Nachgefragt

"Wir müssen uns genügend Zeit nehmen"

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Swisscom hat Ende des letzten Jahres die Übernahme der Veltigroup bekannt gegeben. Welche Herausforderungen stellen sich nun? Christian Petit, Leiter Enterprise Customers bei Swisscom, und Nicolas Fulpius, CEO der Veltigroup und Mitglied der Geschäftsleitung von Enterprise Customers, äussern sich dazu im Interview.

Christian Petit, Leiter Enterprise Customers bei Swisscom (l.) und Nicolas Fulpius, CEO der Veltigroup und Mitglied der Geschäftsleitung von Enterprise Customers. (Quelle: Netzmedien)
Christian Petit, Leiter Enterprise Customers bei Swisscom (l.) und Nicolas Fulpius, CEO der Veltigroup und Mitglied der Geschäftsleitung von Enterprise Customers. (Quelle: Netzmedien)

Welche Ziele verfolgt Swisscom mit dieser Akquisition?

Christian Petit: Vor der Akquisition waren lediglich 10 Prozent unserer Mitarbeiter in der Westschweiz vertreten, obwohl dieser Teil der Schweiz ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Wir haben daher offensichtlich nicht genügend Ressourcen, um unsere realistischen Ziele zu erreichen. Mit der Übernahme der Velti­group sind nun 20 Prozent der 5000 Mitarbeiter von Enterprise Customers in der Romandie vertreten. Hinzu kommt, dass wir trotz eines grossen Angebots nicht immer den richtigen Ansatz oder die richtige Kultur haben, um das Mid-Market-Segment anzusprechen. Das ist aber genau der Markt, in dem die Veltigroup aktiv ist.

Nicolas Fulpius: KMUs sind in der Romandie sehr stark vertreten. Ihre Ansprüche an die IT bewegen sich zwischen Standardisierung und individuellen Lösungen. Diese Tatsache erfordert eine gewisse Kundennähe und einen projektspezifischen Ansatz, was auch die Stärke der Veltigroup ausmacht. Die Kombination unserer beiden Unternehmen ist daher sowohl eine Bereicherung für die Romandie als auch für den Rest der Schweiz.

Betrifft Ihre Strategie daher nicht nur die Romandie, sondern auch das Mid-Market-Segment auf nationaler Ebene?

Christian Petit: Vor einem Jahr führten wir das Grosskundengeschäft von Swisscom und Swisscom IT Services zusammen. In der Telekommunikationsbranche verfügen wir über eine grosse nationale Marktpenetration. In der IT erwirtschaften wir 90 Prozent unserer Geschäfte mit unseren 700 Grosskunden, im Mid-Market-­Segment hingegen sind wir schwach. Wir rechnen damit, dass das Veltigroup-Modell auf die ganze Schweiz anwendbar ist. Für die Veltigroup wiederum bieten sich in der Deutschschweiz noch mehr Perspektiven.

Wie definieren Sie das "Modell Veltigroup"?

Nicolas Fulpius: Es ist eine Mischung aus einer guten Beziehung und Nähe zu den Kunden sowie der Tatsache, dass wir ebenso gut mit den IT-Abteilungen wie mit den CXOs kommunizieren können. Und nicht zuletzt konzentrieren wir uns eher auf die Dienstleistung als auf die Produkte sowie auf die Bedürfnisse der Unternehmen.

Letzteres behauptet aber Swisscom von sich selbst auch.

Christian Petit: Ja, aber mit zwei kleinen Nuancen. Unsere Kundennähe drückt sich eher durch zentralisierte Dienstleistungen als durch die Präsenz von Ingenieuren beim Kunden vor Ort aus. Weiter konzentrieren wir uns eher darauf, Standardprodukte zu verkaufen, weil wir mit gros­sen Kundenvolumen arbeiten. Die Veltigroup hingegen konzentriert sich eher auf die Entwicklung von Indivi­duallösungen, basierend auf einer grossen Technologiepalette. Dies ist ein individuelles Bedürfnis, dem wir nicht immer gut entsprechen können. Mit der Zusammenführung unserer beiden Unternehmen können wir diese beiden Ansätze verbinden. Den Produktansatz, den wir gut skalieren können, und den individuelleren Ansatz, der auf kleinere Firmenstrukturen passt. Diese beiden Ansätze werden sich letztlich beide in Richtung standardisierter Angebote wie Cloud oder Managed Services bewegen – einfach in unterschiedlichem Tempo. Das ist eine äusserst attraktive Kombination.

Wie sieht der Zeitplan für die Integration der Veltigroup in Swisscom aus?

Nicolas Fulpius: Wir werden in Etappen vorgehen. Wir wollen uns dafür Zeit nehmen, damit am Ende auch das Ergebnis stimmt. Wir werden zwei verschiedene Geschäftsmodelle miteinander verbinden und ineinander integrieren und wollen uns bis Mitte 2015 oder 2016 entscheiden, wie wir dies am besten umsetzen. In einer ersten Phase wird die Veltigroup als autonome Einheit weiter­funk­tionieren. Das schliesst aber nicht aus, dass bereits eine gewisse Koordination stattfindet, unter anderem, was gemeinsame Kunden betrifft oder die Technologien oder Dienstleistungen, die wir in Zukunft anbieten wollen. In einer zweiten Phase wollen wir erreichen, dass unsere beiden Modelle wie eine einzige Einheit im nationalen Markt funktionieren, aber vielleicht in Kombination mit verschiedenen Arbeitsrhythmen.

Christian Petit: Im Dienstleistungsbereich ist der menschliche Faktor sehr wichtig. Deswegen müssen wir uns genügend Zeit nehmen, auch wenn wir in einer schnelllebigen Zeit leben. Es geht darum, dass sich die beiden Unternehmen gegenseitig kennenlernen, so wie wir es auch auf der Managementebene getan haben, als wir den Zusammenschluss diskutierten. Unsere Aufgabe besteht auch darin, den verschiedenen Teams im Rahmen von konkreten Projekten eine Plattform zur Zusammenarbeit zu bieten. Auf diese Weise können wir die Vorteile der beiden Geschäftsmodelle gegenseitig kennen- und respektieren lernen. Wenn wir das einmal geschafft haben, geschieht die Zusammenführung wie von selbst.

Wenn man Ihnen zuhört, scheint alles noch offen zu sein. Sicher haben Sie aber eine klare Strategie?

Christian Petit: Unsere Strategie ist klar, aber die Umsetzung ist offen. Wir geben uns die Freiheit, unseren Horizont zu wählen. Wir haben eine Vision, und wir werden das richtige Timing dafür finden.

Nicolas Fulpius: Es gibt kein allgemeingültiges Rezept, um zwei Unternehmen zusammenzubringen. Wir teilen die gleichen business-ethischen Werte und führen nun zusammen ein unternehmerisches Projekt durch. Manche Teams sind sich näher als andere, manche Angebote sind wettbewerbsfähiger als andere. Deswegen benötigen wir auch eine gewisse Zeit. Wir haben das Glück, dass die beiden Unternehmen am Markt gut funktionieren.

Sie legen bei dieser Übernahme besonderen Wert auf den menschlichen Aspekt. Wie haben denn die Mitarbeiter der ­Veltigroup auf den Entscheid reagiert?

Nicolas Fulpius: Ihre erste Reaktion war natürlich Überraschung. Danach kamen das Interesse und die Neugier. Es ist schwierig, eine interessantere Berufsperspektive zu finden als diejenige in der Technologiebranche, in der wir uns bewegen. Unsere Mitarbeiter sahen auch, wie sehr das Management von dem Projekt überzeugt war und sich dafür engagierte. Hinzu kommt die starke, positive Botschaft, dass Swisscom darauf zählt, dass wir einen Teil ihrer Wertschöpfungskette mitgestalten. Das ist auch eine Anerkennung unserer Arbeit und deren Qualität. Heute sehe ich bei unseren Mitarbeitern sehr viel Enthusiasmus und den Wunsch, sich zu beweisen.

Christian Petit: Ich werde etwas direkter sein: Im Dezember hatte ich den Eindruck, dass einige Mitarbeiter nicht nur überrascht, sondern auch schockiert waren und sich auch berechtigte Fragen stellten. Als der erste Schreck verdaut war, kamen die ersten praktischen Erfahrungen. Und nun spüre ich, dass das zu einer positiven Energie führt und die Dinge laufen. Als grösseres Unternehmen ist es unsere Aufgabe, einen Rahmen zu bilden, in dem jeder seinen Platz und seine Aufgabe findet. Ein Mitarbeiter mit technischen Fähigkeiten will in interessanten Projekten mitwirken. Das motiviert ihn. Davon haben wir eine Vielzahl, und ich gehe davon aus, dass es uns auch in Zukunft nicht daran mangeln wird. Zum Beispiel, indem wir Unternehmen in ihrer digitalen Transformation begleiten. Weiter ermöglicht diese Übernahme den Mitarbeitern, sich weiterzubilden und sich in neuen Gebieten zertifizieren zu lassen – unser Einsatzbereich ist gross. Letztlich pflegen wir auch eine respektvolle Unternehmenskultur, die den einzelnen Mitarbeiter und seinen Einsatz würdigt, trotz unserer Grösse. Mit all diesen Vorteilen werden wohl die meisten Mitarbeiter bei uns bleiben, was für uns sehr wichtig ist.

Wie sehen Ihre finanziellen Ziele aus?

Christian Petit: Unsere IT-Aktivitäten sind ein wachsender Geschäftsbereich. Die digitale Revolution wird für IT-Dienstleister viele Möglichkeiten für die kommenden Jahre bieten. Swisscom verzeichnet seit dem Zusammenschluss des Grosskundengeschäfts von Swisscom und Swisscom IT Services eine Zunahme der Aufträge. Die nun folgende Integration der Dienstleistungen der Veltigroup entspricht einer Nachfrage am Markt und erhöht unsere Möglichkeiten, unseren Kunden die Komplexität der IT abzunehmen. Diese Strategie sollte es uns ermöglichen, in der ganzen Schweiz und insbesondere in der Westschweiz zu wachsen.

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