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Drei Engel für Alan, oder weshalb der ­Turing-Test sein Comeback feiert

Uhr | Aktualisiert
von Christof Zogg

Im März erstürmt die Software "AlphaGo" eine weitere Bastion menschlicher Denk-Vorherrschaft und schlägt den lang­jährigen Go-Champion Lee Sedol. Ein guter Anlass, sich Gedanken zu natürlicher und künstlicher Intelligenz zu machen. Und die entsprechenden digitalen Hausaufgaben anzupacken.

Christof Zogg, Leiter Digital Business bei den SBB. (Quelle: Netzmedien)
Christof Zogg, Leiter Digital Business bei den SBB. (Quelle: Netzmedien)

Bis dato waren die Trockennasenaffen, repräsentiert durch die Art Homo sapiens, auf der Weltrangliste des Brettspiels Go unter sich. Seit diesem Jahr gesellt sich unter die natürlichen Intelligenzen auch eine künstliche – die von ­Google übernommene Software "AlphaGo". Das Computerprogramm schlug dieses Jahr in einem viel beachteten Turnier im März den langjährigen Champion Lee Sedol aus Südkorea mit 4:1. Damit fällt nach 1997, als in New York der von IBM entwickelte Schachcomputer Deep Blue den amtierenden Schachweltmeister Gary Kasparov enttrohnt hatte, eine weitere Bastion menschlicher Denk-Vorherrschaft.

Intelligent ist, was den Menschen täuscht

Wäre das Thema dieser Kolumne künstliche Intelligenz im engeren Sinne, so müssten wir an dieser Stelle nun diskutieren, was denn an "AlphaGo" überhaupt intelligent ist. Denn einige Module, wie die umfassenden Bibliotheken an Spielzügen menschlicher Grossmeister, sind etwa gleich intelligent wie ein Telefonbuch. Wirklich intelligent sind nur wenige Module wie die selbstlernenden Algorithmen, die ein System mit jedem Spiel stärker werden lassen. Doch im Alltag braucht es keine akademische Definition, sondern bloss den Turing-Test: Eine Software wird dann als intelligent wahrgenommen, wenn sie der Benutzer nicht als solche erkennt, was quasi humanoide kognitive Fertigkeiten voraussetzt.

Doch selbst die Modellierung vermeintlich einfacher menschlicher Fähigkeiten fällt Softwaresystemen immer noch schwer. Davon kann sich jeder überzeugen, der mit einigen der öffentlichen Exemplare aus Microsofts Bot Framework herumexperimentiert. So erkannte der "Caption Bot" in meiner sich vor einem gemalten Tiger duckenden Person ein "kleines Mädchen vor einem Spiegel stehend". Der "HowOldRobot" schätzte das Alter von Vera Dillier auf zarte 51 Lenze (zugegeben, ihr wahres Alter zu erraten, ist auch für einen menschlichen Betrachter eine unlösbare Aufgabe). Und der "Chat Bot" schliesslich plauderte anfänglich unverfänglich drauf los, entglitt aber, in unredlicher Absicht mit subversiven Dialogen gefüttert, in Hitler bejahende, rassistische Statements ab.

Hey Siri, bald bin ich wirklich beeindruckt!

Doch es gibt ausser den Nischenanwendungen Schach und Go auch neue Anwendungsbereiche, in denen Software ihre Anwender im Sinne Turings positiv zu überraschen vermag: Die Rede ist von den digitalen Assistentinnen Siri (Apple), Cortana (Microsoft), Alexa (Amazon) und Google Now (Hey Google, wie wär’s in Ergänzung der drei Engel mit Charlie?), die sprachgesteuert einfache Webabfragen ("Wie alt ist Bill Clinton?"), Kalendereinträge ("Erinnere mich daran, morgen Milch zu kaufen!") und Kommunikationsaufgaben ("Gratuliere meiner Mutter per SMS zum Geburtstag!") übernehmen können.

Dabei stehen für mich zwei Dinge fest: Die Entwicklung intelligenter Helferlein steht erst am Anfang und wird stark an Bedeutung gewinnen. Das Rennen um die Vorherrschaft der generischen, digitalen Assistenten werden die Plattformanbieter unter sich ausmachen. Wo für hiesige Anbieter eine attraktive Nische bleibt, ist bei fachspezifischen digitalen Assistenen. Im Fall der SBB ist das der persönliche digitale Reisebegleiter, den wir aktuell entwickeln. Und in Ihrer Branche?

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