Mobile Payment

Der Kampf ums Schweizer Portemonnaie ist eröffnet

Uhr | Aktualisiert

Twint und Paymit haben vor knapp einem Jahr ihre Fusion bekannt gegeben. Wenig später kam Apple Pay auf den Markt. Mit dem Launch des neuen Twint bahnt sich der Endkampf der Mobile-Payment-Lösungen an.

(Quelle: bobmadbob / iStock.com)
(Quelle: bobmadbob / iStock.com)

In der Schweiz haben sich bereits viele Unternehmen an einer Mobile-Payment-App versucht. Viele sind gescheitert. Konsumenten nutzen die Zahlungsmöglichkeit bisher nur spärlich.

Trotzdem tobt ein Kampf um die Vorherrschaft im Schweizer Mobile-Payment-Markt. Schweizer Unternehmen haben sich gemeinsam unter dem Banner von Twint versammelt, um gegen die Übermacht der Tech-Giganten Apple und Google anzutreten. Ein verlorener Kampf?

 

Schnelle Konsolidierung im Schweizer Markt

Mobino, Tapit, Muume, Wally, Bellamy und Klimpr … Diese Namen sagen heutzutage kaum noch jemandem etwas. Sie alle sind Schweizer Mobile-Payment-Apps. Die meisten sind bereits wieder verschwunden. Swisscom etwa stellte ihre App Tapit nach kurzer Zeit aufgrund mangelnden Interesses ein. Das Unternehmen schloss sich dafür der Allianz rund um Six mit ihrer App Paymit an. Paymit wird von mehreren Schweizer Grossbanken unterstützt, darunter UBS, Credit Suisse, Raiffeisen und ZKB. Die App erlaubt es den Nutzern, Geld mit dem Smartphone an andere Personen zu schicken. Konkurrent war die App Twint der Postfinance.

 

Zusammen gegen Apple

2016 gaben die beiden Konkurrenten jedoch ihre Fusion bekannt. Die Begründung lautete, dass ein einzelner starker Standard mehr Sinn ergebe als zwei. Unter dem Namen Twint wollen sie einer Schweizer Bezahltechnologie zum Durchbruch verhelfen. Die neue gemeinsame App ist seit April erhältlich, den Anfang machte die ZKB. Stolz nennt sich Twint der "neue Schweizer Standard im Mobile Payment".

Solch eine Kooperation zwischen Schweizer Unternehmen gibt es selten. Doch der Feind ist klar und die Bedrohung gross: Nur zwei Monate nach der Bekanntgabe der Fusion erschien Apple Pay ohne lange Vorankündigung auch in der Schweiz. Auch Android Pay wird in den nächsten Jahren erwartet.

 

Unterschiedliche Systeme

"Apple Pay ist in der Schweiz bisher einfach eine virtuelle Kreditkarte. Statt einer Plastikkarte hat man die Karte auf dem Smartphone." So beschreibt Sandro Graf, Marketing-Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die Funktionsweise von Apple Pay. Die Daten für die Zahlung übermittelt das Smartphone über Near Field Communication (NFC) – eine Technologie, die bereits zum kontaktlosen Bezahlen genutzt wird. Solche Terminals sind in der Schweiz weit verbreitet. Die Zahl der Banken beziehungsweise Kreditkartenherausgeber in der Schweiz, die mit Apple kooperieren, ist aber klein; sie sehen Apple zurzeit als Konkurrenten.

Twint hingegen funktioniert wie eine Debitkarte. Nutzer können Geld auf die App laden und damit an Kassen bezahlen. Entweder über Bluetooth bei einem Twint-­Beacon oder per QR-Code. Mit der App können Nutzer auch Geld an andere Nutzer überweisen. Auch Coupons und Rabatte können sie auf Twint suchen und einlösen.

 

Spärliche Nutzung

Bisher sieht man beim Einkaufen kaum jemanden, der Mobile Payment nutzt. Die geschätzten Nutzungszahlen sind tief. Swisscom und UBS antworteten auf Anfrage, dass Paymit und Twint zusammen über 550 000 Mal he­runtergeladen worden sei und pro Monat rund 250 000 Transaktionen abwickelten. Laut Tobias Trütsch, Experte für Mobile Payment und Ökonom an der Hochschule St. Gallen (HSG), handelt es sich bei den meisten mobilen Zahlungen zurzeit um Beträge unter 20 Franken.

Schätzungen zu Umsätzen sind schwierig. Ein Hinweis liefert die Anzahl von Kreditkartenzahlungen, sagt Trütsch. Kontaktlose Zahlungen machen rund 4 Prozent des im Inland getätigten Umsatzes aus, wie er sagt. "Ein Grossteil dieser Transaktionen und Umsätze werden meiner Meinung nach mit kontaktlosen Kreditkarten getätigt, nicht mit dem Smartphone." Seine Einschätzungen betreffen nur Apple Pay. Doch sie lassen vermuten, dass der Anteil noch sehr tief ist. Das werde sich jedoch ändern, ist Trütsch überzeugt. "Die Mobile-Payment-Zahlen werden sich gemäss S-Kurve entwickeln", erklärt er. Das bedeutet, dass die Zahlen anfangs langsam, dann aber stark ansteigen, bis sich die Wachstumskurve wieder abflacht. "Momentan sind wir noch am Anfang, aber in den nächsten fünf Jahren wird Mobile Payment stark zunehmen", sagt er.

Damit das geschieht, muss Mobile Payment mit der Konkurrenz gleichziehen. "Das ist unter anderem eine Frage der Convenience: Mobile Payment muss so praktisch wie Bargeld oder eine Kreditkarte sein, mit der man kontaktlos zahlen kann", erklärt Graf. Beim Bezahlen treffe man normalerweise keine bewusste Entscheidung, man folge einfach der Gewohnheit. Es brauche Zeit, Menschen an ein neues Zahlungsmittel zu gewöhnen und davon zu überzeugen.

Ein kurzer Test zeigt, dass das aktuelle Twint noch relativ unhandlich ist, wenn der Anwender nicht Kunde einer Partnerbank ist. Eine Banküberweisung dauert einen Tag. An einen Aufladepunkt gehen, um das Konto aufzuladen, ist unpraktisch. Und für das Lastschriftverfahren müsste man einen Brief an die Bank schicken. Das soll sich aber mit der neuen Version von Twint ändern.

 

Mobile Payment hat Vorteile für Konsumenten und Händler

Mobile Payment hat aber dennoch Vorteile, da sind sich Anbieter, Händler und Experten einig. Ein Vorteil etwa ist die Sicherheit. "Auf einer physischen Kreditkarte sieht man die Kreditkartennummer, den Namen, das Gültigkeitsdatum und den Sicherheitscode. Diese Daten reichen zum Teil bereits aus, eine Transaktion zu tätigen", sagt Graf. "Bei Apple Pay ist das nicht der Fall. Eine Drittperson müsste aufwendig das Smartphone hacken oder an den Fingerabdruck des Anwenders gelangen, um eine Zahlung missbräuchlich zu tätigen."

Mobile Payment im Sinne von Twint vereint einige Eigenschaften von Kreditkarten und Bargeld. Nutzer können einen Betrag auf den Rappen genau bezahlen. Der Gang zum Bancomaten entfällt. Zudem können sie auf einfache Art Geld an andere Personen überweisen. Auch Kunden- und Stempelkarten sind direkt in die App eingebunden, wie UBS-Sprecher Marco Tomasina erklärt.

Sarah Pally, Mediensprecherin von Twint, sieht auch Vorteile für den Handel. Mit Twint könne man im Laden, unterwegs, aber auch online, an Automaten und an anderen unbedienten Verkaufsstellen mit dem Smartphone einkassieren. Zudem könnten Händler Twint fürs Marketing verwenden, indem sie Coupons und Rabatte anböten.

 

Das neue Twint

Im April erschien für Twint ein Update, das Paymit und Twint vereint. Ähnlich wie bei Paymit haben die Banken die Möglichkeit, ihre Twint-App unter eigenem Namen herauszubringen. Das grosse Interesse seitens der Banken daran sei auch ein Grund, weshalb sich die neue App verzögert habe, sagt Pally. Da Twint eine offene Lösung sei, könnten auch Banken teilnehmen, die bisher nicht beteiligt gewesen seien. Das soll das Vertrauen in die Lösung stärken. Die Leute vertrauen ihrer Hausbank mehr als einem internationalen Konzern oder Start-up, wie Graf bestätigt.

Die neue Version ermögliche eine direkte Abbuchung vom Konto. Das vorherige Aufladen ist nicht mehr nötig. Im Lauf des Jahres will Twint weitere Funktionen hinzufügen. Dazu gehört die Verknüpfung der Kreditkarte mit Twint als Zahlungsoption. Twint will laut eigenen Angaben auch die Möglichkeit anbieten, Rechnungen zu begleichen. Nutzer könnten dann einen Einzahlungsschein einscannen, um die Rechnung so direkt zu bezahlen.

Twint steht durch die Fusion mit Paymit wohl besser da als zuvor. Neue Funktionen sollen bald ergänzt werden. Zudem stehen die grössten Schweizer Banken hinter der Lösung. Eigentlich keine schlechte Ausgangslage. Doch reicht das gegen Apple?

 

Die Schweiz ist wie für Apple Pay gemacht

Apple verkaufte im letzten Quartal des Jahres 2016 78 Millionen Smartphones weltweit. Und alle Geräte haben Apple Pay vorinstalliert. Das Unternehmen wickelt damit bereits Transaktionen in Milliardenhöhe ab.

Die Schweiz ist ein iPhone-Land, die Mehrheit der Smartphone-Besitzer hat ein iPhone. In der Schweiz sind Terminals mit kontaktloser Zahlungsoption weit verbreitet. Im Ausland kann man ebenfalls mit Apple Pay zahlen. Das einzige Hindernis für Apple Pay könnte die Schweizer Liebe zu Bargeld sein. Doch diese Hürde muss auch Twint nehmen. Die Schweiz scheint also prädestiniert für einen Erfolg von Apple Pay.

 

"Twint ist mehr als eine virtuelle Kreditkarte"

Darauf angesprochen, wie Twint gegen internationale Konkurrenz bestehen könne, sagt Pally: "Twint ist viel mehr als eine virtuelle Kreditkarte. Nutzer können damit zahlen, Geld senden oder anfordern. Sie können ihr Bankkonto direkt anschliessen und von Angeboten und Kundenbindungsprogrammen in der App profitieren. Twint ist ausserdem eine Schweizer Lösung. Das heisst: Sie ist auf den Schweizer Markt zugeschnitten und trägt den Bedürfnissen von Banken, Handel und natürlich Usern Rechnung."

Graf von der ZHAW ist sich nicht sicher, ob das reicht: "Betriebswirtschaftlich gesehen lohnt sich Twint möglicherweise nicht. Apple Pay verdient in mehreren Ländern an Millionen von Transaktionen. Twint hingegen bedient nur den Schweizer Markt, der sehr viel kleiner ist. Eine Schweizer Lösung kann jedoch existieren, wenn sie einfach zu bedienen ist und weit verbreitet." Eine Einschätzung Apples zum Schweizer Markt stand zu Redaktionsschluss aus.

Momentan wehren sich Schweizer Banken gegen Apple Pay. Sie bevorzugen die "eigene" Lösung, auf die sie Einfluss nehmen können. Aber wie lange können sie sich der Entwicklung entgegenstellen, wenn immer mehr Konsumenten Apple Pay nutzen? Abgesehen vom schwindenden Einfluss sorgen sich die Banken, dass sie aus der Gleichung verschwinden könnten. Denn wenn Techkonzerne eine Banklizenz beantragen, wären sie nicht mehr auf UBS und Co. angewiesen.

 

Messenger als Bedrohung

Vielleicht sind auch nicht Apple oder Android Pay die grössten Konkurrenten für Twint. Sondern die Sofortnachrichtendienste wie Whatsapp oder Facebook Messenger. Für Konsumenten ist der grösste Vorteil von Twint gegenüber Apple Pay wohl die Möglichkeit, Geld einfach an andere zu senden.

Der chinesische Messenger Wechat erlaubt es seinen Nutzern, nicht nur zu chatten, sondern auch Geld zu verschicken. Die Funktion ist äusserst erfolgreich in China. Wechat wird mittlerweile auch zum Bezahlen in Geschäften verwendet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Facebook diesen Erfolg kopiert. In den USA können Kunden bereits Geld mit dem Facebook-Messenger verschicken. Whatsapp ist in der Schweiz wohl die beliebteste Messenger-App. Würde die App plötzlich Geldüberweisungen erlauben, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die meisten eher die App verwenden, die sie sowieso bereits installiert haben.

Mobile Payment wird früher oder später auch in der Schweiz ein verbreitetes Zahlungsmittel sein. Vielleicht dauert es bis dahin noch einige Jahre, doch dürfte es den Umgang mit Geld nicht nur in der Schweiz verändern. Wer wird wohl am Ende die Nase vorn haben? Twint, Apple, Facebook oder Google? Man darf gespannt sein.

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