Best of Swiss Web Winner Talk 2023

So entstehen goldwürdige Webprojekte

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von Joël Orizet und msc

Zwei Gewinnerteams von Best of Swiss Web 2023 haben am Winner Talk einen Blick hinter die Kulissen ihrer Projektarbeit gewährt. Zur Diskussion standen die Lehren aus der Umsetzung – und Rezepte für erfolgreiche Einreichungen.

Gabriele Fackler von Reflexivity, Jan Wloka von Quatico und Sabine Stauffer von Meteoschweiz gaben am Winner Talk einen Einblick in ihre Projektarbeit. (Source: Netzmedien)
Gabriele Fackler von Reflexivity, Jan Wloka von Quatico und Sabine Stauffer von Meteoschweiz gaben am Winner Talk einen Einblick in ihre Projektarbeit. (Source: Netzmedien)

Wie setzt man ein Webprojekt erfolgreich um? Wie gehen Projektverantwortliche mit Widerständen um? Und worauf sollten sich Kandidierende für die kommende Ausgabe der Preisverleihung gefasst machen? Antworten auf diese und weitere Fragen gab es am diesjährigen Winner Talk. 

Die Veranstaltung, die jeweils im Nachgang zu den Award Nights von Best of Swiss Web und Best of Swiss Apps über die Bühne geht, soll Gelegenheit bieten, sich offen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und vielleicht auch unbequeme Fragen zu stellen, wie Giancarlo Palmisani, Leiter Verbandsdienstleistungen beim Wirtschaftsverband Swico, zur Begrüssung sagte.

Giancarlo Palmisani, Leiter Verbandsdienstleistungen beim Wirtschaftsverband Swico

Giancarlo Palmisani, Leiter Verbandsdienstleistungen beim Wirtschaftsverband Swico. (Source: Netzmedien)

Für Klima-Effekte sensibilisieren

Als Erstes stand das Gelernte aus dem Projekt Food2050 auf dem Programm. Das gleichnamige Food-Tech-Startup gewann mit seiner Webapplikation Gold in der Kategorie Innovation. Ziel der Anwendung ist es, die Umweltverträglichkeit von Ernährungsgewohnheiten zu verbessern, und zwar durch eine wissenschaftliche Bewertung und transparente Darstellung von Konsum- und Produktinformationen. Kantinen und Restaurants sollen ihren Gästen Informationen zum ökologischen Fussabdruck der angebotenen Speisen per QR-Code zur Verfügung stellen. 

Vor allem in der Anfangsphase des Projekts hätten die Auftragnehmer oftmals pivotieren müssen, sagte Peter Schiratzki, Senior Product Owner & Scrum Master bei Panter. Dies erforderte viele Tests verschiedener Darstellungsmethoden und Messgrössen zur Berechnung des gewünschten Indikators. "Für uns war diese Zeit geprägt von eng berechneten Budgets und kurzfristigen Deadlines", sagte Schiratzki. Von vorne betrachtet habe zwar stets alles super ausgesehen, doch auf der Hinterbühne sei oftmals kreatives Handeln gefragt gewesen. 

Besonders herausfordernd sei die Anbindung von Drittsystemen gewesen, gab Schiratzki zu verstehen. Denn einige dieser Systeme hätten wie eine Blackbox gewirkt – von aussen schier unmöglich zu beurteilen, was im Inneren genau vor sich geht. 

Peter Schiratzki, Senior Product Owner & Scrum Master bei Panter

Peter Schiratzki, Senior Product Owner & Scrum Master bei Panter. (Source: Netzmedien)

Das Ergebnis der vielen Iterationsprozesse ist ein Thermometer, der das Erderwärmungspotenzial von Speisen in Grad Celsius anzeigt. Ebenfalls angezeigt werden die CO2-Emissionen der verkauften Gerichte. Somit sollen Gäste ihren eigenen Einfluss auf das Klima nachverfolgen können. Als Erstes kam die fertige Anwendung im September 2022 in der Mensa an der Uni Irchel zum Einsatz – betrieben wird die Mensa von der Gastronomiegruppe ZFV. 

Das Projekt geht nun in die nächste Skalierungsphase. Dieses Jahr werde die Anwendung in weiteren 100 ZFV-Filialen ausgerollt. "Für uns war also alles Bisherige nur der Anfang", sagte Schiratzki. Das Erfolgsrezept für ein gelungenes Webprojekt beschrieb er folgendermassen: Man nehme eine Tonne frischer Technologie, frisch verpackt, gewürzt mit agilen Methoden, einer Prise Innovation – und serviere das alles in verdaubaren Häppchen. 

Hype, hyper, am hypesten

Im Anschluss referierte Mark Burow, Head of Creative Experiences bei Merkle, über Hypes und die Frage, wie Technologie die Kreativität beschleunigen kann. Er zeigte einige Beispiele von Marketing-Kampagnen auf, die Content von der echten in die virtuelle Welt einfliessen lassen – und umgekehrt. Beispielsweise brachte Nike nicht nur eine NFT-Kollektion heraus, an dessen Handel der Sportartikelhersteller kräftig mitverdient. Das Unternehmen lässt seine Kundschaft auch virtuelle Sneaker gestalten, die man anschliessend bestellen kann. Der springende Punkt, so Burow: "Der technologische Hype kreiert eine kreative Kultur."

Durch Kooperationen, etwa zwischen der Musik-, der Mode- und der Gamingindustrie, entstünden neue Produktwelten. Einige dieser Welten haben allerdings nur eine kurze Halbwertszeit. "Das Metaverse ist im Tal der Tränen angekommen", sagte Burow. Trotz Milliardeninvestitionen entpuppe sich der noch im vergangenen Jahr als "next big thing" propagierte Trend als eine "leere und traurige Welt". 

Mark Burow, Head of Creative Experiences bei Merkle

Mark Burow, Head of Creative Experiences bei Merkle. (Source: Netzmedien)

Was jedoch den Hype um ChatGPT & Co. angeht, zeigte sich Burow zuversichtlich. Er teile die Befürchtung nicht, wonach künstliche Intelligenz im grossen Stil Arbeitsplätze vernichten werde. Es gebe im Gegenteil sogar gute Gründe davon auszugehen, dass KI der Kreativität einen Schub verleihe. 

Wolkig mit Aussicht auf weniger Betriebsaufwand 

Zum Schluss gab es einen Blick hinter die Kulissen von "Meteoschweiz.ch – Relaunch". Das Projekt des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie Meteoschweiz, umgesetzt mithilfe von Quatico, Zeix und Reflexivity, gewann abgesehen vom Master-Titel Doppelgold in den Kategorien Technology und User Experience. 

Jan Wloka, CTO von Quatico Solutions, erläuterte das Vorgehen nach User-Centered Design. Die Schwierigkeit habe darin bestanden, dass die Website sowohl Expertinnen und Experten wie auch Laien ansprechen soll. Tiefeninterviews mit verschiedenen Anspruchsgruppen hätten allerdings gezeigt, dass auch die User mit viel Vorwissen ein Bedürfnis nach "Laien-Nutzung" hätten. "Auch der Hydrologe will morgens wissen, ob er einen Regenschirm einpacken soll oder nicht." Als Konsequenz aus dieser Einsicht hätten sich die Projektverantwortlichen auf ein Grundprinzip namens Progressive Disclosure geeinigt. Die Idee dahinter: Überall auf der Website soll die Möglichkeit bestehen, tiefer in die Materie einzutauchen. 

Wloka nannte auch einige Kennzahlen, welche die Dimension des Projekts umreissen. Pro Tag würden beispielsweise 735 Gigabyte an Wetterdaten über die Website ausgeliefert und 23 Millionen Zugriffe verzeichnet. Zum Projekt zählen über 80 Wetterprodukte, darunter die Pollenprognose, die Warnkarte, der Klima-Monitor, der das aktuelle Wetter anhand der Messgrössen Temperatur, Niederschlag und Sonnenscheindauer in die langjährige Klimaentwicklung einordnet. 

Das übergeordnete Ziel des Projekts habe darin bestanden, den Betriebsaufwand zu verringern, sagte Projektleiterin Sabine Stauffer von Meteoschweiz. Und das sei denn auch gelungen, vor allem durch den Übergang von On-Premise- hin zu einer Cloud-Infrastruktur respektive durch die dadurch möglich gewordene Automatisierung. Die Kosten für den Betrieb seien Stand heute um 40 Prozent gesunken. 

Sabine Stauffer, Projektleiterin beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie Meteoschweiz

Sabine Stauffer, Projektleiterin beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie Meteoschweiz. (Source: Netzmedien)

Der "schwierigste Part" sei die WTO-Ausschreibung gewesen, sagte Stauffer. Rückblickend hätte sie gerne mehr Zeit in die Auseinandersetzung mit dem neuen Beschaffungsrecht und den entsprechenden Verfahren investiert – "ansonsten würde ich aber gleich fahren". Unvorhergesehenes gehöre zu jedem grösseren Unterfangen dazu, das mache schliesslich auch den Reiz aus. "Das Projektleben ist jeden Tag ein spannendes Feld – man kann nie wissen, was am Ende passiert."

Gabriele Fackler von Reflexivity gab den Gästen zum Abschluss noch ein paar Tipps für eine erfolgreiche Ausschreibung bei Best of Swiss Web mit auf den Weg. Es sei wichtig, die Inhalte nicht nur korrekt, sondern auch visuell ansprechend darzustellen. Wichtig sei auch eine plausible Begründung dafür, warum etwas besonders sein soll. Und schliesslich: "Nehmen Sie sich die Zeit für eine Rückschau – und lassen Sie nicht einfach nur die KI für Sie schreiben."

Gabriele Fackler, Gründerin und Inhaberin von Reflexivity

Gabriele Fackler, Gründerin und Inhaberin von Reflexivity. (Source: Netzmedien) 

Abschliessend leitete Giancarlo Palmisani vom Swico in den Umtrunk über, wies aber zunächst noch darauf hin, dass bereits die nächste Preisverleihung ansteht: Am 26. Oktober geht die Award Night von Best of Swiss Apps im Zürcher Kongresshaus über die Bühne – die Ausschreibung läuft noch bis zum 28. August. 

Alle Highlights der diesjährigen Ausgabe von Best of Swiss Web finden Sie übrigens im entsprechenden Onlinedossier

Webcode
rHKbEUp3