Gastbeitrag: Ausbildung

Der IT-Spezialist der Zukunft

Uhr | Aktualisiert
von Sven Wieland

Bis 2020 werden in der ICT-Branche 250 000 Stellen zur Verfügung stehen, 10 Prozent davon können gemäss einer Studie von ICT-Berufsbildung nicht mit Fachkräften besetzt werden. Auf den ersten Blick brechen also rosige Zeiten für IT-Spezialisten an, wenn es um Arbeitsplatzsicherheit, Lohn und Flexibilität geht. Der Haken an der Sache liegt jedoch im Wort "Fachkraft".

Sven Wieland macht sich in seinem Gastbeitrag Gedanken über die IT-Ausbildung der Zukunft.
Sven Wieland macht sich in seinem Gastbeitrag Gedanken über die IT-Ausbildung der Zukunft.

Anmerkung der Redaktion: Der Gastautor Sven Wieland ist Manager Marketing Communications bei der Digicomp Academy AG in Zürich.

Die Arbeitslosigkeit wird bis ins Jahr 2020 auch in der Schweiz eher zunehmen. Es ist nicht so, dass die offenen Stellen schnellstmöglich besetzt werden, wie es vor 20 Jahren in der IT der Fall war. Die Unternehmen werden sich vorher überlegen, spezielle Dienste auszulagern, bevor sie Mitarbeiter einstellen, die nicht exakt ins Profil passen. Denn eine Rekrutierung ist immer mit hohen Kosten und grossen Risiken verbunden. Die Frage lautet: Welche Fähigkeiten muss eine ITFachkraft im Jahr 2020 mitbringen? Und wie kann man sich diese Skills aneignen?

Die Struktur der IT-Fachkräfte

Betrachten wir zuerst die momentane Struktur der IT-Landschaft Schweiz. Die IT-Branche trägt mit 27,3 Milliarden Franken wesentlich zum Erfolg der Schweizer Wirtschaft bei. Zum Vergleich: Die Bauwirtschaft setzt 28,3 Milliarden Franken um, die Pharmaindustrie 21,3 Milliarden. Von den 176 000 IT-Fachkräften entfallen 61 Prozent auf die Softwareentwickler. Der Anteil an Entwicklern wird in Zukunft eher zunehmen. Hier wird der grösste Bedarf an neuen Fachkräften entstehen. Das bedeutet, dass für qualifizierte Softwareentwickler die grössten Arbeitschancen bestehen.

In der momentanen Verteilung der IT-Arbeitsplätze beträgt der Anteil Frauen lediglich 13 Prozent. Hier sehen die Studienmacher eine grosse Chance, über Informationskampagnen dem IT-Beruf ein für Frauen attraktiveres Image zu verleihen und damit die Frauenquote zu steigern. Die demografische Entwicklung der Schweiz lässt leider keine Aufbruchstimmung zu. Bis ins Jahr 2020 wird sich das Gewicht weiter in Richtung ältere Arbeitnehmende verlagern – zu wenige junge Menschen entscheiden sich für einen Job in der IT. Die Zuwanderung von ausländischen Fachkräften wirkt diesem Trend entgegen. Bis ins Jahr 2020 werden im IT-Bereich weitere 25 000 Fachkräfte aus der ganzen Welt in die Schweiz ziehen. Diese Entwicklungen wurden in der Studie bereits berücksichtigt, das Defizit von 25 000 zusätzlichen Fachkräften bleibt bestehen.

Ausbildung oder Weiterbildung?

Die IT-Branche wird bezüglich Ausbildung, also im Rahmen der beruflichen Grundausbildung, bisher von der Politik nicht entsprechend der obengenannten Zahlen gefördert. Im neuen Lehrplan 21, der die schulischen Themen der Grundbildung überkantonal regeln soll, fehlt Informatik als eigenständiges Fach – trotz Einsprachen bedeutender Vertreter aus Politik und Wissenschaft. Ebenfalls keine guten Nachrichten verbreiten die Fachhochschulen und Universitäten. Die ETH Zürich beispielsweise beklagt eine kontinuierliche Abnahme von IT-Studenten in den letzten zehn Jahren. Mit nur gerade 3,7 Prozent Anteil an IT-Lernenden gemessen an der Zahl aller Lernenden kommen zu wenige frische Kräfte von unten nach. Der Anteil sollte auf mindestens 5 Prozent erhöht werden können. Aber nur schon um den jetzigen Anteil zu halten, wären jährlich 100 neue Ausbildungsplätze nötig. Vonseiten der neu ausgebildeten IT-Professionals wird daher auf dem IT-Arbeitsmarkt bis ins Jahr 2020 keine wesentliche Entlastung zu erwarten sein.

Bleiben also die Weiterbildung und Umschulung nach der Berufswahl als Hoffnungsträger. IT-Professionals bilden sich bereits jetzt ständig weiter, sei dies informell und selbstständig oder bei spezialisierten Unternehmen. Es scheint klar, dass die IT mit ihrer rasanten Entwicklung im Weiterbildungsbereich besondere Anforderungen an die Arbeitnehmenden dieser Branche stellt. Falls IT-Professionals jetzt die richtigen Weiterbildungen besuchen, werden sie sich im Jahr 2020 keine Sorgen um einen spannenden, vielseitigen, gut bezahlten und sicheren Arbeitsplatz machen müssen.

Die Trends in der IT-Branche

Um aber die richtigen Weiterbildungen zu erkennen, gilt es, einen Blick auf die gros sen IT-Trends werfen. In seiner jährlichen Analyse benennt Gartner diese zehn Toptrends:

  1. Die Verbreitung von Tablets für Businesszwecke
  2. An Mobile angelehnte Applikationen und User Interfaces
  3. Einbezug von Kontext- und SocialInformationen bei Suchen und Websurfen
  4. Internet der Dinge (jedes physische Gerät wird vernetzt)
  5. Mobile Apps
  6. Datenanalyse
  7. Big Data
  8. In-Memory Computing
  9. Low-Energy Computers
  10. Cloud Computing

Aus diesen Trends lassen sich relativ einfach zukünftige Jobrollen für IT-Fachkräfte ableiten:

Mobile Developer: Für alle mobilen Geräte müssen Applikationen und Interfaces geschaffen werden, die geräteunabhängig funktionieren. Wenn im Zuge des "Internets der Dinge" jedes physische Gerät über eine Schnittstelle angesprochen werden kann, müssen diese Schnittstellen einfach zu bedienen sein. Die Web- und Mobile-Applikationen sollen das Surf- und Suchverhalten der Nutzer in Echtzeit analysieren und intelligente, dynamische Inhalte anzeigen. Immer mehr Applikationen werden in Zukunft als Cloud-Services angeboten werden.

Data Analyst: Die dynamische Analyse von Echtzeitdaten führt uns geradewegs zu einem zweiten Berufsbild. Die verschiedenen Nutzerund Businessdaten müssen in einer Form bereitgestellt werden, die den ständigen Zugriff auf die Daten ermöglicht. Es geht nicht mehr um die logische Verwaltung der Daten, sondern um die Verknüpfung verschiedener Datenquellen im Rahmen von "Big Data" und die Bereitstellung von adäquaten und schnellen Auswertungstools.

Cloud Expert: Nach der Applikations- und der Datenebene befinden wir uns hier auf dem Infrastrukturlevel. Die neuen In-Memoryund Low-Energy-Processor-Technologien müssen dazu verwendet werden, kostengünstige Plattformen für die Speicherung der Daten und den Zugriff via Applikationen und Interfaces zu gewährleisten. Der Cloud Expert muss sich nicht nur technologisch im Hardwarebereich ausgezeichnet auskennen, sondern auch ein tiefes Verständnis für Virtualisierungstechnologien, Storage, Netzwerk und Security entwickeln.

Diese drei Berufsbilder werden in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit auf grosse Nachfrage treffen. Dafür sprechen zahlreiche Trends und Entwicklungen, die in diese Richtung gehen. Heute sind jedoch erst wenige Aus- und Weiterbildungen auf diese neuen Herausforderungen ausgerichtet.

Das Bildungsangebot

Bei den Erstausbildungen, sprich Berufslehre, Fachhochschule und Universitäten, finden sich praktisch keine Angebote, die sich konkret auf die neuen Jobrollen beziehen. Die Grundausbildungen orientieren sich stark an den klassischen Themenfeldern der Informatik. Jedoch erscheinen in den Vertiefungen der Bachelor-Studiengänge vermehrt die obengenannten Themen. Vor allem Cloud Computing wie auch Webentwicklung können oft als Module gebucht werden. Dezidiertes Mobile Development als eigenständiges Modul tritt jedoch hierzulande noch wenig in Erscheinung. An der Fachhochschule Oberösterreich existiert hingegen ein Master studium zu Mobile Computing. Gemäss Angaben der Schule stossen die Abgänger auf dem Arbeitsmarkt auf enormes Interesse.

Bei der Weiterbildung, also der Vertiefung nach der Berufsausbildung, finden sich quantitativ mehr und qualitativ differenziertere Angebote. Hier treten vor allem die Fachhochschulen und die privaten Seminaranbieter in den Vordergrund. Der Softwarehersteller Microsoft setzt mit den neu lancierten Zertifizierungen für "Private Cloud" und "SQL Server: Business Intelligence" ein Zeichen, das in Richtung Ausbildung zu Cloud Expert und Data Analyst zeigt. Bis zum Ende des Jahres werden vier weitere Zertifizierungen ausgeschrieben: Database Fundamentals, Software Web Development, Microsoft .Net, Mobile Development, Infrastructure Fundamental. Auch hier sind die Bereiche Entwicklung, Datenanalyse und Infrastruktur prominent vertreten.

Es ist erstaunlich, dass Mobile Computing, Development, User-Interface-Entwicklung oder App-Entwicklung in der Schweizer Bildungslandschaft ein Mauerblümchen-Dasein fristen. Digicomp, die Fachhochschule Nordwestschweiz und weitere IT-Schulen und -Dienstleister haben ein- oder zweitägige Kurse im Angebot. Die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt sowie die Komplexität des Themas würden gut und gerne einen ganzen CAS-, DAS- oder MAS-Weiterbildungslehrgang füllen, wie es das Beispiel unseres östlichen Nachbars zeigt.

Der IT-Professional der Zukunft

"Cloud Expert", "Data Analyst" und "Mobile Developer" – so könnten die IT-Fachkräfte der Zukunft heissen. Die Trends und Zeichen sprechen eine relativ klare Sprache. Für solche IT-Professional, seien dies bestehende oder neu umgeschulte Fachkräfte, werden 2020 viele Jobs vorhanden sein. Mit der passenden Weiterbildung und den richtigen Fähigkeiten sieht die berufliche Zukunft für IT-Professional wahrlich rosig aus.

Für Führungskräfte in der IT, die sich ein Expertenteam im Jahr 2020 zusammenstellen müssen, ist diese Entwicklung besorgniserregend: Das Problem der fehlenden 25 000 IT-Fachkräfte ist dadurch keineswegs gelöst. Sie sollten bereits jetzt damit beginnen, Lehrlinge für den eigenen Betrieb anzulernen sowie die eigenen Mitarbeiter in den genannten Jobrollen weiterzubilden. Ausund Weiterbildungen steigern die Loyalität und Motivation eines Mitarbeiters. Er muss seinen Mitarbeitern zukunftsträchtige Entwicklungsmöglichkeiten im Job bieten und die Geschäftsleitung von der Notwendigkeit attraktiver Arbeitskonditionen für sein ITTeam überzeugen. Damit wird mittelfristig das Image der IT-Jobs erhöht und die Anerkennung der IT-Fachkräfte in der Schweiz gestärkt. Werden die Job-Rahmenbedingungen verbessert, werden sich auch vermehrt junge Kräfte mit frischen Ideen für den spannenden und zukunftsorientierten Beruf des IT-Professionals begeistern lassen.

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