Europa Forum Luzern

Digitalisierung zwischen Euphorie und Skepsis

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Das Europa Forum Luzern stand in diesem Herbst im Zeichen der Digitalisierung. Dem Publikum bot sich ein weites Feld von Themen und Referenten. Bundespräsidentin Doris Leuthard forderte mehr Mut zu digitalen Experimenten.

Bundespräsidentin Doris Leuthard sprach am Europa Forum Luzern über die Herausforderungen der digitalen Verwaltung. (Source: Netzmedien)
Bundespräsidentin Doris Leuthard sprach am Europa Forum Luzern über die Herausforderungen der digitalen Verwaltung. (Source: Netzmedien)

Die "digitale Revolution". Es war ein grosses Thema, dem sich das Europa Forum Luzern gestern gewidmet hat. Und so drehte sich denn auch alles um die vielen Fragezeichen, die auftauchen, wenn momentan von den Auswirkungen des technologischen Wandels die Rede ist. Droht Arbeitslosigkeit durch den Einsatz von Robotern und künstlicher Intelligenz? Wie sollen sich die Menschen auf die digitale Zukunft vorbereiten? Welche Aufgaben haben Politik und Unternehmen in diesem Zusammenhang?

Die Antworten, so zeigte sich im Verlauf der Veranstaltung, sind unterschiedlich. Einig waren sich die eingeladenen Referenten allerdings, dass der Mensch und nicht die Technologie im Zentrum der Entwicklung stehen sollte. "Fortschritt muss dem Menschen dienen", forderte etwa Guido Graf, Präsident der Luzerner Kantonsregierung, zur Begrüssung.

Die Digitalisierung sei im Grunde längst im Gang, sagte Graf dem im Luzerner Saal des KKL zahlreich versammelten Publikum. Er verwies dabei auf das iPhone, das ein stetiger Begleiter vieler Menschen und damit Teil ihres Lebens geworden sei. Angst vor der Technologie sei deshalb unbegründet. Einige Berufe würden durch die Technik vielleicht ersetzt, dafür entstünden andere. Ausserdem seien heute die Möglichkeiten zur beruflichen Neuorientierung und Weiterentwicklung besser denn je.

Digitale Technologien dringen in alle Wirtschaftsbereiche vor

Die Vorzüge der Digitalisierung betonte auch Ulrich Spiesshofer. Der CEO der ABB Group zeigte, wie die Roboter des Industrieunternehmens in Bereiche vordringen, die noch kurzem dem Menschen vorbehalten waren - vom Rubik-Würfel bis zum Sinfonieorchester.

Was die vierte industrielle Revolution auszeichne sei, das sie mit hoher Geschwindigkeit in alle Lebensbereiche eingreife. "Das geht nicht ohne Schmerzen", gab der ABB-Chef zu Bedenken. Auch bei ABB hätte die Automatisierung Umbaumassnahmen zur Folge.

Dennoch gab sich Spiesshofer überzeugt, dass die Digitalisierung eine Chance sei. Dazu verwies er auf laufende Projekte der ABB, die etwa das Stromnetz mit künstlicher Intelligenz steuern, die Produktivität von Minen steigerten oder sich um das Wohlergehen der Bewohner eines Hauses kümmerten.

Ulrich Spiesshofer, CEO der ABB Group. (Source: Netzmedien)

Auch Spiesshofer wies auf die Ängste hin, die in der Gesellschaft die Runde machen. Unter dem Strich könnte digitale Technologie aber helfen, Armut zu bekämpfen. So hätten Länder mit der höchsten Roboterdichte eine besonders niedrige Arbeitslosigkeit.

"Wir müssen den Menschen zeigen, dass ihnen Technologie zum Vorteil gereichen kann." Zugleich müsse aber auch klar gemacht werden, dass es in Zukunft neue Formen der Arbeit und die Pflicht zur ständigen Weiterbildung geben werde.

"Die Schweiz hat eine Chance und die müssen wir nutzen", sagte Spiesshofer. Die entscheidende Frage laute: "Wie kommen wir dorthin?"

Leuthard möchte eine aktive Wirtschaft

Die Perspektive der Politik am Europa Forum Luzern vertrat Doris Leuthard. Die Bundespräsidentin warnte in Ihrer Keynote, dass Europa im digitalen Sandwich zwischen dem Platzhirsch USA und Aufsteiger China den Anschluss verlieren könnte.

"Kein europäisches Tech-Institut ist in den Top-Ten", dafür holten chinesische Firmen auf, wie gerade der "Singles-Day" zeigte. "Europa und die Schweiz müssen sich warm anziehen, wenn sie nicht auf den dritten Platz abrutschen wollen", sagte Leuthard.

Die Bundespräsidentin erwähnte verschiedene Bereiche, in denen die Schweiz digitalen Nachholbedarf habe. Die Voraussetzungen seien eigentlich gut, bei der Umsetzung in Services und Produkte hapere es aber bisweilen. Digitalisierung heisse eben auch, Experimente zu wagen und Fehler zu machen.

Dem E-Government der Schweiz stellte Leuthard ein kritisches Zeugnis aus. Andere Staaten seien weiter, etwa bei den Themen elektronische Identität und dem Datenaustasuch zwischen verschiedenen Plattformen. Es sei zentral, die Digitalisierung der Verwaltung voranzutreiben, denn "Staaten, die beim E-Government vorne sind, die werden auch sonst vorne sein".

Christof Wicki, Direktor des Europa Forums Luzern, und Thomas D. Meyer, Country Managing Director von Accenture Schweiz, führten durch die Veranstaltung. (Source: Netzmedien)

Ebenso wichtig sei es allerdings, die digitale Wirtschaft nicht "zu Tode" zu regulieren, betonte Leuthard. Der Staat müsse dort eingreifen, wo Probleme auftauchten. Etwa bei der Regulierung des Marktes im Internet.

Wo die Privatwirtschaft Lösungen selbst entwickeln und umsetzen könne, sollte sie das auch tun, forderte die Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. "Die Digitalisierung ist nicht bequem, aber es führt kein Weg daran vorbei."

Zusammenfassend rief Leuthard die versammelten Wirtschaftsvertreter dazu auf, sich aktiv an der Schaffung von Regeln für die Digitalisierung zu beteiligen. Vor allem sollten sie mithelfen, die Menschen auf den technologischen Wandel positiv einzustimmen. Der Bundesrat könnte mithelfen, aber grundsätzlich sei die Devise: "The Job is yours!"

Roboter "Pepper" begrüsste die Gäste des Europa Forums. (Source: Netzmedien)

Vom intelligenten Computer und seinen Gefahren

Ein Schwerpunkt des Europa Forums lag auf der künstlichen Intelligenz (KI). Alessandro Curioni, Vice President von IBM Europe, gab einen Eindruck davon, was die Technologie leisten kann und in welchen Branchen sie bereits im Einsatz sei. Etwa bei der Auswertung von Forschungsliteratur oder bei der Bekämpfung von Krankheiten.

Den Use Cases von KI war auch eine der fünf "Executive Sessions" der Veranstaltung gewidmet, die auf den ersten Teil der Veranstaltung folgten. Dalith Steiger-Gablinger von Swisscognitive diskutierte mit dem Informatik-Professor Edy Portmann, Nationalrätin Christa Markwalder und Andreas Staub von der Unternehmensberatung Fehradvice & Partners über das Thema.

Dalith Steiger-Gablinger, Edy Portmann, Christa Markwalder und Andreas Staub stellten sich dem Thema KI. (Source: Netzmedien)

Bei der KI-Debatte, an der das Publikum rege teilnahm, stand ebenso die Forderung im Zentrum, dass Technologie stets um den Menschen herum geschaffen werden müsse. So liesse sich auch die Skepsis gegenüber der Digitalisierung abbauen. Wenn man die Frage beantworten könne, welchen Nutzen KI dem Einzelnen konkret bringe, könne man die Menschen davon überzeugen – privat und im Unternehmen.

Am Ende werde KI den Menschen nicht ersetzen können, sondern uns mehr Zeit geben für Dinge, die Freude machen, waren sich die Teilnehmer des Podiums einig. Das Publikum mochte der Zuversicht nicht ganz beipflichten. "Was passiert denn mit den Arbeitnehmern, die tatsächlich ihren Job durch KI verlieren?", lautete eine Frage aus dem Publikum.

Rolf Dörig, Verwaltungsratspräsident von Swiss Life und Adecco. (Source: Netzmedien)

In diese Richtung wies auch Rolf Dörig, Verwaltungsratspräsident von Swiss Life und Adecco. Als warnende Stimme machte er sich stark für einen nüchterne Betrachtung der Chancen und Probleme der Digitalisierung. Arbeitslosigkeit, Verlierer des technologischen Wandels und demographische Veränderungen – all das müssten Schweizer Unternehmen im Blick behalten.

Technologie müsse sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, nicht umgekehrt. Zentral sei hierbei das Vertrauen. "Angesichts der Herausforderungen können wir es uns nicht leisten, dass die Menschen der Wirtschaft misstrauen", sagte Dörig.

Digitalisierung aus Sicht der Banken

Den Abschluss des Europa Forums bildete eine öffentliche Abendveranstaltung. Rund 1000 Besucher fanden sich dazu im KKL ein, wie die Veranstalter mitteilten. UBS-CEO Sergio Ermotti gab sich zuversichtlich, dass die Schweizer Finanzwelt die Herausforderungen der Digitalisierung meistern könne.

Rolf Dörig, Verwaltungsratspräsident von Swiss Life und Adecco

UBS-CEO Sergio Ermotti stellte sich den Fragen von SRF-Moderatorin Sonja Hasler. (Source: Netzmedien)

Allerdings werde dies nicht ohne Einschnitte vonstatten gehen. Bei der Zahl der Banken ebenso wie bei den Mitarbeitern. "Die Gewinner werden die Banken sein, die technologischen Wandel für sich nutzen", sagte der Chef der Grossbank.

Mit einem hochkarätigen Teilnehmerfeld, einem vielfältigem Themenangebot und spannenden Debatten bot das Europa Forum Luzern eine Tour d'Horizon zur Digitalisierung, die seinesgleichen suchen dürfte. Ob die Veranstalter damit Unternehmen wirklich "fit für die Zukunft" gemacht haben, wie sie im Programmheft versprachen, muss sich noch zeigen. Auf jeden Fall haben sie das Thema in einer Weise dargestellt, die dem Publikum in Erinnerung bleiben dürfte.

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