Focus on Future in Baden

Intransparente KIs, miese Chatbots und digitale Reife

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Wird künstliche Intelligenz zukünftig Software steuern? Was können KIs? Und wie sollen Firmen mit den Veränderungen im Markt umgehen? Das haben sich die Teilnehmer des Focus-on-Future-Events in Baden gefragt - und Antworten gefunden.

Urs Prantl und Oliver Wegner haben zum 13. Mal in die Villa Boveri nach Baden geladen. Thema der gestrigen Focus-on-Future-Veranstaltung war künstliche Intelligenz. "KI steuert die Software der Zukunft und nicht mehr der Mensch", so die These des Events.

Marc Pouly von der Hochschule Luzern und Mario Dönnebrink, Vorstand und COO des deutschen Unternehmens D.velop, hielten Vorträge. Poulys Referat drehte sich um die Konsequenzen von Machine Learning und Algorithmen auf Geschäftsmodelle. "Software, die wir heute entwickeln, braucht in 10 Jahren niemand mehr", sagte Dönnebrink auf der Bühne.

Intransparente KIs, miese Chatbots und gesunder Menschenverstand

Pouly leitet das Algorithmic Business Research Team der Hochschule Luzern und den Studiengang Master of Science in Engineering. Er ist Chief Data Scientist und Partner beim Luzerner Unternehmen Jaywalker Digital aus Luzern. Pouly machte viele interessante Aussagen zu den Themen Machine Learning, KI und Algorithmen, unter anderem:

  • Maschinen, die sich mit Menschen messen, gibt es seit 1951. Der elektronische Computer Nimrod gewann damals im Spiel Nim. 1953 eroberten Computer Tic Tac Toe, 1988 Vier Gewinnt, 1997 Schach, 2006 Scrabble, 2007 Dame, 2011 Jeopardy, 2016 Go und 2017 Poker. Die Suchraumgrösse stieg zwischen 1953 und heute von 10 hoch 3 auf 10 hoch 170.

  • Einige Anwendungen von Machine Learning sind heute schon weit fortgeschritten. Unter anderem Zielgruppenanalysen, Warenkorbanalysen und einfache Prognosemodelle.

  • Auch aktuelle Frameworks für Machine Learning haben eine hohe Qualität. Mit dem Übergang vom Framework zum vortrainierten Model-as-a-Service hapert es aber noch.

  • Fast alle Unternehmen habe wertvolle Daten, aber die wenigsten nutzen sie sinnvoll. Nutzbar sind unter anderem Kundendaten, Katalogdaten, Open Data, Tracking-Daten, Transaktionsdaten und Textdaten wie Suchanfragen oder schriftliche Feedbacks.

  • Heutige künstliche Intelligenzen funktionieren nur in klar abgegrenzten Bereichen. In diesen sind sie den Menschen allerdings überlegen.

  • Poulys Rat an Unternehmen: "Bauen Sie spezifische Lösungen, die einen Mehrwert erzielen." Wer zu viel auf einmal machen will, hat selten Erfolg.

  • Chatbots funktionieren heute mehr schlecht als recht. So schlecht, dass Pouly Anfragen von Firmen, die Chatbots umsetzen wollen, meist ablehnt. "Es gibt in der Schweiz wohl nur eine Handvoll Firmen, die genug Konversationsdaten für gute Chatbots haben", so Pouly.

  • "Forschen heisst, dass das Risiko, dass es nicht klappt, gross ist."

  • Unternehmen sollten Dinge ausprobieren und mehr experimentieren.

  • KIs sind heute oft sehr intransparent. "Man merkt erst, dass eine KI am Werk ist, wenn etwas schief geht", so Pouly.

  • Auf die Frage, wie gut KIs gesunden Menschenverstand abbilden können, antwortete Pouly: "Gar nicht."

Rasante Veränderungen, exponentielles Wachstum und digitale Reife

Mario Dönnebrink ist Vorstand eines Unternehmens, das über 55 Millionen Euro Umsatz pro Jahr generiert. D.velop hat laut eigenen Angaben mehr als 1,8 Millionen Anwender und gewann letztes Jahr rund 1000 Neukunden. "Ich wollte in einer Branche arbeiten, die sich schnell verändert: Software statt Banking", scherzte Dönnebrink. Er machte folgende Aussagen:

  • Veränderungen passieren heute so schnell wie noch nie. Das sieht man auch daran, dass die Anzahl Patenteingaben seit der Jahrtausendwende exponentiell zunimmt. Wer sich nicht transformieren kann, bleibt stehen und verpasst den Anschluss.

  • Mit IBMs KI Watson ist bereits heute eine vollautomatische Rechtsberatung möglich.

  • Die Senkung von Kosten ist nicht der Kern der digitalen Transformation, sondern ein besserer Umgang Daten.

  • Unternehmen brauchen digitale Reife: Sie bauen Ressourcen auf, um Trends und Veränderungen zu erkennen, ohne ihr Kerngeschäft zu vernachlässigen. Sie optimieren ihr Geschäftsmodell und scheuen sich nicht davor, ihre eigenen Produkte zu kannibalisieren.

  • Innovation heisst, das Gleiche besser zu machen. Neues zu kreieren ist noch besser. Oder Dinge tun, die die alten Dinge obsolet machen. Tut man das nicht, macht es die Konkurrenz.

  • Neue Geschäftsmodelle brauchen eine neue Organisation.

  • Unternehmen müssen experimentieren und Neues wagen. Dafür braucht es eine Fehlerkultur wie im Silicon Valley.

  • Unternehmen sollten sich vernetzen und stärker miteinander austauschen.

  • Unternehmen, die kein datengetriebenes Geschäftsmodell haben, werden irgendwann untergehen.

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