Interview mit Thomas Saueressig

SAPs Hana-Chef über den ERP-Umstieg, die Suche nach Beratern und die Konkurrenz

Uhr

Die Migration auf S/4 Hana ist für viele Schweizer Unternehmen ein Thema. Bis 2025 hat SAP den Support für das vorgängige SAP-ERP-System zugesagt. Im Interview sagt der Leiter von SAP Product Engineering, Thomas Saueressig, warum die Migration auf S/4 Hana nötig ist, spricht über den hohen Bedarf an SAP-Beratern und gibt Tipps für die Migration aufs neue System.

Thomas Saueressig, Leiter von SAP Product Engineering. (Source: SAP Product Engineering)
Thomas Saueressig, Leiter von SAP Product Engineering. (Source: SAP Product Engineering)

Am S/4-Hana-Vorgänger wurden häufig die Komplexität und die wenig benutzerfreundliche Oberfläche kritisiert. Wie haben Sie dieses Problem bei S/4 Hana gelöst?

Thomas Saueressig: Wir vereinfachten bei S/4 Hana die Datenmodelle signifikant. So konnten wir etwa im Finanzbereich mehr als 50 Tabellen zu einer einzigen kombinieren. Ausserdem optimierten wir besagte Datenmodelle auch auf Hana. In Bezug auf die Benutzerfreundlichkeit sorgten wir dafür, dass unseren Kunden und Anwendern eine moderne Arbeitsumgebung zur Verfügung steht. Das System unterstützt Anwender bei komplexen Geschäftsprozessen mit künstlicher Intelligenz und gibt automatisch auf die Unternehmensprozesse abgestimmte Empfehlungen, beispielsweise was ein Nutzer als nächsten Schritt unternehmen sollte oder worauf er zu achten hat. Unterstützung erhalten die Nutzer auch in den einzelnen Applikationen. Durch die sogenannte In-App-Assistance können Benutzer auf ein kleines Fragezeichen klicken, um eine Erklärung, inklusive Video, zu den einzelnen Applikationen zu erhalten.

SAP R/3 unterstützte auch Datenbanken von Oracle, IBM und ­Microsoft. Warum hat sich SAP dazu entschieden, fortan nur noch die Hana-Datenbank zu unterstützen?

Wir haben festgestellt, dass wir mit dem neuen – auf Spalten basierten – In-Memory-Konzept einen ganz anderen Hebel haben. Wir sehen nicht nur eine Verbesserung, was die Leistungsfähigkeit angeht, sondern können dadurch auch neue Prozesse ermöglichen und das System so auf die nächste Stufe heben. Das hat nicht nur Vorteile für unsere Kunden, sondern differenziert uns auch am Markt. Darum fiel die Entscheidung, unsere Anwendung auf Hana zu optimieren.

Warum ist der Umstieg auf S/4 Hana überhaupt nötig?

Die Geschäftsprozesse im Jahr 2019 sehen ganz anders aus als im Jahr 2009. Die digitale Transformation bringt viele Unternehmen dazu, ihre Geschäftsmodelle zu ändern. Damit ändern sich auch die Anforderungen an ihr ERP-System. Wir beobachten einen grossen Schwenk von produkt-zentrischen hin zu service-zentrischen Geschäftsmodellen. Immer mehr Unternehmen setzen auf verbrauchsabhängige Abrechnungsmodelle wie Pay-per-Use. Ein weiterer Faktor, der neu hinzukommt, ist das Thema Industrie 4.0. Aufgrund dieser neuen Einflüsse ist es wichtig, dass Unternehmenssoftware auf einer modernen Plattform aufbaut, um neue Geschäftsmodelle abdecken zu können.

Welche Anforderungen haben die Nutzer an ein modernes ERP-System?

In einem modernen ERP-System braucht es einen sehr breiten Funktionsumfang. Nehmen wir als Beispiel Hyperpersonalisierung: Angenommen, Sie wollen sich ein auf Sie zugeschnittenes Paar Schuhe in der perfekten Grösse und Farbe mit Ihrem aufgedruckten Namen bestellen. Heutzutage erwarten Sie, dass diese Schuhe morgen oder übermorgen bei Ihnen ankommen, mit einem zugesicherten Liefertermin. Zusätzlich erwarten Sie, dass der Artikel in einer hohen Qualität an Sie geliefert wird. Das verstehen die Konsumenten heute als optimale Einkaufserfahrung. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein Unternehmen ein System braucht, das eine individuelle Produktkonfiguration durch Sie als Kunde erlaubt. Das System muss automatisch prüfen, ob im Lager die nötigen Komponenten für Ihre personalisierten Schuhe verfügbar sind. Wenn nicht, muss das System die fehlenden Komponenten automatisch bei den Lieferanten bestellen und dafür sorgen, dass diese direkt ans Fliessband gelangen. Befindet sich die Ware in der Produktion, sammelt das System Daten aus dem Produktionsprozess, um die Qualität zu überprüfen und zu verbessern. Es kommen hier also sehr viele Faktoren im Hintergrund zusammen, um dieses Paar personalisierter Schuhe zu fertigen. Dasselbe Beispiel lässt sich auch für den B2B-Bereich anwenden, wenn es etwa um einen individualisierten Roboter geht. Was ein modernes ERP-System wie S/4 Hana also ausmacht, ist die Fähigkeit, unterschiedliche Prozesse, wie Fertigungs- oder Einkaufsprozesse, hochautomatisiert zusammenzubringen und für den Kunden trotzdem einfach in der Anwendung zu sein.

In der Schweiz steht die Migration auf S/4 Hana noch sehr vielen Unternehmen bevor. Wie sieht es international aus?

Die meisten grossen Firmen kümmern sich bereits aktiv um die Migration oder haben sie schon abgeschlossen. In Deutschland haben 80 Prozent aller Dax-Firmen den Weg in Richtung S/4 Hana eingeschlagen. Wir rechnen damit, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren viele weitere Kunden auf S/4 Hana umsteigen werden. Unternehmen und Branchen stehen unter starkem Digitalisierungsdruck. Daher ist auch die Nachfrage nach S/4 Hana momentan so gross. Nachfrage ist ein gutes Stichwort. Es ist immer wieder die Rede davon, dass es nicht genügend SAP-Berater gibt, die Unternehmen bei der Migration auf S/4 Hana unterstützen. Es ist tatsächlich so, dass aktuell ein sehr hoher Bedarf an S/4-Hana-Experten im Markt besteht. Für SAP allein wäre es schlicht unmöglich, alle Kunden parallel auf S/4 Hana zu migrieren. Das ist aber auch nicht unser primäres Ziel. Stattdessen setzen wir sehr stark auf unser Partner-Ökosystem, um hier mehr Wissen in den Markt zu bringen, und investieren darin, unsere Partner fit zu machen, um S/4 Hana bei Kunden erfolgreich zu implementieren.

Was unternimmt SAP konkret, um gegen den Beratermangel ­vorzugehen?

Wir haben ein SAP-Movement-Programm mit unterschiedlichen Komponenten aufgesetzt. Dazu gehört, dass wir die Migration auf S/4 Hana mit von SAP zur Verfügung gestellten Tools vereinfachen, etwa für die Daten- und Prozessmigration. Weiterhin investierten wir in moderne Lernmechanismen, wie die anfangs bereits erwähnte In-App-Unterstützung, und stellen frei zugängliche Kurse über Open SAP zur Verfügung. Dazu gehören auch Trainings, die wir in unserem Learning Hub anbieten.

Richten sich die erwähnten Tools an Partner?

Die Tools stehen sowohl Kunden als auch Partnern zur Verfügung. Ein Tool, das Partner und Kunden nutzen, ist zum Beispiel der Readiness Check. Damit können Unternehmen überprüfen, welche Eigenentwicklungen (Custom Code) sie in ihren bestehenden, älteren ERP-Systemen haben und diese mit Funktionalitäten im S/4-Hana-System abgleichen.

Kann ein Unternehmen die Migration denn auch ohne die Unterstützung eines Beraters meistern?

Ja, das sehen wir oft. Wie aufwendig sich eine Migration gestaltet, ist aber sehr individuell. Ein Kunde, der mit einem standardisierten System arbeitet, kann relativ einfach umsteigen. Bei einem Unternehmen, das viele stark modifizierte Systeme im Einsatz hat, ist die Migration entsprechend schwieriger. Auch der Migrationsansatz beeinflusst, wie einfach oder komplex der Umstieg wird.

Was würden Sie einem Unternehmen konkret raten, dem die ­Migration noch bevorsteht?

Als ersten Schritt würde ich die Frage klären, wie stark das Geschäftsmodell und die Geschäftsprozesse angepasst sowie das Unternehmen digitalisiert werden soll. Daraus ergibt sich dann, welcher Migrationsansatz am besten passt. Beim sogenannten Brownfield-Ansatz handelt es sich um eine Umstellung (Conversion). Das bedeutet, ein Unternehmen wechselt mit seinen Daten von einem System ins nächste. Diese Art der Migration ist eher für Firmen geeignet, die ihre Prozesse nicht grundlegend ändern möchten. Beim Greenfield-Ansatz implementiert ein Unternehmen ein neues System – beginnt also auf der grünen Wiese. Das bietet die Chance, entsprechend neue Geschäftsmodelle und -prozesse einzuführen.

Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen, weil Sie so vielen Unternehmen ein so grosses Projekt aufs Auge gedrückt haben?

Das brauche ich nicht zu haben, denn wir als SAP haben den Kunden nichts aufs Auge gedrückt. In den Kundengesprächen, die ich bis jetzt geführt habe, ging es für die Kunden immer darum, mit ihren individuellen Herausforderungen am Markt zu bestehen und die Effizienz ihres Unternehmens zu erhöhen. Und dazu brauchen sie ein modernes System.

Aber der nötige Umstieg auf S/4 Hana könnte Unternehmen dazu treiben, auf ein Konkurrenzsystem wie zum Beispiel Oracle oder Salesforce umzusteigen. Wie gehen Sie damit um?

Salesforce ist im CRM-Bereich ein Wettbewerber, im klassischen ERP-Bereich eher nicht. Oracle hingegen – das steht ausser Frage – ist für uns ein direkter Konkurrent. Als Weltmarktführer für Unternehmenssoftware sind wir aber auch selbstbewusst genug zu sagen, dass wir uns mit unserem funktionalen Umfang und unseren Supply-Chain-Lösungen von der Konkurrenz abheben. Seit Bestehen von SAP haben wir unseren Kunden immer neue Technologien und Anwendungen ermöglicht. Das wird sehr geschätzt und deshalb bin ich davon überzeugt, dass unsere Kunden auch den Weg zu S/4 Hana mit uns gehen werden.

Ihre Kunden kommen aus verschiedenen Branchen und haben entsprechend auch unterschiedliche Anforderungen an ihr ERP-System. Wie sorgen Sie dafür, dass das System für alle passt?

Das ist ein Punkt, der sehr oft unterschätzt wird. Dabei gilt es noch zu bedenken, dass es bei global verfügbaren Systemen nicht nur branchen-, sondern auch länderspezifische Unterschiede gibt. Die Software sollte nicht nur in verschiedenen Sprachen erhältlich sein, sie sollte vor allem auch auf die länderspezifische Gesetzgebung angepasst sein. Damit ersparen wir unseren Kunden sehr viel Arbeit.

Gibt es neue Kundenkreise, die Sie mit S/4 Hana erschliessen möchten?

Viele der S/4-Hana-Kunden sind Neukunden, gerade auch jene, die S/4 Hana in der Cloud nutzen. Insofern eröffnen wir damit bereits neue Märkte.

Webcode
DPF8_154122