Best of Swiss Web 2013: Neuling des Jahres

"Es ist wichtig, den Kunden früh in den Prozess einzubeziehen"

Uhr | Aktualisiert
von Interview: Simon Zaugg

Guave Studios hat am diesjährigen Best of Swiss Web Award bei der Masterwahl den fünften Platz belegt sowie drei Kategorien-Auszeichnungen gewonnen. Die Netzwoche hat Geschäftsleiter Sandro Wellenzohn zum Interview getroffen.

Sandro Wellenzohn ist Geschäftsführer der Webagentur Guave Studios, die an der diesjährigen Ausgabe von Best of Swiss Web den fünften Platz bei der Masterwahl belegte. In den Kategorien Usability und Technology gewann sie Silber und in Online-Marketing Bronze. (Quelle: Guave Studios)
Sandro Wellenzohn ist Geschäftsführer der Webagentur Guave Studios, die an der diesjährigen Ausgabe von Best of Swiss Web den fünften Platz bei der Masterwahl belegte. In den Kategorien Usability und Technology gewann sie Silber und in Online-Marketing Bronze. (Quelle: Guave Studios)

Herr Wellenzohn, die IT-Branche jammert wegen des Fachkräftemangels. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Es ist tatsächlich schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Die grössten Erfolge bei der Mitarbeiterrekrutierung haben wir bisher über Mundpropaganda erzielt. Das hat bisher ganz gut funktioniert. Die Integration geht in solchen Fällen schnell, weil einer unserer Mitarbeiter den Neuen bereits kennt und dessen Qualitäten und Fähigkeiten einschätzen kann. Dieses Vorgehen hat uns bisher viel Mühe erspart. Aktuell sind wir ausserdem wieder an einem Punkt, an dem wir uns nach neuen Mitarbeitern umsehen.

In welchen Bereichen ist es besonders schwierig?

Es war eine gewisse Zeit lang sehr schwierig, gute Mobile-Entwickler zu finden. Die guten Entwickler arbeiteten in den letzten zwei bis drei Jahren meist lieber als Freelancer, weil es sich für sie mehr lohnte als eine Festanstellung. Wir hatten das Glück, dass wir mit einem guten Freelancer zusammenarbeiten konnten. Die Marktlage hat sich unterdessen geändert und es gibt immer mehr gute Mobile-Entwickler. Mobile-Entwicklung ist heute ein fester Bestandteil unseres Angebots.

Sie legen in Ihrer Agentur besonderen Wert auf User Experience und Usability, das zeigt sich auch am Gewinn der Silber-Auszeichnung in der Kategorie Usability am Best of Swiss Web Award. Wie kam es dazu?

Von User Experience spricht man in der Branche zwar schon seit geraumer Zeit, dennoch war es eher ein Buzzword als Realität. Dies wollten wir ändern und beschlossen 2009, den nutzerzentrierten Ansatz in unserer Unternehmensphilosophie zu verankern. Der Kunde ist letztlich der Nutzer. Er ist grundsätzlich der zentrale Beteiligte an einem solchen Projekt. Er wird aber bei der Realisierung heute viel zu wenig mit einbezogen.

Wie gut ist das Ausbildungsniveau in User Experience und Usability?

Für Webdesign und Webentwicklung gibt es gemäss meinem derzeitigen Wissensstand keine spezialisierten Studiengänge auf Hochschulniveau. Die Themen sind heute immerhin meistens ein Bestandteil von Informatik- oder Design-Studiengängen. Mitarbeiter zu finden, die explizite Berufserfahrung haben oder entsprechend ausgebildet sind, ist deshalb schwierig. Nebst den fachlichen Grundlagen schauen wir grundsätzlich darauf, dass der Kandidat bezüglich User Experience und Usability aufgeschlossen ist. Er muss gut im Team arbeiten können und interdisziplinäres Arbeiten gewohnt sein. Dazu gehört auch, dass er entsprechende Kommunikationsfähigkeiten haben muss.

Wie reagieren die Kunden, wenn Sie ihnen den nutzerzentrierten Ansatz schmackhaft machen wollen?

Das ist wirklich schwierig. Man muss diesen Ansatz sorgfältig etablieren. Es braucht viel Sozialkompetenz. Grundsätzlich ist den Kunden ja schon bekannt, dass der Nutzer wichtig ist. Die Marketing-Profis bei jedem Kunden schauen jedoch eher auf Zielgruppen und Marktsegmente und nicht unbedingt auf die Nutzerbedürfnisse. Das sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge. Unserer Erfahrung nach ist es wichtig, den Kunden früh in den Prozess einzubeziehen.

Wie tun Sie das konkret?

Wir führen mit dem Kunden – wie mit den Nutzern auch – Interviews zu ihrem Nutzerverhalten. Dadurch merkt der Kunde, wie viel mehr Nutzen er aus der Website herausziehen kann. Ein wichtiges Argument sind auch die Kosten. Der Kunde soll in seinem Webprojekt nicht 100 Funktionen einbauen, sondern kann sich auf jene konzentrieren, die einen wirklichen Mehrwert für den Nutzer bieten. Dann haben wir am Ende vielleicht noch 50 Funktionen. Inzwischen haben wir aber auch festgestellt, dass sich der nutzerzentrierte Ansatz in den Unternehmen immer mehr durchsetzt. Das erleichtert uns die Überzeugungsarbeit.

Sie haben nebst der Webentwicklung einen weiteren Unternehmensbereich, der auf Videoprojekte spezialisiert ist. Weshalb?

Das kommt daher, dass einer der Mitgründer aus dieser Branche kommt. Dies ermöglicht uns viele Synergien, denn es ist klar, dass sich eine Webagentur immer mehr auch mit Inhalten auseinandersetzen muss. Der Mitgründer hat dazu einen eigenen Unternehmenszweig aufgebaut, für den wir einen zweiten Mitarbeiter eingestellt haben und ausserdem mit Freelancern zusammenarbeiten. Dieser Unternehmensbereich wird einerseits in Webprojekte miteinbezogen, um diese multimedial aufzuwerten. Andererseits werden auch eigenständige Projekte realisiert. Wir sind jetzt dran, die beiden Unternehmensbereiche gegenüber unseren Kunden klarer voneinander zu trennen und wollen uns mit den zwei unterschiedlichen Untermarken Guave Interactive für die Webentwicklung und Guave Motion für Videoprojekte positionieren.

Was sind insgesamt die wichtigsten Trends der Branche?

Als ein ganz wichtiges Thema sehe ich das Responsive Design, das sowohl dem Kunden wie auch dem Nutzer Vorteile bringt. Der Kunde muss nicht mehrere verschiedene Softwareversionen erstellen und pflegen, und der Nutzer bekommt auf das Endgerät angepasste Inhalte präsentiert.

Was heisst das für Sie als Agentur?

Es sind Rezepte gefragt, wie man auf die Endgeräte-Vielfalt reagieren kann. In der Branche läuft diesbezüglich einiges, dennoch gibt es noch sehr viel Luft nach oben. Es geht dabei ja nicht nur um unterschiedliche Bildschirmgrössen, sondern auch um einen anderen Nutzungskontext.

Was ist denn heute die Rolle einer Website?

Es geht bei Webprojekten heute nicht mehr nur darum, eine Website technisch und bezüglich Design sauber umzusetzen. Vielmehr ist es wichtig, auch die Kommunikations- und Brandingstrategien der Kunden mit einzubeziehen. Die Agentur muss deshalb ein gewisses Knowhow in Branding und Marketing haben, um eine qualitativ gute Website konzipieren zu können. Heute fragen Marketingabteilungen sehr häufig direkt Webagenturen an, um solche Projekte zu realisieren – und gehen nicht mehr via Werbeagenturen.

Schauen Sie über die Landesgrenzen hinaus?

International sieht man immer mehr Websites, die versuchen, umfangreiche Inhalte herunterzubrechen und emotional zu präsentieren. Sie tun dies in Form einer narrativen Umsetzung, die mit Bildern, Animationen und Videos unterstützt wird. Die Idee ist, Inhalte nicht nur textlich rüberzubringen, sondern portioniert als Story. Das ist viel eingängiger und unterstützt das heutige Surfverhalten der Nutzer viel besser. Das Web ist sehr schnelllebig. Daran muss sich auch eine Website orientieren. Es kommt selten vor, dass Nutzer am Bildschirm lange Texte lesen. Narrative Umsetzungen bringen den Nutzern eine bessere User Experience. Dann bleibt auch mehr hängen beim Nutzer. Und auf das kommt es letztlich an.

Neuling des Jahres

Ein Vorläufer der Webagentur Guave Studios GmbH ist 2003 in Österreich entstanden. Während des Studiums hat Sandro Wellenzohn mit zwei Klassenkollegen die auf Webprojekte spezialisierte Firma Web-Specials gegründet. Nach der Ausbildung gewannen sie ein grosses Projekt mit einem Schweizer Kunden, das sie dazu bewog, in die Schweiz umzuziehen. Mitte 2008 gründete Wellenzohn mit Sergio Herencias, David Fritsche, Martin Muther und Gebhard Nigsch die heute existierende Agentur, die heute insgesamt 8 Mitarbeiter zählt. Die Agentur ist heute in die zwei Bereiche Guave Interactive und Guave Motion unterteilt. Mit dem Projekt Dieci.ch erreichte Guave Studios den fünften Platz an der Masterwahl am BOSW 2013 und gewann in den Kategorien Usability und Technology eine Silberboje sowie eine Bronzeboje in Onlinemarketing. Sie sind deshalb von der Netzwoche zum diesjährigen "Neuling des Jahres" erkoren worden.

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