Sabine Stauffer im Interview

So wurde "Meteoschweiz.ch – Relaunch" zum Master of Swiss Web 2023

Uhr

"Meteoschweiz.ch – Relaunch" hat den Titel Master of Swiss Web 2023 gewonnen. Projektleiterin Sabine Stauffer vom Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie Meteoschweiz spricht über die Schwierigkeiten bei der Umsetzung des ­Projekts, über Wunsch-Features und über die Zusammenarbeit mit Quatico, Zeix und Reflexivity.

Sabine Stauffer, Projektleiterin und Web Content Manager bei Meteoschweiz. (Source: zVg)
Sabine Stauffer, Projektleiterin und Web Content Manager bei Meteoschweiz. (Source: zVg)

Herzliche Gratulation zum Sieg bei Best of Swiss Web 2023! Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Sabine Stauffer: Ich bin immer noch überwältigt und sprachlos. Während der Projektzeit arbeitete ich wie in einer "Projekt-Bubble". Dann kam die Beta-Phase und schliesslich der "echte" Go-Live. Und schliesslich die Idee: Wir machen eine Eingabe bei "Best of Swiss Web". Die Auszeichnung bedeutet den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei Meteoschweiz viel. Wetter und Klima sind emotionale Themen und ab und zu gibt es "hitzige" Diskussionen. Doch die Auszeichnung ordnet alle Arbeiten ein – von der Messung bis zur Prognose – und ist der Beweis, dass sich Detail-Debatten lohnen. Für das Projektteam ist es eine grosse Wertschätzung für die sicht- und unsichtbaren Arbeiten in den vergangenen Monaten, wenn nicht Jahren.

Das Projekt gewann nicht nur den Master-Titel, sondern auch zwei Mal Gold. Was glauben Sie: Wie haben Sie die Jurys überzeugt?

Das ist schwer zu sagen. Die Urteile der Jurys der Katego­rien Technology und User Experience bestätigen jedoch, dass die konsequente Ausrichtung nach den Bedürfnissen der Besucherinnen und Besucher der Website von Meteoschweiz zentral ist und auch weiterhin sein wird. 

Wie kam es zum Relaunch der Website?

Jeder Webauftritt hat eine Lebensdauer. Als Webverantwortliche ist es meine Aufgabe, regelmässig zu prüfen, wo und wie Applikationen oder Inhalte zu optimieren sind. Zudem gilt das öffentliche Beschaffungsrecht für die Bundesverwaltung. Wir sind mit der ehemaligen Website 2014 online gegangen und die damalige Ausschreibung war befristet bis Ende 2022. Entsprechend starteten wir die Projektarbeiten 2018 und konnten dann das Detailkonzept mit Zeix Mitte 2020 abschliessen, das WTO-Verfahren für die Realisierung und den Betrieb der Website durchführen und schliesslich im Mai 2021 die Umsetzung zusammen mit Quatico Solutions starten. 

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Neuerungen?

Von der wichtigsten Neuerung an der aktuellen Website sollen die Besucherinnen und Besucher nichts merken. Wir haben den technischen Betrieb komplett an Quatico Solutions übergeben. Erkennbar auf der Website sind die Startseite und Lokalprognose – das sind meine persönlichen Highlights: die «Übersicht Wetterkarten» und die Präsentation der Lokalprognosen mit den "aktuellen Messwerten". Hier habe ich auf einen Blick alle nötigen Informationen, inklusive Unwetter-Warnungen. Will ich mehr wissen: Im Bereich "Wetter und Klima von A-Z" werden Begriffe von Experten erklärt. An diesem und anderen Inhalten werden wir weiterarbeiten! Und dann der beliebte Meteoschweiz-Blog: Jeden Tag schreiben die Kolleginnen und Kollegen regelmässig für alle, die sich für mehr als Wetterprognosen interessieren und beantworten Fragen direkt in den Blog-Artikeln.

Was waren die grössten Schwierigkeiten bei der Umsetzung?

Wenn Sie diese Frage meinem Projektauftraggeber stellen würden, dann wäre die Antwort: das Zeitmanagement von Sabine. Es haben sich viele Überstunden und nicht bezogene Ferien angesammelt. Für mich gehören Schwierigkeiten dazu. Hier etwas Bestimmtes hervorzuheben, fällt mir schwer. Vielleicht die Koordination der vielen Meteoschweiz-internen Stakeholder. Während der Konzeptphase haben wir alle Datenproduzenten respektive Inhaltsverantwortlichen zu Workshops eingeladen und mögliche Lösungen mit ihnen diskutiert und erarbeitet. Für diesen Prozess haben wir zusammen mit Zeix klare Regeln und Eskala­tionsstufen definiert. War sich das Projektteam mal nicht einig, gab es eine Eskalation zum Fachausschuss. Konnte von diesem Gremium kein Entscheid gefällt werden, folgte eine Diskussion im Projektausschuss und schliesslich ein Entscheid durch den Projektauftraggeber. Dieses Vorgehen war zeitaufwändig, es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt. So konnten wir den engen Zeitplan trotz zusätzlicher Schlaufen einhalten. Nicht unbedingt als Schwierigkeit zu bezeichnen, aber doch eine Umstellung war, dass wir während des Abschlusses der Detailkonzeption im März 2020 alle vollständig auf virtuelle Zusammenarbeit umstellen mussten. Auch das WTO-Verfahren wurde ausschliesslich mit Online-Meetings vorbereitet und durchgeführt.

Die Fachjurys haben mehrfach die barrierefreie Umsetzung der Website gelobt. In puncto Accessibility gibt es in der Schweizer Web-Landschaft noch viel zu tun. Viele privatwirtschaftliche ­Unternehmen drücken sich um die Umsetzung von entsprechenden Standards. Was geben Sie solchen Unternehmen als Tipps mit auf den Weg?

Meine Erfahrung ist, dass alle Besucherinnen und Besucher der Website von Accessibility profitieren. Eine durchdachte Website mit klaren Strukturen hilft im Betrieb, und der Initialaufwand lohnt sich mittel- und langfristig auf jeden Fall. Auch SEO profitiert. Arbeiten Sie mit Accessibility-affinen Fachpersonen (Technik und Design) zusammen und lassen Sie die Arbeiten regelmässig von Accessibility-Profis überprüfen. Vielleicht stehen wir mit unserer Website nicht am Anfang von Accessibility, aber auch wir haben noch vieles zu tun. Zum Beispiel, was die "leichte Sprache" angeht.

Warum haben Sie für den Relaunch auf Quatico, Zeix und Reflexivity gesetzt? Und wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?

Das Beschaffungsrecht macht klare Vorgaben, die wir anwenden müssen. Wir können die Kriterien definieren und die eingegangenen Offerten gemäss Ausschreibungsunterlagen bewerten und schliesslich den Partner evaluieren. Die Zusammenarbeit war (und ist) auf Augenhöhe. Alle bringen ihre Expertise ein und alle haben zugehört: hart in der Sache, aber immer mit gegenseitigem Respekt und Vertrauen. Das gemeinsame Ziel – eine Website für die Schweizer Bevölkerung, vom Laien bis zum Experten – haben wir nie aus den Augen verloren. 

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Ich würde die bestehenden Inhaltsseiten von der alten Website nicht mehr automatisch migrieren. Die Nachbearbeitung auf der neuen Website war sehr aufwendig (neue Funktionalitäten, neues Design). Diesen Aufwand habe ich unterschätzt. Es lohnt sich, die Content-Migration für eine grundsätzliche Überarbeitung und manuelle Erfassung zu nutzen. Mit der technischen Umsetzung der Applikationen würde ich erst starten, sobald alle Details geklärt sind (Rohdaten, Format etc.). Aber das ist eine Erkenntnis, die wir uns immer wieder vornehmen. Bei der Umsetzung ist dann halt Flexibilität und gegenseitiges Verständnis nötig. Die Welt dreht sich weiter und beim Arbeiten lernen wir ja jeden Tag aus Fehlern.

Wenn Sie unendlich viele Ressourcen hätten, welches zusätzliche Feature würden Sie gern umsetzen und warum?

Ich möchte eine Wetterseite wie ein Game realisieren – voll interaktiv. So kann ich etwa in 3-D durch die Schweiz reisen und dabei die Wetterprognose für den definierten Tag, die Uhrzeit, den Ort etc. erleben. Beispiel Nebellage im Herbst: Ich fliege virtuell durch den Nebel und plötzlich bin ich an der Sonne – dorthin reise ich dann in der richtigen Welt. Oder ich kann Wetterlagen simulieren und entsprechende Folgen erkennen. Oder ich kann mir mit allen Wetterparametern meine Wetterlage "bauen" etc. Voller Stolz habe ich meiner Familie von der Auszeichnung erzählt. Mein Bruder meinte mit Humor: Gratulation – aber den Knopf für besseres Wetter habt ihr immer noch nicht im Angebot.

Wie geht es mit der Website weiter

Nach dem Relaunch der Website wollen wir das Angebot optimieren und ausbauen. Auch bei der Weiterentwicklung steht der Nutzen für die Bevölkerung im Vordergrund. Bald möchten wir die Prognosen um zwei Tage verlängern. Accessibility soll mit den Verhaltensempfehlungen zu den verschiedenen Unwetter- und Naturgefahren in "leichter Sprache" ausgebaut werden. Im Hintergrund laufen mehrere Projekte bei Meteoschweiz, die zu besseren Wetterprognosen und Klimaszenarien führen. Die Website wird entsprechend davon profitieren und die Daten mit den Applikationen auch weiter verständlich zur Verfügung stehen. 2024 werden wir die Warnkarten ausbauen. Die Präsentation der Messdaten wollen wir auch kritisch prüfen und bei Bedarf überarbeiten.

Übrigens: Im Interview mit den Auftragnehmern erfahren Sie mehr über die Hintergründe und die Herausforderungen des Projekts aus Sicht von Quatico, Zeix und Reflexivity.  

Webcode
KG25cv7r