Premium Partner
Partner
30.03.2012 09:23 (René Mosbacher)
Aus der aktuellen Ausgabe

"Jetzt stecken wir mitten in der Mathematisierung der Information"

Der diesjährige Ehrenpreisträger von Best of Swiss Web, Beat Schmid, findet, dass die Schweizer ICT-Branche von hohen nationalen Sicherheitsstandards profitieren könnte.
Der diesjährige Ehrenpreisträger von Best of Swiss Web, Beat Schmid, findet, dass die Schweizer ICT-Branche von hohen nationalen Sicherheitsstandards profitieren könnte.
Der Ehrenpreisträger von Best of Swiss Web 2012, Beat Schmid, hat die Schweizer ICT-Branche während 25 Jahren miterlebt und mitgeprägt, unter anderem als Professor an der HSG. Er sprach mit der Netzwoche über die neue Rolle des Internets, arbeitende Daten und verpasste Chancen.

Was heisst das bildungs- und informationspolitisch? Sind die Menschen immer besser informiert und verstehen dabei immer weniger?

Das ist schwer zu sagen. Die Frage ist, wie eine Gesellschaft mit der Explosion der Informationsmenge und der gleichzeitigen Fragmentierung des Wissens umgehen kann. Wir müssen das in den Griff bekommen. Das könnte heissen: die Komplexität herunterkochen und in einfach verständliche Metaphern und Interfaces verpacken. Einfachheit ist gefordert, aber ohne deswegen falsch zu werden – eine Gratwanderung und Herausforderung für Produktdesigner.

Ist das das Ende dessen, was man die Phase der technischen Aufklärung nennen könnte?

Gute Frage. Die Komplexität führt heute dazu, dass viele Menschen kapitulieren. Vielleicht rückt das technische Verständnis des Einzelnen weiter in den Hintergrund, weil er es zum Überleben gar nicht mehr braucht. Wir hatten immer wieder solche gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. So war es beispielsweise mit dem Aufkommen der Nationalstaaten für den Einzelnen nicht mehr so wichtig, von wem er abstammt.

Apropos Nationalstaaten: Läutet das Internet das Ende der Nationalstaaten ein?

Nein und Ja. Der Nationalstaat hat auch künftig seine Funktion. Es braucht ihn, um das Zusammenleben der Menschen auf seinem Territorium zu regeln, hoheitliche Verwaltungsaufgaben wahrzunehmen und Infrastrukturen bereitzustellen. Aber die neuen Informationsinfrastrukturen stellen den Nationalstaat auch infrage. Die sind nämlich global. Das sehen Sie am Beispiel der elektronisierten Finanzwirtschaft, die die Handlungshoheit der Staaten schon deutlich eingeschränkt hat. Denken wir an die Schuldenkrise. Die neue Finanzindustrie ist auch ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn notwendiges Wissen und aktuelles Verständnis weit auseinanderklaffen. Die heutigen Prozesse und Finanzprodukte sind so komplex, dass sie kaum mehr jemand versteht. Und was der Nationalstaat nicht versteht, kann er auch nicht kontrollieren.

Kann man in solch einer Situation vom Nationalstaat überhaupt noch erwarten, dass er für die ICT günstige Rahmenbedingungen schafft, wie das etwa die Agenda 2020 fordert?

In vielen Bereichen kann und muss der Staat nach wie vor gute Rahmenbedingungen schaffen. In anderen Bereichen hingegen hat er kaum Einfluss. Viele Fragen der Kommunikationstechnik oder der Sicherheit sind nur im internationalen Kontext regelbar. Aber nehmen Sie die Ausbildung oder den Bau der Infrastruktur – das sind immer noch nationale Aufgaben, die gelöst werden müssen, wenn man der Wirtschaft gute Bedingungen bieten will. Ein schönes Beispiel ist etwa Südkorea mit dem Bau seiner Kommunikationsinfrastruktur.

    © Netzmedien AG 2014
    Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von Netzwoche ist nicht gestattet.

    Diesen Artikel finden Sie auf Netzwoche unter:

    http://www.netzwoche.ch/de-CH/News/2012/03/30/Jetzt-stecken-wir-mitten-in-der-Mathematisierung-der-Information.aspx?pa=3