Interview mit Jean-Jacques Suter, CEO von Sage Schweiz

"Wir müssen Trends möglichst unauffällig umsetzen"

Uhr | Aktualisiert

Jean-Jacques Suter, CEO von Sage Schweiz, spricht im Interview darüber, warum Sage Schweiz immer sehr gut abwägt, ob neue Technologien in die eigene Software integriert werden sollen oder nicht.

Jean-Jacques Suter, Geschäftsführer von Sage Schweiz. (Quelle: Nique Nager)
Jean-Jacques Suter, Geschäftsführer von Sage Schweiz. (Quelle: Nique Nager)

Herr Suter, vor ein paar Monaten haben Sie Sage One angekündigt und eingeführt. Wie zufrieden sind Sie mit der aktuellen Marktsituation?

Wir haben Sage One vor vier Monaten eingeführt und inzwischen ein paar hundert Neukunden. Es wird nun eine Weile dauern, bis sich ein gewisses Ökosystem etabliert hat und sich das Produkt herumspricht und so wieder neue Kunden anzieht.

Was sind die Ziele von Sage One?

Wir wollen die betriebswirtschaftliche Online-Software vor allem bei jenen Kleinstunternehmen etablieren, die ihre Geldflüsse im Griff haben wollen, ein kleines monatliches Volumen an Rechnungen beziehungsweise Buchungen haben. Der Anwender kann die einfachen Geschäftsprozesse erledigen, wie Offerten und Rechnungen schreiben,  Zahlungen und Gutschriften erfassen oder die Mehrwertsteuerabrechnung erstellen, was Kleinstunternehmen eine enorme Arbeitserleichterung und Produktivitätssteigerung bringt. Hinter der Software steht eine Buchhaltungs-Lösung, die man aber nicht sieht. Die Software ist so gebaut, dass sie sehr einfach zu bedienen ist.

Sie haben auch eine Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern lanciert. Wie ist diese entstanden?

Die meisten Ideen, die wir entwickeln, stammen aus direkten Kundenkontakten. Das ist auch der Fall bei der Zusammenarbeit mit der Hochschule Luzern. So sind aufgrund einer Gesetzesänderung KMU dazu verpflichtet, ein adäquates internes Kontrollsystem einzuführen, um die eigene wirtschaftliche Situation prüfen zu können. Nun stellt sich natürlich die Frage, was für ein KMU adäquat ist. Grosse Beratungsdienstleister wie PWC und Ernst&Young hätten zwar schon eine Antwort, aber deren Lösungen würden ein KMU im Normalfall mehr kosten als sie in einem Jahr umsetzen. Also baten uns unsere Kunden, ein System zu entwickeln, das auch für KMU funktioniert. Daraus ist dann diese Zusammenarbeit entstanden.

Wie geht es nun weiter?

Wir sind nun daran, ein solches System zu entwickeln. Die Idee ist, dass unsere Kunden ihre finanziellen Kennzahlen einfach online eingeben, gleichzeitig weiterführende Fragen zum Unternehmen beantworten können und dann ein Feedback erhalten, was sie noch tun sollten, um ihr internes Kontrollsystem zu verbessern. Das Ergebnis kann beispielsweise sein, dass das Unternehmen das Daten-Backup öfters als bisher durchführen sollte, oder dass eine neue Unterschriftenregelung eingeführt werden sollte. Diese konkreten Handlungsempfehlungen basieren auf einem Vergleichsindex mit Daten anderer Schweizer KMU, welche die Hochschule anhand einer Feldstudie erarbeitet. In etwa zwei Jahren sollte das Produkt als solches auf dem Markt erhältlich sein. Ende Jahr haben wir unsere ersten Pilotkunden, die das System testen können.

Im Mai hat Sage Schweiz bekanntgegeben, dass Marc Ziegler, bisheriger Leiter des Bereichs Start-up and Small Businesses künftig die Abteilung Small to Medium Sized Businesses führen wird und dass Markus Staub die bisherige Rolle von Ziegler übernehmen wird, Was bedeutet dieser Führungswechsel für Sage Schweiz aus strategischer Sicht?

Wir haben uns für diesen Wechsel entschieden, weil wir einen neuen Fokus auf die voll cloudfähige Lösung Sage 200 setzen wollen. Wir sind auch der Meinung, dass es nicht schaden kann, ab und zu einen Platzwechsel vorzunehmen, wenn man mit starken Spielern arbeitet. Das bringt frischen Wind in die Sache. Es ist aber auch gut, wenn wir  solche Wechsel intern regeln und uns so gegenseitig den Ball zuspielen können.

Welchen Einfluss haben Trends wie Cloud Computing und BYOD?

Natürlich beeinflussen diese Trends unser Geschäft und unsere Kunden. Man muss jedoch auch sehen, dass bei einer betriebswirtschaftlicher Software mehr die Stabilität oder der Sicherheitsaspekt eine grössere Rolle spielen. Dies steht hier viel mehr im Vordergrund als dies bei einer Consumer-Software der Fall ist. Wir haben an den diesjährigen X.Days beispielsweise gezeigt, welche Möglichkeiten unsere ERP-Software  Sage 200 ERP Extra in Kombination mit Google Glass bei der Lagerbewirtschaftung bieten könnte – also beispielsweise, um den Lagerbestand zu bestimmen. Dies war aber mehr um zu zeigen, was theoretisch möglich wäre. Denn das Interesse unserer Kunden ist diesbezüglich nicht oder kaum vorhanden. Vielmehr ist es für unsere Kunden schon sehr fortschrittlich, wenn sie, statt ihre Lagerbestände auf Papier auszudrucken, sich diese auf einem Tablet anzeigen lassen. Schliesslich haben sie nicht die gleiche IT-Affinität wie wir. Wir beschäftigen uns ja täglich mit solchen Themen. Wenn also unsere Kunden einmal einen Weg gefunden haben, wie sie ihre Aufgaben erledigen wollen, nutzen sie diesen Weg gerne so lange wie möglich, statt auf neueste Technologien umzustellen. IT soll funktionieren. Wenn sie es nicht tut, wird sie als Belastung wahrgenommen. Deswegen wägen wir bei der Umsetzung von Trends oder vor der Einführung neuer Technologien immer sehr gut ab, ob dies wirklich sinnvoll ist und ob es unseren Kunden eine Erleichterung bringt. Oder, ob es nicht vielleicht besser ist, wenn sie bei ihrem bewährten Weg bleiben. Deswegen müssen wir solche Trends so umsetzen, dass der Kunde das so wenig wie möglich merkt.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja, bei Sage 50 können unsere Kunden beispielsweise auf unkomplizierte Weise die Bonität eines Kunden prüfen. Dafür gibt es ja verschiedene Online-Portale wie Moneyhouse etc. Unsere Kunden wollen aber bei der Offert- oder Rechnungsstellung die Bonität nicht zusätzlich auf einem externen Portal prüfen lassen. Deswegen haben wir diese Prüfung in die Software integriert, das heisst, wir haben im Kundeninterface für Offerten und Rechungsstellung einen Button für die Bonitätsprüfung eingefügt. Wenn der Kunde diesen Button anwählt, erhält er als Antwort eine Farbe, beispielsweise Grün oder Rot. Den Prozess im Hintergrund, also die Abfrage über ein externes Portal, bekommt er so gar nicht mit.

Erfolgt die gesamte Software-Entwicklung von Sage Schweiz auch in der Schweiz?

Ja, sie erfolgt zu 99 Prozent in der Schweiz. Wir sind ein Schweizer KMU, lokal tätig und bieten deswegen auch lokal entwickelte Produkte an. Natürlich gehören wir zur Sage- Gruppe und haben entsprechende Gruppenziele, die wir erreichen müssen. Aber unsere Produkt- und Umsetzungsstrategien können nur dann erfolgreich sein, wenn wir sie lokal umsetzen können.

Gibt es noch weitere Kundensegmente, auf die Sie sich künftig konzentrieren möchten?

Ein Segment, das für uns wichtig ist, sind Altersheime. Sage 200 enthält dafür eine Spezialisierung. Dabei geht es um die elektronisch durchgängige Pflegedokumentation und Verwaltung eines Langzeitpflegebetriebs, inklusive Administration, Bettendisposition, Medikamentenabgabe, Verpflegung und so weiter. Die Software basiert auf Windows 8 und läuft auch auf einem Tablet, so dass die Pflegefachpersonen ihre Einträge auch direkt vor Ort beim Patienten oder Klienten auf dem Tablet machen können. Wir könnten uns auch vorstellen, diese Software später einmal für den Strafvollzug in Gefängnissen einzusetzen. Nicht aber in Spitälern, denn dort wird Akut- nicht Langzeitpflege betrieben.

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