Editorial

The Joy of Prompting

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Joël Orizet, stv. Chefredaktor. (Source: Netzmedien)
Joël Orizet, stv. Chefredaktor. (Source: Netzmedien)

Es hat etwas Beruhigendes, Bob Ross in seiner Sendung "The Joy of Painting" beim Malen zuzusehen. Mit wenigen, scheinbar beiläufig gesetzten Tupfern verwandelt er die leere Leinwand in eine Landschaft aus spiegelglatten Seen, schneebedeckten Bergen und "happy little clouds". Und mit sanfter Stimme versichert er uns, dass dabei nichts schiefgehen kann. Fehler gibt es nicht, nur "happy accidents". Für einen Moment glaubt man ihm, dass wirklich alle malen können – nicht unbedingt gut, aber zumindest irgendwie. 

Heute verspricht uns KI etwas Ähnliches beim Programmieren: ein paar Sätze ins Eingabefeld, einige Korrekturen und schon entsteht eine App. Währenddessen überzieht uns der Chatbot mit penetranter Bestätigung, als entstünde da gerade etwas ganz Grosses. Plötzlich scheint es, als könnten alle Apps entwickeln. 

Die Versuchung ist jedenfalls gross. Darf es noch ein Handy-­Game sein? Vielleicht eine App, die anhand eines Fotos vom Innen­leben des Kühlschranks Rezepte vorschlägt? Oder gleich ein Messenger ohne Datenhunger, ein CRM ohne Mondpreise oder ein Linkedin ohne Fremdscham? Dass dank Vibe Coding mehr Menschen an solchen Ideen tüfteln, ist zunächst einmal erfreulich. Aus Freude am Prompten kann durchaus etwas Nützliches entstehen. Doch wenn eine einzelne Person mit einer Horde KI-Agenten leisten kann, wofür früher ein ganzes Team nötig war, sinken Aufwand und Kosten – und damit die Hürde, eine App zu veröffentlichen. Die Folgen zeigen sich bereits am Nadelöhr App Store: Apples Review-Prozess dauere teilweise dreimal so lange wie üblich, weil mehr Apps in den Store drängten, sagte Rafael Perez Süess, der neue Jury-Chairman von Best of Swiss Apps, am Jurytag. 

Mehr Apps bedeuten aber nicht automatisch bessere Apps. Vibe Coding kann erstaunlich schnell etwas hervorbringen, das auf den ersten Blick fertig aussieht. Erst eine genauere Prüfung zeigt, ob die Anwendung auch sicher, wartbar und im Alltag wirklich brauchbar ist. Genau darin liegt die Gefahr: Was sich leicht erzeugen lässt, lässt sich ebenso leicht vorschnell auf den Markt werfen.

Die niedrige Einstiegshürde hat für professionelle App-Entwickler ihren Preis. Wenn die Kundschaft sieht, wie in kürzester Zeit ein funktionierender Prototyp entsteht, verändert das ihre Vorstellung davon, was Entwicklung kosten darf. Wie KI die Preislogik im Agenturgeschäft verändert, zeigt ein Blick in die Werbe- und Kommunikationsbranche: 27 Prozent der von Leading Swiss Agencies befragten Mitgliedagenturen sehen wegen KI ihre Stundensätze infrage gestellt. Gleichzeitig halten sich ­Unternehmen mit neuen Digitalprojekten zurück; im aktuellen Swico ICT Index rutscht das IT-Servicegeschäft wieder in die Schrumpfzone.

Der leichteren App-Entwicklung lässt sich jedoch auch etwas Positives abgewinnen. Nicht jede Idee, die bislang am Budget scheiterte, war deshalb eine schlechte. Wenn KI den Entwicklungsaufwand senkt, könnten auch Anwendungen für kleine Unternehmen oder eng umrissene Anwendungsfälle wirtschaftlich werden. Für Agenturen ginge es dann nicht nur darum, bestehende Aufträge günstiger abzuwickeln, sondern auch darum, Projekte zu gewinnen, die bisher gar nicht zustande kamen. Auch bei der Qualität wäre etwas zu gewinnen: Wenn sich ein Entwurf schneller herstellen lässt, bleibt bei gleichem Budget mehr Spielraum, ihn mit künftigen Usern zu erproben und gezielt zu verbessern.

So beunruhigend die Entwicklung erscheinen mag, sie könnte den Wert professioneller App-Entwicklung wieder sichtbarer machen. Denn je leichter sich ein überzeugender Prototyp erzeugen lässt, desto wichtiger wird, was dahintersteckt: eine solide Architektur, durchdachte Sicherheitskonzepte, erprobtes und barrierefreies UX-Design sowie Kosten, die auch im Betrieb nicht aus dem Ruder laufen. Agenturen müssen diese Qualität allerdings nicht nur liefern, sondern der Kundschaft auch vermitteln, weshalb sie ihren Preis hat.

An eine neue Realität müssen sie sich trotzdem gewöhnen. Apps der Marke Eigenprompt? Das können alle – nicht unbedingt gut, aber zumindest irgendwie. Die Kunst besteht nun darin, aus dem schnell hingetupften Prototyp ein Produkt zu machen, das auch jenseits der Oberfläche überzeugt.

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