Neue Technologien

Barrierefreiheit – auch im Berufsalltag

Uhr | Aktualisiert

Spricht man von Barrierefreiheit für Menschen mit Beeinträchtigungen, ist meist vom Internet die Rede. Doch das ist zu kurz gegriffen. Neue Technologien wie etwa künstliche Intelligenz oder Virtual Reality bieten auch viel Potenzial für die Integration von Menschen mit Behinderungen in den Berufsalltag. In der Schweiz gibt es hier noch einiges zu tun.

(Source: OstapenkoOlena / iStock.com)
(Source: OstapenkoOlena / iStock.com)

In der Schweiz leben gemäss Bundesamt für Statistik 1,6 Millionen Menschen mit Behinderungen, wie Julien ­Neruda, Geschäftsleiter Inclusion Handicap, sagt. Ein Grossteil von ihnen kann, bedingt durch die Behinderung, nicht am Arbeitsleben teilnehmen. Diese Personen einzubinden ist eine Herausforderung für Firmen. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Virtual (VR) und Augmented Reality (AR), das Internet der Dinge (IoT) oder Spracherkennung eröffnen dafür neue Möglichkeiten, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag.

Entwicklung nimmt Fahrt auf

ICT öffnete für Menschen mit Behinderungen schon früh Türen. Vor rund 25 Jahren wurden die ersten Braillezeilen veröffentlicht. Diese Peripheriegeräte wandeln Texte auf Websites oder in Dateien in Blindenschrift um. Anfänglich war die Umwandlung in eine 64 Zeichen lange Braille­zeile noch «sündhaft teuer», sie kostete in den 80er-Jahren mehr als 25 000 Franken, wie Nils Jent, Professor für Diversity und Ability Management am Center for Disability and Integration der Universität St. Gallen, sagt. «Aber sie öffnete, gleichermassen wie die wenig später hinzugekommene PC-Sprachausgabe, den Blinden das Tor zur digitalen Welt. Dies sicherte uns bestehende und erschloss uns neue Erwerbs­tätigkeiten.»

Seit einem schweren Unfall in seiner Jugendzeit ist Jent körperlich behindert. Er kann sich nur mit einem Rollstuhl fortbewegen, ist blind und hat Probleme beim Sprechen. Trotz all dieser Einschränkungen konnte er mithilfe von ICT-Hilfsmitteln und einer von ihm selbst entwickelten Ein-Finger-Tastatur studieren und promovieren.

Auch für Alireza Darvishy war ein Computerhilfsmittel im Form eines Brailledisplays die einzige Chance, überhaupt studieren zu können, wie er sagt. Darvishy ist Professor für Informatik mit dem Schwerpunkt ICT-Accessibility am Institut für angewandte Informationstechnologie der ZHAW. Während seiner Studienzeit sei das Hilfsmittel eine Weltneuheit gewesen. In den letzten Jahren habe es einen technologischen Schub gegeben, sowohl auf Software- wie auch auf Hardware-Ebene.

Weg von Speziallösungen hin zu Alltagsgeräten

«Die Entwicklung geht so weit, dass versucht wird, in bestehende Produkte assistierende Technologien zu integrieren», sagt Darvishy. Das Smartphone sei hierbei eine zen­trale Innovation gewesen und sei ein gutes Beispiel für diesen Trend.

Laut Darvishy bergen auch Technologien wie IoT, 3-D-Druck, AR und VR enormes Potenzial für Menschen mit Behinderungen. Vernetzte Geräte könnten etwa bei der Wahrnehmung der Umgebung Unterstützung leisten. So stellte kürzlich ein Schweizer Hörgerätehersteller ein blue­toothfähiges Hörgerät vor. Dieses kann einfach mit dem Smartphone oder Computer gekoppelt werden. Integriert in das Smarthome oder Smart-Büro können schliesslich auch die Türklingel oder andere Sprach- und Alarmsignale auf das Hörgerät übermittelt werden, wie Darvishy erklärt. «Auch Menschen mit Beeinträchtigungen wollen handelsübliche Geräte benutzen», sagt Darvishy. Dies stigmatisiere sie auch weniger.

Vielen Hilfsmitteln sei zueigen, dass sie nicht primär für Menschen mit Behinderungen entwickelt worden seien. Oft sei dies nur ein Nebeneffekt, betonen Jent und Darvishy. Diese «Nebeneffekte» bringen aber enorme Vorteile. Die Beispiele hierfür sind vielfältig. Skype etwa ermöglicht die ortsunabhängige Kommunikation. Für Jent ermöglicht dieses Produkt die «totale Mobilität und Flexibilität des Arbeitsplatzes und der Zusammenarbeit». Die Spracheingabe oder Assistenzsysteme wie Siri, Alexa oder Cortana sind weitere Beispiele dafür, wie die Weiterentwicklung solcher Technologien auch immer mehr den Menschen mit Behinderungen im Arbeitsumfeld zugute kommt. Für Menschen mit schweren körperlichen Einschränkungen ist es jedoch schwieriger. Für sie braucht es spezielle Schalter oder Blas- und Saug-Eingabegeräte für die Bedienung des Computers. Auch auf dem Feld der Augensteuerung tut sich viel, auch wenn diese zunächst für den Gaming-Bereich entwickelt wurde, wie Darvishy sagt.

Einsatz in Unternehmen oft einfacher, als gedacht

All diese Technologien stehen bereits zur Verfügung. Sie werden immer erschwinglicher und sind immer einfacher zu implementieren. Digitale Assistenten oder Spracheingabebefehle sind auf den Smartphones sogar kostenlos verfügbar. Für Unternehmen, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen wollen, werden die Hürden daher kleiner, wie Darvishy hervorhebt.

Durch das Internet können zunehmend Arbeiten von zuhause aus erledigt werden. Auch ein bluetoothfähiges Telefon ist eine vergleichweise günstige Anschaffung. Anhand von gedruckten 3-D-Modellen können blinde Personen Räume ertasten. Gebärdensprachdolmetscher können über das Smartphone zugeschaltet werden. In Zukunft könnte sogar ein digitaler Avatar die Übersetzungsarbeit erledigen, was gehörlose Menschen deutlich unabhängiger machen würde. «Der allgemeine Trend sollte dahin gehen, wenn möglich nicht spezielle Hard- oder Software zu entwickeln, sondern bestehende Lösungen kreativ zu nutzen und neue Services zu integrieren. Natürlich können Mainstream-Produkte nicht alle Probleme lösen. Aber man kann schon viel davon nutzen», ergänzt Darvishy.

Was die Inklusion gerade von Menschen mit Beeinträchtigungen besonders zur Herausforderung macht ist, dass es viele verschiedene Arten von Behinderungen gibt und diese auch unterschiedliche Schweregrade aufweisen können. Dieser individuelle Umgang mit der Behinderung ist matchentscheidend. Noch komplexer ist es, wenn Menschen von mehreren Behinderungen gleichzeitig betroffen sind. Gerade Assistenzsysteme für Schwerbehinderte stecken vielerorts noch in den Kinderschuhen, wie Jent betont. Die Komplexität sei mitunter hoch, da so viele Faktoren eine Rolle spielen würden. So stehen die Anforderungen von Sehbehinderten denen von Gehbehinderten diametral gegenüber. An einem Beispiel aus der physischen Welt macht Jent dies deutlich.

Seh- und gehbehinderte Menschen haben etwa unterschiedliche Bedürfnisse bezüglich der Höhe einer Bordsteinkante. Diese muss 10 Zentimeter hoch sein, damit der Bordstein einer Blindenstock führenden Person als Leitlinie dienen kann. Entschieden zu hoch ist das jedoch für eine rollstuhlfahrende Person. Wird der Bordstein umgekehrt für die Rollstuhlfahrenden ideal abgesenkt, dann geht die Leitlinie für den Blindenstock verloren, der in Bogentechnik geführt wird. Hier den richtigen Kompromiss zu finden, ist eine Herausforderung. Diese Probleme finden sich auch in der Technik wieder.

Möglichkeiten in der Schweiz noch ausbaufähig

«Das Bewusstsein in der Schweiz für die technischen Möglichkeiten entwickelt sich erst langsam», sagt Darvishy. Für ihn braucht es daher vor allem Leuchttürme, welche die Möglichkeiten der Integration von Menschen mit Behinderungen durch Technologien aufzeigen. Vor allem KMUs würden momentan noch vor der Problematik zurückschrecken. Der Hauptgrund seien zumeist fehlende Ressourcen und Informationen. Es braucht daher eine Art «Center of Assistive Technologies» auf Bundesebene, wie Darvishy betont. Dort sollte es Ansprechpartner geben, die Dienstleistungen bereitstellen und Beratung anbieten. Gerade für KMUs wäre dies eine ideale Anlaufstation. Auch Aufklärung sei sehr wichtig. Mittels Kampagnen könnten Firmen sensibilisiert und Best Practices aufgezeigt werden. «Wenn man wenig weiss, dann hat man immer Angst. Aber wenn man die Möglichkeit bekommt, etwas kennenzulernen, dann ist man sehr oft auch überrascht, und die Hemmschwelle wird kleiner», sagt Darvishy.

Auch Neruda bemängelt die wenigen Beratungsmöglichkeiten. Im Rahmen der ICT-Strategie seien zwar auf Bundesebene Beratungsstellen eingerichtet worden, diese richteten sich aber in der Regel nur an Bundesbetriebe. So etwas Ähnliches gebe es für private Unternehmen nicht. Generell gelte, dass für die berufliche Eingliederung in der Schweiz die Invalidenversicherung zuständig sei. Die IV übernehme daher auch Hilfsmittel oder Assistenzleistungen, mache zuvor aber eine «Erwägung» bei der Kostenübernahme. Die Voraussetzungen für Menschen mit Behinderungen seien daher eigentlich erfüllt. Das Problem liege darin, dass die entscheidenden Behördenstellen dem technischen Fortschritt hinterherhinkten. Dies zum Nachteil der Menschen mit Behinderungen, da sie nicht von den rasanten Entwicklungen in der letzten Zeit profitieren könnten, ergänzt Neruda.

Debatte muss jetzt geführt werden

Laut Neruda nimmt die gesellschaftliche Debatte um die Intergration von Menschen mit Behinderungen ins Berufsleben langsam Fahrt auf. Pascale Bruderer, SP-Ständerätin und Präsidentin der Dachorganisation Inclusion Handicap, habe auf der politischen Ebene mit dem Postulat «Inklusives Arbeitsumfeld im Lichte der Digitalisierung» einen Anfang gemacht. Bisher sei die Debatte jedoch nur ein kleiner Teil der viel grösseren Diskussion über die Digitalisierung, betont Neruda. «Für Menschen mit Behinderungen muss man von Anfang an die Chancen mitdenken. Wir befinden uns erst am Anfang des Wandels.» Laut Neruda müssen daher jetzt die Weichen gestellt werden.

Jent und Darvishy erwarten in Zukunft enorme Verbesserungen durch den technologischen Fortschritt. Die Chancen für die Integration für Menschen mit Behinderungen am Erwerbsleben sind ihrer Meinung nach deutlich gestiegen. Bei dieser Entwicklung sei es jedoch wichtig, dass Menschen mit Beeinträchtigungen vermehrt und auf Augenhöhe in die Prozesse eingebunden würden. Nur so seien etwa auch in der ICT Lösungen zu erwarten, die den Betroffenen einen direkten Vorteil brächten. Gefragt sind jetzt die Unternehmen, diese technischen Möglichkeiten auch anzunehmen und beispielhaft voranzugehen.

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