Focus

Wie Behörden und Unternehmen mit Open Source Abhängigkeiten verringern

Uhr

Open Source gewinnt in der Schweiz zunehmend an Bedeutung. Ob solche Systeme wirklich Unabhängigkeit schaffen, worin ihre Stärken liegen und wo sie vielleicht nicht die richtige Lösung sind, erklärt Daniel Markwalder, Bundesratsdelegierter für digitale Transformation und IKT-Lenkung.

Daniel Markwalder, Bundesratsdelegierter für digitale Transformation und IKT-­Lenkung. (Source: zVg)
Daniel Markwalder, Bundesratsdelegierter für digitale Transformation und IKT-­Lenkung. (Source: zVg)

Wo sehen Sie messbare Fortschritte der Bundesverwaltung in Richtung geringerer Abhängigkeit von einzelnen Technologie- oder Cloud-Anbietern – und wo bleibt es bislang bei Absichtserklärungen?

Daniel Markwalder: Das Bewusstsein für das Thema ist gestiegen. Man überlegt sich heute viel bewusster, welche Abhängigkeiten bestehen und allenfalls in Kauf genommen werden (müssen), aber auch in welchen Bereichen man konkrete Massnahmen ergreift. Ein Beispiel neben anderen ist die gezielte Verwendung von Open-Source-Software.

Das Bundesgesetz über den Einsatz elektronischer Mittel zur Erfüllung von Behördenaufgaben (Embag) schreibt Open Source vor, erlaubt aber Gestaltungsspielraum in der Umsetzung und Plattformwahl. Wie sollen Behörden diesen Spielraum sinnvoll nutzen?

Eine wichtige Präzisierung: Das Gesetz schreibt nicht vor, Open Source zu verwenden. Die Verwaltung soll die beste Variante wählen, das kann Open-Source-Software sein, muss aber nicht zwingend. Artikel 9 des Embag verlangt hingegen, dass von der Bundesverwaltung erstellte Software als Open Source publiziert wird. Weder im Gesetz noch in der Verordnung dazu ist jedoch geregelt, wie und wo dies passiert. Dies wurde offen gelassen, zumal es unterschiedliche Publikationsformen gibt – etwa ob nur der Code publiziert wird oder ob er in einem Community-Ansatz weiterentwickelt wird – und keine Plattform bevorzugt werden soll. Die Bundeskanzlei hat im Dezember 2025 einen Webkatalog – OSS-Katalog – erstellt, damit man die Software zentral findet. Die Bundeskanzlei hat zudem Hilfsmittel publiziert, damit in der Bundesverwaltung innerhalb des gesetzlichen Rahmens eine möglichst einheitliche Interpretation und Handhabung beim Thema Open-Source-Software herrscht, Stichwort OSS-Hilfsmittel.

Jüngst wurden Stimmen laut, die eine Abkehr von ­Microsoft-Produkten fordern. Die Bundesverwaltung ­startete vor mehr als einem Jahr eine Machbarkeitsstudie (BOSS) für eine Open-Source-Alternative zu Microsoft 365, aber laut einem Interview mit Matthias Stürmer soll die Test-Instanz noch immer nicht laufen. Warum dauert das so lange?

Die Praxistests mit rund 150 Nutzerinnen und Nutzern aus unterschiedlichen Verwaltungseinheiten der Bundesverwaltung laufen und die Testinstanz funktioniert, ich nutze sie auch persönlich aktiv. Es ist aber richtig, dass es Herausforderungen gibt, etwa im Aufbau von Know-how, im Betrieb der Open-Source-Software und insbesondere bei der Integration in bestehende Fachanwendungen.

Wie wirkt sich die aktuelle KI-Welle auf den Open-Source-Trend in der Verwaltung aus?

KI verändert die Softwareentwicklung, denn Programmieren ist etwas, das die KI relativ gut kann. Ich gehe daher davon aus, dass auch Open-Source-Software in Zukunft vermehrt mit KI erstellt wird. Die OSS-Community könnte sich entsprechend vom offenen Programmieren zum offenen Prompting weiterentwickeln. Man teilt dann nicht mehr primär die fertige Software, sondern vor allem den Weg, wie man die Software erstellt hat.

Schafft Open Source wirklich Unabhängigkeit, oder ­entstehen dabei neue Abhängigkeiten – etwa durch Support­dienstleister?

Open-Source-Software kann die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern deutlich verringern, da der offene Quellcode mehr Kontrolle und langfristige technologische Unabhängigkeit ermöglicht. Durch offene Standards und offenen Code ist es möglich, dass verschiedene Dienstleister Support und Weiterentwicklung anbieten – damit kann man dem Vendor-Lock-in von proprietären Lösungen entgegenwirken. Die Nutzung von Open-Source-Software bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich, etwa was Fragen der Haftung oder auch der Eignung für den verlässlichen und stabilen Einsatz in Grossunternehmen, Stichwort Enterprise-Fähigkeit, anbelangt. Wir müssen auch gut hinschauen, wie viel Open Source wirklich drinsteckt, wenn eine Firma mit Open-Source-Produkten wirbt. Kurz und gut: Ja, es ist ein Risiko, dass neue Abhängigkeiten entstehen. Generell lässt sich aber sagen: Open Source schafft mehr Handlungsspielraum und verlagert Abhängigkeiten in besser kontrollierbare Bereiche, womit auch die digitale Souveränität gestärkt wird. Dies wird wichtiger vor dem Hintergrund, dass Firmen und Länder zunehmende Bereitschaft zeigen, Abhängigkeiten als Druckmittel einzusetzen.

Welche Bedeutung haben offene Standards und Interoperabilität für eine souveräne IT-Landschaft?

Interoperabilität mit offenen Standards ist der Königsweg! Es ermöglicht Austauschbarkeit und eine grössere Unabhängigkeit, ohne dass man alles selbst machen muss. Es lassen sich so Daten unabhängig von Systemen bearbeiten und über Systemgrenzen hinweg austauschen. Durch diese Wechselfähigkeit ist eine Wahlmöglichkeit vorhanden und man ist somit souverän. Dabei müssen die offenen Standards jedoch von hoher Qualität sein und die Interoperabilität muss stets geprüft werden.

Wo sehen Sie noch die grössten Vorbehalte oder Missverständnisse gegenüber Open Source in der Verwaltung und Wirtschaft?

Ausser der historisch gewachsenen Verzahnung von proprietärer Software – beispielsweise zwischen Microsoft Office und den Fachanwendungen – gibt es auch die Sicht der Anwenderinnen und Anwender: Viele Bedenken drehen sich um den Wechselaufwand und die Sorge, ob gewohnte Arbeitsweisen weiterhin möglich sind. Denn Menschen verlassen ungern eingespielte Abläufe – Gewohnheit gibt Sicherheit im Arbeitsalltag.

Welche Open-Source-Technologien oder -Projekte halten Sie derzeit für besonders relevant für die Schweiz?

Moderne Softwarelandschaften bestehen aus tausenden Komponenten, von denen viele auf Open-Source-Software basieren. Besonders relevant sind Open-Source-Technologien für souveräne Cloud-Infrastrukturen, die als Basis für Fachanwendungen dienen können. Im Bereich Büroautomation zeigt das deutsche Projekt «openDesk» einen möglichen Weg, den auch die Schweiz beobachtet. Zudem gewinnt Open Source im KI-Bereich an Bedeutung: Mit Apertus wurde ein grosses, mehrsprachiges KI-Sprachmodell in der Schweiz entwickelt – gemeinsam von EPFL, ETH Zürich und dem Swiss National ­Supercomputing Centre (CSCS). Solche Projekte stärken die digitale Souveränität gezielt und nachhaltig.

Und wo ist Open Source aus Ihrer Sicht vielleicht nicht die richtige Lösung?

Das Digitalgesetz Embag definiert Ausnahmen bezüglich der Rechte von Dritten und auch sicherheitsrelevante Gründe, aufgrund derer auf Open Source verzichtet werden sollte. Mit sicherheitsrelevant sind primär Prozesse und Elemente gemeint, in denen Funktionen beschrieben sind, die zum Beispiel Geschäftsgeheimnisse beinhalten – etwa relevante Fakten und Algorithmen über die Kreditprüfung oder Geldwäsche. Aber selbst in solchen Fällen können einzelne Komponenten abgespalten und publiziert werden

Wie wird sich die Rolle von Open Source Ihrer Einschätzung nach in den kommenden fünf Jahren entwickeln, gerade in regulierten Bereichen?

Open Source wird in den nächsten fünf Jahren sehr wahrscheinlich eine noch wichtigere Rolle spielen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und der Frage, welche digitalen Abhängigkeiten man bereit ist, einzugehen. Aufgrund von Embag Artikel 9 wird Open Source in der Bundesverwaltung gefördert; eine Kulturveränderung ist bereits erkennbar. Zugleich wird die Reduktion von Abhängigkeiten zunehmend auch als Beschaffungskriterium etabliert – ein wichtiger Schritt hin zu mehr Transparenz und digitaler Souveränität.

Webcode
XNmYB6jA