Interview mit Walter Zollinger, Managing Director von Teleboy

"Netzneutralität ist unser Lebensnerv"

Uhr | Aktualisiert
von Lukas Mettler

Walter Zollinger ist Managing Director des Schweizer TV-Streaming-Dienstes Teleboy. Im Interview erklärt er, wieso Netzneutralität für Teleboy wichtig ist und wie er zu den Richtlinien der grossen ISPs steht.

Walter Zollinger ist Managing Director des Schweizer TV-Streaming-Dienstes Teleboy.
Walter Zollinger ist Managing Director des Schweizer TV-Streaming-Dienstes Teleboy.

Herr Zollinger, wie definieren Sie den Begriff Netzneutralität?

Netzneutralität bedeutet, dass jede Datenmenge unabhängig vom Sender oder Empfänger gleich bewertet wird und durchs Netz geleitet wird. Das bedeutet auch, dass es  keine Anbieterabhängige Unterteilung gibt, wenn die Bandbreiten knapp werden.

Was bedeutet das in Bezug auf Teleboy?

Netzneutralität ist unser Lebensnerv. Wenn sie nicht mehr gewährleistet wäre, könnten wir unser Gratisangebot für unsere Nutzer höchstwahrscheinlich nicht mehr anbieten. Neben den Personalkosten ist das Streaming einer unserer grössten Kostenpunkte. Unser Geschäftsmodell wäre gefährdet, wenn  wir nun auf einmal noch mehr an dieser Schraube drehen müssten. Dies wäre aber durch den Wegfall der Netzneutralität wahrscheinlich.

Sie sagen "durch den Wegfall der Netzneutralität". Existiert denn  im Moment überhaupt Netzneutralität in der Schweiz?

Im Moment ist es nicht geregelt. Es hat aus unserer Sicht bereits Verletzungen der Netzneutralität gegeben. Lange war es technologisch nicht möglich, den Datentransfer im Internet nach Nutzungsart und Anbieter zu unterscheiden, heute wissen wir aber, dass es möglich ist. Wir beobachten aber keine grossen Probleme. Unsere Nutzer haben sich bisher nicht über Netzwerkprobleme beklagt, aber es könnte theoretisch jederzeit passieren.

Muss das Thema gesetzlich verankert werden?

Eigentlich befürworten wir ein liberales Denken und unterstützen es, wenn nicht zu viele Themen gesetzlich verankert sind. Stattdessen sollte sich  die Innovationskraft entfalten können, ohne dass Regulatoren eingesetzt werden müssen. Wir haben in der Schweiz die Situation, dass die grossen Internetprovider selbst Angebote platzieren, um ihren Margenschwund in gewissen Themen absorbieren zu können. Deshalb sind wir der Ansicht, dass es nicht genügt, wenn die Anbieter das Internet nach bestem Wissen und Gewissen für alle öffnen. Es ist notwendig, dass man dies sauber regelt. Das TV-Angebot der Internet-Anbieter sollte den gleichen Gesetzen unterliegen wie die Over-the-top-content-Angebote von Zattoo, Teleboy oder Wilmaa.

Wo wird denn in der Schweiz die Netzneutralität verletzt?

Orange hat in seine Abos beispielsweise Zattoo integriert. Bei der Verwendung von Zattoo werden dem Nutzer keine Daten vom Volumen abgezogen. Das ist ein direkter Vorteil für Zattoo gegenüber Konkurrenzangeboten wie Teleboy. Dies verzerrt den Wettbewerb.

In den Ausführungen zu den Richtlinien, die sich die grössten Schweizer Internet-Anbieter selbst auferlegt haben, sagen diese klar, dass solche Fälle die Netzneutralität nicht verletzen. Stimmt das?

Ich glaube das ist Ansichtssache. Positiv zu erwähnen ist natürlich der Trend Richtung Flatrate. Deshalb sind diese Verträge und Angebote gar nicht unser Augenmerk. Dank den Flatrate-Abos ist es eigentlich kaum mehr ein Mehrwert. Uns beschäftigt vielmehr, dass man tatsächlich eine Unterteilung der Geschwindigkeit machen und diese unterschiedlich verrechnen könnte. Dies bedeutete, dass man zum Beispiel für Videostreaming mehr verlangen würde. Viele kleine Unternehmen und Start-ups, die weltweit wichtige Innovationstreiber sind, könnten sich diese Mehrkosten gar nicht leisten. Wenn sich die grossen Player alle Fische schnappen und kein kleiner Player überlebt, geht Innovationskraft verloren, und Angebote für die Konsumenten verlieren an Attraktivität. Nicht zu vergessen, dass die meisten Internet-Anbieter auch Mal Start-ups waren und damals von einem freien Netz profitiert haben. Es ist eine sehr wichtige Voraussetzungen, dass man neue Ideen im Netz einfach mal probieren kann, um zu schauen, wie der Markt darauf reagiert. Dadurch entstehen neue Geschäftsmodelle, aus denen plötzlich Angebote wie beispielsweise Youtube wachsen können, das heute riesig ist. Wenn die Youtube-Gründer damals das Mehrfache für Streaming bezahlt hätten, hätten sie es vielleicht gar nicht versucht.

In der Schweiz gibt es diese Unterteilung der Geschwindigkeit bisher nicht. Warum etwas regulieren, das es gar nicht gibt?

Wenn Swisscom und UPC Cablecom sagen, dass eine Regulierung nicht nötig wäre, dann wäre es im Umkehrschluss ja auch egal, wenn es trotzdem im Gesetz steht. Es schafft lediglich faire Rahmenbedingungen.

In den Richtlinien, die sich die grössten ISPs auferlegt haben, versprechen sie, keinen Dienst zu blockieren, mehr Transparenz für die Konsumenten zu schaffen und eine unabhängige Beschwerdeinstanz einzuführen. Sind das nicht gute Ansätze?

Keine Dienste zu blockieren ist keine hilfreiche Definition für uns. Sie sollten sagen, dass sie keine Dienste negativ beeinträchtigen, das würde es für mich eher treffen. Sie könnten die Geschwindigkeit für Teleboy halbieren, dann wäre der Dienst nicht blockiert, aber man könnte die Inhalte nicht mehr flüssig schauen. Ich finde die Überlegungen an sich gut, aber im Detail sind sie zu wenig genau. Transparenz ist sicher ein wichtiger notwendiger Schritt. Bei einer unabhängigen Beschwerdeinstanz: kommt es sehr auf die Umsetzung an. Die Idee ist gut, aber es stellt sich die Frage , mit welchen Kompetenzen eine solche Beschwerdestelle ausgestattet ist. Wir wollen uns mit diesem Ansatz nicht zufrieden geben.

Was ist ihre persönliche Einschätzung, wie es mit der Netzneutralität weiter geht?

Falls es nicht reguliert wird, hoffe ich, dass die grossen Unternehmen ihre Pflicht wahrnehmen und als faire Wettbewerber im Markt operieren. Ich würde es sehr bedauern, wenn Gratisangebote, wie wir oder andere kleinere Unternehmen sie anbieten, nicht mehr möglich wären. Wir analysieren das Thema Netzneutralität aber genau und ich denke, dass sich die Schweiz auf dem richtigen Weg befindet.

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