Wie KI die Zukunft der Weiterbildung prägt
Künstliche Intelligenz und digitale Lernformate verändern die Weiterbildung grundlegend. Sie eröffnen neue Zugänge und individuellere Lernwege, bergen aber auch das Risiko neuer Ungleichheiten. Bernhard Grämiger, Direktor des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB), ordnet die Entwicklung ein.
Führt die Digitalisierung in der Weiterbildung zu mehr Chancengleichheit oder verstärkt sie bestehende Ungleichheiten?
Bernhard Grämiger: Beides. Digitalisierung birgt einerseits das Potenzial für einen einfacheren Zugang zur Weiterbildung. Digitale Angebote sind flexibler nutzbar und der Zeitaufwand für die Teilnahme an digitalen Angeboten ist tiefer als bei physischen Angeboten. Zudem bringt die Digitalisierung neue Möglichkeiten für selbstorganisiertes Lernen. Wer aber andererseits nicht über die nötigen digitalen Kompetenzen verfügt, bleibt von digitalen Angeboten ausgeschlossen. Da viele Erwachsene mit geringen digitalen Kompetenzen auch mit anderen Zugangshürden konfrontiert sind, kann dies bestehende Ungleichheiten bei der Weiterbildungsteilnahme verstärken. Wir haben dies beispielsweise während des Lockdowns in der Coronakrise gesehen.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Veränderungen in der Weiterbildung durch die Digitalisierung im Alltag von Anbietern und Lernenden?
Durch die Digitalisierung sind mehr Möglichkeiten entstanden, etwa Unterrichtsformen wie Blended Learning oder digitale Lernplattformen. Und weitere werden durch die Nutzung von künstlicher Intelligenz entstehen. Für die Teilnehmenden bedeutet das mehr Individualität, sofern sie mit den Tools zurechtkommen. Von den Anbietern verlangt es ein hohes Mass an Adaptivität und Aktualität.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz heute in der Weiterbildung in der Schweiz?
Eine immer wichtigere. Weiterbildungsanbieter setzen KI ein und suchen einen sinnvollen Umgang damit, ebenso die Teilnehmenden. Und schliesslich fördern die Anbieter auch KI-Kompetenzen mit ihren Bildungsangeboten. Generell lässt sich sagen, dass die Anbieter viel Interesse am Thema KI haben und das Potenzial der neuen Technologie bei ihren Lernangeboten sowie auch für die internen Prozesse nutzen möchten. Viele tun sich aber mit der Umsetzung – etwa mit der Etablierung von Regeln – noch schwer. Das hat auch eine Umfrage des SVEB unter Weiterbildungsanbietern zum Einsatz von KI gezeigt.
Wo verändert KI didaktische Konzepte am stärksten – und wo bleibt vieles beim Alten?
Wir gehen davon aus, dass KI didaktische Konzepte dort am stärksten verändert, wo Lernen bisher auf Informationsvermittlung und einheitlichen Lernpfaden beruhte. Frontalunterricht als Unterrichtsform wird es mit KI künftig noch schwerer haben. Der Einsatz von KI hängt aber auch davon ab, wie die Teilnehmenden diese nutzen können und wollen, wobei die Anforderungen an die Teilnehmenden steigen. Insgesamt ist eher ein Ausbau und eine Ergänzung didaktischer Konzepte zu erwarten als eine grosse Revolution.
Wie verändert KI die Rolle der Ausbildenden – vom Wissensvermittler hin zu was genau?
Die Rolle als Wissensvermittler wird durch KI tendenziell abgeschwächt und die Rolle als Lernbegleiter und Moderator von Reflexionsprozessen umso wichtiger. Letztlich ist die Rolle der Ausbildenden aber abhängig von den Teilnehmenden und vom Lernkontext. Personen mit tiefen Grundkompetenzen etwa haben andere Bedürfnisse als Teilnehmende eines CAS zum Thema Leadership.
Welche Kompetenzen brauchen Lehrpersonen, um KI sinnvoll im Unterricht einzusetzen?
Als Basis müssen sie sicherlich selbst KI-Kompetenzen sowie ein gewisses Funktionsverständnis mitbringen sowie die Bereitschaft, mit KI zu experimentieren und die Nutzung zu begleiten. Darüber hinaus müssen sie KI-Tools im Zusammenhang mit dem Bildungsbedarf sinnvoll auswählen und in Lernsettings integrieren können. Aber auch rechtliche und ethische Fragestellungen müssen sie beurteilen können.
Wo stossen digitale und KI-gestützte Lernformate aus Ihrer Sicht an Grenzen?
Ein wesentlicher Punkt bei der Weiterbildung ist der direkte Austausch: einerseits zwischen Ausbildenden und Teilnehmenden, andererseits unter den Teilnehmenden. Wir sehen immer wieder, wie wichtig diese unmittelbare Interaktion ist. Ein Webinar oder auch ein KI-Selbstlernangebot sind etwas ganz anderes. Digitale Tools und Austauschmöglichkeiten können diese Art von direkter Interaktion nur simulieren beziehungsweise erzeugen eine andere Art des Austauschs.
Welche Risiken und ethischen Fragen sehen Sie beim zunehmenden Einsatz von KI in der Weiterbildung?
Die zentrale Herausforderung besteht darin, KI transparent und verantwortungsvoll einzusetzen. Wenn beispielsweise Materialien mit KI erstellt werden, müssen diese kritisch reflektiert werden. In der Weiterbildung sollte KI vor allem als Unterstützung für Teilnehmende und Ausbildende dienen – nicht als Ersatz für Lehr-Lern-Beziehungen und kritisches Denken. Eine ethisch fundierte Nutzung erfordert zudem klare Regeln, insbesondere bezüglich Datenschutz und Transparenz.
Wie sieht Weiterbildung in fünf Jahren aus, wenn KI sich weiter so rasant entwickelt?
Anders. Aber ob grundlegend anders, ist fraglich. Ziemlich sicher flexibler und individualisierter, hoffentlich aber trotzdem menschlich.
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