Aus der aktuellen Ausgabe

"Im Jahr 2012 haben wir riesige Projekte rund um das Steuerwesen"

Uhr | Aktualisiert
von Rodolphe Koller

Im Gespräch mit unserer Westschweizer Redaktion erläutert Peter Wintsch, Chief Information Officer bei Pictet & Cie, die Auswirkungen der Steuerabkommen mit Deutschland und England auf die Informatik des Unternehmens.

Peter Wintsch, CIO bei Pictet & Cie.
Peter Wintsch, CIO bei Pictet & Cie.

Herr Wintsch, welche Informatikprojekte laufen derzeit bei Pictet?

Wir führen stets mehrere Projekte an verschiedenen Fronten gleichzeitig durch. Zu einem Grossteil zielen sie darauf ab, die Produktivität zu steigern. Das erlaubt uns, weiter zu wachsen und mit derselben Anzahl Angestellten mehr Dinge zu erledigen. Wir haben mit dem starken Franken übrigens dieselben Probleme wie die Industrie: Unsere Ausgaben fallen vor allem in Schweizer Franken an und unsere Einnahmen in Dollar oder Euro. Derzeit drehen sich viele Projekte um unsere Avaloq-Plattform. Wir haben sie gerade von Genf aus in Luxemburg eingeführt, sodass die luxemburgischen Operations durch die Operations und die Infrastruktur aus Genf gestützt werden. Unsere Strategie besteht darin, richtige Finanzkompetenzzentren zu schaffen. So haben wir neben dem Zentrum in Genf eines in Luxemburg für die Bearbeitung und Verwaltung der Fonds. Neue Baustellen sind mit der Einführung von Avaloq in unseren Bankfilialen in Frankreich, Deutschland und Spanien entstanden. Diese müssten im ersten Quartal 2012 abgeschlossen sein. Danach fassen wir Hongkong und Singapur ins Auge – alles mit demselben Modell einer in Genf basierten Infrastruktur.

Orientiert sich die Organisation der Informatik an den Strukturen der Bank?

In groben Zügen haben wir dieselbe Organisationslogik. Im ewigen Streit um eine zentralisierte oder dezentralisierte IT haben wir uns für ein föderatives Modell entschieden. Wo es möglich ist, übergeben wir Kompetenzen an die einzelnen Geschäftsbereiche mittels Business Line Technology Groups, bei denen die Ressourcen zu diesen Bereichen angesiedelt sind. Parallel dazu unterhalten wir auch Group Technology Units, die unterschiedliche Berufssparten abdecken. Wir orientieren uns hauptsächlich an den internen Kunden, die oftmals ganz unterschiedliche Bedürfnisse haben. Mit diesem hybriden Modell können wir unsere Flexibilität optimieren.

Wie wägen Sie zwischen den IT-Anforderungen der verschiedenen Geschäftsbereiche ab?

Wir erstellen einen jährlichen Businessplan, in dem die Investitionsprioritäten festgelegt werden und aus dem sich das IT-Budget ergibt. In der Regel bereitet die Einteilung dieses Budgets für die verschiedenen Projekte keine Probleme. Hier profitieren wir von unserer guten Diskussionskultur und Kompromissbereitschaft. Die Informatik arbeitet nicht als Profitzentrum, denn es hat keinen Sinn, als IT eine Marge nur zu erzielen, um sie wieder umzuverteilen. Selbstverständlich verfügen wir aber über die nötigen Mechanismen, um unserer Ausgaben den verschiedenen Geschäftsbereichen zuzuordnen oder weiter zu belasten. Das Wichtigste dabei ist eine hohe Transparenz – die Leute sollen sehen, wohin das Geld fliesst. Und selbstverständlich müssen wir, was wir tun, intern verkaufen und erklären. Das ist auch nicht immer einfach.

Wird die Entscheidungshoheit der IT durch immer mehr IT-Kompetenz in den Geschäftsbereichen infrage gestellt?

Ja, auf jeden Fall. Es gibt eine ganze Reihe an Informatikern, die bereits organisatorische Funktionen in verschiedenen Geschäftsbereichen ausüben, und die uns herausfordern. Wir benötigen eine Kultur, in der wir solche Herausforderungen annehmen und uns selbst infrage stellen können. Andererseits wenden sich die Lieferanten manchmal direkt an die Geschäftsbereiche und diese schaffen eine Nachfrage bei uns für eine bestimmte Software. Unsere Aufgabe besteht dann darin, sie zu bitten, ihren genauen Bedarf neu zu formulieren, damit wir entscheiden können. Wir müssen den Dialog suchen, wir leben nicht in einem Elfenbeinturm. Deshalb haben wir die Funktionen des Account Management innerhalb der IT und des Demand Management in den anderen Berufssparten. Die Ära der uneingeschränkten Herrschaft der Informatik fängt langfristig an zu bröckeln.

Welche Auswirkungen haben die Entwicklungen im Privat- und Staatsbankensektor auf die IT bei Pictet?

Für uns ist das ganz klar: Im Jahr 2012 haben wir riesige Projekte rund um das Steuerwesen. Die Projekte im Zusammenhang mit den Steuerabkommen mit Deutschland und England beispielsweise erfordern eine Durchführung der Steuer-Operations und des Steuer-Reportings je nach Herkunftsland der Kunden. Das führt in jedem Fall zu Besonderheiten. Unsere Sorge bei dieser Art der Reglementierung ist, dass uns die Details erst sehr spät erreichen – oft artet das in einen Wettlauf gegen die Zeit aus. Erst wenn uns alle nötigen Informationen vorliegen, können wir entscheiden, was wir einsetzen müssen, sei es, dass wir es intern machen oder zusammen mit bestehenden Lieferanten. Ich denke, dass das Steuerwesen ein Bereich ist, der grössere Investitionen auslöst, wenn sich Schweizer Privatbanken an ein verändertes globales Umfeld anpassen müssen. Dies gilt insbesondere dann, wenn man einen Grossteil seiner Tätigkeit zentralisieren will. Ein Problem sind die kurzen Fristen bei den Steuern – in der Regel müssen Steuerschätzungen zu einem fixen Termin herausgegeben werden, beispielsweise am Jahresende. Will man also vermeiden, jeweils auf Ende des Jahres eine ganze Armada von Sachbearbeitern bereitzustellen, müssen die laufenden Prozesse von Systemen übernommen und automatisiert werden. Dies sind gleichzeitig interessante und neue Herausforderungen für uns alle.

Diese Änderungen werden auch die anderen Schweizer Privatbanken betreffen. Glauben Sie, dass es Standardlösungen geben wird, zum Beispiel von Ihren Lieferanten Avaloq?

Wir führen Gespräche mit Avaloq. Avaloq hat ein Modul für ihre Kunden, uns eingeschlossen, entwickelt. Aber es stellt sich natürlich immer die Frage, ob ein solches Modul vom Lieferanten dem entspricht, was wir anbieten wollen. Und wenn dies nicht der Fall ist, müssen wir selbst in der Lage sein, es anzubieten, entweder in Form von Eigenentwicklungen oder als zugekaufte reine Steuer­pakete.

Entspricht die bei Pictet eingesetzte Avaloq-Plattform eher der Standardlösung oder ist sie stark angepasst?

Sie ist sehr an Pictet angepasst worden, weil wir beschlossen haben, viel zu investieren, um diese Plattform an die Bedürfnisse unserer Kunden anzupassen. Wir mussten die vielen Funktionen unseres früheren Mainframe-Systems weiter anbieten und wir haben Avaloq als Toolbox gewählt, um dies zu erreichen. Wir haben uns bereits 2003 für Avaloq entschieden und damals war die Anwendung noch weniger vielfältig als heute. So brauchten wir ziemlich viel Zeit, um das Paket zum Beispiel im Bereich «Global Custody» zu erweitern oder um die Komplexität der Derivate zu unterstützen. Jedes Mal bedeutet das, dass wir uns weiter vom Standard entfernen.

Werden Sie sich von solchen massgeschneiderten Eigenentwicklungen wieder trennen, sobald die Standardplattform erweitert wird?

Ja, das würden wir gern tun, sofern der Standard die erforderlichen Funktionen auf dem notwendigen Niveau erfüllt. So könnten wir unsere Ressourcen anderen Dingen widmen und die Wartungskosten senken, die natürlich jedes Mal ansteigen, wenn wir die Plattform erweitern.

Haben Sie Projekte, um Marketing und Vertrieb der Bank zu unterstützen?

Ja, wir haben in den letzten drei Jahren beträchtliche Summen in eine Internetplattform für unabhängige und institutionelle Betreiber investiert. In diesem Bereich gibt es eine grosse Nachfrage nach flexibleren und bedienerfreundlicheren Lösungen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Bedrohungen in der Informatik?

Die Gefahren nehmen zu und sie machen mir durchaus Sorgen. In der Tat versuchen immer mehr Leute, Bankinstitute anzugreifen und wir müssen sowohl die Banken selbst verteidigen als auch die nationale Cyberverteidigung ausbauen. Die bekannten und immer wieder in der Presse zitierten Fälle führen auch dazu, dass die Bedrohung immer ernster genommen wird. Diese Fälle zeigen auch, dass ein Teil des Risikos ein menschliches Risiko ist und sich nie ganz beherrschen lässt. Eine weitere Herausforderung liegt darin, zwischen Sicherheit und Produktivität abzuwägen. Dabei ist klar, dass Sicherheitsbeschränkungen die Produktivität immer einschränken. Sollte man also unterschiedliche Sicherheitsbestimmungen für institutionelle und private Vermögensverwalter anwenden? Dies ist eine der Fragen, denen wir uns verstärkt zuwenden. In diesem Zusammenhang muss ich allerdings noch darauf hinweisen, dass die Funktion des Sicherheitsbeauftragten bei Pictet von der Informatik abgekoppelt ist. Er ist für uns ein Kunde wie alle anderen Abteilungen auch.

Wo kann man sich mittels IT genügend differenzieren, dass sich eine Eigenentwicklung lohnt?

Bei Ihrer Frage gehen Sie davon aus, dass Marktlösungen günstiger seien als Eigenentwicklungen, was ich in vielerlei Hinsicht zu bezweifeln wage. Wenn man eine kritische Masse erreicht hat, ist es nicht wirtschaftlicher, etwas einzukaufen, als es selbst herzustellen. Man kann aber, wenn man die richtigen Teams hat, die Ausführungsgeschwindigkeit im Vergleich zu einem Lieferanten steigern. Im Weiteren erlaubt Ihnen der Lieferant nur, genau das zu tun, was auch die anderen tun – das ist hervorragend, wenn man sich darauf beschränkt, alles nur anderen nachzumachen. Wir müssen uns bewusst machen, dass die Finanzindustrie vollkommen entmaterialisiert ist – man tut nichts anderes, als Informationen zu bearbeiten. Differenzierung bedeutet also nur, die Informationen anders zu bearbeiten. IT kann also ein Faktor der Differenzierung sein, die Frage ist nur, wo man dies tun möchte. Die Frage nach Build oder Buy ist eigentlich nur eine Scheindebatte. Es gibt Standardbereiche, in denen es besser ist, sich auf Marktlösungen zu stützen, wie etwa beim SWIFT oder beim vorschriftsmässigen Reporting. In anderen Bereichen, die die Interaktion mit dem Kunden oder die betriebliche Effizienz betreffen, kann es sinnvoll sein, die Dinge intern entwickeln zu lassen. Im Gegensatz zu anderen Banken haben wir die kritische Masse, um dies zu tun.

Es ist häufig davon die Rede, es entstehe zurzeit eine neue Generation wohlhabender Kunden mit Hang zu neuen Technologien. Wie gehen Sie auf deren Erwartungen ein?

Unsere Weblösung ist typischerweise an das iPad angepasst. Wir haben das Glück, in unserem Team über zwei Spezialisten zum Thema User Experience zu verfügen. Was die von unseren Beratern eingesetzten Tools angeht, sind wir noch nicht in der Lage, die gesamte Bandbreite einer Arbeitsumgebung auf dem Tablet anzubieten. Man darf aber trotzdem nicht vergessen, dass der Service einer Privatbank zu einem Grossteil auf menschlichen Faktoren wie Kommunikation und Einfühlungsvermögen basiert. Diese Aspekte sind nicht ohne Weiteres auf die IT-Ebene übertragbar. Im Bereich der institutionellen Vermögensverwaltung gibt es immer mehr Anfragen von institutionellen Betreibern und Verkäufern, die mit ihren eigenen Geräten auf die mobilen Systeme zugreifen wollen. Derzeit werden Überlegungen angestellt, ob dies wirtschaftlich sinnvoll ist oder nicht.

Sie haben gesagt, Sie hätten eine konstante Zahl an IT-Mitarbeitern. Wie sieht es mit den IT-Budgets im Vergleich zu anderen Firmen aus?

Wir versuchen, die Budgets so stabil wie möglich zu halten. Es ist jedoch heikel, sich mit anderen Firmen messen zu wollen. Dabei vergleicht man nur Äpfel mit Birnen oder gar mit noch exotischeren Früchten. Einerseits müsste man eine Bank derselben Grösse mit demselben Verhältnis zwischen privater und institutioneller Vermögensverwaltung finden. Andererseits hat jede Bank ihre eigene Kultur, ihre eigene Umgebung und ihren eigenen Investitionszyklus. Eine Bank, die gerade ihre Kernbankenapplikationen ersetzt hat, sieht sich ganz anderen Amortisierungskosten gegenüber als die Bank, die so lange wie möglich ihre Mainframe-Lösung behält. Im Allgemeinen denke ich, dass wir uns bezüglich Budget eher im oberen Drittel bewegen, da wir nach Automatisierung streben und viel in die Informatik investieren. In diesem Bereich haben wir Glück, da wir bereits mit modernen Lösungen und Technologien ausgestattet sind.

Wie sehen Sie die Rolle eines Chief Information Officer in einer Privatbank?

Einerseits ist der Chief Information Officer ein Pädagoge und ein Verkäufer, für den die Zufriedenheit seiner internen Kunden an erster Stelle steht. Er geht auf ihre Bedürfnisse ein und setzt sie informatisch um. Andererseits ist er ein Organisator, ein Motivator und ein Kreativer, der Menschen zusammenbringen muss, um ehrgeizige Ziele zu erreichen. Der Chief Information Officer muss auch die Aufgaben eines Finanzcontrollers übernehmen, wohl wissend, dass die Informatik nach dem Personalwesen der zweitgrösste Kostenfaktor einer Bank ist.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Marktes für Schweizer Bankenlösungen?

Der Markt hat eine gute Zukunft. Die Umgebung ist immer in Bewegung und die wenigen Banken, die noch keine Standardlösung übernommen haben, werden sicher darüber nachdenken. Die jüngsten Anbieter wie Avaloq und Finnova werden natürlich versuchen, sich im Ausland weiterzuentwickeln und der von ERI Bancaire und Temenos angestossenen Entwicklung zu folgen. Wir haben in der Schweiz das grosse Glück, über sehr talentierte Informatiker und auch Branchen zu verfügen, die deren Kenntnisse und innovative Lösungen benötigen.

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