SPONSORED-POST Experteninterview

"Die Digitalisierung scheitert, wenn sie dem Menschen die Autonomie nimmt"

Uhr

Autonomie ist für Ärztinnen und Ärzte zentral. Wenn die Digitalisierungsbranche versucht, die Aufgaben der Ärzte zu übernehmen, verliert sie, wie Kognitionspsychologe Damian Läge sagt. Was das für die Softwareentwicklung bedeutet und welche Verantwortung Tech-Unternehmen ­haben, erklärt er im Gespräch. Interview: Adrian Bachofen, bbv-Verwaltungsratspräsident

Damian Läge (r.), Titularprofessor für Angewandte Kognitionspsychologie an der Universität Zürich und Mitgründer der Klenico, und Adrian Bachofen, Unternehmer und Verwaltungsratspräsident der bbv-Gruppe. (Source: zVg)
Damian Läge (r.), Titularprofessor für Angewandte Kognitionspsychologie an der Universität Zürich und Mitgründer der Klenico, und Adrian Bachofen, Unternehmer und Verwaltungsratspräsident der bbv-Gruppe. (Source: zVg)

Vor sechs Jahren haben Sie die Firma Klenico AG gegründet, die ein innovatives digitales Diagnoseverfahren für die Psychiatrie und Psychologie entwickelt, das bbv als Softwareportal umgesetzt hat. Wie sah Ihre Vision aus, als Sie Ihre Firma gegründet haben?

Damian Läge: Es gab kein vernünftiges Tool in der Psychiatrie und Psychologie, mit dem man alle möglichen Formen psychischen Leidens und psychischer Erkrankung in einem Verfahren messen konnte. Es waren – und sind – Dutzende unterschiedliche Verfahren. Meine Vision war, dass wir das in einer einzigen Anwendung zusammenbringen.

Wie wichtig war die Digitalisierung des Ganzen?

Sie war zentral. Es gibt in der Diagnose psychischer Erkrankungen rund 300 Einzelverfahren, die überwiegend noch auf Papierunterlagen basieren. Das ist ein fruchtloser Aufwand für alle Beteiligten. Niemand möchte all diese handschriftlichen Informationen in ein digitales System übertragen. Hochqualifizierte Professionals im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie müssten mit einer Schablone Fragebögen ausfüllen und von Hand irgendwelche Dinge zusammenzählen. Zumeist wird das dann nicht gemacht und es kommt zu einer Augenschein-Diagnose.

Also haben Sie eine Art digitales Röntgengerät für die Psyche entwickelt.

Das ist ein sehr schönes Bild! Das Röntgengerät erleichtert dem Arzt die Arbeit, indem es den Blick ins Innere ermöglicht. Aber es nimmt ihm nicht die Diagnose ab. Wir bilden unsere Resultate in einer sogenannten Symptomlandschaft ab, auf der jede Fachperson auf einen Blick erkennt, in welchen Bereichen möglicherweise ein Problem besteht. 

Wie muss ich mir das vorstellen?

Die Weltgesundheitsorganisation definiert genau, welche Krankheiten es gibt und welches die Symptome sind. Wir sprechen von insgesamt 600 Symptomen bei psychischen Erkrankungen.

Das klingt nach einem komplizierten Fragebogen.

Es kommt noch schlimmer: Es gibt bei psychischen Erkrankungen immer die Innensicht des Patienten und die Aussenperspektive der Fachperson. Beide sind genau gleich zu gewichten. In unserem System fragen wir nicht einfach stumpf Symptome ab. Wir haben einen anderen Ansatz: Erstens haben wir eine adaptive Führung durch das, was relevant ist. Aufgrund weniger Fragen kann das System das weitere Interview mit der Person intelligent strukturieren. Zweitens muss die Fragetechnik für das Hirn angenehm sein. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir lesen eine Zeitungsseite nicht stur von oben nach unten. Unser Auge springt – geleitet durch das Hirn – immer genau da hin, wo es spannend ist. Diesen Effekt, der Salienz genannt wird, können wir digital nutzen, indem wir einer Patientin oder einem Patienten jeweils ein Set verschiedener kurzer Aussagen auf einem Bildschirm präsentieren und sagen: Klick einfach auf das, was dich am meisten betrifft, und ignoriere den Rest. So reduzieren wir den Aufwand massiv. 60 Grundsymptome sind innert 5 Minuten erledigt. Alles andere in der Befragung baut adaptiv darauf auf. Ein komplett individueller Fragebogen also.

Letztlich mussten Sie als Unternehmer auch erfolgreich Kunden und Investoren gewinnen. Wie ist das gelungen?

Wir konnten recht schnell Investoren finden. Das wurde in der Branche mit grossem Erstaunen zur Kenntnis genommen. Es war jahrzehntelang fast nicht möglich, Investoren für Innovationen im Bereich Psychiatrie zu finden.

Was gab den Ausschlag?

Unsere Lösung ist beliebig skalierbar. Wir können sie in allen Märkten und allen Sprachen zur Verfügung stellen. Immerhin sprechen wir von rund 1 Prozent der Bevölkerung von Europa, USA und Japan, die sich jedes Jahr in stationäre psychiatrische Behandlung begeben müssen. Und nochmals 3 bis 3,5 Prozent, die jährlich in ambulanter Behandlung sind. Das ist ein riesiger Markt. 

Investoren setzen auf den Businessplan und weniger auf die Vision, Gutes tun zu wollen. Ist die ­Vision bei den Mitarbeitenden ein Antrieb?

Absolut. Das ist der zentrale Aspekt: Wir haben die Gelegenheit, vielen Menschen dank einer sauberen Diagnostik die Chance auf eine optimale Behandlung zu ermöglichen. Ausserdem hat das für die Gesellschaft einen handfesten ökonomischen Vorteil: Die Fachleute können dank einer optimalen Diagnostik viel besser entscheiden, wer welche Behandlung benötigt. Nur damit kann das im Gesundheitssystem vorhandene Geld optimal genutzt werden.

Die Gesundheitsbranche tut sich eher schwer mit der Digitalisierung. Was braucht eine Software, damit sie von diesem Markt angenommen wird?

Ich habe es bereits angesprochen: Die Usability unserer Software geht nicht von den Bedürfnissen der Programmierer aus, sondern von jenen des menschlichen Gehirns. Salienz haben wir schon erwähnt. Ein weiterer Teil ist, dass unser Gehirn laufend Vergleiche anstellt und automatisch Zusammenhänge herstellt. Darum vergleichen Patientinnen und Patienten die erlebte Schwere ihrer Symptome untereinander, und deswegen stellen wir die Resultate für die Fachpersonen in einer Landkarte dar und nicht einfach in einer Checkbox.

Sie plädieren dafür, Software viel stärker als bisher auf die natürlichen Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Menschen zuzuschneiden?

Absolut. Die Biologie des Menschen müsste im Vordergrund stehen.

Damit wäre die Usability verbessert. Aber die ­Vorbehalte gegen die Digitalisierung sind nicht ausgeräumt.

Korrekt, aber eigentlich geht es wieder um dasselbe: die Bedürf­nisse der Menschen. In diesem Fall die Bedürfnisse des medizinischen Personals im psychiatrischem Umfeld. Sie wünschen sich Autonomie in Form von Anerkennung und Entscheidungshoheit. Mit unserer Darstellungsform unterstützen wir die Diagnose, stellen sie aber nicht. Das ist nach wie vor die Aufgabe des Fachpersonals. So respektieren wir den Wunsch nach Autonomie.

Mit anderen Worten: Wenn die Digitalisierungsbranche die Aufgabe der Ärztinnen und Ärzte übernimmt, verliert sie?

Absolut. Menschen akzeptieren nicht, dass ihnen die Autonomie entzogen wird. In der Gesundheitsbranche passiert im Moment sehr vieles bezüglich der Digitalisierung. Eine wichtige Erkenntnis ist: Wir dürfen die Menschen mit all diesen Möglichkeiten nicht überfahren, sonst verweigern sie sich. Diese Reaktion ist universell, unabhängig von Kulturen oder sozialen Gruppen: Wenn man den Menschen die Autonomie nimmt, wehren sie sich.

Die Digitalisierungsindustrie hat also eine Verantwortung. Die ethische Komponente wird immer wichtiger, um die richtige Balance zu finden.

Das Wort Balance gefällt mir. Die Digitalisierung ist keine Maximierungs-, sondern eine klassische Optimierungsaufgabe. Das Optimum zu finden, also die Menschen glücklich und zufrieden zu machen, die Ansprüche an die digitale Welt aber nicht ins Unermessliche zu treiben, ist der eigentlich Kern eines ethischen Prinzips für die Digitalisierung.

Hören Sie das Interview mit Damian Läge in voller Länge als Podcast auf bbv.ch.

Webcode
Be5L5Cht