Interview mit Francis Egger

So digital sind die Schweizer Bauern

Uhr | Aktualisiert

Die Landwirtschaft steckt mitten im Strukturwandel. Francis Egger, beim Schweizer Bauernverband zuständig für die Digitalisierung, spricht über Drohnen, Daten und die aktuellen Herausforderungen für die Schweizer Bauern.

(Source: Netzmedien)
(Source: Netzmedien)

Wie hat sich die Landwirtschaft seit Ihrem Amtsantritt 2010 verändert?

Francis Egger: Wir sind sehr abhängig von der Agrarpolitik und da gibt es fast alle vier Jahre Änderungen. Die letzte gros­se Revision, die Agrarpolitik 2014 bis 2017, brachte viel Arbeit. Die nächste wird 2022 in Kraft treten. Die grösste Herausforderung der Landwirtschaft ist, dass sie immer zwischen zwei Fronten steht. Die einen wollen mehr Ökologie. Es gibt viele Initiativen, etwa bezüglich des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln. Die anderen fordern eine Liberalisierung der Landwirtschaft, das heisst mehr Wettbewerb.

Was sagt der SBV dazu?

Wir versuchen, Kompromisslösungen zu finden. Es bestehen auch Unterschiede innerhalb der Schweiz. Ich glaube, in der Westschweiz sind die Bauern besser in die Gesellschaft integriert. In der Deutschschweiz gibt es mehr Konflikte und Kritik in den Zeitungen.

Was hat sich in technischer Hinsicht getan?

Die Technik ist ein sehr interessantes Feld. Es gibt Leute, die denken, dass die Landwirtschaft altmodisch sei. Aber was die technische Entwicklung anbelangt, liegen wir an der Spitze. Die Landwirtschaft folgt hier gleich auf die Medizin. Das ist manchmal auch problematisch, denn wir stossen an ethische Grenzen, zum Beispiel bei der Gentechnologie. Auch in der Robotisierung liegen wir an der Spitze. Der Eindruck, den die Bevölkerung hat, ist sehr oft falsch. Natürlich verkaufen wir uns sehr traditionell. Wir haben auch ein sehr traditionelles Publikum. Aber die Realität in den Betrieben sieht anders aus. Es gibt einen Widerspruch zwischen Realität und Werbung. Die Werbung der Grossverteiler zeigt nicht die Realität, das ist langfristig gesehen problematisch.

Wie spüren die Bauern die Digitalisierung?

Die Digitalisierung ist momentan als Modethema omnipräsent. Aber die Technik, die wir jetzt nutzen, existiert eigentlich seit vielen Jahren. Was sich geändert hat ist, dass die Kosten dafür gesunken sind und die Technik somit breiter nutzbar wurde. Ausserdem haben wir durch die Entwicklung der IT die Möglichkeit, die Daten zu verwenden. Ein konkretes Beispiel für die Digitalisierung sind die Melkroboter. Von ihnen haben wir in der Schweiz jetzt 500. Verteilt auf 20 000 Milchproduzenten schneiden wir damit im Vergleich zu anderen Ländern ziemlich gut ab. Auch sonst arbeiten die Bauern bereits mit der IT. Die Bauernfamilien müssen viele Daten für die öffentliche Verwaltung, zum Beispiel die Tierverkehrsdatenbank, liefern. Dass ein Bauer heute ohne Computer auskommt, ist fast undenkbar. Mehr als 95 Prozent der Bauern übermitteln regelmässig ihre Daten per Internet.

Wo sind neue Technologien denn schon im Einsatz?

Wir haben schon selbstfahrende Maschinen. Ausserdem besteht die Möglichkeit zum «Precision Farming». Die Firma Ecorobotix aus Yverdon etwa entwickelte eine Maschine mit Sonnenkollektor, die Unkrautvertilgungsmittel direkt auf das Unkraut spritzt. Das bedeutet, man braucht pro Hektar 20-mal weniger Pflanzenschutzmittel. Ecorobotix fragte sich schliesslich: Warum spritzen wir überhaupt? Die Maschine könnte das Unkraut doch gleich mechanisch entfernen. In diese Richtung wird sicher noch viel passieren. Zudem können wir im Stall die Automatisierung, beispielsweise für die Fütterung, vorantreiben.

Wie würde das aussehen?

Es gibt etwa die Möglichkeit, im Stall Sensoren anzubringen. Diese liefern verschiedene Informationen. Ein Bauer mit Melkroboter kann morgens am Computer überprüfen, was nachts passiert ist. Warum hat eine Kuh nicht gefressen? Der Einsatz von Drohnen ist ein anderes Beispiel. In der Westschweiz wird im Weinbau mit Helikoptern Pflanzenschutzmittel gespritzt. Das ist natürlich nicht unproblematisch. Spezialisten fragten uns, warum wir das nicht mit Drohnen machen würden. Diese seien präziser und es gebe weniger Verluste als mit einem Helikopter. Mit Geodaten kann man ausserdem die Erträge auf dem Feld präziser messen und die Düngung besser koordinieren. Am Ende geht es bei solchen Technologien aber auch immer um die Frage, wie viel Geld sich damit sparen lässt.

Sie erwähnten die Erzeugung einer grossen Menge von Daten. Was passiert in der Landwirtschaft in Bezug auf Big Data?

Wir starteten dazu gerade ein Projekt. Wir sind überzeugt, dass es gut wäre, eine Datenbank für landwirtschaftliche Daten in der Schweiz zu schaffen. Die Bauern müssen viele Daten liefern: Für die Tierverkehrsdatenbank, für die Labels, für die Statistiken usw. Diese öffentlichen Daten sind wichtig, denn sie hängen mit Direktzahlungen und Kontrollen zusammen. Unsere Idee ist, eine nationale landwirtschaftliche Datenbank zu errichten. Dazu arbeitet der Schweizerische Bauernverband (SBV) mit Partnern wie Identitas, Agridea und Fenaco zusammen. Das Ziel ist, dass der Bauer seine Daten nur noch einmal eingeben muss. Er kann dann sein Einverständnis geben, dass diese Daten an andere Institutionen weitergegeben werden, etwa an die Kantone, den Bund oder an Labelorganisationen. Der Bauer muss die Möglichkeit haben, über die Form und Verwendung der Daten zu bestimmen. Die Kontrolle über die Daten soll beim Bauern bleiben. Es wird nicht einfach, so ein System zu entwickeln, aber wir arbeiten daran.

Setzt sich denn im Moment jeder Bauer abends noch an den Computer und muss diese Daten verschicken?

Ja. In grossen Betrieben sitzen die Bauern tatsächlich jeden Tag vor dem Computer. Buchhaltung und Tierverkehrs­daten erfordern das. Ein Bauer sagte mir, er sitze eigentlich gerne im Büro – lieber als auf dem Traktor. Besonders bei kaltem Wetter! Aber mehrmals die gleichen Daten abzuliefern, das mache ihm keinen Spass. Er möchte lieber sehen können, wo er sich mit seinen Daten im Vergleich zu anderen Bauern befinde, quasi ein Benchmarking.

Gibt es noch Bauern ohne Internet?

Ja, die gibt es noch. Vielleicht 5 Prozent sind noch nicht völlig digital. Wir vom SBV wollen hier transparent und offen sein. Wir möchten niemanden übervorteilen oder diskriminieren. Wenn ein Bauer etwa sagt, er sei einverstanden, seine Daten automatisch einer Organisation zu übermitteln, soll er das auch machen können. Aber wenn diese Organisation dann jene Bauern diskriminiert, die das nicht wollen, sind wir nicht einverstanden.

Wo kommt es zwischen den Bauern und den Unternehmen denn zu Reibungen?

Die Privatunternehmen in unserem Datenbank-Projekt haben natürlich wirtschaftliche und kommerzielle Interessen. Manche haben nun Bedenken, wir würden damit gewissen Anbietern Vorteile verschaffen. Hier müssen wir Lösungen finden. Wir stehen ja noch am Anfang. Wir sind zur Zeit am Aufbau eines Unternehmens, der Barto AG, und haben uns dazu auf drei Prinzipien geeinigt. Erstens: Niemand soll bei der Barto AG eine Mehrheit haben. Zweitens: Auch öffentlich-rechtliche Daten sollen integriert werden, nicht nur private. Drittens: Alle Technologieanbieter sollen die gleichen Bedingungen haben. In dem wir auf solchen Prinzipien beharren, verleiht der SBV dem Projekt Glaubwürdigkeit. Ob wir mit der Barto AG erfolgreich sind, weiss ich noch nicht. Aber wenn wir keinen Erfolg haben sollten, werden wir in der Schweiz mehrere unterschiedliche Systeme haben, was nicht das Ziel sein kann. Wir versuchen deshalb, eine Plattform mit allen interessierten Organisationen zu gründen und wir arbeiten mit dem Bundesamt für Landwirtschaft an einer gemeinsamen Charta für das Projekt. Es ist eigentlich gar keine Frage, ob wir uns digitalisieren müssen. Die technische Entwicklung wird sowieso kommen. Unser Ziel ist, diese positiv zu beeinflussen.

Welche Vorteile bietet die Digitalisierung der Landwirtschaft, abgesehen von der Möglichkeit, Kosten zu senken?

Wir analysierten die Chancen und Gefahren. Die Chancen liegen beim Produktivitäts- und Effizienzgewinn, der Schonung der Umwelt und bei der Erhöhung des Tierwohls. Wir haben oft einen Konflikt zwischen Ökologie und Produk­tion. Aber mit dem erwähnten "Precision Farming" können wir Lösungen finden. Kein Bauer setzt mit Freude Pflanzenschutzmittel auf seinen Feldern ein. Aber es gibt nun mal Unkraut, Insekten und Krankheiten, die bekämpft werden müssen. Des Weiteren bietet sich auch eine Entlastung von monotoner und schwerer Arbeit. Jedes Jahr müssen Steine aus den Feldern entfernt werden. Es wäre besser, wenn das eine Maschine machen könnte. Dann eröffnen sich auch neue Geschäftsfelder und Geschäftsmodelle. Die Franzosen sprechen hier von disruptiver Forschung. Das ist Innovation. Dabei wird nicht etwas verbessert, das schon existiert, sondern etwas ganz Neues geschaffen.

Wo bieten sich in der Landwirtschaft denn Gelegenheiten für solche Ideen?

Es gibt jetzt die Möglichkeit, verschiedene Gruppen mit den gleichen Interessen direkt auf einer Plattform zusammenzubringen. Ein Beispiel aus Frankreich: Dort gibt es viele Betriebe mit Solarkollektoren. Ein Bauer sagte sich, Solarkollektoren auf dem Dach müssen alle paar Jahre geputzt werden. Das kostet etwas. Er entwickelte also eine IT-Plattform, tat sich mit anderen Bauern zusammen und stellte für eine ganze Region Solarkollektoren auf. Dadurch bekam er Rabatt für die Reinigung, und das betreffende Unternehmen hatte einen neuen Grosskunden. Andere Gelegenheiten bieten sich bei den Start-ups.

Würden Sie es begrüssen, wenn es mehr Start-ups in der Landwirtschaft gäbe?

Ja. Wir brauchen auch in der Landwirtschaft mehr Innovation. An einer Tagung zur Digitalisierung in Paris sagten mir viele Leute, wie wunderbar die Situation in der Schweiz doch sei, mit der ETH Lausanne und ihren vielen Start-ups. Ich hatte mich aber noch nie mit der ETH Lausanne getroffen. Also rief ich dort an und schlug ein Gespräch vor. Sie schlugen vor, dass das, was sie für die Medizin und die Uhrenindustrie entwickelt haben, wir vielleicht auch für die Landwirtschaft nutzen könnten. Jetzt erstellen wir eine Wunschliste und treffen uns mit den Forschern. Es ist schwierig mit den Start-ups in der Schweiz. Die Jungen hoffen nach dem Studium, vielleicht beim Bundesamt für Landwirtschaft, beim SBV oder bei der Fenaco arbeiten zu können. Sie denken weniger daran, ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Welche Herausforderungen stellen sich der Landwirtschaft sonst noch?

Wir müssen auch an die Attraktivität des Berufs denken. Junge Landwirte wehren sich weniger gegen die technologische Entwicklung, ganz im Gegenteil. Die älteren Jahrgänge haben da mehr Bedenken. Zum Teil ist das berechtigt. Wir befürchten, dass es mit der aktuellen Entwicklung zu einer Dominanz gewisser Unternehmen kommen könnte. Auf der einen Seite stehen 50’000 Produzenten und auf der anderen fast 8 Millionen Konsumenten. Wenn an der Schnittstelle jemand zu stark wird, kann er machen, was er will.

Francis Egger, Leiter des Departements Wirtschaft, Bildung und Internationales beim Schweizerischen Bauernverband. (Source: Netzmedien)

Was meinen Sie damit?

Wenn Sie etwa einen Schlachthof für Schweine haben und mehrere tausend Betriebe, von denen Sie beliefert werden, wissen Sie anhand der betrieblichen Daten, wie alt oder schwer die Tiere auf den Bauernhöfen sind. Das bedeutet, Sie können spekulativ Macht ausüben und die Lieferanten unter Druck setzen. Der Bauer ist dann am Ende nur noch ein Angestellter. Wir wollen keine totale Integration. Die Bauernbetriebe müssen unabhängig bleiben.

"Precision Farming" ist sicher keine einfache Aufgabe. Wie meistern landwirtschaftliche Betriebe diese Komplexität?

Damit sprechen Sie die Gefahren der Digitalisierung an. Wir befürchten, dass einige Betriebsleiter sagen werden, dass dies alles nichts für sie sei und dass sie das nicht machen könnten. Wir müssen einfache Anwendungen entwickeln. Auch die Ausbildung und Beratung muss mithelfen. Wir haben zudem Angst, dass die neue Technologie eine Beschleunigung der strukturellen Entwicklung mit sich bringt. Wir verlieren pro Jahr zwischen 1 und 2 Prozent der Bauernbetriebe. Bei 50 000 Betrieben sind das 500 bis 1000 pro Jahr. Das ist schon viel. Aber wir wollen nicht, dass durch die technische Entwicklung 5 Prozent der ­Bauern pro Jahr ihren Betrieb aufgeben müssen. Ein anderes Problem sind die Kosten. Einen Computer anzuschaffen, das ist machbar. Aber ein Melkroboter kostet ein paar hunderttausend Franken. Zudem brauchen Sie Serviceverträge für diese Einrichtungen.

Gibt es ausser der Datenbank noch andere IT-Projekte, an denen die Schweizer Landwirtschaft arbeitet?

Es gibt ein paar Start-ups in der Schweiz. Für mich ist auch eine Revolution, wie Hard- und Software heute Hand in Hand gehen. Sie kaufen heute immer beides zusammen. Ein Traktor bringt heute mehr Technologie mit als ein Tesla.

Wo will sich der SBV sonst noch engagieren, wenn es um die Digitalisierung geht?

Wir haben 26 kantonale Organisationen und ungefähr 80 Fachorganisationen als Mitglieder. Wir beraten diese Organisationen und sammeln Informationen von ihnen. So wollen wir herausfinden, wo die Hauptprobleme liegen und ob die Technologie diese Probleme lösen kann. Ausserdem diskutieren wir mit den ETHs Lausanne und Zürich über Start-ups. Auch mit Agroscope, besonders in Tänikon, machen wir einiges. Es gibt Leute die meinen, die Technik eigne sich nur für Talbetriebe. Aber das ist falsch. Wir müssen auch an die Berglandwirtschaft denken. Man kann allen Schafen einen Chip ins Ohr setzen und so mit dem Computer herausfinden, wo sich die Tiere befinden. Auch könnte man Felder virtuell begrenzen. Eine Kuh würde dann einen leichten Stromschlag bekommen, wenn sie ein bestimmtes Gebiet verlässt.

Wie steht die Schweizer Landwirtschaft im Vergleich mit dem Ausland da?

Das ist schwer zu sagen. Wir haben im Moment viel Kontakt mit Deutschland und Frankreich. Da gibt es ganz verschiedene Denkweisen. In Frankreich gibt es viele Ideen, aber manchmal Schwierigkeiten bei der Konkretisierung. Wenn die Deutschen etwas machen, machen sie es normalerweise richtig. An der Landwirtschaftsmesse in Paris fragten mich die Journalisten, ob wir in der Schweiz zu spät dran seien. Das finde ich nicht. Wir haben den Vorteil, dass unsere Bauern gut ausgebildet sind. Die Integration von Technik auf der Betriebsstufe wird in der Schweiz einfacher sein. Es wird jetzt aber sehr schnell gehen. Wir dürfen deshalb mit Änderungen nicht mehr zu lange warten.

Der Bund greift den Schweizer Bauern unter die Arme. Wie hat sich diese Förderung auf die Innovationskraft ausgewirkt?

Die Frage ist, ob es einen gewissen Druck braucht, um innovativ zu sein. Manchmal funktioniert dies, wie man an der Arbeitslosigkeit in Frankreich sieht. Die Schweizer Bauern spüren vor allem finanziellen Druck. In der Schweiz verdient ein Bauer im Durchschnitt weniger als 5000 Franken pro Monat. Das ist problematisch. Es gab letztes Jahr viele Suizide in der Landwirtschaft. Der finanzielle Druck ist enorm. In einem Bericht vom Bundesamt für Landwirtschaft stand 15 Mal das Wort Digitalisierung. Die Digitalisierung scheint die Lösung für alles zu sein. Das geht doch nicht. Die Digitalisierung wird uns Lösungen bringen. Aber sie wird auch zu Problemen führen. Sie ist nicht das Allheilmittel, um alle Probleme zu lösen.

Wo bleibt denn der Bauer in dieser digitalisierten Welt? Ein voll automatisierter Bauernhof, das klingt ja auch monoton.

Für mich ist das Wichtigste, dass nicht die Maschinen entscheiden. In mancherlei Hinsicht sind sie sicher sinnvoll. Aber am Ende brauchen wir Menschen, um Entscheidungen zu treffen. Bauern, die Melkroboter haben, sagten mir, dass sie immer noch viel Zeit im Stall verbringen müssten. Wie es den Kühen gehe, müssten sie mit eigenen Augen sehen. Diese Erfahrung und nicht die Maschinen macht die Schönheit des Berufs aus. Sie können für viele Dinge einen Plan erstellen, aber in der Realität arbeiten wir mit der Natur. Das muss so bleiben.

Gibt es Widerstände und Berührungsängste bei den Bauern gegen diesen Einsatz von Technologie?

Ja, klar. Wenn ich im SBV-Vorstand über die Digitalisierung Auskunft gebe, danken mir zwar alle, aber wir gehen dann schnell zu anderen Themen über. Ich bin aber nicht sicher, ob unsere Bauern diese Entwicklung richtig einschätzen. Wir diskutieren viel über die Agrarpolitik 22+. Aber ich bin mir sicher, dass die Digitalisierung uns mehr unter Druck setzen wird als die nächste Agrarpolitik. Das ist aber nicht allen bewusst. Wenn Sie 50 Kühe haben und Ihr Melkroboter funktioniert nicht, müssen Sie sofort reagieren können. Das erzeugt Stress. Ein anderes Problem ist, das Wissen zu haben, um die Technik verstehen zu können. Oder Sie haben zu viele Schulden, um investieren zu können. Manche stellen Fragen wie: Warum machst du bei den tiefen Preisen noch Milch? Die Antwort lautet dann immer: Weil ich investiert habe, und ich kann nicht noch mehr investieren, um etwas anderes zu produzieren.

Welche Aufgaben hat denn die Politik bei diesen Problemen?

Ich bin kein Fan von allem, was Bundesrat Schneider-Ammann sagt, aber ich finde positiv, dass er sagt, man müsse in die Richtung der Digitalisierung gehen. Wir müssten vielleicht auch Investitionshilfen haben, um die neue Technologie zu entwickeln. Dies hat beispielsweise bei der Schleppschlauch-Technik funktioniert. Diese Geräte bringen Gülle direkt auf den Boden. Dadurch konnten wir die Belastung von Ammoniak reduzieren. Am Anfang unterstützte der Bund und finanzierte einen Teil der Investitionen. Das half und brachte eine Beschleunigung. Unserer Meinung nach ist es noch zu früh, bereits jetzt die gesetzlichen Regelungen für die Digitalisierung zu entwerfen, denn es fehlt noch an Erfahrung. Es wäre falsch, jetzt eine Robotersteuer vorzuschlagen. Wir müssen zuerst die wirtschaftliche und technologische Entwicklung vorantreiben. Ob es Gesetze braucht, wird sich dann zeigen.

Und wie steht es um das Problem, dass gewisse Firmen den Markt dominieren könnten?

Darüber diskutierte ich mit Bundesrat Schneider-Ammann in Paris. Vielleicht müssen wir im Rahmen des Kartellgesetzes ein paar Überlegungen machen. Grundsätzlich müssen wir diese Problematik ernst nehmen. Deshalb wollen wir auch, dass bei der AG welche die Datenbank betreiben wird, niemand eine Mehrheit hat.

Was meinen Sie, wie sieht die Schweizer Landwirtschaft in zehn Jahren aus?

Das ist schwer zu sagen. Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was wir wollen, und dem, was die Realität sein wird. Die Realität wird leider sein, dass wir in zehn Jahren weniger Bauernbetriebe in der Schweiz haben. Ich glaube aber auch, dass wir in zehn Jahren noch Familienbetriebe haben werden. Die Resilienz von Familienbetrieben ist sehr hoch, sie können flexibel auf Wetterprobleme oder Marktentwicklungen reagieren. Ich hoffe ausserdem, dass der Konflikt zwischen Ökologie und Produktion kleiner sein wird. Nachhaltigkeit ist wichtig, aber auch das Einkommen muss stimmen. Die Technologie wird uns helfen, Unfälle zu vermeiden. Zum Beispiel beim Tierschutz oder bei der Verschmutzung des Wassers.

Zur Person

Francis Egger ist seit 2010 beim Schweizerischen ­Bauernverband, wo er dem Departement Wirtschaft, Bildung und Internationales vorsteht. Er studierte an der ETH Zürich Agrarwirtschaft und erwarb 1986 das Diplom als Agraringenieur. Nach Praktika in Deutschland und Frankreich wechselte er 1987 ans Landwirtschaftliche Institut des Kantons Freiburg in Grangeneuve, dem er von 1996 bis 2010 als Direktor vorstand. Seitdem engagiert er sich im SBV auf Bundesebene. Seit 2016 ist er zudem Präsident der Versicherung Agrisano. Egger ist verheiratet, hat zwei Söhne und wohnt im freiburgischen Onnens.

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DPF8_59211

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