Focus: Future of Work

Darum scheitert klassisches Change-Management in der KI-Transformation

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von Stefan Martin Häberling, BBV Software Services

Die Integration von künstlicher Intelligenz wird oft als reines Technologieprojekt missverstanden. Doch während der Fokus in der Praxis meist auf der technischen Einführung liegt, entscheidet die menschliche Psychologie über Erfolg oder Misserfolg. Ein Plädoyer für ein neues Führungsfundament.

Stefan Martin Häberling, Co-Leiter des KI-Bereichs, BBV Software Services. (Source: zVg)
Stefan Martin Häberling, Co-Leiter des KI-Bereichs, BBV Software Services. (Source: zVg)

Die grosse Mehrheit der Führungskräfte erkennt heute das transformative Potenzial von KI. Doch das Bewusstsein für die menschliche Dimension wird oft unterschätzt. Auch die Tatsache, dass die KI-Transformation Unternehmen auf nicht absehbare Zeit begleiten wird und eine laufende Adaption bedingt, wird noch zu wenig berücksichtigt. Das ist mit ein Grund, weshalb phasenorientierte, lineare Change-Modelle hier zu kurz greifen.

Vom Werkzeug zum Agenten: der psychologische Bruch

Warum löst KI so viel mehr Widerstand aus als frühere Technologie-Einführungen? Wir erleben derzeit den "Agentic Shift": KI entwickelt sich vom passiven Werkzeug zum proaktiven Agenten, der autonom Ziele verfolgt. Dies führt zu einem "Out-of-the-Loop"-Phänomen: Mitarbeitende fühlen sich vom eigentlichen Prozess entkoppelt und verlieren die Fähigkeit, die Leistung des Systems effektiv zu überwachen oder bei Fehlern korrigierend eingreifen zu können. In der Folge laufen sie Gefahr, von aktiven Mitgestaltern zu passiven Beobachtern degradiert zu werden.

Die Intransparenz dieser Systeme – das Black-Box-Problem – kann in Kombination mit einer fehlenden Vision der Führung in eine doppelte Vertrauenskrise führen: Misstrauen in die strategische Absicht der Führung und Misstrauen in die KI selbst. Auf einer tiefen Ebene löst dies existenzielle Ängste vor dem Verlust von Arbeit und Identität aus.

Das Führungsfundament: drei tragende Säulen

Um dieser Komplexität zu begegnen, bedarf es eines neuen Führungsfundaments:

  • Systemische Perspektive: Führungskräfte müssen das Unternehmen als lebendes System begreifen. Statt linearer Steuerung geht es darum, Wechselwirkungen zu verstehen.
  • Lernende Organisation: Lernen muss als fundamentaler, integrierter Prozess verankert werden, der mentale Modelle aktiv hinterfragt.
  • Agile Organisationsentwicklung: In ungewissem Terrain ermöglichen iterative Experimente, kontinuierlich Einsichten zu gewinnen und Strategien anzupassen. 

Schutzräume und augmentierte Identität

Diese Erkenntnis erfordert eine Neudefinition der Führungsrolle: weg vom Kontrolleur, hin zum Befähiger des Systems. Eine solche Führung kennt die psychologischen Herausforderungen und adressiert diese ehrlich und verbindlich. Zudem muss Führung eine Umgebung psychologischer Sicherheit schaffen, in der gemeinsames Lernen gefördert wird. Durch eine einklagbare Governance garantiert sie zudem, dass der Mensch die letzte Entscheidungshoheit behält.
Echter Wandel braucht Energie. Widerstand ist kein Hindernis, sondern notwendige "Reibungshitze", um die Beharrungskräfte der Organisation aufzuweichen und eine neue Zukunft zu formen. Sie ist daher zu begrüssen.

Fazit: die Renaissance der Menschlichkeit

Die KI-Transformation bedingt zweifelsohne technische Expertise, ist im Kern aber eine systemische Organisationsentwicklung. Sie verlangt paradoxerweise eine Renaissance der menschlichen Weisheit. Die Kunst der Führung wird künftig darin liegen, Qualitäten wie Empathie und ethisches Urteilsvermögen zu kultivieren und Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Mitarbeitenden und Teams ermöglichen, selbstorganisiert an ihren Zielen zu arbeiten und den Wandel als Chance zur persönlichen Weiterentwicklung in eine KI-augmentierte Zukunft zu begreifen.

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