltung der Welt gegenüber und für Hochschulen wie die ETH ein ungehinderter Zugang zum globalen Talentpool.

Welchen Stellenwert haben für Sie Kooperationen mit Firmen wie IBM oder Google, die grosse Forschungsstandorte in der Schweiz betreiben?

Im Fall von IBM ist die Zusammenarbeit jahrzehntealt. Mit der Eröffnung des gemeinsamen Nanotechnologiezentrums 2011 auf dem Firmengelände von IBM in Rüschlikon haben wir die strategische Zusammenarbeit noch einmal verstärkt. Google ist insofern ein Glücksfall, als mit Urs Hölzle ein ETH-Absolvent entscheidend dazu beitrug, dass Google 2004 eine Niederlassung in Zürich eröffnete – mit anfänglich zwei Personen notabene. Heute betreibt Google in Zürich den grössten Entwicklungs- und Forschungsstandort ausserhalb der USA und beschäftigt mehr als 2000 hochqualifizierte Spezialistinnen und Spezialisten. Diese beiden Fälle zeigen, dass Zürich ein gutes Pflaster ist für IT-Firmen.

Was hat die Schweiz zu bieten, das Unternehmen wie Google und IBM dazu bewegt, grosse Forschungsteams hierzulande zu beschäftigen?

Ein Mix aus guten Rahmenbedingungen, qualifizierte Arbeitskräfte und nach wie vor eine hohe Lebensqualität – wo auch immer man sich in der Schweiz niederlässt. Besonders erfreulich ist es aus ETH-Sicht, wenn sich Spin-off-Firmen im Grossraum Zürich niederlassen und auch in ihrer Wachstums- und Expansionsphase ihre Kernbereiche hier behalten.

Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten technologischen Entwicklungen im Jahr 2017?

Die Informationstechnologie hat auf breiter Front zu neuen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft geführt. Eindrücklich sind sicher die Entwicklungen in der Sprach-, Bild- und Texterkennung, aber auch in der Verfeinerung von Algorithmen, die in der Analyse grosser medizinischer Datenmengen zur Anwendung kommen. Aber auch die Blockchain-Technologie lässt erahnen, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zahlreiche neue Geschäftsmodelle und Anwendungen entstehen werden.

Welche Technologien stehen kurz vor dem Durchbruch, und ­welche Rolle wird die Schweiz dabei spielen?

Hier eine Prognose abzugeben, ist spekulativ. Aber ich kann Ihnen sagen, wo unsere Stärken liegen in der Schweiz. Wir sind stark in den Grundlagen und im Engineering. Die ETH Zürich zählt zu den weltweit besten Universitäten im Bereich des Maschinellen Lernens, der Robotik, digitalen Fabrikation und Cybersicherheit. Aber auch im Quantencomputing sind wir stark. Allein an der ETH gibt es 18 Forschungsgruppen, die auf diesem Gebiet arbeiten. All diese Kompetenzen sind zentral, um die Wirtschaft weiter in Richtung der Industrie 4.0 und des Internets der Dinge zu entwickeln. Wir haben in der Schweiz genügend Trümpfe in der Hand, wir müssen sie nur noch clever ausspielen.

Warum hat die Schweiz bisher vergleichsweise ­wenige weltweit bekannte Start-ups im Bereich ICT hervorgebracht?

Dafür gibt es wohl mehrere Gründe. Die Schweiz hat einen kleinen Heimmarkt. Junge Firmen agieren oft vorsichtig und tun sich schwer damit, gleich den Weltmarkt anzupeilen. Vielleicht fehlte uns in der Vergangenheit auch das "Frechheits"-Gen, um mutiger zu sein und gross zu denken. Aber ich bin zuversichtlich, dass mehrere Start-ups das Potenzial haben, gross zu werden. Sie sind heute schon sehr erfolgreich unterwegs und haben ein eindrückliches Wachstum hingelegt. Der Sprung in die oberste Liga ist nur eine Frage der Zeit.

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