Wild Card von David Stauffacher

Hinter Software steckt ein ganzer ­Küchenbetrieb, Open Source ist nur ein Rezept

Uhr
von David Stauffacher, Economiesuisse

In der Diskussion über Open-Source-Software (OSS) und proprietäre Lösungen geht oft vergessen, dass Software kein ­simples Produkt ist, das man einmal auswählt und mit dem dann alles erledigt ist. Software ist eine hochkomplexe Betriebs­aufgabe, die laufende Pflege, Koordination und Verantwortung erfordert.

David Stauffacher, Projektleiter Infrastruktur und Digitales, Economiesuisse. (Source: zVg)
David Stauffacher, Projektleiter Infrastruktur und Digitales, Economiesuisse. (Source: zVg)

Für Laien lässt sich die Entwicklung von Software gut mit dem Teameffort in einer eingespielten Küche vergleichen. Jeden Tag wird die gleiche Qualität erwartet. Fällt ein Koch aus, muss ein anderer einspringen. Ist eine Zutat verdorben, muss sie ersetzt werden. All das geschieht nicht von selbst. Es braucht jemanden, der den Betrieb koordiniert, Standards durchsetzt und den Überblick über unzählige Zutaten, Abläufe und Eventualitäten behält. Fehlt diese Rolle, leidet zuerst die Qualität, dann das Vertrauen, und am Ende schleichen sich verdorbene Zutaten ins Gericht. Der Gast fängt sich dabei im schlimmsten Fall eine Lebensmittelvergiftung ein.

Genau so verhält es sich bei moderner Software. Ein gros­ser Teil der verwendeten Bausteine stammt heute aus Open-Source-Projekten. Die Rezepte sind offen zugänglich, können geprüft, verbessert und weiterentwickelt werden. Diese Offenheit ist eine grosse Stärke und treibt Innovation voran. Sie sagt jedoch noch nichts darüber aus, wie zuverlässig, sicher, stabil oder unabhängig das fertige System im Betrieb ist.

Auch eine Software-Küche besteht nicht nur aus Rezepten und Zutaten. Sie lebt von Menschen, klaren Abläufen und Verantwortung. Entscheidend ist, wer aus offenen Rezepten ein Menü zusammenstellt und wer die Küche führt. Etablierte internationale Softwareunternehmen übernehmen genau diese Rolle als professionelle, koordinierende Küchenchefs. Dass diese Rolle im öffentlichen Diskurs oft kaum Beachtung findet, ist problematisch. Ohne sie würde Open Source massiv an Sicherheit und Verlässlichkeit verlieren.

Zwei Beispiele zeigen das deutlich. Die Backdoor im Linux-Softwarebaustein XZ Utils wurde nicht zufällig entdeckt, sondern von einem Microsoft-Mitarbeiter im Rahmen seiner täglichen Arbeit an produktiven Systemen. Gleichzeitig betreiben Unternehmen wie Google mit Programmen wie OSS-Fuzz eine kontinuierliche, industrielle Qualitätssicherung für tausende Open-Source-Projekte. Diese Überwachung, Integration und Verantwortungsübernahme ist kein Selbstläufer, sondern Teil professionell organisierter Betriebsmodelle.

Weil diese Unternehmen OSS in grossem Umfang selbst einsetzen, kochen sie nicht wahllos mit allem, was verfügbar ist. Zutaten werden gezielt ausgewählt, geprüft und bei Bedarf aussortiert. Rezepte werden getestet, angepasst und in eigene, bewährte Kochbücher integriert. Darauf aufbauend entstehen klare Abläufe, Qualitätskontrollen und Verantwortlichkeiten.

Open Source ist damit vergleichbar mit hochwertigen Zutaten und frei zugänglichen Kochanleitungen. Sie können die Grundlage für eine exzellente Küche sein. Ob daraus jedoch ein einfacher Imbiss oder ein Restaurant auf Michelin-Niveau entsteht, entscheidet sich erst im täglichen Betrieb der Küche. Und da kommen die Profis ins Spiel. Qualität, Sicherheit und Verlässlichkeit entstehen durch Organisation, Disziplin und kontinuierliche Pflege. Offenheit allein macht noch kein gutes Gericht, sie ist lediglich der Anfang für gute Software.

Webcode
6yifzvKi