E-Health Konkret

"Niemand geht auf die Bedürfnisse von Ärzten und Therapeuten ein"

Uhr | Aktualisiert

2017 soll das elektronische Patientendossier eingeführt werden. HIN hat dafür gemeinsam mit AD Swiss eine Plattform für den elektronischen Austausch von Patientendaten lanciert. Die Redaktion fragte bei CEO Christian Greuter nach, was es damit auf sich hat.

Christian Greuter, CEO von HIN.
Christian Greuter, CEO von HIN.

Weshalb benötigt der Schweizer E-Health-Markt eine weitere technische Plattform für ein elektronisches Patientendossier?

Christian Greuter: Ganz so neu sind wir nicht in diesem Business. Wir haben zusammen mit dem Gesundheitsdepartement St. Gallen im Jahr 2012 das Projekt «Ponte Vecchio» erfolgreich gestartet, um einen technischen Brückenschlag von Ärzten zu Spitälern zu realisieren. Das war für uns die Grundsteinlegung für das elektronische Patientendossier. Uns scheint, dass niemand auf die spezifischen Bedürfnisse von Ärzten, Pflegenden und Therapeuten eingeht, etwa beim Thema IT-Infrastruktur. Ohne diese lässt sich die E-Health-Strategie Schweiz nur schwer umsetzen.

Wie wollen Sie gegen die Riesen Post und Swisscom mit ihrer Marktmacht bestehen?

Post und Swisscom haben sich auf den Verkauf von E-Health-Basisinfrastrukturen spezialisiert. Diese verkaufen sie an Spitäler und Kantone. Da es nicht unser Auftrag ist, solche Plattformen zu verkaufen, stehen wir nicht in Konkurrenz. Im Gegenteil, aufgrund unserer Verankerung im Markt werden wir eine Vielzahl von Gesundheitsfachpersonen ans elektronische Patientendossier anbinden. Wir sehen uns deshalb als Ergänzung zu den Angeboten von Post und Swisscom. Zumal die Vernetzung der verschiedenen Basisinfrastrukturen gesetzlich geregelt ist.

Weshalb haben Sie sich für die Technologiepartner Bint und Intersystems entschieden?

Mit Bint und Intersystems arbeiten wir seit 2012 zusammen. Bint war der dritte Partner beim bereits erwähnten Projekt «Ponte Vecchio». Wir setzten den Brückenschlag gemeinsam um, im Übrigen bisher als noch immer einzige überregionale Lösung. Ganz im Sinne der Strategie, sodass künftig verschiedene Gemeinschaften standardisiert Dokumente austauschen können. Der Brückenschlag wurde vom Koordinationsorgan, E-Health Suisse mit dem Label «Überregional» ausgezeichnet. Bint erwies sich als fähiger Pionier im Aufbau solcher Plattformen. Intersystems ist ein globaler, etablierter Anbieter von IHE-Systemen.

Wie lange dauerte die Realisierung des Projekts?

Die Umsetzung des Projekts dauerte rund ein Jahr. Anschlies­send startete die sogenannte Einführungsphase im Betrieb.

Was waren dabei die grössten Hürden?

Eine Hürde war der Brückenschlag von unserer Seite auf die andere Seite, ohne dass die Gegenseite in unser Projekt involviert war. Ebenfalls mussten die künftigen Standards von E-Health Suisse berücksichtigt werden. Die grösste Hürde bestand darin, die Architekturanforderungen für das elektronische Patientendossier so umzusetzen, dass unsere Plattform für den ganz normalen Praxisalltag Unterstützung bieten kann.

Wie haben Sie diese überwunden?

Solche Hürden können nur im Team überwunden werden. Offenheit, Vertrauen und Wille dürfen nicht als Schlagworte verkommen, sondern bilden als gelebte Werte die Leitplanken. Kommunikation und Zusammenarbeit auf Augenhöhe waren entscheidend. Wirklich wichtig war und ist, dass alle an einem Strang ziehen. Dass wir unsere Kunden aktiv involvieren, ist ebenso ein Erfolgskriterium.

Wie hoch sind Kosten?

Die Kosten für eine Plattform mit welcher das EPDG umgesetzt werden kann, gehen in die Millionenhöhe. Deshalb macht eine nationale Plattform aus unserer Sicht durchaus Sinn.

Wie sieht das Finanzierungsmodell der Plattform aus?

Wir bieten ein pauschalisiertes Preismodell an, da wir die Digitalisierung und die Nutzung der E-Health Möglichkeiten fördern möchten.

Am E-Health-Forum in Bern im Frühjahr dieses Jahres war oft zu vernehmen, dass Hausärzte nicht gerade technikaffin seien. Wie wollen Sie die Ärzte für Ihre Plattform begeistern?

Ich würde das nicht auf die fehlende Technikaffinität der Ärzteschaft beziehen. Im Gegenteil, die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Ärztinnen und Ärzte sind im Thema geschützten elektronischen Datenaustausch sehr weit. So nutzen über 90% der Hausärzte bereits datenschutzkonforme E-Mails und unsere elektronische Identität. Zum Thema Begeisterung: Die neuen Möglichkeiten für die alltägliche Zusammenarbeit sollen und werden begeistern. Der Austausch von Patientendaten /-Informationen, bspw. bei Zuweisungen/Überweisungen wird enorm vereinfacht. Dossier sollen bei Bedarf ohne Zusatzaufwand gefüllt werden. Wir setzen auf den Anschluss der im Markt etablierten Praxis- und Kliniksoftwaresysteme (Primärssysteme). Dies erleichtert den Gesundheitsfachpersonen den Einstieg, da sie mit ihrer gewohnten Software arbeiten können. Die Schwierigkeit liegt eher darin, dass die Pflichten bei einer Teilnahme am EPD für Ärztinnen und Ärzte recht hoch sind, sie aber gesetzlich nicht verpflichtet sind daran teilzunehmen. Wir hoffen, dass der Gesetzgeber hier noch Hürden abbaut und auch einen schrittweisen Ausbau der im EPD-abzulegenden Daten zulässt.

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