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04.04.2014 11:12 (Marion Ronca)
Best of Swiss Web Award 2014

"Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Computer zum TV werden würde"

Bea Knecht
Bea Knecht (Quelle: Netzmedien)
Bea Knecht ist Mitgründerin und Präsidentin des Verwaltungsrats von Zattoo - und Ehrenpreisträgerin von Best of Swiss Web. Im Interview erzählt sie, wie Zattoo entstand, wie es sich wandelte und was sie heute anders machen würde.

Frau Knecht, Sie gründeten 2005 das Web-TV Zattoo. Wie kam es dazu?

Die Saat dafür wurde 15 Jahre vorher gesät. Während meines Informatikstudiums, das ich von 1986 bis 1990 in Berkeley absolvierte, arbeitete ich mit meinem späteren Co-Founder an der Visualisierung von mathematischen Funktionen. Er wurde Professor für Informatik an der Universität von Michigan in Ann Arbor und versuchte, mich für die Kommerzialisierung seiner Forschungsprojekte zu gewinnen. 1999 schlug er mir ein Projekt zu Multiplayer Gaming vor. 2002 bot er ein Location-Based-Services-Projekt an. Die Ideen waren gut, nur wollte ich meine Karriere in der Strategieberatung noch weiterverfolgen und beschränkte mich darauf, ihm Tipps zu geben. Als er mir 2005 ein neues Peer-to-Peer-Protokoll vorschlug, passte das Timing besser. Es bot die Möglichkeit, Echtzeit-TV zu machen und war in dieser Hinsicht Bittorrent überlegen. TV zählte seit Berkeley zu meinen Interessen. Es war mir 1990 klar, dass die Digitalisierung von TV neue Chips und Software erforderlich machen würde. Mit einem befreundeten Elektroningenieur hatte ich die damals eben publizierten, neuen Spezifikationen für HD-TV studiert. Sie machten aus einem TV einen Computer. Ich sagte mir, wenn der TV zum Computer wird, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Computer zum TV wird. 2005 erschien ausserdem der Encodierstandard H.264, der endlich die richtige Performanz bot. Angesichts dieser konvergierenden Innovationen fanden wir: «Ok, that’s the moment. Jetzt machen wir das, aber keine Minute früher.»

Wie sah die konkrete Vision in Bezug auf den Konsumenten aus?

Wir wollten zeigen, dass Web-TV entgegen aller Abklärungen der Telkos weit mehr Potenzial hatte als die prophezeite Randnutzung im Hotel oder im Zug. Unsere Vision sah ein Web-TV vor, dass nicht auf den damaligen Handys, sondern auf dem Laptop, nicht über das Mobilfunknetz, sondern über das Festnetz und nicht als Randnutzung, sondern als Zweitnutzung in normalen Haushalten laufen würde. Dort also, wo verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenleben und nicht alle dasselbe schauen wollen. Unser Ansatz erforderte keinen neuen Handy-­Standard. Die Nutzer brauchten bloss einen Computer, und schon lief es. Auch setzten wir von Anfang an auf die TV-Kanäle, die die Mehrheit der Leute schauen. So ist bisher niemand darangegangen, Web-TV als Zweit- und nicht als Randnutzung zu konzeptualisieren. Zudem machten wir es gratis – eine Revolution.

Gab es zu Beginn technische Herausforderungen, die heute kein Thema mehr sind?

Heute ist es selbstverständlich, dass man einen Live-Stream mit H.264 auch live encoden kann. Das war damals überhaupt nicht klar. Live-Encoding war eine riesige Herausforderung. Die Encoder waren sehr teuer und sehr limitiert und reichten qualitativ nicht aus. So beschlossen wir, eigene Encoder zu bauen, die wir heute noch haben. Wir hatten nie Angst davor, am Motor Hand anzulegen und die Sachen, die wir brauchten, selbst zu bauen. Das unterscheidet uns grundlegend von unseren Konkurrenten. Wir waren hardcore und sind es noch immer. Auch bei der Übermittlung stiessen wir an Grenzen, beim User zuhause, wenn er Wi-Fi nutzte, aber auch unterwegs. Also bauten wir ein eigenes Content Delivery Network. Ursprünglich wollten wir gar nicht in das CDN-Geschäft einsteigen. Am Schluss hatten wir ein CDN mit 10 Gigabit/s birektional, also redundant mit einer Standleitung von Zürich nach Frankfurt nach Amsterdam nach London, zurück nach Paris und wieder nach Zürich. An diesem doppelt geführten Ring hing das Peering-Netz. Wir waren ein CDN, das richtig grosse Daten bewegte. Wir hatten damals schon ein Vielfaches des gesamten Schweizer Banking-Traffics. Inzwischen bewegen wir etwa 70 Gigabit/s und decken zirka 70 Prozent unseres Traffics mit Direct Peerings ab. Wir speisen also direkt ein bei Swisscom, Telekom, Cablecom, Sunrise, Orange und anderen ISPs, um optimale Empfangsqualität zu ermöglichen. Seit 2009 tun wir dies ohne P2P-Lösung.

Von welchen technologischen Neuerungen haben Sie die letzten Jahre am meisten profitiert?

Das grösste Geschenk für uns war natürlich das iPhone. Meine Mutter rief mich an und fragte: «Mein Gott, jetzt gibt es ein iPhone, was bedeutet das?» Und ich sagte: «Das ist wahnsinnig gut für uns, jetzt gibt es ein Gerät mehr, das uns empfangen kann, und es ist ein Gerät, das die Leute nie aus der Hand geben werden.» Heute ist es tatsächlich so, dass 50 Prozent des Traffics von iPhones und Tablets stammen. Das iPhone ist schon etwas Unglaubliches. Nur in den Anfangszeiten der Informatik gab es eine vergleichbare Aufregung in der Community wie beim Aufkommen der Touch Devices. Dazwischen hat die IT einfach ihre Aufgaben abgearbeitet. Mit den Touch-Geräten passierte noch einmal etwas, bei dem alle fanden: «Ok, that’s new!»

Wenn Sie zurückschauen, gibt es etwas, was Sie heute anders machen würden?

Rückblickend würde ich gewisse Sachen wie die Monetarisierung nicht mehr delegieren. Es war aber verständlich, dass wir das damals machten. Die Display-Werbung zum Beispiel war 2007 etabliert, fast schon «old school». Die Firma, mit der wir zusammenarbeiteten, sagte: «Das kriegen wir hin.» Und wir verliessen uns darauf. Die Firma lieferte dann aber nicht wie ausgemacht, und kurz darauf, 2008, brach die Finanzkrise aus. Es gab kein Geld mehr, und wir dachten nur: «Oh, toll!» Im Gegensatz zu anderen Firmen reagierten wir dann aber viel schneller und viel stärker. Wir stellten uns auf einen «nuklearen Winter» ein wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase. Darauf also, dass selbst bei einer Superidee kein Geld fliessen würde. Wir fuhren alle Kosten herunter. Am Schluss blieb kein Stein mehr auf dem anderen. In dieser Zeit gaben wir dann auch unser Peer-to-Peer-Protokoll auf. Wir nahmen eine Standardlösung und nutzten die Überkapazitäten anderer CDNs. Wir entschieden uns auch für eine eigene Vermarktung. Damit begaben wir uns erneut in ein Gebiet, von dem wir keine Ahnung hatten. Nachträglich muss ich aber sagen, dass es sich nicht lohnt, etwas auszulagern, nur weil es schwierig erscheint. Wenn es dabei um den Kern des Projekts geht, sind die Risiken für den Auftraggeber ungleich höher als für den Auftragnehmer. Interessanterweise macht jede Start-up-Generation diese Erfahrung aufs Neue, so, als hätte das niemand jemals erlebt. Man sollte niemandem glauben, der behauptet, dass er etwas für einen macht. Ich sage das nicht, weil ich paranoid bin, sondern weil es für das Unternehmen überlebenswichtig ist.

Wie sind die Besitzverhältnisse im Unternehmen, und welche Ziele haben sich Board und Management hinsichtlich seiner Rentabilität gesetzt?

Das Board und das Management besitzen die Mehrheit der Firma. Zattoo wurde mit Private Equity und mit eigenen Mitteln gestemmt. Eigene Mittel stecken eigentlich erschreckend viele drin. Das ist aber auch ein Ansporn, den Firmenwert zu steigern. Noch haben wir den Punkt nicht erreicht, an dem das Unternehmen ein Vielfaches dessen wert ist, was wir investiert haben. Aber wir erreichen das noch. Zattoo ist nach wie vor eine sehr unternehmerische Firma, die gleichzeitig sehr langfristig ausgerichtet ist. Wir sind jetzt im 8. Jahr und werden im 10., 14. und 16. Jahr, so glaube ich, massive Steigerungen erzielen können.

Wie wollen Sie die Wertsteigerung erzielen?

Unsere Pläne sehen unter anderem vor, dass wir in der Schweiz und in Deutschland so weitermachen wie bisher, da sich unsere Strategie bewährt hat. In den anderen Ländern haben wir gemerkt, dass wir eine lokale Präsenz brauchen. In Dänemark, Frankreich, Grossbritannien und Spanien können wir uns gut vorstellen, längerfristig mit einem lokalen Kabler oder Telko zusammenzuarbeiten. Auch in der Schweiz und in Deutschland erhalten wir immer wieder Anfragen von Telkos. Obschon wir ja ein wenig Konkurrenten sind, haben wir überhaupt kein Problem damit, ihnen die Lösung zu geben. Wir sind da in ein interessantes Geschäft hineingekommen. In der Zwischenzeit bedienen wir die Nummer zwei und drei sowie ein paar Kleine wie GGA Maur. In Deutschland ist die Situation ähnlich, auch dort bauen wir dieses Geschäft stark aus. Das ist im Übrigen etwas, was die Konkurrenz nicht kann, denn sie hat im Gegensatz zu uns ihre Lösungen nicht selbst gebaut, sondern alles aus verschiedenen Lizenzen zusammengeschraubt. Solche Lösungen kann man dann nicht ohne Weiteres für Kooperationen anbieten.

Sie sehen also Telkos und Kabler trotz des Aufkommens der Smart-TVs mehr als potenzielle Partner denn als Konkurrenten?

Für uns war von Anfang an klar, dass wir nicht die Kabler angreifen wollen. Telkos und Kabler haben ein anderes Modell. Sie reissen Gräben auf und ziehen Leitungen durch. Wir fanden, dass es genügt, wenn Telkos, Kabler und vielleicht noch das Stadtnetzwerk das machen. Unser Plan war, die Überkapazität zu nutzen und auf neue Geräte zu bringen. Das Lizenzgeschäft ist attraktiv und erlaubt uns, bessere Technologien zu bauen. Theoretisch könnten wir unsere B2B-Lösung weltweit vertreiben. Der Aufwand wäre einfach zu gross, in allen Ländern nur schon die Rechte zum Weitersenden zu erwerben und die Werbung einzuholen.

Was bedeutet eigentlich der Name Zattoo?

Das ist japanisch und bedeutet eine grosse Menschenmenge. Der Name kam mir damals aber auch in den Sinn, als der erwähnte Professor mit dem Peer-to-Peer-Projekt zu mir kam und ich mir dachte «that too», also das auch noch. Mit Vista-TV, meinem Projekt zur Nutzermessung im Web, bin ich nun wieder an diesem Punkt, an dem ich mich frage, warum ich mir noch einmal eine neue Firma antue. Vista-TV verfolgt einen anderen Ansatz als die traditionelle Nutzermessung. Wir messen die Nutzerzahl, anstatt sie hochzurechnen. So erhalten wir viel präzisere Kurven sowohl bei den Randsendern als bei den gros­sen Sendern wie SF1 und SF2. Dazu arbeiten wir mit verschiedenen Unis zusammen, die die In­frastruktur bereitstellen. Wir speichern die Daten in einem Data Warehouse, von wo aus sie Interessierten gratis oder gegen einen kleinen Unkostenbeitrag zur Verfügung stehen. Wir wollen damit Start-ups der Social-TV-Szene fördern und hoffen, dass daraus etwas Spannendes entsteht.

Was bedeutet Ihnen der Best-of-Swiss-Web-Ehrenpreis?

Als ich vom Preis erfuhr, war mein erster Gedanke, dass er für das ganze Team ist und auch ein wenig für die Branche. Ich bin zwar schon die Person, die das Ganze ins Rollen gebracht hat, aber es brauchte auch alle anderen, die bei Zattoo mitmachen. Das sind inzwischen 40 Personen. Dass andere gescheite Leute überhaupt mitmachen und ganze Lebensjahre in das Projekt investierten, das ist mir letztlich wichtiger als jeder Preis.

Über das Unternehmen: Zattoo

Zattoo wurde 2006 in Zürich und in den USA gegründet. Das Web-TV bietet seine Dienste in Deutschland, der Schweiz, Grossbritannien, Dänemark, Spanien und Frankreich an. In den Hauptmärkten Deutschland und Schweiz erreicht Zattoo (Stand März 2013) monatlich 2 Millionen aktive Nutzer. Zattoo wird nicht nur auf dem PC geschaut, sondern auch auf Mobilgeräten über die entsprechenden Apps. Das Angebot umfasst in der Schweiz 140 TV-Kanäle, in Deutschland rund 60. Insgesamt sind mehr als 14 Millionen Nutzer bei Zattoo registriert. Das Unternehmen beschäftigt 40 Mitarbeiter in Zürich und Ann Arbor, Michigan. CEO ist Nick Brambring.

Über die Person: Bea Knecht

Bea Knecht absolvierte von 1986 bis 1990 ein Informatikstudium an der Uni­versity of California, Berkeley, USA, und 1995 einen MBA am International Institute for Management Development in Lausanne. Nach einigen Jahren in der Strategieberatung und in der Entwicklung von HR- und Datacenter-Automation-Software gründete Knecht 2005 das Webfernsehen Zattoo in den USA zusammen mit dem Informatik­professor Sugih Jamin. 2006 brachte sie Zattoo in die Schweiz und nahm den Betrieb als CEO des Fernsehens anlässlich der Fussball-Weltmeisterschaft mit zunächst vier frei empfangbaren Schweizer Fern­sehkanälen auf. Seit 2009 ist Knecht Verwaltungsrats­präsidentin von Zattoo.

Frau Knecht, Sie gründeten 2005 das Web-TV Zattoo. Wie kam es dazu?

Die Saat dafür wurde 15 Jahre vorher gesät. Während meines Informatikstudiums, das ich von 1986 bis 1990 in Berkeley absolvierte, arbeitete ich mit meinem späteren Co-Founder an der Visualisierung von mathematischen Funktionen. Er wurde Professor für Informatik an der Universität von Michigan in Ann Arbor und versuchte, mich für die Kommerzialisierung seiner Forschungsprojekte zu gewinnen. 1999 schlug er mir ein Projekt zu Multiplayer Gaming vor. 2002 bot er ein Location-Based-Services-Projekt an. Die Ideen waren gut, nur wollte ich meine Karriere in der Strategieberatung noch weiterverfolgen und beschränkte mich darauf, ihm Tipps zu geben. Als er mir 2005 ein neues Peer-to-Peer-Protokoll vorschlug, passte das Timing besser. Es bot die Möglichkeit, Echtzeit-TV zu machen und war in dieser Hinsicht Bittorrent überlegen. TV zählte seit Berkeley zu meinen Interessen. Es war mir 1990 klar, dass die Digitalisierung von TV neue Chips und Software erforderlich machen würde. Mit einem befreundeten Elektroningenieur hatte ich die damals eben publizierten, neuen Spezifikationen für HD-TV studiert. Sie machten aus einem TV einen Computer. Ich sagte mir, wenn der TV zum Computer wird, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Computer zum TV wird. 2005 erschien ausserdem der Encodierstandard H.264, der endlich die richtige Performanz bot. Angesichts dieser konvergierenden Innovationen fanden wir: «Ok, that’s the moment. Jetzt machen wir das, aber keine Minute früher.»

Wie sah die konkrete Vision in Bezug auf den Konsumenten aus?

Wir wollten zeigen, dass Web-TV entgegen aller Abklärungen der Telkos weit mehr Potenzial hatte als die prophezeite Randnutzung im Hotel oder im Zug. Unsere Vision sah ein Web-TV vor, dass nicht auf den damaligen Handys, sondern auf dem Laptop, nicht über das Mobilfunknetz, sondern über das Festnetz und nicht als Randnutzung, sondern als Zweitnutzung in normalen Haushalten laufen würde. Dort also, wo verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammenleben und nicht alle dasselbe schauen wollen. Unser Ansatz erforderte keinen neuen Handy-­Standard. Die Nutzer brauchten bloss einen Computer, und schon lief es. Auch setzten wir von Anfang an auf die TV-Kanäle, die die Mehrheit der Leute schauen. So ist bisher niemand darangegangen, Web-TV als Zweit- und nicht als Randnutzung zu konzeptualisieren. Zudem machten wir es gratis – eine Revolution.

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