Interview mit Asut-Präsident Peter Grütter

Mensch bleibt Mensch, auch digital aufgerüstet

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von Christine D’Anna-Huber, Redaktion Asut-Bulletin

Nachdenken über zukünftige Entwicklungen ist Teil des professionellen Know-hows von Peter Grütter. Mit seinem ­Fachwissen hat der heutige Asut-Präsident auch schon Regierungen beraten und für Cisco Systems grosse digitale ­Transformations- und Modernisierungsprogramme begleitet.

(Source: Dmytro Tolokonov / Fotolia.com)
(Source: Dmytro Tolokonov / Fotolia.com)

Was ist in Ihren Augen «The next big thing»?

Peter Grütter: In der Computertechnologie erwarte ich eine Fortsetzung der bisherigen exponentiellen Entwicklung. Denn angesichts der Fortschritte im Bereich der Kryptographie und des Quantencomputings wird das vorhergesagte Ende des Mooreschen Gesetzes bald keine Rolle mehr spielen. Gerade Letzteres dürfte hingegen der Blockchain einen Strich durch die Rechnung machen – die wird dann nämlich hackbar. Überhaupt wird die Bedeutung der Blockchain meines Erachtens eher überschätzt. Von allem überall Kopien anzulegen, scheint mir kein sehr zukunftsweisender Ansatz. Das erinnert an die unzähligen, sorgfältig in Schränken abgelegten Kopien in den ineffizienten Amtsstuben vergangener Zeiten.

Also können wir die Blockchain von der Liste der «Next big things» streichen?

In branchenspezifischen Wertschöpfungssystemen wird sie durchaus ihren Platz finden und beispielsweise den Notar ersetzen. Aber für globale Plattformen, so wie das heute angedacht ist, taugt sie wohl eher weniger.

Zurück zum Quantencomputer. Was ändert sich damit?

Die Suche in extrem grossen Datenbanken und die Produktzerlegung grosser Zahlen wird unvergleichbar effizienter und schneller. Für viele Anwendungsfälle kann das extrem relevant sein, so etwa für Wachstumsprognosen im finanziellen Bereich oder für Wettervorhersagen. Auch der Grundlagenforschung wird dadurch ein sehr effizientes Werkzeug zur Verfügung stehen. Die Europäische Organisation für Kernforschung (Cern) in Genf etwa, die heute das Geheimnis des Ursprungs der Materie mithilfe eines riesigen Teilchenbeschleunigers ergründen will, wird solche Prozesse in Zukunft simulieren können. Das ist nicht nur kostengünstiger – es dürfte uns auch in Bezug auf den Erkenntnisgewinn sehr viel schneller vorwärtsbringen. Dasselbe gilt im Bereich der Nanotechnologie und der personalisierten Medizin.

Wo werden uns die Informationstechnologien in den nächsten fünf bis zehn Jahren weitere relevante Neuerungen bringen?

Als sehr wichtig sehe ich die Tendenz zur Personalisierung an, und zwar in den verschiedensten Bereichen. Das fängt bei Produkten an, mit 3-D-gedruckten Alltagsgegenständen. Dazu kommen die virtuelle und erweiterte Realität über immer funktionellere 3-D-Brillen und auf dem Smartphone. Zusammen ergibt das immer mehr massgeschneiderte, individualisierte Umfelder, nicht nur im Heimbereich, sondern auch unterwegs. Vom intelligenten Sitz im Zug, der weiss, wie ich die Armlehne gerne eingestellt haben möchte, bis zum intelligenten Arbeitsgebäude, das mir angeben kann, welche Kollegen sich wo befinden: Die Welt wird uns als Individuen mit unseren Vorlieben erkennen und uns entsprechend Hilfeleistung bieten.

Was ist mit der viel zitierten Automatisierung?

In der Fertigungsindustrie läuft der Prozess der Verknüpfung von IT und operationeller Technologie bereits. In absehbarer Zeit wird der Mensch aus den Produktionshallen verschwinden, jedenfalls in den Funktionen, die er dort heute ausübt. Es ist möglich, dass sich gewisse neue, ergänzende Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine etablieren werden, aber sehr viele der heutigen Arbeitsplätze werden verschwinden. Für mich ist das eine positive Entwicklung: Monotone und beschwerliche Arbeitsplätze zu erhalten, halte ich nicht unbedingt für erstrebenswert.

Für viele ist aber genau das eine der grossen mit der Digitalisierung verbundenen Zukunftsängste.

Das sehe ich anders. Wenn nicht mehr jeder Arbeit hat, ist das noch lange nicht das Ende der Welt. Im Gegenteil: Vielleicht werden wir dann endlich in der Lage sein, die Kreativität und Produktivität der Menschen sinnvoller zu nutzen als dadurch, alle in einen Arbeitsprozess und in Tätigkeiten zu zwingen, die ihnen nicht wirklich entsprechen. Auch das Bildungssystem wird entsprechend angepasst und sich mehr auf die Stärken und das Potenzial der einzelnen Schüler ausrichten müssen als darauf, bestimmte, vielleicht schon bald obsolete Berufsbilder zu vermitteln. Wichtig ist, dass die Kaufkraft erhalten bleibt. Und genau das wird die durch die Automatisierung erzielte Steigerung der Wirtschaftsproduktivität ermöglichen: Sie wird es erlauben, allen ein Grundauskommen auszurichten.

Die Automatisierung wird nicht nur die Fertigungsindustrie betreffen. Welche weiteren Bereiche werden besonders betroffen sein?

Grosse Veränderungen stehen im Bank- und Finanzwesen an. Einen Grossteil der heutigen Prozesse, der Finanzanalyse und der Beratung können Computersysteme genauso verlässlich und viel effizienter ausführen. In der Versicherungswirtschaft werden sie anstelle von pauschalen Standardmodellen auf ganz bestimmte Risiken massgerecht zugeschnittene Lösungen anbieten, im Rechts- und Notariatswesen ein ganzes Heer von Juristen ersetzen und im Gesundheitsbereich Diagnosen rascher und präziser fällen als teuer ausgebildete und hochbezahlte Spezialisten. Als Interface zwischen den smarten Maschinen und dem Nutzniesser dieser Anwendungen wird der Mensch aber weiterhin eine wichtige Funktion wahrnehmen: Als Radiologe, der dem Patienten die vom Computer gelieferte Analyse verständlich erklärt, als Versicherungsberater, der den Kunden von der vom Computer vorgeschlagenen Lösung überzeugt.

Automatisierung ist das eine. Aber werden die intelligenten ­Maschinen uns auch intellektuell überrunden?

Schon heute tragen fast alle von uns in Plastik verpackte Chips mit sich herum, die ihnen Informationen liefern, den Puls messen, sie im Alltag unterstützen und vielleicht ab und zu auch ein kleines bisschen klüger machen. In Zukunft werden wir diese Chips nicht mehr als «Wearables» in Form von Smartphones, 3-D-Brillen oder Fitnessarmbändern mit uns herumtragen, sondern als «Insideables» im Körper selbst. Ich sehe keinen Grund, davor Angst zu haben. Wer heute ein künstliches Hüftgelenk hat, Stents im Herzen oder eine Porzellanbrücke im Gebiss, der fühlt sich deswegen nicht weniger als Mensch. Ein Chip zur Steigerung der Gedächtnisleistung im Hirn, ein Sensor am Sehnerv, um auch im Dunkeln gut sehen zu können, oder eine Reinigungsequipe von Nanobots im Blutkreislauf – das ist am Ende das Gleiche. Und solange wir bereit sind, uns «aufzurüsten», sehe ich nicht ein, weshalb die Maschinen uns überholen sollten. Denn in Verbindung mit unserer Kreativität, unserer Intuition und unserer Sensorik werden wir noch lange die Nase vorn haben.

Das alles gilt für die Industrieländer. Was ist mit dem Rest der Welt?

Ich glaube, dass die Digitalisierung gerade für Entwicklungsländer eine grosse Chance darstellt, weil sie es ihnen ermöglichen kann, relativ rasch den Anschluss an den Entwicklungsstand der ersten Welt zu finden. Die Infrastruktur für alle diese neuen Trends baut ja direkt auf der mobilen Telekominfrastruktur auf. Und die ist wesentlich billiger als der Aufbau anderer Netze, beispielsweise der Verkehrsinfrastruktur. Dadurch verbreiten sich in Ländern wie Kenia plötzlich modernste mobile Bankinglösungen und geben Kleinstbauern und Kleinstgewerblern, die eine klassische Bank früher nicht im Traum als kreditwürdig eingestuft hätte, Zugang zu Kreditlinien. Solchen Chancen steht möglicherweise eine gewisse Bedrohung des Mittelstands in entwickelten Ländern gegenüber.

Sie glauben nicht an diese Bedrohung?

Solange wir unseren Vorsprung nutzen und den Leuten Perspektiven öffnen, sehe ich einer digitalisierten Zukunft optimistisch entgegen. Gelingt es uns hier in der Schweiz zudem, ein Stück vom Pioniergeist zurückzugewinnen, dank dem wir früher kühne Bergbahnen und Tunnels gebaut haben, dann müssen wir überhaupt keine Angst haben. Etwas wagen, einfach weil man daran glaubt und nicht primär, weil es sich lohnt – das ist die Haltung, die wir in den Schulen und der Ausbildung vermitteln müssen. Ohne diesen Geist geht es nicht.

Das Interview erschien im Asut-Bulletin 6/2017, abzurufen unter www.asut.ch.

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