Das Start-up Komed Health über seine Strategie, E-Health, und Whatsapp im Spital

"Die Kommunikation in Spitälern steckt in der Steinzeit fest"

Uhr | Aktualisiert

Viele Ärzte und Pfleger nutzen ihre Handys und Whtatsapp damit sie im Spital rasch an Informationen gelangen können. Kein Wunder: Professionelle Alternativen sind meist Fehlanzeige. Komed Health will das ändern. Mit seinem Ansatz gewann das Schlieremer Start-up mehrere Wettbewerbe. Was Komed Health bringt, erklären die Gründer Luzia Dobre und Marc Bornträger.

Komed Health: (v.l.): Marc Bornträger CTO und Co-Founder, Luiza Dobre, CEO und Co-Founder, Kimmo Myllyviita, Software Engineer. Quelle: Netzmedien
Komed Health: (v.l.): Marc Bornträger CTO und Co-Founder, Luiza Dobre, CEO und Co-Founder, Kimmo Myllyviita, Software Engineer. Quelle: Netzmedien

Wie sind Sie auf die Idee von gekommen?

Luiza Dobre: Ich arbeitete ursprünglich an einem anderen Projekt im Healthcare-Markt, Durch Gespräche mit Ärzten und durch eigene Erfahrungen wurde ich auf die Schwierigkeiten bei der Kommunikation in Spitälern aufmerksam. Dann las ich einen Artikel über die erschreckend hohe Zahl von Fehlbehandlungen in US-Spitälern, verursacht durch Probleme bei der Kommunikation. Hier sah ich ein Problem, dass man lösen könnte und womit sich ein Geschäftsmodell aufbauen liesse. Am Start-up Weekend 2016 von Google fand ich Mitstreiter, darunter unseren CTO Marc Bornträger. Gemeinsam befragten wir Ärzte, was sie von unserer Idee halten. Anhand des Feedbacks merkten wir, dass wir mit unserer Idee offene Türen einrannten.

Was haben Ihnen die Ärzte und Pfleger gesagt?

Dobre: Wir haben drei Erkenntnisse gewonnen: erstens werden Ärzte bei ihrer Arbeit oft unterbrochen, etwa durch Pager. Zweitens laufen Arbeitsübergaben beim Schichtwechsel nicht störungsfrei ab, da verschiedene Arbeitsbereiche involviert und Verantwortlichkeiten unklar sind. Drittens, vielleicht das grösste Problem, es ist schwierig Personen zu erreichen, da die Kommunikation unidirektional passiert. In 95 Prozent aller Fälle sagten uns die Gesprächspartner, dass es eine moderne Lösung für die Kommunikation dringend braucht, weil die aktuellen Lösungen nicht funktionieren.

Was ist nach dem Start-up-Weekend passiert?

Dobre: Das wichtigste für uns war ein funktionierendes Team aufzubauen. Wir starteten als Fünfer-Gruppe. Von dieser zog eine Person ins Ausland, andere passten nicht ins Team oder verloren das Interesse am Projekt. Heute sind wir drei Leute.

Wie haben Sie das Produkt dann entwickelt?

Dobre: In den ersten drei bis vier Monaten programmierten wir keine Zeile Code. Stattdessen haben wir uns noch mal gründlich mit unserer Idee auseinandergesetzt und die Probleme analysiert, die wir lösen wollen. Wir gingen hierfür nach dem Lean-Prinzip vor, eine agile und vor allem Nutzer-zentrierte Vorgehensweise. Diese wird noch viel zu selten im E-Health-Markt angewendet.

Wie sind Sie konkret vorgegangen?

Dobre: Wir suchten die Eingangsbereiche von Spitälern auf und sprachen mit so ziemlich jeder Person, der uns über den Weg lief. Wir befragten beispielsweise Ärzte und Pfleger auf dem Weg in ihre Mittagspause. Das kam nicht immer gut an. Einmal hatte man uns damit gedroht, uns hinaus werden zu lassen. Unterm Strich war es aber der richtige Weg.

Eher ein radikaler Weg für eine Produktentwicklung. Was hat es gebracht?

Marc Bornträger: Zwischen Mai und August letzten Jahres führten wir über 100 Gespräche mit Spitalmitarbeitern. Mit Ärzten, Pflegekräften und IT-Verantwortlichen. Stand heute zählen wir rund 800 Stunden an Interviews, geführt in 22 Spitälern in Europa, den USA und dem nahen Osten. All das Feedback floss in unsere Produktentwicklung ein. Quasi als Nebeneffekt bauten wir uns ein Netzwerk auf. Einige unserer Gesprächspartner beraten uns mittlerweile oder unterstützen unser Start-up. Andere kannten weitere Experten, denen wir unsere Lösung vorstellen konnten.

Welchen Problemen sind Sie bei Ihren Spitalbesuchen begegnet?

Dobre: Einmal waren wir zufällig dabei, als Ärzte und Pfleger eine halbe Stunde darüber diskutierten, wer jetzt für einen bestimmten Patienten veranwortlich ist. Solche Probleme passieren täglich in Schweizer Spitälern. Ein weiteres Problem sind die Kommunikationsmittel. Prof. Dr. med. Aristomenis Exadaktylos, Chefarzt und Klinikdirektor des universitären Notfallzentrums des Inselspitals Bern sagte uns, dass die Spitäler in der Steinzeit der Telekommunikation feststecken, im Vergleich zu den medizinischen Durchbrüchen, die sie feiern.

Wie äussert sich das im Klinikalltag?

Dobre: Ärzte tragen noch immer Pager mit sich herum, oft sogar mehrere und vielleicht noch ein tragbares Telefon vom Spital. Und da haben sie noch Glück. In der Regel müssen Ärzte bei einer Alarmierung das nächste Festnetztelefon aufsuchen, zurückrufen und hoffen, dass am Ende der Leitung dann auch jemand sitzt. Zwischen 80 und 90 Prozent der Anfragen beziehen sich gemäss unserer Untersuchungen nicht auf Notfälle. Die Unterbrüche lenken ab und erhöhen dadurch das Risiko medizinischer Fehler. Ärzte und Pfleger greifen daher zu Alternativen, die sie aus ihrem privaten Alltag kennen, wie etwa Whatsapp.

Komed Health soll eine Alternative zu Whatsapp sein. Wie hoch ist denn die Whatsapp-Durchdringung in Spitälern?

Dobre: Jeder hat heutzutage ein Smartphone in der Tasche. Studien aus den USA zeigen, dass 96 Prozent der Ärzte und Pfleger über Whatsapp kommunizieren. Das deckt sich auch mit unseren Interviews. Meist werden die Klarnamen der Patienten weggelassen. Das war es dann aber auch mit dem Datenschutz und der IT-Sicherheit.

Wie löst Komed Health diese Probleme?

Bornträger: Komed soll eine Plattform für den Informationsaustausch sein, die Whatsapp und Pager ersetzt sowie Daten aus verschiedenen Quellen bündelt und teilt. Nicht nur das Werkzeug, auch der Austausch von Informationen über Patienten ist ein Problem, dass wir lösen wollen. Radiologen etwa erhalten täglich viele Anfragen aus den anderen Fachabteilungen, ob die Auswertung einer angeforderten Untersuchung bereits vorliegt. Dafür müssen Radiologen ihre Arbeit jedes Mal unterbrechen. Komed dreht den Spiess um und informiert die Fachärzte proaktiv, sobald eine Untersuchung abgeschlossen ist.

Und wie funktioniert die App aus Sicht der Anwender?

Bornträger: Anwender können sich einfach die App für iOS und Android auf ihr Smartphone laden. Sie geben dann den Namen ihre Arbeitsgruppe und ein Passwort ein. Anschliessend können sie mit den Kollegen in der Gruppe kommunizieren. Das ist vergleichbar mit einer Chat-Gruppe in Whatsapp. Ärzten werden dann die Patienten angezeigt und zwar in der Reihenfolge der Dringlichkeit. Die Kanäle orientieren sich an den Patienten. Die Patientin, nennen wir sie Emma, erhält quasi einen eigenen Gruppenchat. Komed kann auch Vital-Zeichen von Patientin Emma anzeigen und Alarme auslösen. Hat Emma etwa eine Temperatur von 40 Grad, wird an die verantwortlichen Ärzte und Pfleger eine Nachricht gesendet.

Komed Health funktioniert ähnlich einem Gruppenchat in Whatsapp. Welche Besonderheiten Komed Health bietet, zeigt Luiza Dobre anhand einer Demo. Quelle: Komed Health

IT-Security ist ein wichtiges Thema im E-Health-Umfeld. Wie gewährleisten Sie die Sicherheit Ihrer Lösung?

Bornträger: Wir haben eine Verschlüsselung auf jedem Layer. Darüber hinaus sichert unser Hoster die Lösung zusätzlich ab. Spitäler können Komed auch On-Premise betreiben und so individuell in Sie Sicherheitsdispositiv einbinden.

Sie wirken sehr überzeugt von ihrem Produkt. Woher nehmen Sie diese Zuversicht?

Bornträger: Uns kommen mehrere Entwicklungen entgegen. Eine ist das elektronische Patientendossier. Spitäler nutzen die Investition für den Aufbau von EPD-Systemen für die Digitalisierung und Modernisierung ihrer Arbeitsabläufe. Die Abrechnung über diagnosebezogene Fallgruppen zwingt Spitäler dazu, effizienter zu arbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ausserdem werden im Bereich des Datenschutzes die Regeln strenger und Strafen teuer. IT-Verantwortliche wissen, dass Pfleger und Ärzte Whatsapp beruflich einsetzen. Deswegen erarbeiten immer mehr Spital-CIOs Mobile-Strategien, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Wie sieht Ihre Marktstrategie aus?

Dobre: Komed ist eine SaaS-Lösung. Wir verrechnen Nutzungskosten, abhängig von der Anzahl der Nutzer. Hinzu kommt eine Gebühr für die Implementierung. Derzeit gehen wir direkt auf Spitäler zu. Aber um rasch zu skalieren, arbeiten wir mit Partnern zusammen, die Erfahrungen im E-Health-Geschäft mitbringen wie etwa der IT-Dienstleister Cerner oder Epic. Andere Partner sind the-i-engineers, die Spitäler in der Schweiz und in Deutschland zu ihren Kunden zählen. the-i-engineers bieten Schnittstellen zu KIS und EMR-Systemen (Electronic Medical Record) und aggregieren auf diese Weise Daten. Durch die Zusammenarbeit können wir wiederum Patienteninformationen aus unterschiedlichen Quellen in unserer Applikation bündeln und Ärzten und Pflegern bereitstellen.

Sie sind eine Technologiepartnerschaft mit Nokia eingegangen. Wie kam es dazu?

Bornträger: Wir nahmen an Warpaccelarator teilt. Es ist ein Start-up-Programm der deutschen Telekom an dem sich auch Nokia beteiligt. Beide Unternehmen fördern damit neue Lösungen für die Telekommunikation. Nokia entwickelt eine API für das sogenannte Call Management. Die API erlaubt unseren Servern Anrufe zu vermitteln. Die Technik passt perfekt zu unserem Produkt. Anwender können über Komed Kollegen auf drahtgebundenen Telefonen anrufen mit einer hohen Quality of Service. Wir sind einer der ersten Nokia-Partner, der diese Technik in seine Lösung implementieren darf.

Wie funktioniert die Kooperation mit der deutschen Telekom?

Bornträger: Die deutsche Telekom, die in der Schweiz mit T-Systems vertreten ist, hilft uns sehr beim Aufbau und Betrieb unserer IT-Infrastruktur. Zudem agieren sie als Handelspartner beim globalen Vertrieb von Komed. Die deutsche Telekom verkauft Komed ihren Kunden als Modul eines Pakets.

Bis wann wollen Sie mit Komed Health Geld verdienen?

Dobre: Wir gehen davon aus, dass wir im vierten Quartal dieses Jahres Umsatz erwirtschaften werden.

Wie haben Sie sich vorher finanziert?

Dobre: Die erste Zeit haben wir von unseren Ersparnissen gelebt und alles selbst bezahlt. Anfang des Jahres konnten wir Post Finance als Sponsor gewinnen. Post Finance finanziert uns für einige Zeit den Platz hier im Startup Space Schlieren. Wir gewannen beim Start-up-Wettbewerb Venture-Kick 30'000 Franken und haben die Chance im Oktober zusätzliche 100'000 Franken für unsere Firma zu gewinnen. Des weiteren erhalten wir Coaching durch Experten der Kommission für Technologie und Innovation (KTI). Hinzu kommt ein KTI-Forschungsprojekt. Mit diesem wollen wir empirisch den Nutzwert unserer Applikation aufzueigen.

Wo stehen Sie jetzt?

Bornträger: Derzeit arbeiten wir an einem Proof-of-Concept mit der Notfall-Abteilung des Berner Inselspitals. Mit der Radiologie-Abteilung arbeiten wir im Rahmen eines KTI-Projekts an einem zweiten Proof-of-Concept. Mit weiteren Spitälern stehen wir in Verhandlungen. Sieben Spitäler unterzeichneten etwa Absichtserklärungen. Darüber hinaus erhielten wir Anfragen aus Deutschland, Finnland und Spanien. Wir möchten auch expandieren.

Reicht das?

Dobre: Nicht ganz. Für den nächsten Entwicklungsschritt suchen wir noch Mitarbeiter in den Bereichen Softwareentwicklung, UX-Design und Business Development. Deshalb führten wir eine Finanzierungsrunde mit Business Angels über 500'000 Franken durch. Um weitere Investoren zu gewinnen wandelten wir diesen Sommer unsere Firma von einer GmbH in eine AG.

Wer sitzt im Verwaltungsrat?

Dobre: Marc und ich selbst. Als weiteres Mitglied konnten wir Bruno Glaus gewinnen. Glaus ist im Verwaltungsrat verschiedener Schweizer Spitäler engagiert. Den Vorsitz übernimmt der ehemalige Ascom-CEO Fritz Mumenthaler.

Post und Swisscom sind Branchengrössen, die derzeit den E-Health-Markt aufmischen. Inwieweit müssen Sie diese fürchten?

Bornträger: Beide Anbieter konzentrieren sich derzeit vor allem auf die technische Umsetzung des elektronischen Patientendossiers. Das ist nicht unser Ziel. Wir fokussieren auf die Kommunikation in den Spitälern. Wir sehen aber beide als potenzielle Partner und sprechen regelmässig mit ihnen. Am US-Markt gibt es einige Mitbewerber, die derzeit aber ihren Heimatmarkt fokussieren. In der Schweiz sehen wir derzeit keine Konkurrenz.

Wie sieht es mit Ascom aus?

Bornträger: Ascom wäre ein idealer Partner für uns. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Smartphones für Spitäler, die möglichst sicher sein sollen. Kombiniert mit unserer App wäre dies eine ideale Lösung für die Teamkommunikation in Spitälern.

Lassen Sie uns in die Zukunft blicken. Wie sieht die technische Roadmap von Komed Health aus?

Bornträger: Nächstes Jahr werden wir die Möglichkeit bieten, auch Patienten in den Komed-Chat einzubinden. Der Patient oder die Patientin erhält dann einen Zugang zum Chat über die Website des Spitals und kann sich sogar Push-Nachrichten auf ihr Smartphone senden lassen. Auf diese Weise können Ärzte und Pfleger die Patientin Emma fragen, wie es ihr gerade geht oder ob sie etwas braucht. Wir wollen künftig einen Weg bieten, die mit Komed erzeugten Daten auszuwerten, um die Arbeitsabläufe in den Spitälern zu verbessern. Wir analysieren die — anonymisierten — Chatprotokolle. Ein virtueller Assistent zeigt dann dem Spitalpersonal die wichtigsten Aufgaben auf. Hierfür arbeiten wir mit einem Experten für künstliche Intelligenz zusammen.

Und wie geht es mit dem Unternehmen weiter?

Dobre: Wir bewarben uns zudem für verschiedene Start-up-Förderprogramme, etwa von Venture Kick und Venture Accelerator. Darüber hinaus wurden wir von Venture Kick als Global Shaper 2016 nominiert. Wir bewarben uns ausserdem für das internationale Start-up-Programm Masschallenge. Dieses besitzt den Ruf, härter auszusieben als die Universität Harvard. Von den 450 Bewerbern der Masschallenge Switzerland sind wir eines von 75 Unternehmen, dass es bis in die Finalrunde geschafft hat. Ein Sieg brächte uns auf unserem Weg einen grossen Schritt weiter.

Webcode
DPF8_50457

Kommentare

« Mehr